23.11.1987

„Aber bitte nicht philosophieren!“

Rudolf Augstein über das Buch „Heidegger und der Nationalsozialismus“ von Victor Farias _____“ „Wie können Sie denken, daß ein so unkultivierter „ _____“ Mann wie Hitler Deutschland regieren kann?“ „ _____“ Auf die Kultur kommt es nicht an. Betrachten Sie „ _____“ seine wundervollen Hände!“ „ _____“ Gespräch zwischen Karl Jaspers und Martin Heidegger „ _____“ im Juni 1933 „ *
Dieses Buch ist eine Bombe", schrieb "Le Monde" und meint damit eine Untersuchung aus der Feder des Heidegger-Schülers Victor Farias, 47, über die Beziehungen zwischen dem Philosophen Martin Heidegger und den Nationalsozialisten. "Heil Heidegger!" lautete die Überschrift in "Liberation" mit viereinhalb Zentimeter hohen Lettern.
Farias ist Chilene und Privatdozent an der Freien Universität Berlin. Sein Buch wurde spanisch und deutsch geschrieben, es mußte ins Französische übersetzt werden: "Heidegger et le nazisme". Demnächst erscheint es (bei S. Fischer in Frankfurt) auch in Deutschland, wo Heideggers Werke nie so sehr geschätzt wurden wie gerade in Frankreich. _(Victor Farias: "Heidegger et le ) _(nazisme". Editions Verdier, Lagrasse; ) _(336 Seiten; 125 Franc. )
Heidegger wohl der berühmteste deutsche Philosoph dieses Jahrhunderts, hat französisches Denken beeinflußt wie kein anderer, ein Mystagoge des Wortes, ein Begriffe-Klöppeler ersten Ranges. Manchen Franzosen gilt er noch heute als "größter Denker aller Zeiten", als "der am meisten französische aller deutschen Philosophen", kurz, als "philosophische Kultfigur", so das Fernseh-Magazin "Titel, Thesen, Temperamente".
"Was wäre denn Sartre ohne Heidegger?" fragte der Existentialist und Historiker Michel Mourre. Aber auch Lacan, Foucault, Derrida - sie alle glaubten entscheidende Anregungen von Heidegger empfangen zu haben. Nun müßten sie sich fragen, ob sie einem gigantischen Mißverständnis, einer Fehleinschätzung sondergleichen oder gar falschen Übersetzungen zum Opfer gefallen sind. Man schmückt sich mit Heidegger, aber sein Hauptwerk "Sein und Zeit" ist in Frankreich erstmals 1984 in einem Raubdruck erschienen.
Jener französische Universitäts-Offizier Jacques Lacant, heute Emeritus der Universität Paris-Nanterre, brauchte angesichts der Nazi-Vergangenheit Heideggers über ein Jahr, bis er ihn ("Mein _(Oben: bei der Kundgebung der deutschen ) _(Wissenschaft am 11. November in Leipzig, ) _(dritter v. r. (sitzend) Ferdinand ) _(Sauerbruch; ) _(unten: aus "Liberation" (o) und "Le ) _(Monde" (u). )
schwierigster Fall") 1947 in den vorgezogenen Ruhestand versetzte und ihm Lehrverbot erteilte. Das hinderte viele französische Intellektuelle nicht, später mit Heidegger als einem Freund zu verkehren und geistig von ihm zu profitieren, obwohl der Philosoph sein "kalkuliertes Schweigen" (George Steiner) über die Gaskammern niemals brach. Anerkannte Widerstandskämpfer taten desgleichen .
In seinem denkwürdigen Gespräch mit dem SPIEGEL 1966 (geführt von Georg Wolff und mir), im Jahr darauf autorisiert, veröffentlicht in der Woche nach seinem Tode 1976, sagt Heidegger explizit über die Franzosen: "Wenn sie zu denken anfangen, sprechen sie deutsch; sie versichern, sie kämen mit ihrer Sprache nicht durch."
Diesem Coup sind die Franzosen, anders als die des Deutschen mächtigen Deutschen, aufgesessen. Heidegger zum SPIEGEL: "So wenig, wie man Gedichte übersetzen kann, kann man ein Denken übersetzen." Die deutsche Sprache, die Sprache Hölderlins, Nietzsches und, zu ergänzen, Heideggers, hat "eine besondere innere Verwandtschaft mit der Sprache der Griechen und deren Denken" - das ist weder Hegel noch Schopenhauer, aber bester Hegel und bester Schopenhauer.
Heidegger verweist auf die - bestreitbare - "folgenreiche Verwandlung, die das griechische Denken durch die Übersetzung ins Römisch-Lateinische erfahren hat". Das zureichende Nachdenken der Grundworte des griechischen Denkens werde so unmöglich. Was hier wem "zu-reicht" - eben das ist umstritten. Und wenn unmöglich, woher hat er sein Wissen?
Auf die Frage, wie er sich seine so starke Wirkung in den romanischen Ländern erkläre, antwortete der Philosoph 1966: _____" Weil sie sehen, daß sie mit ihrer ganzen großen " _____" Rationalität nicht mehr durchkommen in der heutigen Welt, " _____" wenn es sich darum handelt, diese in der Herkunft ihres " _____" Wesens zu verstehen. "
Auch der Student Victor Farias, der ihn 1967 besuchte, wurde ob dieser Problematik stutzig. Von Heidegger aufgefordert, "Sein und Zeit" ins Spanische zu übersetzen, antwortete Farias diplomatisch: Wenn er Platon lesen wolle, lerne er Griechisch, wolle er Heidegger lesen, lerne er Deutsch. Heidegger lobte ihn ob der "Tiefe" dieser Antwort. Die romanischen Sprachen hätten nicht die Kraft, in das Wesen der Dinge einzudringen.
Er habe sich wie auf einem Vulkan gefühlt, sagt Farias heute. Dieses Zwei-Klassen-System sei ihm zuwider gewesen. Er beschloß, Heideggers politische Vergangenheit zu untersuchen. Viel Peinliches, viel Unbekanntes, aber nichts entscheidend Neues ist zutage gekommen.
Wie immer, wenn es um die Entlastung eines ehemaligen Nationalsozialisten geht, darf der bekannte Faschismus-Theoretiker Ernst Nolte nicht fehlen. Er schreibt (in einem im nächsten Monat bei Suhrkamp erscheinenden Sammelband "Heidegger und die praktische Philosophie"): _____" Ich glaube, daß Heideggers Engagement von 1933 und " _____" die Einsicht von 1934 in seinen Irrtum philosophischer " _____" waren als die Richtigkeit der unverändert distanzierten " _____" und überaus achtenswerten Haltung Nicolai Hartmanns. " _(1882 bis 1950; deutscher Philosoph, ) _(bedeutende Ontologe und Ethiker. )
Wieder ein echter Nolte. Mit diesem Historiker hat Farias leichtes Spiel. Er weist nach, daß Heideggers Wesensverwandtschaften zum Nationalsozialismus vor 1933 beginnen und nach 1934 nicht endet: *___Antisemit ist er als junger Mann, der den wütigen ____Judenbeschimpfer und Kanzelverbrecher Abraham a Sancta ____Clara (1664 bis 1709) preist, und ist es im Alter, wo ____er ihm seinen geistigen Standort im schwäbischen ____Meßkirch zuweist, seinem eigenen und dem des Abraham ____benachbarten Geburtsort. *___Ein Nazi-Rassist war er wohl nicht. Aber wer einen ____"sich selbst wissenden Rassegedanken" für metaphysisch ____notwendig hält, macht sich verdächtig. *___Seine politischen Aktivitäten, die in dem Aufsatz "Über ____den Führer als Existenzprinzip" gipfeln, hat er auch ____noch nach seinem trotzigen Rücktritt vom Rektorat - er ____amtierte nur zehn Monate - bis in den Krieg hinein ____fortgesetzt. Er war noch 1941 bereit, in Spanien, ____Italien und Portugal Vorträge zu halten. 1936 in Rom ____von Karl Löwith freundschaftlich befragt, bestätigte ____Heidegger, es bestehe dem Wesen nach eine ____Verwandtschaft zwischen seinem Denken und seinem ____Einsatz für die Hitler-Bewegung. Der Jude Karl Löwith ____war in Marburg von Heidegger habilitiert worden, der ____Habilitierer trug auch in Tusculum und Frascati sein ____Parteiabzeichen, 1936.
Heidegger zu Löwith: Sein, Heideggers, Begriff von "Geschichtlichkeit" sei die Grundlage für seinen politischen "Einsatz". Löwith: "Er ließ auch keinen Zweifel über seinen Glauben an Hitler." Der habe nur zwei Dinge unterschätzt, "die Lebenskraft der christlichen Kirchen und die Hindernisse für den Anschluß von Österreich" (Stammtisch-Unfug, Hitler hat beides richtig eingeschätzt). Jetzt, so Heidegger, müsse man den vorgezeichneten Weg "durchhalten" . *___Die vom "Führer" 1934 verkündete Evolution ging ihm ____nicht weit genug. Er wollte sie stufenweise in eine ____ganzheitliche Revolution einmünden lassen. Farias, ohne ____Belege, ordnet ihn den SA-Leuten um Ernst Röhm zu. Daß ____Heidegger den Führer führen wollte, vermutete neben ____anderen Karl Jaspers. Naiv war der Mann auch noch.
Soweit eine vielfach belegte trübe Sache, aber noch keine Sensation. Hingegen: *___Man wußte bislang nicht allgemein, daß der Freiburger ____Professor Heidegger seinen Schüler und jüngeren Freund ____Eduard Baumgarten, der in Göttingen Professor werden ____wollte (er wurde es mit Verzögerung), in seiner ____Beurteilung nahezu denunziert hat: Liberal-Demokrat; ____hat sich "dem Juden Fränkel" angeschlossen (einem aus ____Göttingen vertriebenen Professor); kein SA-Freund; ____amerikanisiert (er philosophierte pragmatisch a la ____Dewey und Popper), kein politischer Instinkt; kein ____Urteil.
Der Göttinger Rektor Vogel versah diese Beurteilung mit der Bemerkung "unbrauchbar, voller Haß" und legte sie ab. Der Vorgang, um im Vokabular von "Le Monde" zu bleiben, ist "niederschmetternd". Ähnliche Denunziationen sind nachweisbar. Allerdings wollte er auch keinen Mann befördert wissen, der wissenschaftlich eine Null und nur ein guter Nazi war. *___Vom Mord an den Juden hat er sich, obwohl nach dem ____Krieg von Karl Jaspers, Rudolf Bultmann, Herbert ____Marcuse und anderen bedrängt, nie distanziert. Warum ____sollte er? Er hatte Auschwitz nicht veranlaßt. Farias ____hingegen ruft in Erinnerung, daß er nicht nur ____geschwiegen, sondern die Endlösung auf eine Stufe ____gestellt hat mit der Behandlung der Ostdeutschen ____seitens der Alliierten, vermutlich im Sinne seines ____Schülers Ernst Nolte. Diese Erkenntnis, erstmals 1985 ____vom Marcuse-Archiv im "Pflasterstrand" dokumentiert, ____ist "niederschmetternd", fürwahr.
Also wäre das Urteil des Meister- und Schnelldenkers Andre Glucksmann über Heidegger berechtigt? Bis 1946 ein bedeutender nationalsozialistischer Philosoph, seit 1946 überhaupt kein Philosoph? Solch ein Verdikt, wie oft bei diesen Schnelläufern auf zu dünnem Eis, wäre unsinnig, wäre grund-los. Man konnte in Hitlers System kein bedeutender NS-Philosoph sein, das ist ein Widerspruch in sich. Und wer vor Auschwitz Philosoph war, der ist auch nach Auschwitz einer. Wer so viele bedeutende Geister befruchtet hat, nicht nur Franzosen - er traf sich regelmäßig mit dem Physiker und Philosophen Carl Friedrich
von Weizsäcker in Todtnauberg -. der kann mit dem Gütesiegel "Nazi" nicht abgetan werden.
Auch ich, ein bescheidener Marschierer, habe an seinen beiden Nietzsche-Bänden bewundert, wie sorgfältig er näht. Jaspers, ihm längst nicht mehr wohlgesonnen, sagte dennoch nach dem Krieg: _____" Im Strom seiner Sprachlichkeit vermag er gelegentlich " _____" den Nerv des Philosophierens auf eine verborgene und " _____" großartige Weise zu treffen. Hier ist er unter den " _____" zeitgenössischen Philosophen in Deutschland, soweit ich " _____" sehe, vielleicht der einzige. "
Apropos "Nazi": Außer Hitler selbst gab es ja keinen authentischen Nationalsozialisten. Auch Heidegger hatte in diesem System seine, keineswegs gefahrvollen, Schwierigkeiten. Er hatte Freunde und Feinde, sein schlimmster war der Nicht-Philosoph Alfred Rosenberg.
Da konnte es schon passieren, daß Rosenberg einen Text ablehnte, ausgerechnet Goebbels ihn aber genehmigte, weil der Duce seinen Berliner Botschafter Alfieri hatte intervenieren lassen. Kompromiß: Der Text durfte gedruckt, aber nicht rezensiert werden.
Warum klagt Heidegger dann? In seinem Gespräch mit dem SPIEGEL 1966, einem ausdrücklichen Beitrag Heideggers zur "Aufklärung meines Falles", schönt er, färbt er und vergißt er, er verdrängt. Aber vieles stellt er doch klar.
Rektor in Freiburg ist er Ende April 1933 beinahe durch Zufall und durch den Zwang der Umstände geworden, am 1. Mai 1933 Parteigenosse. Die Darstellung spricht für sich, oder besser, gegen ihn. Sein sozialdemokratischer Vorgänger hatte nur vierzehn Tage amtiert. Rektor wurde er aber auch, "weil die Verwurzelung der Wissenschaften in ihrem Wesensgrund abgestorben war". Also wieder den Führer führen?
Nein, er hat sich, wie sein abgesetzter Vorgänger, geweigert, das sogenannte Judenplakat aufzuhängen, erfolgreich. Ja, er war 1933 von der "Größe und Herrlichkeit dieses Aufbruchs" überzeugt. Ja, der "Wissensdienst" steht in seiner Rektoratsrede erst an dritter Stelle, hinter dem "Arbeitsdienst" und dem "Wehrdienst". Hat das etwas zu bedeuten? Nein, denn dem Sinne nach ist der "Wissensdienst" an die erste Stelle gesetzt .
"Nicht Lehrsätze und Ideen seien die Regeln eures Seins. Der Führer selbst und allein ist die heutige und künftige deutsche Wirklichkeit und ihr Gesetz." Hat er das im Herbst 1933 gesagt?
Ja, aber das stand nur in der Freiburger Studentenzeitung. 1934 hat er dergleichen nicht mehr gesagt. Heute, 1966, würde er das auch nicht mehr schreiben. Chapeau!
Bücherverbrennung? Nein, war geplant, hat er verboten. Und die Bücher jüdischer Autoren? Er verfügte nur über die Bibliothek als Direktor seines Seminars. Dort wurden keine Bücher jüdischer Autoren entfernt, jüdische Autoren wurden zitiert.
Sein Verhältnis zu seinen ihm ergebenen jüdischen Studenten? Nach 1933 unverändert. Eine Widmung und mehrere Besuche einer Doktorandin kann er vorweisen. Andere erinnern sich anders.
Sein Vorgänger Edmund Husserl sah einen immer stärker zum Ausdruck kommenden Antisemitismus- "auch gegenüber seiner Gruppe begeisterter jüdischer Schüler und in der Fakultät". Der Jude Husserl, gewiß, er ist "Partei".
Sein Verhältnis zu Jaspers getrübt? Vielleicht wegen dessen jüdischer Frau? Jaspers hat ihm seine Veröffentlichungen zwischen 1934 und 1938 alle mit herzlichen Grüßen zugeschickt. Nur, Jaspers bekam von 1937 an keine Antwort mehr von Heidegger.
Sein Verhältnis zu Edmund Husserl, dessen Schüler er war und der ihn der Fakultät zum Nachfolger empfohlen hatte?
Nun, er hat ihm 1926 sein Buch "Sein und Zeit" in Verehrung und Freundschaft zugeeignet. Es gab aber, so Heidegger im SPIEGEL, sachliche Differenzen. Warum hat man diese Widmung 1941 bei Veröffentlichung der 5. Auflage fortgelassen? Der Verleger sah den Druck gefährdet. Aber Heidegger bestand auf Veröffentlichung jener Anmerkung auf Seite 38 ("... so dankt das der Verfasser in erster Linie E. Husserl ..."), mit der die Widmung begründet worden war. Nicht er, sagt er, Husserl hat die Beziehung abgebrochen. Das ist nicht zu klären. Aber beim Krankenlager und Tod von Husserl 1938 hat er sich nicht blicken lassen, nicht kondoliert? Hat er nicht, "menschliches Versagen". Er hat Frau Husserl in einem Brief um Entschuldigung gebeten. Bei Heidegger
ein enormes, fast einmaliges Zugeständnis .
Warum er schon nach zehn Monaten als Rektor zurückgetreten sei? Er konnte sich gegen die Widerstände innerhalb der Kollegenschaft und innerhalb der Partei nicht durchsetzen. Er wollte Dekane ohne Rücksicht auf ihre Stellung zur Partei ernannt wissen, unter ihnen seinen abgesetzten Vorgänger im Rektorat, den Mediziner von Möllendorf. Man hat von ihm verlangt, die Dekane der Juristischen und Medizinischen Fakultät durch andere Kollegen zu ersetzen. Das lehnte er ab und trat zurück. An der Rektoratsübergabe hat er nicht teilgenommen. Enttäuscht?
Anschließend Beschränkung auf seine Lehraufgabe (was mit Sicherheit nicht stimmt). Er wurde ständig überwacht (was wohl so auch nicht stimmt). Die Partei hatte ein Auge auf ihn, mußte sie auch. Manche seiner Schriften durften nicht besprochen werden (aber eine Sonderzuteilung Papier bekam sein Verlag für ihn noch 1944). An Philosophen-Kongressen nahm er nicht teil (weil er sich vom Ministerium in Berlin schlecht behandelt fühlte). Die Rektoratsrede wurde nach 1934 alsbald aus dem Handel gezogen (aber 1937 neu aufgelegt).
Im Sommer 1944 gehörte er nicht zu den fünfhundert bedeutendsten Wissenschaftlern und Künstlern, die von jeder Art Kriegsdienst freigestellt blieben. Er wurde zu Schanzarbeiten "drüben am Rhein" beordert. Es habe drei Gruppen gegeben, die Ganz-Entbehrlichen, die Halb-Entbehrlichen, die Unentbehrlichen. An erster Stelle der Ganz-Entbehrlichen: Martin Heidegger.
Wie kam er von den Schanzarbeiten wieder weg? Man weiß es nicht, er spricht nur von "Beendigung der Schanzarbeiten". Im Wintersemester 1944 auf 1945 doziert er wieder, setzt in gewissem Sinne die Nietzsche-Vorlesung fort, die er als seine Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus begreift. Nach der zweiten Vorlesung Ende November wird er zum Volkssturm eingezogen, der älteste Mann unter den einberufenen Dozenten .
Volkssturmmann blieb er nicht lange. Professor Eugen Fischer, Anthropologe und Direktor am Kaiser-Wilhelm-Institut in Berlin, schrieb dem ihm bekannten Reichsstudentenführer Gustav Adolf Scheel: "Wir haben wahrhaft nicht viele große Philosophen, und nationalsozialistisch eingestellte noch weniger."
Jedenfalls kann sich Heidegger nach dem schweren Bombenangriff auf Freiburg (am 27. November 1944) mit der Bergung seiner Manuskripte befassen.
Eine Vorlesung von 1935 hat er 1953 veröffentlicht. Vom SPIEGEL gefragt, ob er einen erklärenden, in Klammern stehenden Halbsatz auch 1935 so vorgelesen habe, antwortet er: "Das stand in meinem Manuskript drin und entsprach genau meiner damaligen Auffassung." Vorgetragen hat er die Stelle nicht, das verstanden seine Hörer ohnehin richtig, und die Lauscher ohnehin falsch. Es ging da um die "innere Wahrheit und Größe dieser Bewegung", der nationalsozialistischen.
Die erklärende Klammer liest sich so: ("nämlich mit der Begegnung der planetarisch bestimmten Technik und des neuzeitlichen Menschen"). Dies wurde ein Thema, das er zwischen 1953 und 1966 ausweitet, einengt und immer wieder erklärt. Er ist hier seiner Zeit voraus, nur er weiß nicht, welches politische System der allumfassenden Technik zugeordnet werden kann, wenn überhaupt eines. Er ist nicht überzeugt, daß das die Demokratie ist.
Dann wirft er einen vorauseilenden Blick in die Zukunft und sagt den prophetischen Satz, die Technik in ihrem Wesen sei nicht etwas, was der Mensch in der Hand hat. Die Technik in ihrem Wesen sei etwas, was der Mensch von sich aus nicht bewältigt. Seine Adepten in Frankreich waren konsterniert, als
man ihnen diese SPIEGEL-Ausgabe ins Haus trug.
Man solle meinen, spätestens 1976, als dieses einzige Interview Heideggers über seine nationalsozialistische Vergangenheit gedruckt worden war, hätten die einschlägig bewanderten Franzosen über ihn genug gewußt oder wissen können. Der enorme Wirbel, den die Fleißarbeit von Farias unter den französischen Intellektuellen derzeit anrichtet, ist wohl nur so zu erklären, daß Heideggers Nazi-Verflechtungen leicht dingfest zu machen sind, nicht hingegen seine Sprache, seine Begriffswelt, seine Attitüden und seine philosophischen Intentionen. Nur ungern gesteht man sich ein, daß man vor lauter Wald die einzelnen Bäume nicht gesehen hat.
So hat man in Frankreich die wahrhaft brillante und grundlegende Studie des Soziologen Pierre Bourdieu schlichtweg nicht zur Kenntnis genommen, Titel "Die politische Ontologie Martin Heideggers", erschienen 1975, ein halbes Jahr vor Heideggers Tod, ein halbes Jahr auch vor der Veröffentlichung des biographischen SPIEGEL-Gesprächs.
Spätestens aufgrund dieser Studie und des Gesprächs hätten die französischen Heidegger-Kultivateure merken können, daß sie einem deutschtümelnden Priesterpropheten aufgesessen waren, der mit Hilfe ebenso mühseliger wie risikoloser verbaler Spielereien seinen legitimen Schwindel betreibt, nicht um Verstehen bemüht, sondern um Glauben; einem Übersetzungsvergewaltiger gerade der von ihm monopolisierten griechischen Philosophen; einem Dichter und Denker, der auch Hölderlin, gleichsam als germanischen Widerpart zu dem korrumpierenden französischen Großstädter Baudelaire, ungebeten in seinen Dienst genommen hat, kurz, einem Wort-Schamanen .
Was Farias nicht leistet, hat Bourdieu 1975 vorweggenommen. Man könne nicht, sagt er, Heidegger ausschließlich in den politischen Raum versetzen (wo er, laut "Le Monde", als der böse Mr. Hyde agiert), und man könne ihm ebensowenig einen "eigentlich" philosophischen Raum reservieren (wo er als der gute Dr. Jekyll paradieren darf).
Als Hitler zur Macht kam und Heidegger in sein Rektorat, bewies die berühmt-berüchtigte Antrittsrede nicht nur seine Zugehörigkeit zum Nazi-Regime, nein, sie ließ sich ohne Umstand in der damaligen Geschichte des Heideggerschen Denkens unterbringen.
Der Zuhörer wisse zum Schluß nicht mehr, meinte Karl Löwith 1946, ob er ein Buch über die Vorsokratiker aufschlagen oder sich den Reihen der SA anschließen solle. Das stimmt. Aber der gemeine Verstand empört sich doch über den Mischmasch aus kruden Nazi-Parolen und elitärem Geschwätz.
Bourdieu hat beschrieben, wie Heideggers Ausgrenzungs- und Definierungsmanie, von Dementi zu Dementi, von Verneinung zu Wieder-Verneinung, von der Distanzierung (gegenüber Husserl, Jaspers, Sartre) bis zur Überwindung aller Bestimmungen und Benennungen den Martin Heidegger von der positiven politischen zur negativen politischen Theologie führt. Ja, Theologie nicht Philosophie, und zur Hitlerzeit noch positiv.
Konsequent langt der Philosoph bei einer Überwindung an, "die sich noch gegen sich selbst kehrt", bei einer "Überwindung der Metaphysik", jener Metaphysik, die doch ehedem als "Lehre vom Sein des Seienden" absolut gesetzt worden war. So stellt seine Philosophie am Schluß und im ganzen nur noch das System von alldem dar, was sie ausgrenzt. Bravo, Pierre Bourdieu, Sie haben den Katheder-Führer dingfest gemacht.
War Heidegger nun ein "Nazi", wie Farias behauptet? Auch Bourdieu will die Frage so nicht gestellt wissen. Er habe eine philosophisch akzeptierbare Variante des "revolutionären Konservatismus" verkörpert, dessen andere Möglichkeit eben der Nazismus war, keinem Philosophieren zugänglich. Ich denke, mit diesem Ergebnis kann man leben. Und das Farias-Buch bietet viel Einblick in den NS-Wissenschaftsbetrieb.
Spiegelbildlich findet sich das Resümee Bourdieus auch in dem politisch angelegten SPIEGEL-Gespräch aus dem Jahre 1966 wieder. "Aber bitte nicht philosophieren!" hatte Heidegger befohlen. Philosophieren wäre auch unmöglich gewesen. Es gibt höchstens hundert Leute, die mit Heideggers skurrilem Sprach- und Denksystem umgehen können und wollen.
Das Gespräch ist wichtig durch das, was es nicht enthält. Heidegger war gezwungen, sich verständlich, für einen gemeinen Verstand verständlich, zu artikulieren. "Nur noch ein Gott kann uns retten", ist seine Auskunft, nicht die Philosophie, nicht menschliches Sinnen und Trachten.
Was kann der einzelne tun? Sich vorbereiten auf die Bereitschaft des Sichoffenhaltens für die Ankunft oder das Ausbleiben eines Gottes. Dazu gehört auch: "Daß wir im Angesicht des abwesenden Gottes untergehen." Welch priesterliche Prophezeiung! Und welches Schamanentum!
Heidegger wäre nicht Heidegger, wenn er es bei diesem schönen Schluß beließe. Denn auch die Erfahrung des Ausbleibens des unbekannten Gottes ist nicht nichts, sondern eine Befreiung des Menschen von dem, was der Mann aus Meßkirch in "Sein und Zeit" die Verfallenheit an das Seiende genannt hat. Wir sind wieder ganz am Anfang. Welch ein Glasperlenspiel!
Heidegger, dies sein versöhnlicher Schlußsatz im SPIEGEL: "Für uns Heutige ist das Große des zu Denkenden zu groß. Wir können uns vielleicht daran abmühen, an schmalen und wenig weitreichenden Stegen eines Überganges zu bauen."
Da bleibt denn doch die Frage: Womit, wozu, wohin?
Victor Farias: "Heidegger et le nazisme". Editions Verdier, Lagrasse; 336 Seiten; 125 Franc. Oben: bei der Kundgebung der deutschen Wissenschaft am 11. November in Leipzig, dritter v. r. (sitzend) Ferdinand Sauerbruch; unten: aus "Liberation" (o) und "Le Monde" (u). 1882 bis 1950; deutscher Philosoph, bedeutende Ontologe und Ethiker.
Von Rudolf Augstein

DER SPIEGEL 48/1987
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 48/1987
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Aber bitte nicht philosophieren!“

Video 00:53

Taifun "Hato" Hong Kong ruft höchste Alarmstufe aus

  • Video "Taifun Hato: Hong Kong ruft höchste Alarmstufe aus" Video 00:53
    Taifun "Hato": Hong Kong ruft höchste Alarmstufe aus
  • Video "Tumulte bei Stadtratssitzung in Charlottesville: Ich kriege das nicht aus meinem Kopf" Video 02:03
    Tumulte bei Stadtratssitzung in Charlottesville: "Ich kriege das nicht aus meinem Kopf"
  • Video "Hochzeit läuft aus dem Ruder: Ramm-Duell im Autokorso" Video 00:48
    Hochzeit läuft aus dem Ruder: Ramm-Duell im Autokorso
  • Video "Deutsch-Türken über Erdogans Wahleinmischung: Ist ja Quatsch!" Video 01:44
    Deutsch-Türken über Erdogans Wahleinmischung: "Ist ja Quatsch!"
  • Video "Überraschung beim Angeln: Da ist was im Busch!" Video 00:42
    Überraschung beim Angeln: Da ist was im Busch!
  • Video "Hai schlägt Angler in die Flucht: Wir müssen von hier verschwinden" Video 00:55
    Hai schlägt Angler in die Flucht: "Wir müssen von hier verschwinden"
  • Video "Überwachungsvideo: Die Straße, das Erdloch und der Rollerfahrer" Video 00:30
    Überwachungsvideo: Die Straße, das Erdloch und der Rollerfahrer
  • Video "Extrem-Biker: Rückwärts auf dem Vorderrad den Hügel runter" Video 01:02
    Extrem-Biker: Rückwärts auf dem Vorderrad den Hügel runter
  • Video "Sonnenfinsternis in den USA: Von blau zu schwarz" Video 01:56
    Sonnenfinsternis in den USA: Von blau zu schwarz
  • Video "Italien: Tote und Verletzte bei Erdbeben auf Ischia" Video 01:06
    Italien: Tote und Verletzte bei Erdbeben auf Ischia
  • Video "Totale Sonnenfinsternis in den USA: Sorgen um die Stromversorgung" Video 00:52
    Totale Sonnenfinsternis in den USA: "Sorgen um die Stromversorgung"
  • Video "Endstation BER!: Zugfahrt zum Geisterflughafen" Video 01:27
    "Endstation BER!": Zugfahrt zum Geisterflughafen
  • Video "Bei Singapur: US-Zerstörer kollidiert mit Tanker - zehn Vermisste" Video 00:53
    Bei Singapur: US-Zerstörer kollidiert mit Tanker - zehn Vermisste
  • Video "Kopf-Cam: Forscher belauschen Eselspinguine" Video 01:22
    Kopf-Cam: Forscher belauschen Eselspinguine
  • Video "70 Jahre nach Untergang: Wrack von legendärem US-Kriegsschiff entdeckt" Video 01:22
    70 Jahre nach Untergang: Wrack von legendärem US-Kriegsschiff entdeckt
  • Video "Seidlers Selbstversuch: Robo-Doc, bitte in den OP!" Video 03:47
    Seidlers Selbstversuch: Robo-Doc, bitte in den OP!