23.11.1987

KOPFSCHMUCKAura der Würde

Aus britischen Gerichten soll der Muff raus. Englische Anwälte wollen sich eines lästigen Symbols entledigen: der Perücke. *
Die weißgelockte Pracht kratzt und piekt. Auf ihrer Außenseite nistet der Staub. Im inneren Netzwerk sammeln sich Schuppen, Schweiß und Fett. Wenn es anfängt zu muffen, hilft nur eine Spezialreinigung. Geschieht das einmal im Jahr, sagen ihre Hersteller, dann hält sie 80 Jahre oder länger.
Das langlebige Stück aus gebleichtem Schweif- und Mähnenhaar englischer Pferde ist mit Britanniens Rechtssystem verbunden wie Old Bailey, Schauplatz schauriger Mord- und spektakulärer Hochverratsprozesse: die Perücke, mit der sich Anwälte und Richter der Krone bedecken müssen, wenn sie anklagen richten oder verteidigen.
Doch neuerdings will eine Gruppe junger Anwälte die lockigen Haupthaarkäppis mit den beiden neckischen Schwänzchen am Nacken ausmustern. Die Interessengemeinschaft "LAW" ("Lawyers Against Wigs" - Anwälte gegen Perücken) macht geltend, die schweißtreibende Traditionsmütze wirke heutzutage lächerlich. Zudem seien die etwa 600 Mark teuren Roßhaarstücke eine zu hohe Investition.
Anders als die Zivilanwälte verfügen die britischen Barristers, die vornehmlich in höheren Gerichtsinstanzen als Strafverteidiger mit Perücke wirken, über kein festes Einkommen. Ihre Klienten bekommen sie vom Anwaltskammer-Diener angetragen. Bei der Bezahlung ihrer Dienste sind sie vom Wohlwollen ihrer Kunden abhängig, da das Honorar nicht einklagbar ist.
Den Forderungen der LAW-Revolutionäre hat sich inzwischen die britische Anwaltsvereinigung angeschlossen. In einer Neufassung des anwaltlichen Verhaltenskodex schlägt die Berufsvertretung auch eine neue Kleiderordnung vor, bei der auf Perücke und Kostüm im Gerichtssaal verzichtet werden kann.
Doch die Traditionshüter des britischen Gerichtswesens wollen sich die bleiche Kopfbedeckung mit ihren eingebrannten Schläfenlocken, unter denen der Schauspieler Charles Laughton in dem Film "Zeugin der Anklage" so unnachahmlich hervorblinzelte, nicht kampflos nehmen lassen.
"Sie verleihen dem Gericht eine Aura der Würde", verteidigt der ehemalige höchste Richter Lord Denning die haarige
Berufsbekleidung, die zudem für klare Fronten sorge. Perücken "trennen die Mitglieder des Berufsstandes, die über Sachkenntnis verfügen, von dem Laien, der keine hat", sagt der klassenbewußte Lord.
Die Londoner Anwältin Caroline Knight hingegen glaubt, persönliche Eitelkeit veranlasse viele ihrer Kollegen, an den alten Zöpfen festzuhalten. "Viele haben ihre Perücken und Gewänder so liebgewonnen wie Ärzte ihre Stethoskope." Mit einem Unterschied allerdings: Die medizinischen Horchgeräte "erfüllen eine Funktion".
Unübersehbar haben die harten Verfechter des antiquierten Kopfschmucks in jüngerer Zeit an Boden verloren. Britische Richter in den unteren Instanzen gestatten schon mal den Anwälten, die Symbole der juristischen Würde abzulegen, sofern es ihnen darunter zu warm wird. Auch haben etliche Staaten des ehemaligen britischen Empire wie etwa Indien, Kanada oder Ghana, die mit Englands Rechtssystem auch die Perücken hatten übernehmen müssen, inzwischen auf die Anwaltskronen aus Pferdehaar verzichtet.
Despektierliche Bemerkungen über die alten Zöpfe gibt es reichlich. Die Perücken und Roben seien "beispielhaft für sämtliche Mängel des englischen Rechts", schrieb der prominente Londoner Anwalt David Pennick in einem jetzt erschienenen kritischen Buch über den britischen Richterstand.
Doch alte Traditionen sterben vor allem in Großbritannien sehr schwerfällig: Beim Londoner Perückenhersteller Ede and Ravenscroft beispielsweise läuft die Produktion auf Hochtouren wie nun schon seit 165 Jahren.
Gründerenkel Humphrey Ravenscroft hatte 1822 den zündenden Einfall. Perücken statt aus Menschen- oder Ziegenhaar aus pflegeleichten Pferdesträhnen zu knüpfen. Sein Modell "Gericht" hat sich in Stil und Machart bis heute erhalten. 1000 Kopfbehänge für Juristen liefert der mahagonigetäfelte Perückenladen jährlich aus, davon 400 für den Export.
Fabrikneue Exemplare, das weiß man auch bei Ede and Ravenscroft, sind allerdings nicht sonderlich beliebt. Selbst mit einer gereinigten Perücke fühlt sich beispielsweise Barrister Louis Blom-Cooper als "grüner Junge". Denn zu den Roßhaarkäppis, einschließlich der teuren (knapp 2200 Mark) langlockigen Richterperücken, gehört eine gewisse Patina. Sie signalisiert nach Ansicht ihrer Träger eine Erfahrung und Weisheit, die Gegner auf Distanz hält.
Um diese Wirkung zu erzielen, kaufen angehende Anwälte ihre Perücken entweder aus zweiter Hand oder aber so rechtzeitig, daß sie den Kopfschmuck bis zum Dienstantritt künstlich altern lassen können: Sie hängen sie in den Regen, benutzen sie als Mop oder schieben sie in die Bratröhre.

DER SPIEGEL 48/1987
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 48/1987
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

KOPFSCHMUCK:
Aura der Würde

Video 00:35

Mini-Oktopus auf Wohnungssuche Meine Muschel - mein Haus!

  • Video "Älteste Fallschirmspringerin der Welt: 102-Jährige wagt den Absprung" Video 01:15
    Älteste Fallschirmspringerin der Welt: 102-Jährige wagt den Absprung
  • Video "Nach dem Attentat in Straßburg: Das Land wird durchgerüttelt" Video 01:37
    Nach dem Attentat in Straßburg: "Das Land wird durchgerüttelt"
  • Video "Mordversuch an jungem Syrer: Ich dachte, das ist mein letzter Tag" Video 09:20
    Mordversuch an jungem Syrer: "Ich dachte, das ist mein letzter Tag"
  • Video "Schnellste Bewegung der Tierwelt: Dracula-Ameisen - niemand schnappt schneller" Video 01:18
    Schnellste Bewegung der Tierwelt: Dracula-Ameisen - niemand schnappt schneller
  • Video "Selfmade-Vulkan: Geoforscher produzieren Lava-Bomben" Video 02:35
    Selfmade-Vulkan: Geoforscher produzieren "Lava-Bomben"
  • Video "Naturphänomene: Umgedrehter Regenbogen und Nebensonne gefilmt" Video 00:45
    Naturphänomene: "Umgedrehter Regenbogen" und "Nebensonne" gefilmt
  • Video "Hambacher Forst: Aktivistin Norah über das Leben im Wald" Video 00:59
    Hambacher Forst: Aktivistin Norah über das Leben im Wald
  • Video "Während Terror-Einsatz in Straßburg: Eingeschlossene Sportfans singen Nationalhymne" Video 01:09
    Während Terror-Einsatz in Straßburg: Eingeschlossene Sportfans singen Nationalhymne
  • Video "Eklat im britischen Parlament: Politiker entfernt royalen Zeremonienstab" Video 01:21
    Eklat im britischen Parlament: Politiker entfernt royalen Zeremonienstab
  • Video "Steigender Meeresspiegel: Indiens versinkende Inseln" Video 03:30
    Steigender Meeresspiegel: Indiens versinkende Inseln
  • Video "Rauch in der Kabine: Indisches Flugzeug muss notlanden" Video 00:34
    Rauch in der Kabine: Indisches Flugzeug muss notlanden
  • Video "Trump-Drohung: Ich wäre stolz, die Regierung lahmzulegen" Video 00:41
    Trump-Drohung: "Ich wäre stolz, die Regierung lahmzulegen"
  • Video "Probleme mit der Autotür: May kommt einfach nicht raus" Video 00:53
    Probleme mit der Autotür: May kommt einfach nicht raus
  • Video "China: Kakerlakenzucht als Wirtschaftsfaktor" Video 01:27
    China: Kakerlakenzucht als Wirtschaftsfaktor
  • Video "Neu Delhi: Affenplage im Regierungsviertel" Video 01:10
    Neu Delhi: Affenplage im Regierungsviertel
  • Video "Mini-Oktopus auf Wohnungssuche: Meine Muschel - mein Haus!" Video 00:35
    Mini-Oktopus auf Wohnungssuche: Meine Muschel - mein Haus!