DER SPIEGEL



RUMÄNIEN

Zum Teufel wünschen

Lebensmittel sind knapp, die Energieversorgung ist fast zusammengebrochen: Staatschef Ceausescu hat sein Land zum Armenhaus des Sozialismus heruntergewirtschaftet. *

Die Textilarbeiterin Rosalia Birolaru, _(Namen von der Redaktion geändert. )

68, aus Bukarest ist Mitte Dezember gestorben; an Lungenentzündung, wie es im amtlichen Totenschein heißt.

Für ihre Tochter Edit, 43, steht eine andere Todesursache fest: "Meine Mutter starb an Erschöpfung, an Unterernährung und der Mühsal um das tägliche Brot. Kurz: Sie starb an unserem trostlosen Leben, das uns unsere Führung seit Jahren zumutet. Aber sie starb auch, weil den Ärzten ein Befehl Ceausescus wichtiger ist als eine alte Frau."

Edit meint damit ihren verzweifelten Versuch, ihre kranke Mutter in einem der Bukarester Hospitäler unterzubringen. Überall habe man sie mit dem Hinweis abgewiesen, das Krankenhaus sei hoffnungslos überfüllt. Geschenke, um damit die Pförtner umzustimmen, habe sie nicht gehabt: "Woher denn?"

Schließlich, an der letzten Adresse, habe ein junger Arzt wohl Mitleid mit den Frauen gehabt. Es gebe zwar ein Dekret "von oben", daß Personen über 65 Jahre nicht mehr in Krankenhäuser aufgenommen werden sollen, aber er werde eine Ausnahme machen. Die Tochter solle mit der kranken Mutter am nächsten Morgen wiederkommen.

Aber am nächsten Morgen war Rosalia Birolaru schon tot. Über 30 Jahre hat sie in einer Bukarester Textilfabrik gearbeitet, sechsmal als Bestarbeiterin ihrer Brigade eine Urkunde und eine kleine Geldprämie bekommen. Fast nebenbei hat sie ihre beiden Kinder großgezogen, nachdem ihr Mann im Krieg auf der "falschen Seite", einer deutsch-rumänischen Pioniereinheit, gefallen war.

Parteimitglieder waren die Birolarus nie geworden: "Für Politik hatten wir nie Zeit." So haben die drei auch über politische Alternativen zum Ceausescu-Regime nie nachgedacht. Dimitru, der Sohn, leistete seine Wehrpflicht ab und arbeitet jetzt als Schlosser in Constanta, Edit war im kommunistischen Jugendverband und verdient ihr Geld als Verkäuferin, Mutter Rosalia war Mitglied der Gewerkschaft: eine loyale Durchschnittsfamilie im Rumänien des Staats- und Parteichefs Nicolae Ceausescu.

Kritik am "Conducator", dem Führer, wie sich Ceausescu nennen läßt, hat Edit nur einmal geäußert. Das war, als vor zwei Jahren alle Frauen unter 45 Jahren in ihrem Betrieb einem Gynäkologen zur Zwangsuntersuchung vorgeführt wurden. Der Staat wollte feststellen, warum sie keine Kinder bekommen haben.

Auch das geschah aufgrund eines der berüchtigten Dekrete, mit denen Ceausescu sein Land regiert. Der Conducator hatte sich in den Kopf gesetzt, bis zur Jahrtausendwende ein Volk von 30 Millionen "Helden" zu züchten - ein Plus von fast 8 Millionen.

Weil sie damals lautstark protestierte, wurde die unverheiratete Edit zur Securitate,

der Geheimpolizei, bestellt und verwarnt.

"Meine Mutter läßt er sterben, mich will er zum Kinderkriegen zwingen - der glaubt wohl, er sei der Herr über Leben und Tod."

Jetzt, wo sie alleinsteht, muß Edit sogar fürchten, ihre kleine Zweizimmerwohnung in einem tristen Neubau-Gebiet am Stadtrand von Bukarest zu verlieren. Bei 530000 fehlenden Wohnungen stehen als Nachrücker für Edits Zuhause schon Hunderte auf der Warteliste.

Bukarest, die rumänische Metropole, deren verschnörkelte Gründerzeit-Fassaden ihr einmal den Namen "Paris des Ostens" eintrugen, sieht in diesen Tagen aus wie einst Europa im letzten Kriegswinter.

Mangel ist hier die Norm, etwas zu ergattern, womit man nicht gerechnet hat, weckt höchstes Glücksgefühl; die Sucht nach Besitz, selbst von der bescheidensten Art, läßt Nachbarn zu Neidern, Freunde zu Feinden werden.

Die meisten Auslagen der Geschäfte sind leergeräumt, selbst die vielen Ceausescu-Bilder, die im Sommer die nicht vorhandenen Waren ersetzen mußten, sind verschwunden. Die Geschäftsführer empfinden sie wohl als Provokation. In den leeren Schaufenstern verstauben ein paar unverkäufliche rumänische Fischkonserven oder Packungen mit kyrillischer Aufschrift: Hirse aus der Sowjet-Union.

In den vom Frost des letzten Winters aufgerissenen Straßen der Innenstadt sind tagsüber pausenlos Zehntausende mit leeren Taschen unter dem Arm unterwegs - scheinbar ziellos, mit mißtrauischem Blick auf jeden Ladeneingang. Stehen dort auch nur mehr als drei Menschen zusammen, hat sich in Minutenschnelle eine Käuferschlange gebildet - gleichgültig, was im Angebot ist.

Denn die Rationen, die jedem Rumänen pro Monat zustehen, sind in diesem Winter europäischer Minus-Rekord: 1,5 Kilo Maismehl, 1,2 Kilo Zucker, 300 Gramm Butter oder Käse; 4 Kilo Kartoffeln, täglich 300 Gramm Brot.

Nicht mal die auf den Lebensmittelkarten vorgesehenen Rationen sind jederzeit und überall erhältlich. Anstehen muß man in Bukarest inzwischen nach nahezu allem. Fleisch, Milch und Käse sind auf legalem Wege nahezu überhaupt nicht zu bekommen. Obst, Gemüse, Brot und Mehl sind zu haben, solange der Vorrat reicht. Aber täglich gibt es neue Engpässe: In den Wochen vor der Jahreswende sind Zucker und Zigaretten knapp, die Kartoffeln ausgegangen.

Sicher: Es gibt einen blühenden schwarzen und grauen Markt, der zu täglich wechselnden Preisen selbst Luxuswaren und Delikatessen aus dem Westen anbietet. Aber für ein Kilo Kaffee werden dort bis zu 1000 Lei gefordert, bei einem Durchschnittsverdienst von 2500 Lei im Monat - nach dem amtlichen Wechselkurs 475 Mark, nach Kaufkraft um die 80 Mark - ist das fast ein halber Monatslohn.

Ein Bukarester Lehrer: "Das Schlimmste an allem ist, daß die Besorgung von Nahrung zum Hauptinhalt unseres Lebens geworden ist. Satt werden ist ein Wahn, der einen Tag und Nacht beschäftigt. Und das nun schon im vierten Winter hintereinander."

Im Kaufhaus "Victoria" in der Einkaufsstraße Calea Victoriei - Werbeslogan: "Hier bekommen Sie alles, was Sie brauchen!" - staut sich eine Käuferschlange bis zum ersten Stock. Ein Ballen mit braunem, synthetischen Kleiderstoff ist eingetroffen. Schon jetzt kann jeder sehen, daß der Vorrat kaum für die nächsten 20 Kunden reicht.

Nur im Keller des Kaufhauses gibt es keine Schlangen. Dort stehen verwaist fabrikneue Waschmaschinen rumänischer Produktion. Deren Stromverbrauch für drei Waschgänge ist fast so hoch wie die monatliche Zuteilung von 35 Kilowattstunden pro Familie.

Um das neueste Dekret Ceausescus nicht zu übertreten, der den ohnehin seit Jahren rationierten Stromverbrauch in diesem Winter noch einmal um 30 Prozent drückte, ist kein Geschäft, kein Lokal, kein Hotel (außer den Ausländer-Herbergen) geheizt. Auch in der Universitäts-Bibliothek gegenüber dem Gebäude des ZK (in dem die Heizungen selbstverständlich warm sind) sitzen die Studenten dick vermummt an den Pulten.

In der neuen Markthalle, einem protzigen Kuppelbau, liegen neben Kohl nur schrumpelige Möhren, Steckrüben und Rote Beete aus, die Stände der Fleischhändler sind leer. Die Kartoffeln, die ein Gerücht für diesen Vormittag gemeldet hatte, sind ausgeblieben.

Das einzige Geschäft, in dem sich keine Käufer drängen, ist die Partei-Buchhandlung am Piata Gheorghiu-Dej, gegenüber dem Präsidenten-Palast. Zwei Schaufenster sind den Büchern des Autors Nicolae Ceausescu (Gesamtwerk: 30 Bände) reserviert. Im dritten liegt, neben viel Lenin, auch die rumänische Übersetzung der "Perestroika" des Moskauer Reformers Michail Gorbatschow.

Das kollektive Frieren nimmt mitunter groteske Züge an. Im Speisesaal des altehrwürdigen Hotels "Ambassador", mit den Jahren etwas heruntergekommen, sitzt eine Runde fröhlicher Herren an festlich gedeckter Tafel. Eingemummt in gefütterte Ledermäntel oder Pelze, schlürfen die Gäste mit einiger Mühe ihre Suppe - eine wässrige Brühe, in der ein paar Erbsen schwimmen.

Ob Betriebsfeier oder ein Geschäftsabschluß: Die Kellner im Frack bedienen sie wie in alten Zeiten. Die Sängerin, schlotternd im Seidenkleid, singt dazu eine Schnulze von der heißen Sonne am Schwarzen Meer. Ihr Atem schreibt Kondens-Kringel in die eisige Idylle.

Gebaut wird nur noch, was dem Ruhm des Conducators dienen soll. An der Dimbovita, einem trüben Fluß, kreischen die Kräne auch noch in der Dunkelheit, um das pompöse "Haus der Republik", den künftigen Amtssitz Ceausescus, fertigzustellen.

Ungewöhnlich viel Polizei wacht in der Innenstadt. Die Offiziellen beteuern, das hinge mit dem Partei-Konvent zusammen, Bukarester Bürger meinen, es besser zu wissen: "Seit dem Arbeiteraufstand in Brasov (Kronstadt) und dem Anschlag auf das Bukarester Lenin-Denkmal sind die Funktionäre nervös."

Das Lenin-Denkmal vor dem Druckhaus des Parteiblattes "Scinteia" hatten Anfang Dezember Unbekannte mit der Forderung beschmiert "Gebt uns unser Land zurück!" und davor alte Autoreifen angezündet. Danach wurde ein Dutzend Studenten verhaftet.

Die Menschen haben Angst vor der Polizei, dem Hauswart, auch vor dem Nachbarn. Selbst gute Freunde bitten den ausländischen Besuch durch die Hintertür. Keiner weiß, wie viele politische Gefangene in Rumänien einsitzen. Viele, die verhaftet wurden, hat man nie wiedergesehen.

Neben der uniformierten Miliz kontrollieren Geheimpolizisten in Zivil die Straßen. In ihren erdbraunen, schlechtsitzenden Lederjacken und Ledermützen sind sie leicht auszumachen. Schon in der frühen Dämmerung wirkt Bukarest wie eine tote Stadt. Spätestens um 21 Uhr sind Theater, Kino und alle Kneipen geschlossen, damit sie alle Strom sparen für den Conducator. In den ausgestorbenen Straßen lassen nur alle 200 Meter trübe funzelnde Laternen die nächste Umgebung erkennen.

Natürlich gibt es so etwas wie passiven Widerstand gegen eine solche Politik. "Jeder Rumäne mit Verstand wünscht Ceausescu und seinen Clan zum Teufel - das Problem ist, ihn dahin zu bekommen", sagt einer der Studenten, die mit hohem Risiko für einen "demokratischen Sozialismus" kämpfen.

Das Haupthindernis sei gar nicht so sehr die gut organisierte Geheimpolizei, sondern die Systematik, mit der das Regime unter solchen Lebensbedingungen jeden Rumänen korrumpieren kann.

"Wir sind nicht nur eine Zweiklassen-Gesellschaft, die da oben, wir da unten." In dieser Pyramide sind vielmehr unzählige Stufen und Nischen eingebaut. Parteimitglieder bekommen bescheidene Sonderzulagen, untere Funktionäre etwas größere und so weiter bis zur Spitze.

"Wer nichts hat, wie die Mehrheit in unserem Volk, glaubt dennoch, er habe etwas zu verlieren, und wenn es nur die eiskalte Wohnung, der schlecht bezahlte Arbeitsplatz, die Zulassung zum Studium oder die Jahresprämie des Betriebes ist. Diese Angst macht schwach und lähmt den Zorn genauso wie die Solidarität."

Trotzdem ist es diesen Herbst nicht nur in Kronstadt, sondern auch in Temesvar im Banat, an der Universität von Klausenburg und in Craiova zu spontanen Protesten gekommen.

Sogar ein Spitzenfunktionär hat es öffentlich gewagt, der Politik Ceausescus zu widersprechen. Silviu Brucan, 71, jüdischer Abstammung und als Mitglied der "Illegalisten" ein kommunistischer Widerstandskämpfer aus dem Zweiten Weltkrieg, gab ausgerechnet dem US-Propaganda-Sender "Freies Europa" ein Interview, das auf Rumänisch auch in Bukarest zu hören war.

"Wenn die Partei so weitermacht", sagte Brucan, "wird sie sich völlig von den Werktätigen isolieren. Das neue Energie-Dekret fordert im Grunde die Arbeiter dazu auf, in ihren Schlafzimmern zu erfrieren."

Auf den Conducator hat die Kritik offenkundig wenig Eindruck gemacht. Auf der Parteikonferenz Mitte Dezember erklärte er noch einmal, er wolle sein bisheriges Austerity-Programm fortsetzen.

Konkret: Solange Rumäniens Auslandsschulden in Höhe von rund fünf Milliarden Dollar nicht abgezahlt sind, wird so gut wie nichts importiert und alles, was Rumänien an Brauchbarem produziert, für den Export verwendet.

Als Sündenbock, der angeblich zu hoch bezahlte Zinsen für einen Weltbank-Kredit zu verantworten hat, machte er seinen Finanzminister Alexandru Babe aus - er wurde gefeuert.

Die schlechte Produktion schiebt er säumigen Betriebsleitern, Beamten und Arbeitern in die Schuhe, an der Energiekrise sind der lange Winter und der trockene Sommer schuld.

"Mehr Anstrengungen, mehr Leistungen, bessere Produktion", so hämmern die Parteizeitungen nahezu täglich den Rumänen ein. Mit anderen Worten: Sie hätten ihre Lage selbst verschuldet.

Namen von der Redaktion geändert.

DER SPIEGEL 53/1987
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