14.03.1988

UMWELTGorleben am Hochrhein

Die Schweiz, die bereits vier Kernkraftwerke in die Nähe der deutschen Grenze gesetzt hat, plant am Hochrhein ein Atommüll-Endlager, Zwischenlagerstätten und Großverbrennungsanlagen für Giftmüll. *
Grenzüberschreitend will die südbadische Bundestagsabgeordnete der Grünen, Maria Luise Teubner, zum Protest rufen. "Auf beiden Seiten des Rheins" müßten Grüne, Bürger und Bürgerinitiativen sich zusammentun, um "das Wahnsinnsprojekt zu stoppen".
Das Projekt: Vorbereitung der Endlagerstätte für den hochradioaktiven Atommüll der fünf helvetischen Kernkraftwerke. Anvisierter Standort: das nordschweizerische Gebiet am Hochrhein zwischen Basel und Schaffhausen, nur wenige Kilometer südlich der deutschen Grenze.
Etliche südbadische Kommunen, darunter Kurorte wie Bad Säckingen und Stühlingen, auch Ballungszentren wie Waldshut und Rheinfelden, liegen viel näher an den eidgenössischen Planungspunkten als etwa die niedersächsischen Wohnorte an Gorleben, wo eine - von ihren Bürgern vor Gericht bekämpfte - Endlagerstätte geplant ist.
Das "zweite Gorleben", so Axel Mayer, Beauftragter des Regionalbüros der Grünen am Hochrhein, beunruhigt die deutsche Grenzbevölkerung. Bereits vor sechs Jahren hatte die schweizerische Nagra ("Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle") die Genehmigung erhalten, mit zwölf Probebohrungen in Gneis und Granit die Möglichkeiten einer Endlagerung zu erforschen.
Die ersten sechs Bohrungen wurden in den Kantonen Zürich und Aargau niedergebracht. Nun ist Siblingen im Kanton Schaffhausen an der Reihe, fünf Kilometer Luftlinie vom deutschen Stühlingen entfernt, wo Schweizer Gebiet wie eine Halbinsel in die Bundesrepublik hineinragt.
Siblingen ist der neuralgische Punkt des Nagra-Plans. 17 Einsprüche gegen die Probebohrung, die bis 1500 Meter Tiefe reicht, wurden von der Schweizer Regierung abgewiesen, darunter zehn aus der Bundesrepublik, so von Gemeinden im Landkreis Waldshut, von den Grünen und vom Schwarzwaldverein.
Die Bohrstelle Siblingen liegt im Einzugsbereich der Klettgaurinne, des größten Wasservorkommens im südwestdeutschen Gebiet. Die deutschen Gemeinden haben in den letzten Jahren viel Geld investiert, um aus dem Grundwasserstrom sauberes Trinkwasser zu gewinnen. Sie fürchten nun dauerhafte Schäden durch die Bohrung und später Verseuchung durch Atommüll.
Denn daß die Nagra die Gegend um Siblingen bevorzugt, ist unbestritten. Nach Meinung des Nagra-Chefgeologen Marc Thury ist nur ein schmaler Landstreifen am Hochrhein, parallel zur deutschen Grenze, für eine Endlagerstätte nutzbar - allein dort sei kristallines Gestein zu finden, das eine angeblich sichere Atommüll-Lagerung ermögliche.
Auch Nagra-Kernphysiker Emil Kowalski versicherte bei einem Kongreß christdemokratischer Politiker aus der Bundesrepublik, der Schweiz und Frankreich in Waldshut, eine Endlagerung hochradioaktiver Abfälle sei nur in der Nordschweiz sinnvoll, weil dort keine Erdbebengefahr drohe. Die Gesteinsformationen am Hochrhein könnten nur durch eine Katastrophe "größten geologischen Ausmaßes" erschüttert werden. Aber: "Wenn es so lange gehalten hat, hält es auch weiter."
Ohnehin hat die Schweiz ihre Atommeiler, unter anderem wegen des hohen Kühlwasserbedarfs, in Rhein-Nähe konzentriert. Von fünf aktiven Kernkraftwerken liegen drei - Leibstadt, Beznau I und II - in Sichtweite der deutschen Grenze, Gösgen-Däniken steht in rund 20 Kilometer Abstand, nur Mühleberg bei Bern ist weitab.
Kurt Hacken, Kreisvorsitzender des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland am Hochrhein, klagt: "Wenn es um Umweltverschmutzung und Risikoverteilung geht, setzt die Schweiz alles an die deutsche Grenze."
Das ist nicht übertrieben, wie weitere Projekt-Planungen der Schweiz belegen: *___In Würenlingen, zehn Kilometer südlich von Waldshut, ____wird neben dem dortigen Institut für Reaktorforschung
ein Bundeszwischenlager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle aus Medizin, Forschung und gewerblicher Industrie angelegt, außerdem sind Zwischenlagerbauten für alle Kategorien radioaktiver Abfälle geplant; *___in Rekingen am Rhein vor Waldshut, direkt an der Grenze ____gegenüber der deutschen Gemeinde Küssaberg, wird eine ____Großverbrennungsanlage für Sondermüll errichtet, in der ____jährlich 70 000 Tonnen giftiger Unrat, vor allem ____Klärschlamm, Altöl und Lösungsmittel, behandelt werden ____sollen; *___in Basel wollen die drei Chemie-Giganten Ciba-Geigy, ____Hoffmann-La Roche und Sandoz unmittelbar an der Grenze ____zur Bundesrepublik für 120 Millionen Franken einen ____Verbrennungsofen für ihren hochgiftigen ____Industrie-Sondermüll hinstellen, dessen Dimension ____weltweit einmalig ist: 100 Meter lang und 30 Meter ____breit, Vernichtungsvolumen: jährlich 13 500 Tonnen.
"Es ist schon erstaunlich", sagt Hacken, "daß die drohende Sauerei im Südwesten so wenig beachtet wird. Alles guckt nach Gorleben, wo ja noch lange nicht das letzte Wort gesprochen ist."
Die Regierungen in Bonn und Stuttgart, mit Protesten eingedeckt, erklären sich für nicht zuständig. Auf eine kleine Anfrage der Grünen im Bundestag antwortete das Bonner Umweltministerium schlicht: "Die deutschen Behörden sind in die Prospektions- und Untersuchungsarbeiten nicht einbezogen. Nach Kenntnis der Bundesregierung werden derzeit die Ergebnisse der Tiefbohrungen in schweizerischen Fachkreisen diskutiert." Deshalb entfielen "derzeit auch alle Spekulationen um eine etwaige Gefährdung der Bevölkerung in der Bundesrepublik Deutschland".
Auf diese dürftige Antwort berief sich im Februar auch das Berner Bundesamt für Energiewirtschaft, das von der Grünen Maria Luise Teubner um Stellungnahme gebeten worden war. Der Stuttgarter CDU-Landwirtschaftsminister Gerhard Weiser, bis Juli letzten Jahres auch für Umwelt zuständig, hatte anfragende FDP-Abgeordnete auf "ausführliche Informationsschriften" der Nagra verwiesen. Weiser: "Eine zusätzliche Information durch die Landesregierung wird bei der gegebenen Sachlage nicht für erforderlich gehalten."
Vergebens tragen Kommunalpolitiker und der Planungsausschuß der Region immer wieder ihre Bedenken vor. "Ich kann mir nicht vorstellen", mahnte auch ein ehemaliges Stuttgarter Regierungsmitglied, der frühere südbadische CDU-Staatssekretär Kurt Härzschel, "daß es in der Schweiz keine andere Möglichkeit gibt."
Die Eidgenossen aber blocken alle Einwände ab. Nagra und Berner Regierung wollen von den Zwischenlager-Projekten so wenig abweichen wie von der Absicht, den gesamten helvetischen Atommüll nahe der deutschen Grenze zu vergraben.
Deshalb wollen Parteien und Organisationen, deutsche und schweizerische Bürgerinitiativen ihre Aktionen verstärken. "Denn der Hochrhein", sagt Axel Mayer vom Grünen-Regionalbüro, "darf nicht zur atomaren Müllkippe werden."
Vorgesehen ist zunächst, an der Bohrstelle in Siblingen, eine Bauplatzbegehung, die leicht zu einer deutsch-schweizerischen Protestkampagne eskalieren könnte. Am Vorabend des 1. Mai ist in Siblingen ein Kongreß der Bürgerinitiativen geplant, bei dem auch die Parteien Stellung beziehen sollen.
Die Grünen-Abgeordnete Maria Luise Teubner heizt die Stimmung an: "Bohrbeginn in Siblingen ist für uns Baubeginn fürs atomare Endlager. Wir werden alles tun, das zu verhindern."
[Grafiktext]
BUNDESREPUBLIK FRANKREICH SCHWEIZ RHEIN Lörrach Basel Bad Säckingen Laufen burg LEIBSTADT Waldshut Tiengen rekingen Schaffhausen Siblingen Gottmadingen Singen Weiach Leuggern kaisten Hornussen Böttstein BEZNAU 1 und 2 Winterthur Steinmaur Würenlingen Zürich Birrhard Schäiisheim Riniken Niedergösgen Hägendorf GÖSGENDÄNIKEN ZÜRICHSEE AARE ZUGERSEE Luzern MÜHLEBERG Bern VIERWÄALDSTÄTTER SEE Atomstaat Schweiz Atomkraftwerke in Bertrieb Sondermüll-Verbrennungsanlage Zwischenlager für Atommüll Bohrstellen (Bodenuntersuchungen zur Endlagerung von Atommüll)
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 11/1988
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