28.12.1987

GRIECHENLANDViele Tote

Ist Athen noch zu retten? Alarmierende Krankheitsfälle zwingen zu scharfen Maßnahmen gegen die Luftverschmutzung. *
Für das Notsignal nahmen die Redakteure die größten Lettern. Mit drei Buchstaben auf dem schwarzen Hintergrund der Titelseite schockte das Athener Blatt "Eleftherotypia" seine Leser: "SOS".
Der Hilfeschrei vom 29. September, inzwischen mehrmals wiederholt, galt dem Smog der Hauptstadt, der mittlerweile lebensbedrohend geworden ist. Denn was die Athener seit den siebziger Jahren schlicht "Nephos" (Wolke) nennen, zerstört nicht nur antike Baudenkmäler, sondern auch Menschenleben.
Nach Untersuchungen des privaten Umweltforschungsinstituts Pakoe wird die Giftwolke im laufenden Jahr etwa 3000 Athener das Leben kosten; bis Mitte nächsten Jahres müsse mit etwa 4000 Smog-Toten gerechnet werden.
Wie stichhaltig diese Warnung ist, wurde von kompetenter Seite dokumentiert: Nach einer Untersuchung, die ein Forscherteam des Professors für Hygiene und Epidemiologie an der Universität Athen, Dimitris Trichopoulos, über zweieinhalb Jahre anstellte, werden sechs Todesfälle täglich durch Smog verursacht.
An Tagen mit niedriger Luftverschmutzung sterben in Groß-Athen im Durchschnitt 35 Menschen. Bei hoher Luftverschmutzung, insbesondere wenn die Schadstoffimmission die Höhe von 350 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft übersteigt, klettert die Sterbeziffer auf 41.
Fast zwei Jahrzehnte lang haben die Politiker so gut wie nichts gegen den zunehmenden Schadstoffausstoß der drei Hauptverursacher - Autoverkehr, Industrie und Zentralheizungen - unternommen. Statt dessen stritten sie mit den Wissenschaftlern darüber, was denn eigentlich die "Wolke" sei.
Sprach man früher von einem "Rußnebel", geht man heute von einem mit starker Schadstoffkonzentration verbundenen "photochemischen Phänomen" aus, das vor allem bei einer Inversionswetterlage - kalte Schicht am Boden, darüber warme Luftmassen - auftritt. Diese Schichtung behindert die Luftzirkulation, die Giftwolke bleibt tagelang über Athen hängen, sie verschwindet erst, wenn Wind aufkommt.
Bisher begnügte sich die Stadt bei Inversionslage mit halbherzigen Restriktionen, etwa mit einem zeitweiligen Fahrverbot für private Personenwagen in der Innenstadt. Erst bei Smogalarm verhängt die Regierung dann ein generelles Fahrverbot, läßt die Produktion von Industriebetrieben und den Betrieb von Zentralheizungen drosseln.
Die von der Regierung bewußt hoch angesetzten Grenzwerte werden oftmals überschritten, ohne daß die Bevölkerung überhaupt etwas erfährt.
Nach Meinung von Experten sind das Ausmaß der Luftverschmutzung und die Gesundheitsgefahren aber viel höher einzuschätzen, als dies aufgrund der bisherigen Messungen erkennbar war. Athen sollte über 110 stationäre Meßstationen verfügen, hat aber heute tatsächlich nur 10 mobile Anlagen.
Ärzte weisen darauf hin, daß die Athener schon seit vielen Jahren der Giftwolke ausgesetzt sind, Gefahr droht nicht nur kranken Menschen, auch Gesunde klagen häufig über Kopfschmerzen, Müdigkeit und Konzentrationsschwäche. Jedesmal wenn die Luftverunreinigung zunimmt, spüren viele Athener ein Brennen in den Augen, leiden unter Jucken, Atemschwierigkeiten, Erstickungsgefühlen und allergischen Erscheinungen.
Zu den kurzfristigen Gesundheitsschäden zählen Entzündungen der Nasen- und Rachenschleimhaut, Magenkatarrh, Bewußtseinsstörungen und Impotenz. Manche Ärzte führen Dauerschäden wie chronische Bronchitis, Herzkrankheiten, Lungen- und Bronchialkrebs auf die Luftverschmutzung zurück. Die Verunreinigung der Atemluft erhöhe, wie Forscher herausfanden, die Gefahr chronischer Lungenkrankheiten um 15 Prozent, bei Rauchern sogar um 22 Prozent.
Sorgen macht den Ärzten vor allem die Gesundheit der Kinder. Sie raten bei zunehmender Luftverschmutzung dringend davon ab, die Kleinen auf Spielplätze zu lassen. Auch auf Radfahren und jede Art von Sport sollte verzichtet werden. Das wäre, so meint die Ärztin Maria Meimaridi, "als ob man ein Kind an den qualmenden Auspuff eines Busses fesseln würde".
Anfang Dezember entschloß sich die Regierung nun zu drastischen Maßnahmen. Um "Athen zu retten", so Vizeministerpräsident Agamemnon Koutsogiorgas, wird das historische Stadtzentrum für private Autos gesperrt, das Fahrverbot im inneren Stadtring wird von 9,5 auf 13 Stunden ausgedehnt und schließt nunmehr auch die Taxis ein.
Busse und Taxis sollen sich zweimal im Jahr einem Abgas-Test unterziehen. Für Busse sind Motoren neuer Technologie und die Einführung von Abgasfiltern vorgesehen. Taxis müssen auf Flüssiggas oder bleifreies Benzin umgestellt werden. Importierte Gebrauchtwagen dürfen ab 1. Januar nicht älter als sechs Jahre sein.
Die Industrie muß ihre Betriebe im kommenden Jahr mit Filtern und anderen Umweltschutzvorrichtungen ausstatten. Anlagen mit hoher Schadstoffemission sollen ab Mitte 1988 aus Wohngebieten verlegt werden.
Die Regierung gibt sich entschlossen, dieses Programm "ohne Rücksicht auf Kosten" durchzuführen. Zusätzlicher Finanzaufwand: 62,5 Millionen Mark. Im Staatshaushalt 1988 ist für den gesamten Umweltschutz aber nur ein Zehntel dieser Summe eingeplant.

DER SPIEGEL 53/1987
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