28.12.1987

„Meine Waffe ist die Schreibmaschine“

Gabriel Garcia Marquez schrieb eine Reportage über Chile unter der Militärdiktatur *
Anfang 1985 reiste der chilenische Filmemacher Miguel Littin in sein Vaterland, dem er zwölf Jahre zuvor, während der blutigen Tage des Militärputsches gegen den Volksfront-Präsidenten Salvador Allende, mit knapper Not entflohen war.
Mit falschem Paß und falscher Ehefrau, verkleidet und maskiert als wohlhabender Bürger der Republik Uruguay, kehrte er aus dem Exil zurück in die Heimat, in die Illegalität, ein Verbannter, ein erklärter Feind der Staatsmacht, und vor den Augen wachsamer Carabineros, in ständiger Furcht vor Entlarvung, leitete er sechs Wochen lang die Dreharbeiten zu einem Film über das Leben seiner Landsleute unter der Diktatur des Generals Augusto Pinochet.
Nach Littins Anweisungen filmten landauf, landab, in der Hauptstadt Santiago wie in der Bergwerksregion, in Elendsvierteln und im Moneda-Palast drei europäische Aufnahmeteams, die unter diversen Vorwänden mit behördlichem Segen eingereist waren; auch sechs Teams junger Chilenen, rekrutiert aus Widerstandsgruppen, trugen bei zum Projekt. Das Endprodukt, zusammengeschnitten aus mehr als 32000 Metern Zelluloid, ist eine vierstündige Fernseh-Dokumentation und eine halb so lange Kino-Fassung mit dem Titel "Acta general de chile", Protokoll über Chile.
Doch noch ein anderes Dokument ging aus dem verwegenen Unternehmen hervor. Denn als Littin, wieder gelandet in der Geborgenheit von Madrid, seinem alten kolumbianischen Freund Gabriel Garcia Marquez erzählte, was er drüben in der Tyrannei gemacht und wie er es vollbracht hatte, dem General allen Risiken zum Trotz "einen Eselsschwanz anzuhängen", da erkannte der allzeit pfiffige "Gabo", Nobelpreisträger von 1982 und weltberühmt als "Numero uno" der lateinamerikanischen Literatur, "daß hinter Littins Film ein anderer, nicht gedrehter Film verborgen war, der Gefahr lief, unveröffentlicht zu bleiben".
Und so hockte er mit dem Regisseur nahezu eine Woche lang zusammen und befragte ihn in einem 18stündigen Tonband-Interview und verwob dann das phantastische Garn auf der Spule zu einer Reportage über "Das Abenteuer des Miguel Littin". Auszüge aus dem Buch, das demnächst in deutscher Übersetzung erscheint, veröffentlicht der SPIEGEL von diesem Heft an in einer dreiteiligen Serie (siehe Seite 102). _(Gabriel Garcia Marquez: "Das Abenteuer ) _(des Miguel Littin. Illegal in Chile." ) _(Aus dem Spanischen von Ulli ) _(Langenbrinck. Verlag Kiepenheuer & ) _(Witsch, Köln; 160 Seiten; 19,80 Mark. )
"Ich habe es vorgezogen, den Bericht in der Ich-Form zu lassen, so wie ihn Littin mir erstattet hat", erläutert Garcia Marquez. "Ich habe versucht, viele Redewendungen des Originalberichts beizubehalten und die Ansichten des Erzählers zu respektieren, auch wenn sie nicht immer mit den meinen übereinstimmen." Der Stil allerdings sei selbstverständlich der ihm eigene, "denn die Stimme eines Schriftstellers ist nicht austauschbar".
Es ist die Stimme eines der großen Autoren des Jahrhunderts, der die "unendliche Ehre" für sich beansprucht, "meinem Land in der ganzen Welt mehr Anerkennung eingebracht zu haben als je ein anderer Kolumbianer, sämtliche Präsidenten der Republik eingeschlossen"; die Stimme eines Mannes, dessen Herz entschieden links schlägt, für die Opfer, die Eingekerkerten und Gefolterten Lateinamerikas, für den verehrten "Maximo Lider" Fidel Castro und die kubanische Revolution, für den Sturz der Militärregime und Oligarchien von Gringos Gnaden.
Keinen Roman, keine Erzählung werde er mehr publizieren, solange in Chile ein Pinochet herrsche, so hatte sich der Verfasser der "Hundert Jahre Einsamkeit" und der Despoten-Fabel vom "Herbst des Patriarchen" einst feierlich gelobt. Doch chilenische Freunde, erklärte er, hätten ihn schließlich dazu bewogen, seinen Schwur zu brechen, und infolgedessen kamen weitere Meisterwerke ans Licht: die "Chronik eines angekündigten Todes", "Die Liebe in den Zeiten der Cholera".
Aber den Kampf gegen Pinochet führt er weiter, auf seine gabrieleske Art. "Ich habe nie mit einer anderen Waffe zu tun gehabt", sagt er, "als mit meiner Schreibmaschine."
Gabriel Garcia Marquez: "Das Abenteuer des Miguel Littin. Illegal in Chile." Aus dem Spanischen von Ulli Langenbrinck. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 160 Seiten; 19,80 Mark.

DER SPIEGEL 53/1987
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