28.12.1987

VOLKSKUNDEHüh, hott, prrr

Ende einer Idylle: Ein neues „Lesebuch“ räumt mit pittoresken Vorstellungen über das Landleben auf. *
Der fröhliche Landmann auf dem Feld, die anmutige Bäuerin, umringt von Kindern und Getier - "wie glücklich sind diese Menschen in der Stetigkeit ihrer Arbeit". Berthold Auerbach, Heimatdichter des 19. Jahrhunderts, sprach vielen Städtern aus dem Herzen, als er vom Dasein der Dörfler schwärmte: "Sie wissen nichts von Stimmungen und Zwiespältigkeit des Berufs, ihre Arbeit ist so fest und unausgesetzt wie das ewige Schaffen der Natur, der sie dienen. Wär'' ich ein Bauer, ich wäre glücklich."
Wie viele "Pflügende Bauern vor Abendhimmel" hingen schon damals über bürgerlichen Sofas, in wie vielen Lese- und Hausbüchern entzückten seither die ländlichen Idyllen des Ludwig Richter - die alte Verherrlichung setzte sich fort, bis zu dem Bestseller von John Seymour, der, vom grünen Zeitgeist getragen, in den siebziger Jahren das "Leben auf dem Lande" postulierte.
Dem Klischee von einer pittoresken heilen Welt, das auch ihre wissenschaftlichen Kollegen gern pflegten, rückt nun die Volkskundlerin Ingeborg Weber-Kellermann mit einem ganz andersartigen "Lesebuch" zu Leibe. Die Marburger Professorin hat, in jahrzehntelangen Forschungen, Zeignisse zusammengetragen, die einen Geschmack vom wirklichen Dasein der Dorfgesellschaft und ihren unerbittlichen Bedingungen geben; mit einer Vielzahl zeitgenössischer Bilder, mit Erzähl- und Erinnerungsliteratur angereichert, bietet das Werk vom "Landleben im 19. Jahrhundert" ernüchternde Einblicke in den harten Alltag von Bauern und Tagelöhnern, Mägden und Hütekindern. _(Ingeborg Weber-Kellermann: "Landleben im ) _(19. Jahrhundert". Verlag C. H. Beck, ) _(München; 464 Seiten; 88 Mark. )
Spinnstubengemütlichkeit, Sonntagstanz und heitere Ernte bestimmten nur scheinbar jenes Jahrhundert zwischen der Landreform, die das Ende von Leibeigenschaft und Spannfron brachte, und dem Einbruch der Technik in die Landwirtschaft.
Zwar bogen sich unter der Last der Speisen mancherorts bei Festen - wie der westfälischen Bauernhochzeit - tatsächlich die Tische, und Verschwendung war, so die Autorin, ein "Kulturelement", das die Höhepunkte ländlichen Lebens kennzeichnete.
Doch alltags lebte der Großteil der Landleute (die damals noch die Hälfte der Bevölkerung ausmachten), wie der schreibende Landarbeiter Franz Rehbein es aus Schleswig-Holstein berichtete: "Ich vegetierte, wie auch die anderen Gutsarbeiter dahinvegetierten. Wir arbeiteten, wir aßen, wir schliefen und - arbeiteten wieder, ganz so wie die Ackerpferde: hüh, hott und prrr. Frühmorgens um 4 begann die Fron und endete im Winter um 6, im Sommer je nach Anordnung um 7, 8 oder 9 Uhr abends."
Die "pommerschen Jammerlöcher", die Rehbein aus seiner Jugend kannte, unterschieden sich kaum von den armseligen norddeutschen Katen und den erbärmlichen Häuschen, die der sozial engagierte Pathologe Rudolf Virchow bei Krankenbesuchen im Spessart betrat: "Die Wände waren fast ganz naß", notierte Virchow 1852, "und ... von Rauch und schwärzlichen Schimmellagen überdeckt", in zwei Betten schliefen sechs Menschen.
Nicht nur Kätner und Landarbeiter, auch Dorfhandwerker wie Flickschuster und Leineweber wurden in jenen nachträglich verklärten Zeiten zu Hungervirtuosen, die sich mit Kartoffeln und Mehlsuppe am Leben hielten. Auf diese Existenzen blickten die Bauern herab - Geltung hatte im ländlichen Leben nur, wer "Hofbesitzer" und damit autark war.
Ob arm oder reich, für Gefühle war in der noch naturnahen, vormodernen Dorfgesellschaft kaum Platz. Das bekamen, in ihrer Abhängigkeit, besonders Kinder und Frauen zu spüren.
Anders als im städtischen Bürgertum des 19. Jahrhunderts wurde auf dem Land das Kindsein nur als Vorbereitung auf das Erwachsenenleben geschätzt, es galt, die Kinder möglichst rasch "groß zu machen". In die Miniaturtrachten der Großen gesteckt, schwärmten Jungen und Mädchen in aller Herrgottsfrühe zur Arbeit aus - in den Stall, an den Waschzuber oder aufs Feld: "In den Tag so eines zwölf- oder dreizehnjährigen Bengels", so berichtet eine Zeitgenossin aus dem Gutshof-Alltag in Schleswig-Holstein, "mußte mehr hinein als in den manches Erwachsenen."
Die Schulbehörde, so verzeichnet ein Regierungsbeamter aus dem ostpreußischen Kreis Gumbinnen, gestatte im Sommerhalbjahr, von April bis November, "die Verwendung der Schulkinder zum Viehhüten"; immerhin besuchten die Kinder während dieser Zeit den Religionsunterricht.
Eine Variante der Kinderarbeit, "die an Sklavenhandel erinnert", dokumentiert Ingeborg Weber-Kellermann aus
dem Bodenseegebiet. Hier fand, vereinzelt bis 1930, der Markt für die Hütekinder aus Tirol und Vorarlberg statt: Alljährlich im März zogen die Sieben- bis Fünfzehnjährigen aus den armen österreichischen Bergbauerntälern ins schwäbische Ausland, um sich dort für den Sommer als Hütekind zu verkaufen.
"Mit nackten, rotangelaufenen Füßen, erfrorenen Nasen und bloßem Kopfe harrten sie ... des Schicksales, das ihrer wartete", schildert ein Wiener Beobachter den Aufzug der Kinder-Sklaven in Ravensburg. Nachdem die Bauern die Schar gemustert hatten, suchten sie sich "das entsprechende Stück" aus, vermerkt ein anderer Chronist.
Als unselbständige, nur in ihrer Arbeitskraft wertgeschätzte Kreaturen wie die Kinder galten auch die Mägde der patriarchalischen Bauernwelt. "Das Mensch", so der gängige Ausdruck für die weiblichen Hilfskräfte, ging bei der harten Arbeit seiner Weiblichkeit bald verlustig. Fritz Reuter beklagte, wie schnell die einfache Landfrau Gesundheit und Jugend verlor. Auch die Männer alterten "schneller als die der andern Stände", doch sei ihre "Lage nicht in dem Maße drückend wie die der Frau: muß er auch dem Worte des Herrn gehorchen, so gehorcht doch das Weib wieder seinem Wort ... Ein traurig Los, das jede eigene Entwicklung stört und am Ende die Willenlosigkeit auf den höchsten Grad bringt..."
Für die - so häufigen - unehelichen Kinder waren die Mägde allein verantwortlich, von der Kirche kam keine Hilfe. Mußte die Mutter noch für die Versorgung des unerwünschten Anhängsels bei Pflegeeltern aufkommen, schaffte sie es niemals, den althergebrachten großen grünen Koffer für ihre Habseligkeiten oder gar ein eigenes Bett zu erwerben.
"Kein gutes Licht auf die humanen Qualitäten der Bauernfamilie (Weber-Kellermann) werfen auch die häufigen Berichte über das Gezänk zwischen der mittleren Bauerngeneration und den Alten. Nach der Hofübergabe waren die zu "Altenteilern" oder "Austraglern" gewordenen Patriarchen unnütz. Zwar war die Versorgung durch die nachfolgenden Jungen rechtlich festgelegt, aber Feindseligkeiten und Geiz gegenüber den nicht mehr zur Arbeit tauglichen Essern waren an der Tagesordnung.
Spannungen, Elend und Härte dieser Gesellschaft wurden durch heimatliches Brauchtum und jahreszeitliche Feste gemildert. Doch die Volkskundlerin macht kein Hehl aus ihrer Abneigung gegen die "Agrarromantik", die schon beim Anbruch des Industriezeitalters begann, "dem Leser der Heimatbilder und entzückten Genießer naiver Volkskunst" das Landleben als Gegenbild zum seelenlosen Grau der Großstädte zu vermitteln.
Mit diesen "falschen Tönen", so die Autorin, habe sich schon die politisch folgenschwere Entdeckung der "Heimat" angekündigt, "die in der Folgezeit bis in die Gegenwart eine so ungeheuerliche und oft zweifelhafte Bedeutung erlangen sollte". _("Pflüger am Oberrhein" von Carl Baum, ) _(1935. )
Ingeborg Weber-Kellermann: "Landleben im 19. Jahrhundert". Verlag C. H. Beck, München; 464 Seiten; 88 Mark. "Pflüger am Oberrhein" von Carl Baum, 1935.

DER SPIEGEL 53/1987
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