30.11.1987

ZEITSCHRIFTENKampf ums Geld

Der einstige Apo-Star Jens Litten streitet jetzt für die Erfolgreichen - als Chefredakteur des neuen Springer-Magazins „Winners“. *
Vor dem Hochhaus des Springer-Verlags in Hamburgs Kaiser-Wilhelm-Straße drängten sich zu abendlicher Stunde Demonstranten. Studenten und Sympathisanten schwenkten Transparente, riefen in Sprechchören "Axel, wir kommen". Steine flogen, die Lieferwagen mit der frischgedruckten "Bild"-Zeitung konnten nur unter starkem Polizeischutz ausrücken.
Die Herren vom Krisenstab oben im zwölften Stock und ihr Chef Axel Springer glaubten genau zu wissen, wer die Massen da unten aufgewiegelt hatte: Jens Litten, 24 Jahre alt, einer der Köpfe und Agitatoren der Studentenbewegung in Hamburg. Das war 1968, in jenen turbulenten Tagen, als die Apo die Republik erschütterte.
Jetzt hat Springer es wieder mit Litten zu tun, aber nicht mehr draußen vor der Tür. Der einstige Bürgerschreck wird Chefredakteur des neuen Springer-Blattes "Winners". Vor vierzehn Tagen wurde der Pakt in aller Stille besiegelt.
Ein Blatt für die Massen wird "Winners" nicht. Von Januar an soll das "Leitbild-Magazin" (Litten) Aufsteigern und solchen, die es bereits geschafft haben, hochglänzend den rechten Weg weisen. Untertitel: "Erfolg und wer dahintersteht".
Das Konzept hat Litten gemeinsam mit dem in Zürich lebenden Personalberater Dieter Rickert, 47, entwickelt: Geschichten über Erfolgsmenschen, angereichert mit leichtverdaulichen Wirtschaftsthemen. Alles nach dem Motto daß Erfolg wirklich keine Schande ist.
Für Chefredakteur Litten gilt diese Devise schon lange. Da kann der Großbürgersohn - der Vater war Börsensyndikus in Hamburg - mitreden. Auf die Straße und in die Spitze der Studentenbewegung will Litten, rückblickend, ohnehin nur aus Jux und Tollerei gekommen sein.
Längst ist aus dem studentischen Hitzkopf ein kühl berechnender Überzeugungskapitalist geworden. Ein üppiger Landsitz in der Nähe von Nizza legt Zeugnis davon ab. Die Voraussetzungen dafür hat sich der promovierte Wirtschaftssoziologe im Verlagsgeschäft erworben, anfangs als Autor in eigener Sache. In der Kampfschrift "Nachruf auf den SDS" rechnete er mit den alten Genossen ab.
Dann wandte sich Litten einträglicheren Objekten zu. Für die Zigarettenfirma BAT und ihre Spitzenmarke "HB" entwickelte er den "HB-Bildatlas" - eine noch heute florierende bunte Heftreihe in der unter dem HB-Label schöne Landstriche vorgestellt werden.
Auch bei seinen Partnern in der freien Wirtschaft sorgte der Miet-Journalist so wie früher der Jux-Revoluzzer für Wirbel. Meist ging es um Geld und böse Worte. Mit den Zigarettenleuten lag Litten schon nach zwei Jahren im Clinch. Der Streit ging um Urheberrechte und Gewinne, die er wortreich für sich reklamierte. Im November 1979 kündigte BAT die Zusammenarbeit fristlos.
Der Kampf ums Geld ging jetzt erst richtig los. Litten verlangte eine zweistellige Millionensumme als Abfindung. Runde fünf Jahre beschäftigte der Fall in mehreren Instanzen die Gerichte. Dann einigten sich die Kontrahenten auf bescheidene 400000 Mark.
In einer ähnlichen Angelegenheit beschäftigt Litten derzeit wieder die Justiz. Diesmal sind die Lufthansa und der Verlag Fink-Kümmerly + Frey (FKF) in Ostfildern bei Stuttgart die Gegner.
Für die Lufthansa fertigt der Verlag seit 1981 die Fluggastgazette "Bordbuch" (Auflage: sechsmal jährlich 520000 Exemplare). Litten war Chefredakteur auf Honorarbasis.
Das "Bordbuch" hatte sich in den vergangenen Jahren für den schwäbischen Verlag und seinen Blattmacher zu einer stetig wachsenden Ertragsquelle entwickelt. Vor allem das Anzeigengeschäft florierte. Während 1982 nur ein Überschuß von knapp 100000 Mark blieb, waren es 1986 schon vier Millionen, Tendenz kräftig steigend. Den Gewinn teilten sich die Lufthansa und der Verlag je zur Hälfte. Litten war, neben seinem ohnehin stattlichen Honorar, an den FKF-Einnahmen beteiligt. Allein für 1987 forderte er 600000 Mark. _(Zweiter von links, vor dem Springer-Haus ) _(in Hamburg 1968; auf seinem Anwesen bei ) _(Nizza 1986. )
Anfang vergangenen Jahres aber kündigte die Lufthansa den "Bordbuch"-Vertrag mit FKF fristgerecht zum 31. Dezember 1987. Der steigende Gewinnanteil der Partner schien der Lufthansa entschieden zu üppig.
Zwar hofften die schwäbischen Verleger noch auf eine Einigung mit der Fluggesellschaft. Vorsorglich aber kündigten sie ihrem Chefredakteur. Doch so einfach wollte sich Litten nicht von der Geldquelle verdrängen lassen. Er drohte, einen Korruptionsskandal zu enthüllen, falls er das "Bordbuch" nicht weitermachen dürfe.
FKF-Verlagsmanager, so die Behauptung, sollen Angehörige der Lufthansa bis hin zum Vorstand bestochen haben. Falls es zu keiner Einigung käme, würden die Beweise dafür vorgelegt.
Dazu kam es bislang nicht, der Schuß ging erst mal nach hinten los: Litten wurde fristlos gefeuert. Er klagte postwendend gegen FKF und die Lufthansa, erstens auf Vertragserfüllung, zweitens wegen angeblicher Urheberrechte am "Bordbuch". Seine Korruptionsvorwürfe allerdings nimmt Litten inzwischen selbst nicht mehr ganz so ernst.
Vergeblich bemühte sich Personalberater Rickert bei Lufthansa-Chef Heinz Ruhnau, seinem Freund Litten den "Bordbuch"-Job zu erhalten. Auch Rickerts Angebot, er könne ja gemeinsam mit Litten das Blatt machen, wurde dankend abgelehnt.
Im "Bordbuch" war Dieter Rickert immerhin schon einmal zu sehen. In Heft 2/1987 hatte Litten ihn vorgestellt - als erstklassigen Headhunter: "Es war eben schon immer etwas teurer, den richtigen Berater zu halben."
Außergerichtlich wird Litten sich erst einmal weder mit der Lufthansa noch mit FKF einigen können. Diese Woche steht in Sachen Litten gegen FKF in Stuttgart ein Urteil an, Mitte Dezember wird in Hamburg der Fall gegen die Lufthansa verhandelt.
Litten und Rickert aber bleiben zusammen. Gemeinsam, davon träumen die beiden, wollen sie das Projekt "Winners" bei Springer zum Erfolg führen, später sogar international.
Am Kiosk wird das neue Blatt vorerst nicht zu bekommen sein. Wie das Lufthansa-Magazin soll auch "Winners" allein von Werbeeinnahmen leben und kostenlos an Geschäftsreisende verteilt werden. Den Vertrieb besorgt, ebenfalls spesenfrei, der Münchner Autovermieter Sixt/Budget, der die geplanten 200000 Exemplare an Flughäfen und in Hotels verteilen will.
Daß Litten auch bei Springer bald aus dem Ruder Laufen könnte, glaubt Zeitschriften-Amateur Rickert nicht. "Es ist mein Beruf, mit Menschen umzugehen", sagt der Kopfjäger. "Ich werde wohl auch Herrn Litten zügeln."
Zweiter von links, vor dem Springer-Haus in Hamburg 1968; auf seinem Anwesen bei Nizza 1986.

DER SPIEGEL 49/1987
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