30.11.1987

UNTERNEHMENAus Privatvermögen

Die Gläubiger der Weserhütte wollen sich im Fall des Konkurses an Otto Wolffs Vermögen schadlos halten. *
Wilhelm Uhlenbruck, Konkursrichter beim Kölner Amtsgericht, bekam am Mittwoch vergangener Woche kurz vor 16 Uhr unangemeldeten Besuch. Die vier Vorstandsmitglieder der Anlagenbau-Gruppe PHB Weserhütte (PWH) drängten sich in das enge Arbeitszimmer.
Sie wollten, hob Vorstandssprecher Heinz Berthold an, ihr Unternehmen zum gerichtlichen Vergleich anmelden. Uhlenbruck bat die Manager, ihm die zur Einleitung des Verfahrens vorgeschriebenen Schriftstücke auszuhändigen.
Die Besucher wurden nervös. Sie hatten keine Unterlagen dabei, und in der Nacht zum Donnerstag lief die Drei-Wochen-Frist für Sanierungsmaßnahmen über einen außergerichtlichen Vergleich ab. Bis dahin mußte der gerichtliche Vergleich angemeldet sein.
Der Kölner Amtsrichter hatte ein Einsehen. Er reichte einem der vier ein Blatt Papier. Der schrieb mit dem Kugelschreiber: "Hiermit beantragen wir die Eröffnung des gerichtlichen Vergleichsverfahrens zur Abwendung des Konkurses." Dann unterzeichneten die vier Vorstandsmitglieder gemeinsam den Antrag.
Nur einmal hatten Kölner Konkursrichter einen ähnlichen Fall schon erlebt. Vor Jahren wollte ein Rechtsberater des Kölner Immobilienhändlers Günter Kaußen mündlich den Konkurs beantragen. Der Kaußen-Antrag wurde schließlich auf der Schreibmaschine eines Amtsrichters getippt.
Trotz Uhlenbrucks Hilfe lief diesmal alles schief. Statt unverzüglich die Unterlagen über die Firma und ihre Finanzlage nachzureichen, fuhr das PWH-Quartett erst einmal nach Dortmund. Mit den Kollegen der Hoesch-Tochter Orenstein & Koppel verhandelten sie über den Verkauf einzelner Fabriken. Erst Donnerstag nachmittag war Uhlenbruck im Besitz der PWH-Papiere.
So dilettantisch, wie die Manager im Kölner Amtsgericht auftraten, wird offenbar die Weserhütte geführt. Im vergangenen und im laufenden Geschäftsjahr machte die Firma Verluste von mehr als einer viertel Milliarde Mark. Bis zuletzt hatten die beiden Eigentümer, Otto Wolff von Amerongen und sein Schwiegersohn Arend Oetker, noch gehofft, mit Durchhalteparolen ihre angeschlagene Firma über die Krise hinwegretten zu können.
Den Sanierungspart sollten aber ausschließlich die 38 Banken durch den Verzicht auf 50 Prozent ihrer Forderungen in Höhe von 110 Millionen Mark erbringen. Für Bürgschaften sollten sie weitere 60 Millionen Mark lockermachen. Ein Notopfer war auch dem Pensions-Sicherungs-Verein der deutschen Wirtschaft (PSV) zugedacht. Er sollte mit 23 Millionen Mark die Betriebsrenten absichern.
Doch der PSV, dessen Gründung der Dauer-Präsident des Deutschen Industrie- und Handelstages (DIHT) mitbetrieben hat, zog nicht mit. Die Selbsthilfeorganisation springt satzungsgemäß nur bei gerichtlichen Vergleichen und Konkursen wie bei der AEG und der Maxhütte ein. Eine Sonderbehandlung Wolffs könnte andere Firmen zur Nachahmung animieren.
Die Abfuhr, die ihm eine andere Gläubiger-Gruppe gab, muß dem Altmeister der Industrie besonders peinlich gewesen sein. Wolff, der sich jahrelang in der Rolle als deutscher Vorzeigeunternehmer im Ausland gefiel und gern erwähnte, daß er als einziger Ausländer im Board des Ölmultis Exxon sitze, mußte sich harsche Kritik von seinen ausländischen Geldgebern gefallen lassen.
Geschlossen lehnten die holländischen Banken Amro und ABN, Barclays aus Großbritannien, der Schweizerische Bankverein, die Societe Generale aus dem Elsaß und die australische ANZ den Sanierungsvorschlag ab. Sie alle hatten im Vertrauen auf den guten Leumund von Wolff der Weserhütte Kredite und Bürgschaften gewährt. So sicher wähnten die Auslandsbankiers ihre Gelder, daß sie sich nicht wie üblich Sicherheiten geben ließen. Holger von Paucker etwa Deutschland-Statthalter der australischen ANZ in Frankfurt, hatte die PWH unterstützt, weil sie an einem gewinnträchtigen Unternehmen in Australien beteiligt war. Die an der Börse notierte Eglo erwartete einen Großauftrag für U-Boote. Als die Otto-Wolff-Gruppe sich vor einigen Monaten - schon auf dem Höhepunkt des PWH-Desasters - die Eglo einverleibte, blieb die ANZ der Weserhütte treu.
Verbittert sind die Auslandsbankiers vor allem deshalb, weil sie und einige deutsche Kollegen gutgläubig noch in diesem Jahr der PWH mit zusätzlichen Krediten von rund 50 Millionen Mark beigesprungen waren. Mit Otto Wolff befreundete Geldhäuser dagegen waren über die wahre Lage bei der Weserhütte informiert. Sie konnte der Kölner nicht mehr anzapfen.
Alfred ("Alfie") Freiherr von Oppenheim, ein Freund Wolffs und Aufsichtsrat im Wolff-Konzern, hatte die PWH-Kreditlinie seines Bankhauses Oppenheim auf Null gesetzt. Auch die Deutsche Bank, deren Vertreter teils mit Wolff befreundet sind und in Aufsichtsräten seiner Firmen sitzen, hatte sich mit Krediten merklich zurückgehalten. Von den insgesamt 110 Millionen Mark Barkrediten entfallen nur zwölf Millionen Mark auf die Deutsche Bank.
Mehr als die Sonderbehandlung einiger deutscher Banken hat die Gläubiger aus dem Ausland manche merkwürdige Transaktion im Wolff-Bereich aufgeregt. Mitten in der Verlustphase der PWH verkaufte das Management die Beteiligungen an zwei vielversprechenden Firmen. Das 40prozentige Eglo-Paket ging an Wolffs Obergesellschaft und die Stückgutgruppe, ein Hersteller von Ladesystemen, an die Baden-Württembergische Gesellschaft für Beteiligungen. An ihr ist der Otto-Wolff-Konzern mit einem knappen Drittel beteiligt.
Die Chancen, daß für den restlichen PWH-Besitz noch ein gerichtlicher Vergleich zustande kommt, stehen schlecht. Bei der gesetzlich vorgeschriebenen Mindest-Vergleichsquote von 35 Prozent müßten an die Gläubiger in einem Jahr 200 Millionen Mark gezahlt werden.
Die Mehrzahl der Gläubiger hofft nun, daß sie im Fall des Konkurses an
Wolffs Firmen- und auch an sein Privatvermögen rankommt.
Zu Wolffs Firmenbesitz zählen die einträglichen Beteiligungen an den Blechherstellern Rasselstein und die Stahlwerke Bochum. Der Partner Thyssen ist bereit, die Wolff-Anteile jederzeit zu übernehmen. Der Kölner hat auch einiges Privatvermögen - die Villa im Kölner Vorort Marienburg, das Ferienhaus am Wolfgangsee und die Diamond-Ranch in Texas.
Nach einer Entscheidung des Bundesgerichtshofs ("Autokran-Urteil") muß ein Konzern für eine selbständige Unterfirma auch dann haften, wenn, wie bei der PWH, kein Beherrschungsvertrag vorliegt. Es genügt der Nachweis, daß die Obergesellschaft unmittelbar Einfluß auf die Geschäfte der Tochter genommen hat.
Das fällt nach Ansicht von Juristen bei der PWH nicht schwer. So hat Otto Wolff selbst stets Wert darauf gelegt, daß die PWH ein "untrennbares Kernstück des Konzerns" sei. Vor Jahren hatte er es mit Tricks und Prozessen geschafft, seinen Partner Hoesch zum Verkauf seines PWH-Pakets an ihn zu zwingen. Ein zweiter, argumentierte Wolff gegen Hoesch, habe bei der PWH nichts zu suchen. Der Außenstehende bekomme sonst einen zu intimen Einblick.
Ein weiterer Beleg für die enge Verzahnung zwischen Mutter- und Tochtergesellschaften ist die Managementstruktur. Der Chef der Anlagenbau-Firma saß zugleich im Vorstand der Wolff-Gruppe der Finanzchef im Konzern, Hans-Botho von Portatius, führte zuletzt vorwiegend die Gespräche mit den Banken.
Auch sonst zeigt die Praxis der jüngeren Vergangenheit, wie abhängig die PWH von der Mutter war. Beteiligungsprojekte und Investitionspläne wurden immer erst dem Vorstand der Wolff AG vorgelegt, dann dem PWH-Aufsichtsrat. Der Leiter der PWH-Abteilung Beteiligungen, Werner Dietrich, hat gekündigt, weil ihm offensichtlich zuviel von der Muttergesellschaft dreingeredet wurde.
Freunde raten Otto Wolff derzeit zu einem freiwilligen Verzicht auf Vermögensteile und seine vielen Pöstchen. Er selbst habe vor Jahren seinen Nachbarn Hans Gerling in einem ähnlichen Fall entsprechend bedrängt. Wolff riet damals dem in die Herstatt-Affäre verstrickten Versicherungsinhaber, mit seinem Vermögen geradezustehen, und half ihm, in der Industrie Käufer zu suchen.
Seine Anhänger möchten Wolff auch eine peinliche Situation ersparen. Nach Paragraph 14 der Vergleichsordnung muß das Gericht vor der Eröffnung des Verfahrens den zuständigen Berufsverband hören. Im PWH-Fall ist das die Industrie- und Handelskammer in Köln. Ihr Präsident seit über 20 Jahren: Otto Wolff von Amerongen.

DER SPIEGEL 49/1987
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 49/1987
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

UNTERNEHMEN:
Aus Privatvermögen

Video 01:21

Zeitrafferflug A350-900 Take-Off eines Hightechjets

  • Video "Zeitrafferflug A350-900: Take-Off eines Hightechjets" Video 01:21
    Zeitrafferflug A350-900: Take-Off eines Hightechjets
  • Video "Mutter des Opfers von Charlottesville: Ihr habt sie nur noch größer gemacht!" Video 01:18
    Mutter des Opfers von Charlottesville: "Ihr habt sie nur noch größer gemacht!"
  • Video "Extremsport am Abgrund: Grat nochmal gut gegangen" Video 01:23
    Extremsport am Abgrund: Grat nochmal gut gegangen
  • Video "Begegnung mit einem Elch: Ganz in Weiß" Video 01:18
    Begegnung mit einem Elch: Ganz in Weiß
  • Video "Gewalt in Charlottesville: Donald Trump verteidigt Rechtsextremisten" Video 02:23
    Gewalt in Charlottesville: Donald Trump verteidigt Rechtsextremisten
  • Video "Mont Blanc: Auf dem Weg nach oben - Folge 3" Video 03:20
    Mont Blanc: Auf dem Weg nach oben - Folge 3
  • Video "Küstenwache gegen Hilfsorganisationen: Die Retter sollen nicht mehr retten" Video 02:32
    Küstenwache gegen Hilfsorganisationen: Die Retter sollen nicht mehr retten
  • Video "Elche in Brandenburg: Von Weitem denkt man erst mal: Da steht ein Pferd" Video 02:20
    Elche in Brandenburg: "Von Weitem denkt man erst mal: Da steht ein Pferd"
  • Video "Choleraepidemie im Jemen: Dramatischer als alles, was ich je gesehen habe" Video 03:03
    Choleraepidemie im Jemen: "Dramatischer als alles, was ich je gesehen habe"
  • Video "Rechtsextreme in den USA: Was ist die Alt-Right-Bewegung?" Video 03:52
    Rechtsextreme in den USA: Was ist die Alt-Right-Bewegung?
  • Video "Wegen Charlottesville: Demonstranten stürzen Konföderierten-Denkmal" Video 00:38
    Wegen Charlottesville: Demonstranten stürzen Konföderierten-Denkmal
  • Video "Indonesien: Tanz der Rekorde" Video 01:26
    Indonesien: Tanz der Rekorde
  • Video "Erdrutsch und Überschwemmungen: Mehr als 350 Tote in Sierra Leone" Video 02:00
    Erdrutsch und Überschwemmungen: Mehr als 350 Tote in Sierra Leone
  • Video "Duell des Tages: Raubfisch gegen Kanu" Video 01:11
    Duell des Tages: Raubfisch gegen Kanu
  • Video "Privat-U-Boot geborgen: Schwedische Journalistin weiterhin vermisst" Video 00:55
    Privat-U-Boot geborgen: Schwedische Journalistin weiterhin vermisst