30.11.1987

RUMÄNIENWelker Kohl

Ceausescus Wahnideen machten Rumänien zum Armenhaus des Ostblocks. In Kronstadt erhoben sich Arbeiter gegen den selbstherrlichen Tyrannen. *
Als Staats- und Parteichef Nicolae Ceausescu mit seiner Frau, der Spitzengenossin Elena, am Vormittag des 15. November zur Volksratwahl (den rumänischen Kommunalwahlen) in die Innenstadt fuhr, lag zum ersten Mal in diesem Herbst Rauhreif auf den Dächern von Bukarest.
Auf dem Muncii-Boulevard standen frierende Arbeiter Spalier, die - wie Radio Bukarest stolz meldete - "schon im Morgengrauen vollzählig gewählt" hatten. Schulkinder mit weißen Pudelmützen begrüßten das Herrscher-Paar mit einem Blumenstrauß, und ein Chor skandierte: "Ceausescu, unsere Achtung, unser Stolz." Alles schien so wie immer zu sein im Reich des roten Potentaten.
Nur in Kronstadt (Brasov) nicht. Zur gleichen Zeit, als Ceausescu seinen Wahlschein in die Urne steckte, stürmten dort aufgebrachte Arbeiter die Büros der Partei und des Bürgermeisters und legten Feuer.
Sie riefen "Nieder mit Ceausescu!" und "Wir wollen Brot!", rissen Ceausescu-Bilder von der Wand, zerschlugen die Wahlurnen und warfen Akten aus dem Fenster. Dann machten sie sich über ein Lebensmittel-Lager her, das sich die Funktionäre für die Siegesfeier
nach den Volksratwahlen angelegt hatten.
Würste, Käse, Schweineschmalz, Konfekt und Apfelsinen, alles Waren, die Brasovs Bürger schon seit Jahren nicht mehr zu kaufen bekommen, landeten auf der Straße. Bei einer Schlägerei im Rathaus mit dem Wachpersonal gab es Schwerverletzte, einige Augenzeugen berichteten sogar von zwei Toten. Bürgermeister Calancea, der einen Schlag mit einem Knüppel auf den Kopf bekommen hatte, mußte ins Krankenhaus gebracht werden.
Begonnen hatte der Aufstand in dem einst von Deutschen gegründeten Kronstadt im Kombinat "Steagul Rosu" (Rote Fahne), das Lastkraftwagen herstellt. Als die Arbeiter der Nachtschicht Sonntag morgen statt ins Bett geschlossen an die Wahlurnen sollten, hagelte es Proteste, die sich schnell zu einer Demonstration gegen die Firmenleitung und das Regime steigerten.
Mehr als 1500 Arbeiter, ohnehin wegen bevorstehender Lohnkürzungen erbost, marschierten Richtung Innenstadt und bekamen Zulauf von allen Seiten. Die Ortspolizei, die den Zug zunächst für eine Pro-Ceausescu-Demonstration hielt, griff nicht ein.
Am Ende waren es fast 5000 Menschen, die das Rathaus und die Parteibüros besetzten. Sie machten ihrer Wut Luft über ein von oben verordnetes Sparprogramm, das den Rumänen nun schon den vierten Hungerwinter hintereinander beschert.
Erst nach sechs Stunden konnte die Polizei, unterstützt durch Schützenpanzer der Armee, die Revolte mit Tränengas und Wasserwerfern niederschlagen. Mehr als 400 "Rädelsführer" wurden verhaftet, fast die Hälfte davon - so inoffizielle Berichte - gehört der deutschen Minderheit an. Alle Häftlinge kamen in Gefängnisse nach Bukarest, aus Furcht vor weiteren Aufständen.
Die rumänischen Medien meldeten über die Randale in Kronstadt bislang kein Wort. Das Theater in Brasov durfte in der Woche nach dem Sturm sogar das Singspiel des rumänischen Komponisten Tudor Boian aufführen, obwohl es angesichts der Vorgänge einen hintergründigen Titel hat: "Das Straßenfest".
Der Kronstädter Aufstand hatte den Conducator (Führer) völlig überrascht. Erst am Tag vor der Wahl war er mit Frau Elena von einem Staatsbesuch in Jugoslawien zurückgekommen, vom "Bettler-Gipfel", wie Belgrader Zyniker höhnten.
Denn das verarmte Rumänien mit seinem wirtschaftlichen Notstandsprogramm kann vom krisengeschüttelten und hochverschuldeten Jugoslawien keine Hilfe erwarten. So blieb es in Belgrad bei Freundschaftsbeteuerungen.
Kurz vor dem nächsten Staatsbesuch, in Ägypten, mußte der Führer in Bukarest noch den Staats- und Parteichef von Äthiopien, Mengistu, empfangen - ein noch Ärmerer suchte Hilfe beim Armen.
Bei so viel Aufwand für die Außenpolitik - ohnehin Ceausescus liebste Beschäftigung - blieb wenig Zeit, selbstkritisch nach den Gründen für die Kronstädter Revolte zu forschen. Der Conducator tat, was er in Krisen immer tut: Er feuerte den Direktor des Werks "Rote Fahne" und die Polizeioberen von Brasov, rügte auf einer Sondersitzung des Politischen Exekutivkomitees Minister, Funktionäre, Betriebsdirektoren, Arbeiter und die Geheimpolizei, sie hätten gefälligst die vorgeschriebenen Pläne zu
erfüllen - und flog zusammen mit Elena an den Nil, um den Frieden in Nahost zu beraten.
Daß ganz Rumänien in Kälte und Elend versinkt, hat das Land seinem Führer und dessen chaotischen Ideen zu verdanken.
Der Abstieg begann, als Ceausescu Ende der sechziger Jahre ein überstürzt vollzogenes Industrialisierungs-Programm befahl, um das Agrarland Rumänien wirtschaftlich unabhängig und politisch autark zu machen. Allein im Jahr 1969 wurden in Rumänien 200 neue Industriezentren gebaut.
Der ausgeprägte Hang des Conducators zur Gigantomanie führte dazu, daß Rumänien seine Stahlproduktion in drei Jahren um eine Million Tonnen erhöhte. Für die Verarbeitung des heimischen Erdöls ließ Ceausescu einen petrochemischen Komplex mit einer Kapazität von jährlich 36 Millionen Tonnen bauen - dreimal soviel, wie die Rumänen fördern können.
Der große Verlierer im Gründertaumel war die Landwirtschaft. Denn die junge Industrie verschlang nicht nur viel Geld, sie brauchte auch Arbeitskräfte. Freiwillig oder auf Druck der Partei zogen Hunderttausende aus den Dörfern in die Fabriken; die Äcker lagen brach und verkamen.
Aber auch mit der neuen Industrie ging es nicht gut voran: Die rumänischen Produkte waren im Ausland schwer abzusetzen. Die eigenen Erdölfelder versiegten, vorübergehend half der Iran mit Sonderlieferungen aus, aber seit dem Sturz des Schah ist es damit vorbei.
Als Ausweg blieb nur, entweder teures Erdöl gegen Devisen zu importieren oder den ungeliebten Nachbarn, die Sowjet-Union, um Hilfe zu bitten. Moskaus Öllieferungen sind in den letzten Jahren von zwei auf über sechs Millionen Tonnen gestiegen. Aber auch der Kreml läßt sich in harten Dollars bezahlen - oder mit Waren von hoher Qualität, in letzter Zeit vor allem Fleisch und Getreide.
Um den Ölbedarf zu drosseln, ließ Ceausescu die Kraftwerke auf Kohle und Wasserkraft umstellen. Milliarden wurden in neue Stauwerke und in neue Bergwerke investiert. Doch die Kohle war von schlechter Qualität und konnte den Bedarf nicht decken, die Stauseen trockneten in heißen Sommern aus oder wurden zur Bewässerung der Felder abgelassen.
Um seine inzwischen veralteten Industrien am Leben zu halten, verordnete Ceausescu der Bevölkerung ein radikales Sparprogramm. Seit 1981 sind Grundnahrungsmittel wie Fleisch, Brot, Zucker und Speiseöl rationiert, seit vier Jahren müssen die Rumänen jeden Winter immer mehr elektrische Energie einsparen - in diesem Jahr noch einmal 30 Prozent zusätzlich.
Die Raumtemperatur, so das Dekret, darf in Privatwohnungen, aber auch
in Amtsstuben, 12 Grad nicht überschreiten (bei Außentemperaturen, die im rumänischen Winter häufig auf 30 Minusgrade absinken). Elektrisches Licht gibt es pro Wohnung nur in einem Zimmer aus einer trüben 40-Watt-Birne.
Elektrische Haushaltsgeräte oder gar Heizsonnen sind bei hohen Strafen verboten. Ortschaften und Vierteln, die das zugestandene Limit überschreiten, wird der Strom stundenweise ganz abgestellt - mit dem Ergebnis, daß in einem Bukarester Krankenhaus die Frühgeborenen in den Brutkästen erfroren.
Die Geschäfte sind meist so leer, daß sich noch nicht einmal mehr Käuferschlangen anstellen, außer fauligen Kartoffeln und welkem Kohl ist selten etwas zu haben.
Die Lebensmittel-Rationen sind inzwischen so karg bemessen wie in den schlimmsten Kriegsjahren: pro Person 300 Gramm Brot täglich, im Monat drei Liter Milch, 315 Gramm Butter, neun Eier und 1,42 Kilogramm Geflügel, das oft nur aus Köpfen und Gekröse besteht. "Ob wir verhungern, erfrieren oder erschossen werden, das ist uns egal", stand am Tag der Revolte auf einer Mauer in Kronstadt.
Zwingherr Ceausescu hetzt sein erschöpftes Volk von einer Produktionsschlacht in die andere, mit oft absurden Folgen. So sollen die Arbeiter von Kronstadt nicht den vollen Lohn bekommen, weil sie ihr Plansoll in den Fabriken nicht erfüllt haben. Das aber konnten sie gar nicht, weil sie wochenlang als Erntearbeiter in der Landwirtschaft zwangsverpflichtet waren.
"Unsere Region, die einmal die blühendste im ganzen Land war, ist ausgebrannt wie Deutschland nach dem Dreißigjährigen Krieg", meint bitter ein Siebenbürgener.
Das Ziel dieser unmenschlichen Anstrengung: Ceausescu hat den Ehrgeiz, Rumäniens Auslandsschulden so schnell wie möglich abzubezahlen, koste es, was es wolle. Nur völlige Schuldenfreiheit, denkt er, sei der Garant für eine unabhängige Außenpolitik.
Durch Exportsteigerung in den Westen - meist Lebensmittel - und Importbeschränkungen gingen die Verbindlichkeiten von zehn Milliarden Dollar im Jahr 1981 auf weniger als die Hälfte zurück. Selbst der Internationale Währungsfonds riet dem Conducator, das Tempo der Rückzahlungen zu bremsen und die Devisen für die Sanierung der eigenen Wirtschaft auszugeben. Ceausescu wies den Vorschlag als "Eingriff in die rumänische Souveränität" zurück.
Beim Staatsbesuch in Kairo vorige Woche aber ließ der Diktator etwas springen: Dem Entwicklungsland Ägypten gewährte der Besucher aus dem osteuropäischen Armenhaus einen Kredit von 200 Millionen Dollar. Am Nil hat er sicher mehr Freunde als zu Hause.

DER SPIEGEL 49/1987
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