11.04.1988

LEICHTATHLETIKAnwalt des Schweigens

Weil bei der Weltmeisterschaft 1987 in Rom hemmungslos zugunsten Italiens manipuliert wurde, soll Primo Nebiolo, Präsident des Leichtathletikverbandes, zurücktreten. *
Wann immer über neue Erfolgsmodelle debattiert wurde, blickten die europäischen Leichtathleten zuletzt voller Neid nach Italien. Dort, so die unverhohlene Bewunderung der Branche, führe Primo Nebiolo die Läufer, Werfer und Springer in ständig neue Einkommens- und Leistungsbereiche.
Nebiolo, 64, Jurist und erfolgreicher Unternehmer aus Turin, ist ein wichtiger
Mann. Er ist Präsident des italienischen Leichtathletikverbandes und seit 1981 auch des Weltverbandes.
Doch nun sinkt sein Stern. Kurz vor Ostern demonstrierten an vier verschiedenen Orten rund 500 italienische Leichtathletiktrainer gegen Nebiolo, die in Mailand erscheinende "Gazzetta dello Sport" beklagte eine Funktionärsspitze, die alles tue, "um Resultate zu verfälschen", und "Tuttosport" sieht schon das Ende der "Alleinherrschaft" Nebiolos heraufziehen.
Die italienische Leichtathletik-Hausse, die sich bei den Weltmeisterschaften im September vorigen Jahres in Rom in sechs Medaillen niederschlug, ist offenbar, das zeigten immer neue Geständnisse von Trainern und Funktionären, weniger das Ergebnis gezielten Trainings oder vorzüglichen Managements als das schmutziger Tricks.
Bei der WM, so stellte jetzt ein Untersuchungsausschuß in einem 80 Seiten umfassenden Bericht fest, war die Weitenmessung beim letzten Versuch des italienischen Weitspringers Giovanni Evangelisti manipuliert worden. Statt der 8,38 Meter, die von den Kampfrichtern angezeigt und mit einer Bronzemedaille für Evangelisti belohnt wurden, sei der Athlet nur etwa 7,80 Meter weit gesprungen. Das Urteil stützt sich auf Aufzeichnungen des italienischen Fernsehens RAI und Aussagen des ehemaligen Sprintertrainers Sandro Donati.
Zweifel an der von Evangelisti tatsächlich erzielten Weite waren schon bald nach den Titelkämpfen aufgetaucht. Nachdem RAI Fernsehbilder präsentiert hatte, die einen Sprung über die Acht-Meter-Marke so gut wie ausschlossen, gestand Aldo Bernaschi, Jury-Mitglied bei der WM, daß italienische Funktionäre vor dem Wettkampf unter der Hand ganz unverhohlen "noch einen Kampfrichter pro Evangelisti" gesucht hätten. Für den ehemaligen Kampfrichter Giancarlo Rinaldi war diese Übung nichts Neues. Ihn habe man, so erklärte er, bereits vor der Halleneuropameisterschaft 1982 in Mailand gebeten, Evangelisti zum Sieg zu "verhelfen".
Weitere Enthüllungen verstärkten den Verdacht, daß beim vielbestaunten Leichtathletikaufschwung nicht alles mit rechten Dingen zugegangen sei. So behauptete etwa Carlo Vittori, ehemaliger Betreuer des Olympiasiegers Pietro Mennea, in der Tageszeitung "La Repubblica", eine Dopingzentrale des italienischen Leichtathletikverbandes habe seit 1985 Sportler regelmäßig mit Aufputschmitteln versorgt.
Nach einem Wettkampf in Viareggio wurde die vom Kugelstoßer Alessandro Andrei angeblich erzielte Bestleistung unverfroren als Weltrekord angemeldet, obgleich offensichtlich wesentliche Bedingungen nicht erfüllt waren. So übertraf Andrei laut Wettkampfprotokoll bei sechs Versuchen die alte Höchstleistung zwischen 21.57 Uhr und 22.11 Uhr gleich viermal. Da war für weitere Starter, laut Reglement eine Voraussetzung zur Anerkennung eines Weltrekordes, keine Zeit mehr. Zudem hatte Andrei, auch das ist nicht erlaubt, seinen eigenen Wurfring mitgebracht.
Der italienische Verband mit Präsident nebiolo an der Spitze fand nichts dabei. Der Weltverband, Präsident Nebiolo vornweg, ebenfalls nicht. Der Rekord wurde anerkannt.
Auch in der Affäre Evangelisti versuchte Nebiolo offenbar alles, den Skandal von Rom zu vertuschen, bis aus dem "Fall Evangelisti" ein "Fall Nebiolo" ("FAZ") geworden war.
Der umtriebige Funktionär war zwar nie unumstritten, aber angesichts seiner offenkundigen Erfolge hatten die Kritiker stets gekuscht. Hemmungslos vermarktet Nebiolo die Leichtathletik, um ihr "die Dimension einer historischen Bewegung" zu geben, wie er fabulierte. Bei der WM in Rom gab es kaum Fernsehbilder ohne Schleichwerbung, die Marathonläuferinnen hechelten, Höhepunkt des Nebiolo-Spektakels, durch die VIP-Zelte der Sponsoren.
Werbung und TV-Lizenzen brachten dem Veranstalter rund 75 Millionen Mark ein, 30 Millionen blieben als Profit hängen. Doch die Athleten warteten tagelang auf das ihnen zustehende Taschengeld, klagten über schlechte Unterkunft und Verpflegung.
Nebiolo brüstet sich gern damit, daß sein Weltverband mit 181 Mitgliedsverbänden "größer als die Uno" ist. Jährlich jettet er samt Hofstaat fünf- bis sechsmal um die Welt, "ständig auf der Suche nach Inseln", witzelte die "Frankfurter Rundschau", die "noch nichts von Primo Nebiolo gehört haben".
Das Wohlwollen der Kleinen erkauft er sich mit Millionenbeträgen. So stattete er die Stiftung "International Athletic Foundation", die der weltweiten Förderung der Leichtathletik dienen soll, mit 20 Millionen Dollar aus.
Woher das Geld stammt, mag der "Anwalt des Schweigens", wie ihn italienische Journalisten nennen, nicht verraten. Insider wie der Schweizer Ruder-Weltpräsident Thomas Keller mutmaßen, laut Sport-Informations-Dienst, es sei aus dem Olympiatopf Seoul als Dank für die Bereitschaft geflossen, die meisten olympischen Leichtathletik-Finals in der Mittagshitze Südkoreas durchzuführen - zur besten Sendezeit des amerikanischen Fernsehens.
Ob Nebiolo sein Lebensziel - die Mitgliedschaft im Internationalen Olympischen Komitee, der Loge des Weltsports - erreichen wird, ist jetzt fraglicher denn je. Bei der Wahl zum Präsidenten des Nationalen Olympischen Komitees fiel er durch. In italienischen Zeitungen wird längst der Rücktritt des Leichtathletik-Chefs gefordert.
Luciano Barra, Generalsekretär des Verbandes, bot inzwischen seine Demission an, Cheftrainer Enzo Rossi trat bereits zurück. _(unten: Richard von Weizsäcker bei ) _(der Leichtathletik-EM 1986 in Stuttgart. ) _(Oben: bei der Leichtathletik-WM in Rom ) _(1987; )
unten: Richard von Weizsäcker bei der Leichtathletik-EM 1986 in Stuttgart. Oben: bei der Leichtathletik-WM in Rom 1987;

DER SPIEGEL 15/1988
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