30.11.1987

„Wir sind Clochards ohne Durst und Hunger“

Kleine und große Zocker der Bundesrepublik tummeln sich in der wuchernden Backgammon-Szene *
Einem traditionellen Berufsstand gehört der junge Mann offenkundig nicht an. Die Sporttasche in der rechten den Spielkoffer in der linken Hand marschiert der 28jährige Gerd Schiesser schnurstracks in sein Hotelzimmer, um sich frisch zu machen. Dann strebt der Gast aus Hamburg zum eigentlichen Ziel seiner Reise: dem Spielsaal im Ratinger "Novotel".
Schiesser, gelockt und dezent gebräunt, ist Backgammon-Profi. Im großen Konferenzraum des Betonklotzes findet die Nordrhein-Westfalen-Meisterschaft 1987 statt. Etwa 50 Tische mit je vier Stühlen sind im Raum verteilt. Am Kopfende des Saales hat ein Alkoholimporteur mehrere Champagnernaschen dekoriert und Reklameschildchen an die Wand gepappt, daneben ein Tisch mit vergoldeten Pokalen.
In diesem schmucklosen Ambiente auf knallbuntem Teppichboden läßt sich eine regionale Pudelprämierung oder ländliche Miss-Wahl vorstellen: Dem Alltag der Backgammon-Zocker fehlt alles Flair der Jet-set-Szene, das ihm gemeinhin nachgesagt wird. Gunther Sachs und fremdländische Prinzessinnen wären fehl am Platz.
Als Schiesser den Saal betritt, herrscht drinnen lebhaftes Gedränge. Vor einer Stellwand neben dem Eingang sind die Paarungen der ersten Runde des Meisterschaftsturniers mit Filzschreiber aufs Papier gebracht. An den Tischen würfeln sich die gut 100 Teilnehmer bereits ein. Es sind vor allem Männer im Saal, in Hemd oder Pullover, betont leger, selbst der Bankier aus Salzburg, dessen weißer Rolls-Royce vor der Tür parkt, hat Krawatte und Jackett im Koffer gelassen.
Ein Mann in schlichter Popelineweste und grauer Baumwollhose hat einen Sonderplatz unmittelbar vor den Champagnernaschen. Freundlich lächelnd signiert er sein "Advanced Backgammon", den neuen Renner in der Szene, beantwortet Fragen oder nimmt mit leichtem Kopfnicken Glückwünsche entgegen: Bill Robertie, 41jähriger Computerfachmann aus Boston, ist in diesem Jahr zum zweitenmal Weltmeister in Monte Carlo geworden, und die Turnierleitung hat ihn zur Zierde ihrer Veranstaltung einfliegen lassen.
Spesen und Startgelder des Meisters sind bezahlt. Bargeld aber muß er schon selbst gewinnen. Darum geht es schließlich. Die Cracks in der tristen Halle, die sich schon demnächst in Venedig, Marbella, Gstaad oder St. Moritz wieder treffen werden, spielen Backgammon wegen des Geldes. Sie stammen meist aus Großstädten wie Hamburg, München oder Düsseldorf, wo die Zockerkultur blüht, und hoffen auf den Sieg an diesem Abend: 6200 Mark winken dem Gewinner.
Da nur wenige an den großen Topf kommen und schließlich 400 Mark an Startgeld zu bezahlen sind, finden sich in den Spielpausen ständig kleine Gruppen zu einer Extra-Runde zusammen. Meist sind es acht Teilnehmer, die auf die schnelle einen "Jackpot" mit 50 oder 100 Mark Einsatz auswürfeln. Es geht nach dem K.o.-System. Jeweils zwei spielen gegeneinander, bis der Sieger die Hunderter einsteckt.
Unermüdlich ist ein bärtiger Mann tätig, der im ersten Leben sein Geld als Diplomsportlehrer verdient hat. Jeder aus der Szene hier kennt Uli Koch mit der braunen Patchwork-Lederhose, in die über den Knien große "Backgammon-Taschen" geschnitten sind: "Links habe ich die deutschen Scheine, rechts die Devisen."
Koch ist der dienstälteste deutsche Backgammon-Profi. Seit mehr als zehn Jahren zieht er von Spielbrett zu Spielbrett durch die Welt. Auf Traumschiff-Reisen nimmt er betuchten Rentnern das Geld ab; er spielt auf arabischen Jachten vor Spaniens Küsten oder zockt in Mexikos Hinterzimmern "mit Leuten, die ihre Knarre auf den Tisch legen". Seinen Wohnsitz hat Koch in Monte Carlo, die meiste Zeit jedoch verbringt er in Hotels..,Wir sind", sagt der gebürtige DDR-Bürger über seine Zunft, "moderne Clochards ohne Durst und Hunger."
Koch behauptet, "auf den Monat umgerechnet", noch nie verloren zu haben. Vielmehr habe er in den vergangenen zehn Jahren "ein paar Millionen eingefahren", und das mit einem Spiel, das für viele noch als Glücksspiel gilt (siehe Kasten S. 247).
Soviel Geld ist nicht allein beim Würfeldrehen im "Marbella Club" oder beim
jährlichen Ludentreffen zur Fastnacht zeit auf Gran Canaria zu machen. Menschen wie Uli Koch kommt entgegen, daß sich in der Bundesrepublik, nach dem Vorbild der Backgammon-Weltmacht Amerika, eine wuchernde Szene mehr und mehr ausbreitet.
In deutschen Metropolen werden eifrig Stadtmeisterschaften ausgetragen; in Berlin gewann jüngst der Nürnberger Manfred Hollederer die Offene Deutsche Meisterschaft. Der Spielwarenhandel meldet steigende Umsätze mit Brettern und Koffern. Deutsche Schachgrößen wie Eric Lobron liebäugeln mit dem Würfelspiel, bei dem mehr zu verdienen ist als beim Schach.
Wo Gewinner sind, muß es Verlierer geben. Ein Herr mit gepflegtem Oberlippen- und Kinnbart, Immobilienmakler aus Berlin, ist in Ratingen auf einiges gefaßt. "An die 3000 Mark kostet mich so ein Wochenendspaß", sagt er, "aber die muß man wegstecken können."
Die Masse des Publikums scheint der kleinen Profi-Schar ihr Opfer zu bringen - und dabei Spaß zu empfinden. Die zahlreichen Juweliere und Zahnärzte ein Hamburger Küchengroßhändler, ein vermögender Ruheständler oder der Mathematikprofessor aus Berlin müßten schon viel Glück entwickeln, um zu gewinnen. Aber auch wenn für sie, wie für die Herren aus dem Sport- und Freizeitmilieu, Nachtleben eingeschlossen, die Chancen nicht gut stehen - wer weiß, auch beim Lotto gewinnt ja nicht immer derselbe.
Viele Studenten sind dabei, vorwiegend von ökonomischen und juristischen Fakultäten. Auch Naturwissenschaftler versuchen sich in Ratingen an den Würfeln. Ihnen allen ist gemeinsam, daß sie viel Zeit auf das Studium der Backgammon-Fachliteratur verwendet haben.
Ein Jungspieler, der seinen Namen "um Gottes Willen" nicht in der Zeitung lesen will, steht nach erfolgreichem "Doppelstudium" vor der Wahl, "einen anständigen Beruf zu ergreifen oder Berufsspieler zu werden". Ein anderer Namenloser, der bereits zur deutschen Elite zählt, konnte unlängst "seinen Vater überzeugen, daß beim Backgammon mehr zu verdienen ist als mit den Photoläden der Familie".
Ein "selbständiger Börsenmakler" aus München, der kein Turnier im deutschsprachigen Raum ausläßt, fährt eine Doppelstrategie: Job und Backgammon werden gleichermaßen gepflegt. "Ein kleiner Kundenkreis", darunter die Vermögensverwaltung für eine Tante, ermöglicht ihm freies Spiel, "solange die Erbtante nichts davon erfährt". Nach bürgerlichen Normen, das ist ihm schon klar, hat sein Hobby nicht den besten Leumund: Die Tante "könnte sagen, nun habe ich dem Jungen mein Geld anvertraut, und der zockt!"
Das halbseidene Image zu beseitigen, sind die Hamburger Werner Waschke, 39, und Wolfgang Fast, 33, angtreten. Handelsvertreter Fast, in Ratingen Mitveranstalter und entsprechend mit Schlips und Jacke angetan, veranstaltet lokale Turniere, gibt Spielkommentare und Fachliteratur heraus.
Jüngst hat er einen finanzkräftigen Helfer aufgetan. Der Chemiekonzern Beiersdorf "überdenkt gerade", den Backgammon-Boom für seine Herrenduft-Serie "Gammon" zu nutzen und seine Vertreter bei Fast und Kompagnon Waschke zur besseren Markteinführung am Backgammon-Board schulen zu lassen. Im Gegenzug soll Beiersdorf Turniere für Einsteiger sponsern. Fast: "Da können dann noch mehr mitspielen." Bei kleinerem Startgeld würde sich vielleicht auch Heinz, ein 50jähriger _(1976 in St. Moritz. )
Chemieingenieur, trauen, der in Ratingen um die Tische kreist. Er gehört zu jener Spezies, die von der Backgammon-Leidenschaft bereits infiziert ist, aber sich gerade noch im Zaum halten kann. Im Februar kam er zum Backgammon hat sich gleich einen Trainer genommen und macht auch schon "mächtige Fortschritte".
Aber mitspielen will er noch nicht. Bei seiner Spielstärke sei noch zuviel Glück dabei, und das möchte er nicht mehr herausfordern. Das hat er zu lange getan. Poker, Billard, Black Jack, Roulette, Heinz war überall dabei, wo er ''ne Mark verlieren konnte. So ist er, vor nunmehr sieben Stunden, "nur mal auf einen Sprung nach Ratingen gekommen", um sich ein Bild zu verschaffen.
Gegen drei Uhr in der Früh legt Profispieler Koch eine Mineralwasserpause an der Hotelbar ein. Nach elf Stunden vor dem Brett "muß ich mal ein paar Minuten stehen". Drei, vier andere Mitspieler stehen am Tresen, man zieht Bilanz. Gerd Schiesser, der am Backgammonboard das Kapital für eine Tennis- und Freizeitanlage erspielen will und im Augenblick als die deutsche Nummer eins gilt, "steht schon im Geld". Er ist im Halbfinale des Turniers angelangt.
Koch, Schiesser, Marmorstein, Hollederer, Giesewski, Bodewig, die Spitzenspieler sind zufrieden mit dem Turnier: Weltmeister Robertie sitzt in seinem Zimmer. Ein Düsseldorfer hat ihn "geputzt", sagt einer aus der Mineralwasser-Runde mit Wohlgefallen.
Koch erläutert eine Standard-Regel der Profis: "Nur nicht heiß werden." Das bedeutet, auch in verheißungsvollen Situationen darf man die Einsätze nicht unbedacht verdoppeln: Die Gier nach Riesengewinnen trübt den Blick. Und "wenn so ein Ding nach hinten losgeht, muß ich plötzlich wieder arbeiten". Vierzehn Tage lang war er Lehrer in Köln, und das, sagt er, reicht.
Drei, vier Tage und Nächte mit kurzen Pausen am Brett fordern den Spielern eine Menge ab, fordern auch eine "trainierte Blase", erläutert Koch. Denn Pinkelpausen unterbrechen den Rhythmus, lassen dem Gegner klar werden, wie tief er schon im Minus steht. Dann aber könnte der unbedarfte Geldgeber womöglich aufhören.
Die Profis haben ihre eigenen Rezepte, um fit zu bleiben. Viel Schlaf und ein sorgfältig geplanter Lebensrhythmus sind wichtig; manche dopen sich mit diversen Pulvern.
Eine Woche nach Ratingen sind sie alle wieder zusammen. Diesmal geht es in Bad Salzschlirf um die Europameisterschaft, mit Superjackpot, Siegprämie 32000 Mark. Gerd Schiesser gewinnt den Superpreis und ist seiner Tennishalle ein Stück näher.
Der Nordrhein-Westfalen-Meister Mike Bodewig reist schon nach kurzer Zeit wieder ab. Er ist "heiß" geworden und hat verloren.
1976 in St. Moritz.

DER SPIEGEL 49/1987
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