09.05.1988

FLICKTeil der Beute

Das siegerländische Kreuztal, Heimat der Flick-Dynastie, wird mit seiner Vergangenheit nicht fertig. *
Der Alte ist schon seit fast 16 Jahren tot, doch im siegerländischen Kreuztal steht er immer noch im Telephonbuch: Flick Friedrich Dr. 1553.
Unter dem Anschluß melden sich die Verwalter seines Geburtshauses. Das Anwesen des Großindustriellen ist fast eine Gedenkstätte. Seine Möbel stehen noch da, seine Bilder hängen an der Wand - es ist wie zu Lebzeiten.
Im ältesten Eisenerz-Revier der Republik, am Kindelsberg (618 Meter) und am Hohen Wald (655 Meter), stößt man an allen Ecken auf Flick, vor allem auf sein Geld. Die vielköpfige Flick-Dynastie hat mit gebündeltem Baren nicht nur die Bonner Landschaft gepflegt, sondern auch den heimischen Acker gedüngt.
Sportler trainieren in der Otto-Flick-Halle, Schüler büffeln am Friedrich-Flick-Gymnasium, der beste Abiturient bekommt den Flick-Preis, bedürftige Schüler werden unterstützt.
Die Kirchenorgel, die Einrichtung im Alten Feuerwehrhaus, die Rubens-Bilder im Museum des Nachbarorts Siegen, das Altenheim, der Kindergarten, das Kreiskirchenamt, die Sänger, die Turner, der Deutsche Alpenverein - für alle und alles zahlte das Haus Flick.
"Kaum ein Verein", weiß der sozialdemokratische Bürgermeister Karl-Heinz Thomas, "der nichts bekommt." Zwei Flick-Stiftungen entlasten seinen städtischen Etat; allein zwischen 1963 und 1977 erhielt die Kommune Kreuztal 2,75 Millionen, das Krankenhaus obendrein 370 000 Mark.
Doch Undank ist der Welt Lohn. Kassiert haben sie alle, aber auf den edlen Spender sind sie nicht gut zu sprechen. Der Name des Ehrenbürgers hat auch in der Heimat an Klang verloren, seit 1981 Berichte im SPIEGEL die Flick-Affäre um Parteispenden und schwarze Kassen ausgelöst haben.
Seit Jahren schon tobt ein kommunalpolitischer Kampf um den knarzigen Siegerländer. Die Stadt Kreuztal, so scheint es, wird mit ihrer Flick-Vergangenheit nicht fertig.
Schriftsteller wie Bernt Engelmann, im Dritten Reich Zwangsarbeiter in Flicks früherer Maxhütte im bayrischen Sulzbach-Rosenberg, wo es ein Friedrich-Flick-Stadion gibt, und die Fernsehjournalistin Lea Rosh reisten an und stellten unangenehme Fragen. Der 1947 in Nürnberg von den Alliierten wegen Sklavenarbeit und Plünderung besetzter Gebiete zu sieben Jahren Haft verurteilte Flick könne doch wohl kein Vorbild für Schüler sein.
Seit Monaten geht es in der gekauften Stadt hoch her, Flick scheidet die Geister. Die Zeitungen sind voll von Stellungnahmen und Kommentaren, Flick-Bücher, selbst welche aus der DDR, sind gefragt. Vorläufiger Höhepunkt der hitzigen Flick-Schlacht war eine Ratssitzung am Donnerstag letzter Woche.
Die Grünen verlangten wegen der Rolle des Konzerngründers in der Nazi-Zeit die Umbenennung des Flick-Gymnasiums; CDU und FDP waren dagegen, die Mehrheitspartei SPD gespalten. Vermutlich zehn der 23 Genossen sorgten in geheimer Abstimmung dafür, daß der Antrag (16:29) abgeschmettert wurde. Zuvor hatte der SPD-Stadtverband mit 40:14 Stimmen die Umbenennung verlangt. Flick-Freunde müssen jetzt fürchten, nicht mehr als Kandidaten aufgestellt zu werden.
Die Lage in der Partei ist unübersichtlich. Einer der stärksten Befürworter der Umbenennung, der Fraktionschef, hatte noch 1985 für seinen Turnverein "Hoffnung" Littfeld 10 000 Mark vom Flick-Konzern _(Kranzniederlegung "zum Gedenken an den ) _(100. Geburtstag unseres Ehrenbürgers" am ) _(10. Juli 1983; mit Bürgermeister Thomas ) _((M.). )
kassiert; er konnte darin "nichts Unmoralisches sehen".
Der Flick-Spagat hat unter den Genossen bereits erste Opfer gefordert. Hilmar Selle, Landrat, Landtagsabgeordneter und Anwärter auf ein SPD-Ministeramt in Düsseldorf, mußte wegen der vielen Segnungen des Hauses Flick seine Ämter im November 1984 aufgeben. Der ehemalige Kreuztaler Stadtdirektor Ernst Otto Althaus trat wegen der "Ereignisse unter dem Stichwort SPD-Spenden" ebenso aus der SPD aus wie der frühere Bevollmächtigte der IG Metall.
An der Schule allerdings hat Flick treue Anhänger. Der Mann, der 1915 im Vorstand der Charlottenhütte im Siegerland seine Karriere begann, hatte vor knapp 20 Jahren drei Millionen Mark für das Gymnasium gestiftet und dadurch den Bau erst möglich gemacht.
Oberstudiendirektor Günter Schweitzer, seit der ersten Stunde dabei, kämpft seit Jahren für den Erhalt des Namens. Bei einer Namensänderung, findet Schweitzer, müsse das Geld aus moralischen Gründen "mit Zins und Zinseszins" zurückgezahlt werden - macht nach seiner Rechnung acht Millionen Mark.
Schriftsteller Engelmann findet diese Argumentation "absurd": Darüber würde er "keine Sekunde nachdenken". Flick habe sich "auf Kosten der Allgemeinheit bereichert" - ein "Teil der Beute" sei denn auch in Kreuztal bestens angelegt.
Beim Thema Flick kann im Siegerland vieles ins Rutschen kommen. Die Diskussion hat längst auch Friedrichs Vetter und lebenslangen Vertrauten Konrad Kaletsch erreicht. Über Kaletsch, der wie Flick Ehrenbürger wurde und ebenfalls in Kreuztal begraben liegt, erschien jetzt in Siegen eine 60-Seiten-Broschüre der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit mit dem Titel "Versuch einer notwendigen Aufarbeitung". Eine Feier zum zehnjährigen Bestehen der Konrad-Kaletsch-Stiftung, deren Zinsen alten Mitbürgern zugute kommen, wurde abgesagt.
Friedrich Karl Flick, 61, den spendablen Sohn des Gründers, haben die Wellen noch nicht erreicht. Im Gegenteil: Der gescheiterte Konzernerbe, der bislang vergebens um Reputation kämpft, ist im Siegerland noch wer. Der Turnverein Kreuztal von 1888, der voriges Wochenende Jubiläum feierte, machte ihn zum Schirmherrn. Die Turner können bald, wie jedes Jahr, wieder einen Scheck erwarten.
Noch mehr Einsatz vom Konzernerben Friedrich Karl Flick, kurz "FKF" genannt, verlangt Otto A. Kaletsch. Der seit 1951 in New York lebende Sohn von Konrad hält den alten Flick für ein "Vorbild und Genie". Um dessen "würdiges Ansehen" müsse FKF "nun kämpfen".
Fragt sich nur, wie. Die bei Flick übliche Landschaftspflege verfängt selbst im Siegerland nicht mehr.
Kranzniederlegung "zum Gedenken an den 100. Geburtstag unseres Ehrenbürgers" am 10. Juli 1983; mit Bürgermeister Thomas (M.).

DER SPIEGEL 19/1988
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