21.03.1988

COMPUTER

In die Falle

In Paris wurde der Hamburger Computer-Freak Wernery verhaftet. Kommt jetzt die Rache der Hacker? *

Die Herren von der französischen Finanzpolizei, die Montag vormittag letzter Woche auf dem Pariser Flughafen Charles de Gaulle am Einreiseschalter des Air-France-Fluges 771 warteten, spähten nach einem "Monsieur X" aus. Sie hatten keine Mühe, den vorgeblichen "Erpresser" unter den Fluggästen aus Hamburg auszumachen.

Der junge Mann trug eine Brille, war schlank und groß und somit nach der polizeilichen Beschreibung unschwer als der Gesuchte zu erkennen: Steffen Wernery, 26, war auf dem Weg zu einem Vortrag im Hotel "Pullman" am Boulevard Saint Jacques. Dort kam er nie an.

"Er flog aus Hamburg ein - direkt in eine französische Gefängniszelle", befand Wernerys Pariser Anwältin Eva Sterzing vergangenen Donnerstag. Das Zupacken der französischen Spezialpolizeitruppe verdankte Computerexperte Wernery dem Weltkonzern Philips, der den Twen aus Hamburg für "Schäden in zur Zeit noch nicht absehbarer Höhe" verantwortlich macht.

Die Verhaftung von Paris rückte in der letzten Woche schlagartig ein Phänomen wieder ins Blickfeld, das Wirtschaftsunternehmen und Forschungseinrichtungen in aller Welt fürchten, gegen das die Polizei nahezu machtlos und das von den Gesetzgebern schwer zu fassen ist: das sogenannte Hacken in Computernetzen.

Wernery, einer der Vorsitzenden des Hamburger Chaos Computer Clubs (CCC), ist ein Repräsentant dieser Bewegung jugendlicher Computerfreaks.

Die Mehrzahl von ihnen - einige tausend gibt es in der Bundesrepublik - sind Teenager, die in ihrer Begeisterung für den Computer versuchen, die Möglichkeiten des elektronischen Zauberkastens auszureizen. Sie tauschen Nachrichten aus und überspielen sich Computerprogramme und -spiele. Als höchster Spaß und höchste Befriedigung gilt unter den ausgebufften Computerkids das Stöbern in den Großrechnern der Profis.

Am meisten Aufsehen erregte bislang ein Computerhack, den der Hamburger CCC vergangenen Herbst publik machte: Deutschen Hackern war es gelungen, in 135 Großrechenanlagen mit Computern vom Typ "Vax" einzudringen. Da zu den "besuchten" (Hacker-Jargon) Vaxen auch Anlagen der amerikanischen Weltraumbehörde Nasa gehörten, ging der elektronische Coup als "Nasa-Hack" in die Hacker-Annalen ein.

Doch da überdies zu den durchstöberten Programmen der Vax-Anlagen in neun Nationen auch Computer hochkarätiger Forschungseinrichtungen zählten, fanden sich "die Hacker plötzlich im Spannungsfeld von Industriespionage, Wirtschaftskriminalität und legitimen Sicherheitsinteressen von High-Tech-Firmen", erkannte Wernery.

Die Hacker zogen die Notbremse. Denn nicht mehr auszuschließen war, daß auch professionelle Wirtschaftskriminelle den von den Hackern entdeckten Fehler im Betriebssystem des Vax-Computers ausnutzen würden.

Wernery und der Hamburger CCC stellten eine Dokumentation des Hacks und eine Liste der besuchten Vaxen zusammen. Dieses Material gelangte über das Kölner Bundesamt für Verfassungsschutz zum US-Geheimdienst CIA sowie zum Vax-Hersteller, dem US-Konzern Digital Equipment Corporation (DEC). Die DEC-Spezialisten informierten ihre Kunden über die Schwachstelle und die Hamburger Computerchaotiker mit viel Getöse die Öffentlichkeit.

Zwei Wochen nach einem "Panorama"-TV-Beitrag über den Nasa-Hack rückten Beamte des Bundeskriminalamtes (BKA) mit einem Durchsuchungsbeschluß für Wernerys Wohnung an. In Begleitung der BKA-Fahnder waren eine Reihe französischer Polizisten, "die mit einer Minox all das photographierten, was ihre deutschen Kollegen beschlagnahmten und abtransportierten", erinnert sich Wernery.

Das für den Hamburger Computerexperten "überraschende Auftauchen der Franzosen" klärte sich schnell. Eine der Grundlagen des Durchsuchungsbefehls war die Anzeige der Firma Philips Frankreich gegen einen "Monsieur X". Der Unbekannte sei in das "dortige Vax-Computersystem eingedrungen", habe "Daten ausgespäht und verändert sowie Buchhaltungsunterlagen ausgelöscht".

Gegen Wernery, so erfuhr sein Hamburger Anwalt Axel Bauer vergangene Woche, bestünde "nach dem Stand der Ermittlungen kein Verdacht" mehr. Doch diese "wichtige Information" (Bauer) hatten weder die Hamburger Staatsanwaltschaft noch das BKA den französischen Kollegen mitgeteilt, noch hatten diese sich offenbar nach dem Ermittlungsstand erkundigt. Von der Verhaftung in Frankreich zeigte sich, so Bauer, das BKA "völlig überrascht".

Offen ist, ob den französischen Polizeibehörden die Arbeit des BKA zu lasch war oder zu langsam voranging oder ob in Frankreich neue Verdachtsmomente gegen Wernery aufgetaucht sind.

Die Umstände, die aus "Monsieur X" Steffen Wernery machten und zu dessen Verhaftung führten, haben, soviel schien bis Ende vergangener Woche klar, einen Krimi-Anstrich. Auf Einladung des 6. Internationalen Kongresses für Datenschutz und Datensicherheit (Securicom) sollte Wernery am vorigen Dienstag ein Referat zum Kongreß-Hauptthema "Nasa-Hack" halten.

In Kenntnis des Ermittlungsverfahrens gegen Wernery hatten die Securicom-Veranstalter zuvor bei Sicherheitsstellen angefragt, ob der Referent aus Hamburg ungehindert werde ein- und ausreisen können. Die Franzosen, so Securicom-Manager Peter Hazelzet, "äußerten keine Bedenken". Wernery erhielt sein Flugticket zugeschickt.

Der umtriebige Hamburger, immer hurtig dabei, die Forderung der Hacker nach "ungehindertem Zugriff auf das elektronische Wissen der Welt" auszutrompeten, wollte sich beim Gegner Philips Frankreich vorstellen.

Brieflich bot Wernery Anfang Februar dem Philips-Sicherheitsexperten seine "Kooperation" an. Die Weltfirma, die in Frankreich neben Geräten für den Haushalt auch Elektronik fürs Militär herstellt, witterte ihre Chance.

Sie erklärte sich gesprächsbereit, schlug Wernery am Freitag vorletzter Woche als Termin den darauffolgenden Montag um 14 Uhr vor. Wernery buchte seinen Nachmittagsflug aus Hamburg auf die Frühmaschine um. Bei seiner Ankunft wurde er von Beamten der Finanzpolizei empfangen. Diese Einheit ist nach französischem Recht für Erpressungen zuständig. Und genau das habe Wernery mit seinem "Kooperationsbrief" nach Ansicht der französischen Tochter des holländischen Elektro-Multis versucht.

"Subjektiv war es sicher eine Falle, objektiv nicht", beurteilt BKA-Sprecher Willy Terstiege Wernerys Flug in die Fänge der französischen Justiz. Überdies sei die Angelegenheit "peinlich für den Anwalt", der Wernery nicht über die Rechtslage in Frankreich informiert habe; ebenso peinlich aber auch für die Securicom-Manager, die mithalfen, Wernery nach Paris zu locken.

Anwältin Eva Sterzing will zunächst die "halbmeterhohe Untersuchungsakte photokopieren und lesen". Anschließend hofft sie, "die französische Justiz davon überzeugen zu können, daß man die Erkenntnisse der deutschen Behörden nicht ganz beiseite lassen" könne.

Das kann in Frankreich, wo es keine zeitlich begrenzte Untersuchungshaft gibt, dauern. Vielleicht zu lange für die Hacker, die für einen ihrer Ex-Kollegen (Wernery: "Ich habe 1982 meinen letzten Hack-Versuch unternommen") symbolisch ihre selbstauferlegte Zurückhaltung aufgeben könnten.

"Wenn ich richtig wütend werde", so ein Münchner Hacker, "könnte mich nichts daran hindern, ihre Systeme komplett durcheinanderzubringen."


DER SPIEGEL 12/1988
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