25.01.1988

AIDSEtwas ist faul

In Brasilien werden Homosexuelle und Transvestiten ermordet - weil sie als Aids-Verbreiter gelten. *
Wie jeden Abend stand Roberta unter einem Baum an der Avenida Indianapolis und trug ihre Reize zu Markt: lange Beine in Stöckelschuhen, einen großen Busen, der im Licht einer Straßenlaterne hüllenlos glänzte. Was sie sonst noch zu bieten hatte, tauchte ab und zu hinter dem lose baumelnden Lendentuch hervor.
Sie? Auf ihn hatten es die langsam vorbeifahrenden Autofahrer abgesehen - Kunden wie Kriminelle.
Transvestit Roberta Close und seine zahlreichen Mitbewerber(innen), die an der noblen Villen-Allee in der brasilianischen Industriemetropole Sao Paulo ihre Kundschaft suchen, leben in Panik. Denn zuweilen kommen aus den Autos statt gieriger Blicke jetzt tödliche Schüsse. Wer einst Begierde weckte, gilt jetzt als aussätzig, wird brutal und anonym aus dem Weg geräumt.
Noch vor drei Jahren war Transvestit Roberta Close Brasiliens angesehenstes weibliches Sex-Symbol, schmückte sie Titelbilder und verursachte Tumulte. "Etwas ist faul", warnte Politologe Milton Lahuerta damals schon, "wenn ein Transvestit zum Vorbild wird."
Die Gesellschaft, die sich als freizügig verstand und Roberta Close hochleben ließ, hat sich inzwischen in das Schneckenhaus herkömmlicher Moral zurückgezogen - und mehr noch: Die Angst vor der Sex-Seuche Aids hat eine beispiellose Welle von Haß und Gewalt gegen Transvestiten wie Homosexuelle ausgelöst.
"In den vergangenen drei Jahren wurden in Brasilien über 300 Homosexuelle ermordet", rechnet Paulo Cesar Bonfom von der Aids-Vorsorge in Sao Paulo (Gapa) aus. Alle vier Tage wird ein Schwuler oder Transvestit Opfer oft brutalster Gewalt.
Den Elektrotechniker Arnaldo Vieira Neves etwa fesselten die Mörder in Sao Paulo zuerst, bevor sie ihn mit fünf Messerstichen töteten. Der Journalist Alexandre Bressan wurde ebenfalls gefesselt und abgeführt, dann erschossen.
Messer und Seil waren zwei Tage vor Weihnachten in Rio wieder im Spiel, als der Theaterregisseur Luiz Antonio Martinez Correa grausam ermordet wurde. "Dies war weit mehr als ein Sexualmord, es sieht nach einer organisierten Welle aus", glaubt der Schriftsteller Ignacio de Loyola Brandao und warnt vor einem "neuen Faschismus".
Ob rechte Todesschwadronen am Werk sind, konnte bislang niemand bewisen. Sicher ist aber, daß die brasilianische Gesellschaft auch Einzeltätern moralisch Vorschub leistet: "Vorurteile fördern diese Art von Morden", erklärte Joao Antonio Mascarenhas von der Schwulengruppe "Rosa Dreieck" in Rio. Mord an einem Homosexuellen oder Transvestiten wird traditionell als geringfügiges Vergehen angesehen.
In einem Punkt jedenfalls scheinen Gesellschaft, Polizei und Justiz übereinzustimmen: Skandalvermeidung kommt vor Aufklärung oder gar Bestrafung der Schuldigen. "Die meisten Morde an Homosexuellen werden gar nicht richtig untersucht", meint Mascarenhas, "weil die Familie des Opfers in heimlicher Genugtuung über das Ende des schwarzen Schafes keine Anzeige erstattet."
Aber auch Schwule, die verprügelt werden oder bei einem Mordversuch davonkommen, scheuen sich, die Straftat zu melden. Wer den Weg zur Polizei wagt, wird zunächst gründlichst untersucht, die Details gelangen meist samt Photos an die Presse. Denn eine Privatsphäre bei Homos respektieren die Polizisten nicht.
"Sie betrachten uns als Ungeziefer, das besser eliminiert werden sollte", klagt ein militanter Schwuler. In Rio, so meint ein Polizeikommissar, sei der Hauptgrund für die große Zahl von Morden eben der Lebenswandel der Homosexuellen.
In der Justiz reicht die Diskriminierung noch weiter. Als der Vorsitzende des Obersten Gerichts des Bundesstaates Pernambuco in Recife, Claudio Americo de Miranda, im letzten Juni erklärte, er werde Schwulen die Anstellung in der Justizverwaltung verweigern, klagte das "Rosa Dreieck" vor dem Bundesgericht in Brasilia. Nach sechs Monaten beschlossen die sieben Bundesrichter einstimmig, aber ohne Begründung, die Klage nicht anzunehmen.
"Kennen Sie ein drittes Geschlecht? Ich nicht, der Allmächtige hat nur zwei gemacht", meinte der Bürgermeister von Sao Paulo, Ex-Präsident Janio Quadros, als er Homosexuellen den Zutritt zur städtischen Tanzschule verweigerte. Nun steht ein Polizist vor den Türen, um durch bloßen Augenschein Hetero von Homo zu unterscheiden.
Das Volk teilt die Vorurteile der Staatsdiener. "Bei Schweinepest opfert man die Schweine", drohte ein Flugblatt im Briefkasten des homosexuellen Schriftstellers Herbert Daniel.
"Wöchentlich bekommen wir Berichte von verängstigten Homosexuellen", sagt Gapa-Sprecher Bonfom. So wurde beispielsweise ein junger Schwuler von einem Taxifahrer brutal geschlagen als "einer jener Verbreiter der Pest, die Aids heißt".

DER SPIEGEL 4/1988
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