30.11.1987

AKTIONSKUNSTGutes von unten

Eine Gruppe von Künstlern und Aktionisten in Berlin-Kreuzberg parodiert mit politischen Happenings die Regierenden. *
Einen Moment lang stockte der Kanzler in seiner Rede. Ein wieherndes Lachen irritierte Helmut Kohl. Doch die andachtsvolle Stille unter den 750 ausgesuchten Festgästen bei der Proklamation des Deutschen Historischen Museums in Berlin war dank eines Parteifreundes schnell wiederhergestellt. Berlins Innensenator Wilhelm Kewenig schritt höchstpersönlich ein, um dem Ruhestörer Hans-Christian Ströbele die beiden Lachsäcke zu entwinden.
Rechtsanwalt Ströbele, ehemals Bundestagsabgeordneter der Grünen, hatte die Provokation nicht allein geplant. Zum "Lachanschlag auf Bundeskanzler Kohl" bekannte sich ein "Büro für ungewöhnliche Maßnahmen". Die Störung der Festgemeinde wurde mit den "vielen Peinlichkeiten" begründet, die "den Weg zur Errichtung dieses deutschen Geschichts-Entsorgungstempels pflastern".
Die Gesinnungsfreunde des Aktionisten Ströbele residieren im tiefsten Kreuzberg SO 36. In den verschachtelten Hinterhöfen der Cuvrystraße, einer Ökonische, wo das Unkraut wuchert und Kaninchen Dauergäste sind, hat sich neben zwei Tischlereien, einem Taxikollektiv, der Theatergruppe "Ratibor", der Sprachschule "Babylonia" die Künstler-Assoziation "Foto, Design, Grafik, Öffentlichkeitsarbeit" eingerichtet, kurz FDGÖ genannt.
Der mittelgroße Raum der FDGÖ, gleichzeitig das "Büro für ungewöhnliche Maßnahmen", ist bis unter die Decke vollgepackt mit Postern, Plakaten und Puppen. Hier arbeiten die fünf Mitglieder der Stammbesetzung, darunter Barbara Petersen, 36jährige Staatsexaminierte in Polik und Kunst, und der Graphiker Kurt Jotter, 37, vormals Student der Publizistik und Theaterwissenschaften.
"Irgendwo in der K-Gruppen-Ecke", so Barbara Petersen, habe sie Jotter Mitte der 70er Jahre kennengelernt und mit ihm beschlossen, gemeinsam Richtung Politkunst auszubrechen. "Verfremdet die Medien, Ämter und Behörden! Montiert euch eure Hampelmänner selbst! Laßt die Puppen tanzen!" war die Devise der Künstlertruppe, die seit ihrer Gründung vor zehn Jahren fast ausschließlich von Aufträgen der links-alternativen Szene lebt.
So wurden vorwiegend Photomontagen, Poster und Postkarten produziert, Titelbilder für Stadtteilzeitungen oder Wahlkampfsprüche für die Alternative Liste wie "Alles Gute kommt von unten". Finanziell gelohnt habe sich das zwar nicht unbedingt, doch, so Barbara Petersen und Kurt Jotter übereinstimmend, das sei ihnen bei weitem lieber, als sich am "puren Kommerz" zu orientieren.
Mit der Aktion "Berlin wird helle" wollten FDGÖ und Berliner Mieterverein dem Senat heimleuchten: In der Nacht zum Frühlingsanfang dieses Jahres erstrahlten auf rund 200 Häusermauern kunstvolle Diaprojektionen und Protestsignets gegen die bevorstehende Aufhebung der Mietpreisbindung.
"Ungewöhnliche Maßnahmen" sollen zur Dauereinrichtung werden. Wie zum Beispiel die Errichtung eines "Anti-Kreuzberger Schutzwalls" am 17. Juni auf der Kottbusser Brücke, wenige Tage nach dem Besuch Ronald Reagans. Als Parodie auf den Befehl des Innensenators Kewenig, zum vorgeblichen Schutz des US-Präsidenten ganz Kreuzberg polizeilich abzuriegeln, hatten die Aktionskünstler an Passanten selbst angefertigte Passierscheine ausgegeben mit der Bemerkung: Das "Freiwild-Gehege SO 36" dürfe nur auf eigene Gefahr betreten werden.
"Wenn die Politiker zu immer erbärmlicheren Mitteln greifen", so die Aktionisten, "dann ist es eine Aufgabe der Kunst, diese Politik der Lächerlichkeit preiszugeben."
Zu einem Lacherfolg geriet auch die satirische Jubelparade zum 750jährigen Stadtjubiläum. Fast 30000 Schaulustige drängten sich Ende Oktober am Kurfürstendamm, auf dem an die 5000 Parodisten einem überdimensionalen Berliner Bären folgten. Die Enthüllung seines riesigen rosa Geschlechtsteils wurde begleitet von der skandierten Parole "Nix geht über Bärenmacke" und einem Konfettiregen aus zerschnetzelten Volkszählungsbögen.
Die chronisch in Finanznöten steckenden Aktionskünstler hätten, wie sie freimütig einräumen, nichts dagegen, wenn die Kulturwelt von Udo Lindenberg & Co. mal ein Scherflein rüberreichen" würde. Denn von Grünen und alternativen Parlamentariern, so ihre Erfahrung, haben sie nicht sehr viel finanzielle oder ideelle Unterstützung zu erwarten.
"Die Phantasielosigkeit in den linksetablierten Kreisen", hat Kurt Jotter erkannt, "ist so gigantisch, daß man meint, sie wären im Hintern der Institutionen steckengeblieben."

DER SPIEGEL 49/1987
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 49/1987
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

AKTIONSKUNST:
Gutes von unten

  • Unterhaussprecher Bercow: Der Brexit-Star in Zivil
  • Verendeter Wal: 40 Kilo Plastik im Bauch
  • Tausende evakuiert: Historische Fluten in den USA
  • Neuseeländischer Bauer gibt Waffe ab: "Das ist das Risiko nicht wert"