04.07.1988

„Die Mörder sind noch unter uns“

NS-Ärzte: Von der Euthanasie zur Massenvernichtung (III) / Von Robert Jay Lifton _(Für die deutsche Ausgabe: Ernst Klett ) _(Verlag GmbH & Co. KG, Stuttgart 1988. ) *
Bevor ich ihn traf, hatte ich von Ernst B. etliches gehört und viel über ihn gelesen - und zwar nur Gutes, was bei einem Nazi-Arzt erstaunt.
Ehemalige Häftlingsärzte, also Ärzte, die als Gefangene in KZs gelebt hatten, haben Dr. B. immer als einen ganz und gar ungewöhnlichen Nazi-Arzt geschildert - als einen Mann, der Häftlinge, besonders Häftlingsärzte, wie Menschen behandelte und vielen das Leben rettete. Zudem hatte er sich geweigert, in Auschwitz Selektionen vorzunehmen. Zeugenaussagen von Häftlingsärzten hatten denn auch nach dem Krieg im Prozeß gegen B. zu einem Freispruch dieses "menschlichen Wesens in SS-Uniform" geführt.
Dr. B. war geradezu begeistert gewesen, seine Erfahrungen detailliert mit mir besprechen zu können. Ich begegnete einem gepflegten Mann Mitte Sechzig, klein und schmächtig, der recht freundlich war und sympathisch wirkte. Ja, er war so zuvorkommend, daß ich ein wenig nervös wurde. Fast hätte ich vergessen können, daß er, was immer seine Vorzüge sein mochten, einer von denen gewesen war: ein Nazi-Arzt in Auschwitz.
Als 1939 der Krieg ausbrach, war Ernst B. ein junger praktischer Arzt, gerade einige Jahre von der Universität weg. Immer stärker verspürte er den Wunsch, vermutlich als Reaktion auf die nationale Begeisterung nach den frühen Siegen, sich freiwillig zur Wehrmacht zu melden. Zu dieser Zeit traf er zufällig einen Kommilitonen auf der Straße, und der sagte ihm: "Heydrich ist ein guter Freund von mir, ich mache das schon für dich." B. will damals keinen Unterschied zwischen der Waffen-SS und der Armee gemacht haben, außer vielleicht, daß ihm die Waffen-SS "wie ein vornehmer Klub" vorkam.
Einige Monate später wurde er einberufen, der Grundausbildung folgte eine Spezialausbildung zum Offizier. Für ihn war das einfach ein Orientierungsprogramm für Ärzte in der Waffen-SS; er räumte allerdings ein, daß es dabei auch um Themen wie die SS als Elitetruppe mit einem spezifischen Selbstverständnis ging.
Aufgrund seiner bakteriologischen Kenntnisse wurde er dem Hygiene-Institut der Waffen-SS zugewiesen. Für ihn, so betonte er im Gespräch, war das nichts Besonderes. "Das war ein normales medizinisch-militärisches Kommando, ganz normal." Nachdem man seine weltanschauliche Einstellung in verschiedenen Gesprächen durchleuchtet hatte, wurde er zur "Sektion Konzentrationslager" versetzt.
Als er, um seine Ernennungsurkunde abzuholen, bei Professor Joachim Mrugowsky, dem Chef des Hygiene-Instituts in Berlin, vorstellig wurde, erzählte der ihm im etwas verkrampften Plauderton: "Du kommst nach Auschwitz, und du wirst dort finden einen alten Freund ..."
Ernst B. hatte vom KZ Dachau gehört, "aber ich habe nichts gewußt von den Dimensionen und nichts von der Judenvernichtung". Jedenfalls war er auf das, was ihn in Auschwitz bei seiner Ankunft im Sommer 1943 erwartete, völlig unvorbereitet. Seine relative Unbedarftheit ist auch daran zu erkennen, daß er sich von seiner Frau begleiten ließ. Als sie in einem offenen Fahrzeug durch das Lager chauffiert wurden, waren sie beide entsetzt: "Man sah überall die verhungerten Menschen arbeiten, sehr, sehr viele, und überall Bewachung herum, und dann in der Ferne ein großer Zaun ..."
Man brachte sie zu Bruno Weber, das war der "alte Freund", an den Mrugowsky
ihn verwiesen hatte. Dr. B. kannte Weber, er hatte ihn als Vorgesetzten in einem Hygiene-Institut, in dem er früher gearbeitet hatte, schätzengelernt. Allein mit Weber, drückte Dr. B. sein Entsetzen aus und trug den Wunsch vor, das Lager schnell wieder zu verlassen. In seiner Verwirrung war er allerdings auch froh, "Weber als meinen Freund da zu haben". Dieser drängte ihn, zu bleiben und seinen Dienst wie befohlen anzutreten.
Weber fügte dann das hinzu, was Dr. B. "das Wichtigste für uns" nannte: die Erklärung, daß das Hygiene-Institut, als dessen Leiter Weber fungierte, vom Lager und seiner medizinischen Hierarchie unabhängig sei. So "können wir uns aus dieser Sache heraushalten". Ihr Vorgesetzter war Mrugowsky in Berlin, nur ihm waren sie Rechenschaft schuldig. Mrugowsky hatte angeregt, fähige Ärzte unter den Häftlingen in die Labors zu holen, die Arbeitsergebnisse könnten dann unter seinem Namen veröffentlicht werden. Die Gruppe hatte eine bevorzugte Stellung, und Weber betonte, daß die Position des Instituts noch gefestigter würde, "wenn du zu mir hältst". B. war sofort überzeugt und blieb.
Seine erste aufschlußreiche Lektion erhielt er im Lager nach wenigen Tagen. Er kam an der elend aussehenden Gruppe eines Außenkommandos vorbei, die gerade von der Arbeit zurückmarschierte, jeweils zu sechst aneinandergebunden, in demütigend schnellem Tempo, alle heruntergekommen und in Häftlingskleidung: "Und auf einmal, ich weiß nicht, ob es echt war oder eine Imagination, habe ich einen Schulfreund von mir gesehen. Dann, am nächsten Tag, habe ich zu Weber gesagt: ''Ich weiß den Namen, das ist der Simon Cohen.''"
Als jüdischer Klassenkamerad aus gutsituierter Familie war Simon Cohen Anfang der dreißiger Jahre ein guter Freund von B. gewesen, zu einer Zeit, als der Antisemitismus in Deutschland bereits weit verbreitet war. Weber erklärte, es gebe eine große Anzahl von Cohens, die Häftlinge seien ohnehin nicht nach Namen, sondern nach Nummern aufgelistet, und so sei es schlicht unmöglich, den Mann zu finden.
Als B. insistierte, wich man ihm überall auf eine Art und Weise aus, die ihm kafkaesk und unheimlich erschien: Er mußte einsehen, daß jeder seine Fragen merkwürdig fand, völlig unpassend und möglicherweise gefährlich.
Ein ehemaliger Häftlingsarzt, Michael Z., der im Hygiene-Institut gearbeitet hatte, erzählte mir, wie entgeistert er war, als Dr. B. ins Labor gestürzt kam und "einen jüdischen Freund suchte". Gleichzeitig war Z. von der Suche des SS-Arztes tief gerührt: "Ich begriff, daß er tatsächlich eines anderen Geistes Kind war, daß er menschlicher Regungen fähig war. Ja, das hat mich beeindruckt. Das war noch nie dagewesen, das gab es einfach nicht, daß ein SSler den Namen eines jüdischen Freundes aussprach."
An diesem Zwischenfall erkannte Dr. B., daß Auschwitz "eine völlig andere Existenz" bedeutete und daß er "die ganze Mentalität" dort erst würde begreifen lernen müssen. Unmittelbar nach dieser erfolglosen Suche fing er an, von Simon Cohen zu träumen, immer wieder, anfangs häufiger, dann seltener. Aber noch bis in die Gegenwart hinein träumte er gelegentlich von ihm. "Immer dieser vorwurfsvolle, bittende Blick. So ungefähr: Das gibt''s doch nicht, daß du da stehst und ich ... Oder vielmehr der enttäuschte Blick: Wie kannst du zu denen gehören? Du bist doch der gar nicht!"
"Ich neige, je älter ich werde", sagte mir Dr. B., "um so mehr dazu, zu glauben, daß es eine Fiktion war, eine Vorstellung." Aber wir können annehmen, daß dieses (vermutliche) Trugbild und sein Traum Reflexe von Ernst B.''s Humanität waren, in denen sich sein Schuldgefühl ausdrückte, zur Maschinerie von Auschwitz zu gehören. Diese Bilder und Vorstellungen verweisen auf sein Bemühen, der "Auschwitz-Mentalität" nicht gänzlich zu erliegen. Gleichzeitig skizzieren sie seinen Übergang von einem normalen Menschen zum Arzt in Auschwitz.
Seine zweite Lektion war die Konfrontation mit der Arbeitsweise der SS-Ärzte, mit dem "Behandlungssystem", wie er es nannte:
"Die SS-Ärzte haben die Arbeit der Häftlingsärzte überwacht. Und die bestand darin, ökonomisch zu arbeiten. Das heißt: Von wem man erwarten konnte, daß er nicht mehr voll arbeitsfähig wird, der wird selektiert. Das war nun schon für mich ein furchtbarer Schock, diese Prozedur zu sehen. Die sah man nun fast jeden Tag, wenn man durch das Lager ging. Man sah die Gruppen, die man sortiert hatte, die auf den Lastwagen gewartet hatten, daß sie abfuhren." Dr. B.
machte mir klar, daß diese beiden Bilder (Simon Cohen, der im Schlund der Todesfabrik verschwindet, und Häftlingsgruppen, denen aufgrund der Selektion durch seine Kollegen dasselbe widerfährt) Teil einer gründlichen psychologischen Veränderung waren. Diese Veränderung während der ersten, der Übergangsphase, spiegelt sich in seiner Analogie vom Schlachthof, mit der er den Abstumpfungsprozeß zu beschreiben versucht. Wer dort zu tun habe, dem schmecke das Steak zunächst wahrscheinlich nicht mehr, aber nach zwei Wochen Gewöhnung würde sich der Appetit wieder einstellen und "das Steak so gut wie früher auch" schmecken.
Für ihn wie für alle anderen spielte in diesem Abstumpfungsprozeß der Alkohol eine zentrale Rolle. Gesoffen wurde im Kasino. Er ging regelmäßig mit Weber dorthin, der ihn mit anderen SS-Führern bekannt machte, und "mit den Ärzten, mit denen ich zu arbeiten hatte". Unter Alkohol konnte Dr. B. seine Bedenken gegen Auschwitz vorbringen, seine Saufkumpane reagierten darauf resignativ oder mit Erklärungen, in denen sie die Verantwortung von sich wiesen. Zweifel und Bedenken wurden mit eskapistischen Träumereien überspielt.
Wenngleich B. Hemmungen hatte, so wünschte er sich doch, möglichst schnell ein Auschwitz-"Insider" zu werden. Deshalb war er bemüht, mit den anderen SS-Führern, mit den SS-Mannschaftsdienstgraden und auch mit wichtigen Häftlingen einen "harmonischen Umgang" zu pflegen. Zwei SS-Ärzte erlangten für ihn besondere Bedeutung: Weber, der ihn dazu bewogen hatte, in Auschwitz zu bleiben, und Josef Mengele, dessen Name Dr. B. spontan ins Gespräch brachte - als "den anständigsten Kollegen, den ich je hatte". Um bei den Häftlingsärzten zum "Insider" zu werden, ging er systematisch daran, "Kontakte zu schaffen, Leute kennenzulernen und die Barrieren zu überwinden".
Bald gewann er das Vertrauen der Häftlingsärzte, fühlte sich von seinen SS-Kollegen akzeptiert, lebte sich im Lager langsam ein und begann sich einigermaßen wohl zu fühlen. Das änderte sich schlagartig, als von dem Standortarzt Eduard Wirths die Aufforderung kam, B. solle Selektionen vornehmen. Das war im Sommer 1944, als riesige Transporte mit ungarischen Juden eintrafen und die wenigen Lagerärzte die Selektionen gar nicht mehr bewältigen konnten.
B. weigerte sich zunächst heftig, indem er Wirths eine Reihe von Gründen vorhielt, warum ihm dies unmöglich sei: zuviel Arbeit, unvereinbar mit der ihm zugeteilten Aufgabe, und überdies sei er von seiner Psyche her einfach dazu nicht in der Lage. B.: "Und dann hab'' ich ihm natürlich auch gesagt: ''Ich hab'' da mal zugeschaut. Und ich hab''s nur eine halbe Stunde ausgehalten, ich mußte erbrechen ... Dann hat er gesagt: ''Das gibt sich, das hat jeder gehabt. Stell dich nicht so an.''"
Dr. B. wurde so sehr unter Druck gesetzt, daß er schließlich kurzentschlossen nach Berlin fuhr, um Mrugowsky aufzusuchen und ihm mitzuteilen, er sei absolut nicht fähig, Selektionen durchzuführen. Mrugowsky habe ihm auch gleich gesagt: "Ich könnte es auch nicht, ich habe auch Kinder." Dann griff der Direktor des Hygiene-Instituts, verärgert, daß Wirths einen "seiner" Ärzte unter Druck gesetzt hatte, zum Telephon, führte einige Gespräche, und "in wenigen Minuten war alles fertig".
Wenn auch von Dr. B. nie wieder verlangt wurde, Selektionen durchzuführen, so hatte die Episode ein anderes Nachspiel für ihn: Als Kompromiß schickte Mrugowsky einen jungen Arzt namens Hans Delmotte, dem in Auschwitz zwei Aufgaben übertragen wurden: Halbtags arbeitete er am Hygiene-Institut, halbtags als Lagerarzt. Das bedeutete, er sollte an Stelle von Ernst B. selektieren.
Nach der ersten Selektion, zu der man Delmotte mitnahm, wurde ihm schlecht, er betrank sich und ging auf sein Zimmer.
Am nächsten Morgen hörte man ihn sagen, daß er "nicht ins Schlachthaus will", sondern an die Front, und daß es als Arzt "seine Aufgabe ist, Menschen zu helfen und nicht zu töten".
"Wir haben dieses Argument überhaupt nicht in den Mund genommen, weil es völlig sinnlos war", sagte Dr. B. In der Tat hat kein anderer der Auschwitz-Ärzte, mit denen ich gesprochen habe, diese Wahrheit so klar und so oft ausgesprochen. B. führte Delmottes Äußerungen auf "seine Unbefangenheit, seine jugendliche Unerfahrenheit, seine völlige Weltfremdheit in dieser Hinsicht" zurück.
Als Delmotte herausfand, daß er nach Auschwitz geschickt worden war, um an Stelle von Ernst B. Selektionen vorzunehmen, reagierte er verärgert: "Wie machst du das? Wenn du nicht selektierst, dann werde ich auch nicht selektieren." B. "hatte kein gutes Gefühl" bei der ganzen Sache. Denn: "Ich habe ihm natürlich nicht gesagt, daß ich bei Mrugowsky war."
Delmotte hat sich dann voller Groll von Weber und B. zurückgezogen, weil keiner von beiden ihn unterstützte. B. gab mir gegenüber zu, daß es vermutlich Wege gegeben hätte, Delmotte zu helfen - "was ich zu meiner Schande sagen muß".
Delmotte wandte sich an den neuen Lagerkommandanten Arthur Liebehenschel, den Nachfolger von Rudolf Höß, der ihm "therapeutisches Verständnis" entgegenbrachte. "Er sagte: ''Das kann ich gut verstehen, man muß sich erst einleben.''" So jedenfalls erzählte Dr. B. die Geschichte, und tatsächlich arrangierte Liebehenschel ein "therapeutisches Programm" aus drei Komponenten.
Zunächst kam Delmotte unter Mengeles Fittiche. Mengele, überzeugter Anhänger der SS und ihres Loyalitätsverständnisses, sollte vermitteln, daß man als SS-Angehöriger an der Vernichtung der Juden teilzunehmen hatte, selbst wenn man dies für falsch hielt oder mit der Art, wie dies geschah, nicht einverstanden war.
Sodann setzte sich Weber als "guter Psychologe" dafür ein, Delmottes Frau nach Auschwitz an die Seite ihres Ehemannes zu holen. Sie war, so Dr. B., ebenso außergewöhnlich schön wie amoralisch - "kein Herz, keine Seele, kein gar nichts". Ihr einziges erkennbares Interesse galt ihren zwei riesigen Doggen, die sie im Hygiene-Institut hielt und ständig streichelte. Webers Hintergedanke dabei war, daß der regelmäßige Verkehr mit ihr Delmotte, wie Dr. B. es ausdrückte, "ganz wesentlich ruhiger" machte.
Als dritte Maßnahme stellte man Delmotte für Forschung und Arbeit an seiner Dissertation einen älteren jüdischen Häftlingsarzt als Mentor zur Seite, einen anerkannten Wissenschaftler und Professor, der laut B. für Delmotte zur Vaterfigur wurde. B. behauptete, der Professor habe Delmotte sogar zu den Selektionen geraten, weil man "ihn irgendwie sehr stark bestrafen wird, wenn er sich weigert". B. vermutete, "daß der Professor das meiste dazu beigetragen hat, Delmotte, sagen wir mal, zu motivieren".
Delmotte hat dann ohne weiteren Zwischenfall bis zum Herbst 1944 selektiert. Nach der Evakuierung des Lagers traf B. ihn noch einmal kurz in Dachau, danach "habe ich ihn nicht mehr gesehen". Delmotte versuchte, nach Hause zu entkommen, wurde aber bald gefaßt. Als die Amerikaner ihn ins Gefängnis bringen wollten, erschoß er sich.
Mit ungewöhnlicher Gefühlsaufwallung fügte B. hinzu: "Ich hatte gehofft, ich könnte ihm irgendwie helfen. Denn ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil er das machen mußte, was mir gelungen war zu vermeiden. Vielleicht hätte ich aufrichtig zu ihm sein können, aber in dieser Situation - es war für mich sehr schwierig."
Die an der Rampe von Auschwitz ankommenden Juden hatten nicht den Eindruck, daß dort etwas Medizinisches vor sich ging - für sie war der SS-Arzt an der Rampe im allgemeinen nur ein weiterer SS-Mann mit absoluter Macht über sie.
Typisch sind die Erfahrungen von Marianne F., die Anfang 1943 als 17jährige aus der heutigen Tschechoslowakei nach Auschwitz kam.
"Wir wurden separiert und in Fünferreihen aufgestellt. Zwei Männer standen da. Auf einer Seite war der Arzt, einer war Mengele, auf der anderen Seite war der Arbeitsführer, der Mann, der das Arbeitskommando unter sich hatte. Und es hieß: ''Du gehst zu Fuß, du fährst mit dem Lkw, du marschierst, du fährst.'' Das Muster konnte man ziemlich schnell erkennen. Die unter 14 und über 35 kamen auf die Lastwagen. Und erst als wir tatsächlich ins Lager einmarschierten, wußtest du, wo die Laster hingefahren waren. All das geschah sehr schnell, sehr gründlich."
Wie Marianne F. weiter berichtete, warteten auf jene, die ins Lager gelangten, sofort eine Reihe von Demütigungen: Sie mußten sich vor dem Betreten der "Dusche" oder "Sauna" vor den SS-Männern völlig entkleiden; der ganze Körper wurde rasiert; unzureichende Kleidung wurde verteilt, hauptsächlich alte Uniformen russischer Kriegsgefangener; und dann die Tätowierung: "Ich weiß noch, wie das gemacht wurde: Es entzündete sich und alles mögliche. Ich habe nie Schmerzen gespürt, man war ganz einfach ohne Gefühl, wie abgestorben."
Ein Überlebender berichtete von einem Arzt, der im Umkleideraum vor der Gaskammer, in dem die Häftlinge sich ausziehen mußten, erschienen war und auf dem boden Scherben von zerbrochenen Brillengläsern fand. "Bitte seien Sie vorsichtig, verletzen Sie sich nicht", warnte er die Anwesenden. "So waren sie - bis zum letzten Moment den Schein bewahren."
Dieser Überlebende listete auch die Maßnahmen und Funktionen auf, durch die SS-Ärzte an den Tötungen beteiligt waren: erstens die Aufstellung des Dienstplans für die Selektionen durch den Standortarzt; zweitens der Dienst an der Rampe; drittens die Begleitung des Ambulanzwagens oder des Rotkreuzfahrzeugs auf der Fahrt zu den Krematorien; viertens die Anordnung, "wieviel Gas eingeworfen werden sollte ... durch diese Löcher in der Decke, je nachdem, wie viele Leute da waren".
Fünftens "beobachtete der Arzt durch das Loch, wie die Leute starben"; sechstens: "Wenn die Leute tot waren, gab er den Befehl zu lüften, die Gaskammer zu öffnen, und er kam mit einer Gasmaske in die Kammer"; siebtens "unterzeichnete er ein Formular, daß die Leute tot sind und wie lange es gedauert hat", und achtens "überwachte er die Zahnextraktionen aus den Leichen". Für den, der diese Beobachtungen machte, steht fest, daß "das Tötungsprogramm von A bis Z von Ärzten geleitet wurde".
Sicherlich hatte das, was "Rampendienst" genannt wurde, für die Lagerärzte in Auschwitz eine zentrale Funktion. Im allgemeinen teilten sich sieben SS-Ärzte diese Arbeit, die dem militärischen Zuständigkeitsbereich zugerechnet wurde; innerhalb der militärischen Struktur galten die Selektionen als medizinische Aufgabe, die nur von Ärzten erfüllt werden konnte.
Diese von oben erteilte Anordnung, ausschließlich Ärzte selektieren zu lassen, wurde von Eduard Wirths, dem Standortarzt von Auschwitz, eisern eingehalten. Er bestand darauf, ein gutes Beispiel abzugeben: Nicht nur, daß er selbst selektierte, was er als Chef nicht gemußt hätte, er holte seinen Rampendienst sogar nach, wenn er einmal verhindert gewesen war, den Plan einzuhalten.
Welche Vorbehalte auch immer die SS-Ärzte anfänglich gehabt haben mochten, nach kurzer Zeit betrachteten sie, wie Dr. B. berichtete, die Selektionen als "normalen Dienst", als "regulären Job". Als 1944 der enorme Zustrom
ungarischer Juden zu Schwierigkeiten bei der Diensteinteilung der Ärzte führte, verkündete Wirths, daß von nun an Zahnärzte und Apotheker regelmäßig gemeinsam mit den Ärzten die Selektionen abzuwickeln hätten.
Laut Vorschrift hätte der Arzt, wie mir Dr. B. erklärte, "jeden einzelnen aus medizinischen Gründen beurteilen müssen. Ist er arbeitsfähig? Ist er lagertauglich oder nicht? Praktisch wurde es nie praktiziert, weil es unmöglich war. Man hat nur nach Kategorien selektiert". Aber der Arzt war immer noch die zentrale Figur. Dr. B.: "Der stand da und hat das Ding geleitet."
Es kam vor, daß die Ärzte sich sehr eingehend mit methodischen und technischen Einzelheiten der Selektionen beschäftigten.
"Die Leute, die bei der Selektion beteiligt waren, haben tagelang darüber diskutiert: Was ist besser, die Mütter nachher noch mal abzuselektieren von den Kindern oder die Mütter mit den Kindern in das Gas gehen zu lassen. Verstehen Sie? Das waren die Probleme in Auschwitz." (Dr. B.)
Die Ärzte pflegten einen lebhaften Gedankenaustausch über die Höhe der Tötungszahlen und Lagereinweisungen, und zwar stets aus gesundheitlichen und hygienischen Überlegungen heraus. Dr. B. weiter: "Es ist sehr viel diskutiert worden darüber; soll man mehr vergasen, oder soll man ...? Wo ist die Grenze zu setzen? Nimmt man mehr ältere Leute in die Lager hinein, dann gibt es mehr Kranke. Und das ist aus vielen Gründen das schlimmere Problem. Wenn die im Arbeitslager sind, nicht wahr. Denn die Arbeitslager haben nur ein gewisses Ding von Möglichkeiten. Da kommt wieder die Lagerleitung und sagt: ''Ihr schickt uns hier die Leute, mit denen wir nichts anfangen können, die verrecken uns bloß!'', nicht wahr."
"Wirklich aktiv wurden die Ärzte", so erzählte Dr. B., wenn es um das vorrangig technische Problem ging, wie man alle die Leichen am besten verbrennen könne. Das Krematorium wurde der immer neuen Ladungen nicht mehr Herr, also wurden Gräben ausgehoben und mit Leichen gefüllt.
"Da hat man also große Haufen verbrannt, enorme Haufen. Und nun ist das ein großes Problem, Leichenhaufen anzuzünden. Das kann man sich vorstellen. Nackt. Brennt ja nix. Wie man das nun bewerkstelligt: Die waren durch die Gaskammer gegangen, und nun lagen da Tausende, die mußten verbrannt werden. Wie macht man das? Und da hat man viel probiert, und da wurden auch zum Beispiel die Ärzte herangezogen, das Problem zu lösen."
Ernst B. wurde selbst ein wenig aufgeregt, als er die technischen Probleme detailliert erklärte:
"Die Gaskammern haben ausgereicht, nicht wahr. Das war kein Problem. Aber die Verbrennung, die Öfen sind kaputtgegangen. Und die mußten alle in einem großen Haufen verbrannt werden. Das Problem ist also eine wirklich große technische Schwierigkeit gewesen. Platz war an sich auch nicht allzu groß, ja, weil man erst glaubte, man müßte kleine Haufen nehmen. Also, das müßte kleine biert werden. Und dann hat halt jeder sein physikalisches Wissen dazu gegeben, wie man das anders machen kann. Mit Gräben darum machen, daß die Luft von unten kommt und Holzschwellen darunter und Benzin drauf, oder Benzin drunter und Holz dazwischen. Das waren die Probleme."
Er betonte wieder und wieder - das war seine Botschaft -, daß ausschließlich pragmatische Fragen erörtert wurden, wie es besser funktionieren könnte. "Aber nicht aus moralischen oder ästhetischen oder irgendwelchen anderen Gründen, verstehen Sie. Weil, das war ja schon abgeblockt. Das ist nicht eine Frage des ästhetischen oder des ethischen oder eines sonstigen Engagements. Sondern nur das rein Fachliche." Und mit eisiger Konsequenz: "Nein. Ethisch - das Wort gibt es nicht."
"Der ganze Ablauf der Lageratmosphäre ist genauso gewesen wie in einer zivilen Gemeinschaft oder irgendwo. Mit all den menschlichen Reibereien, verstehen Sie. Das war, wie wenn ein Bauvorhaben war, so etwas. Das können Sie beobachten in jeder Gemeinde, in jedem Volk. Und das Außerordentliche der Handlungen, oder was es ist, nicht wahr, das stand überhaupt nicht zur Debatte, denn das war ja akzeptiert. Zum Beispiel das Problem Krematorium und Kapazität und so weiter war ein genauso normales Problem wie beim anderen eine Kanalisationsanlage oder so etwas."
Überall im Lager gab es Selektionen, natürlich auch in den Kranken-Blocks. Wenn sie dort selektierten, konnten Nazi-Ärzte am besten und aufschlußreichsten beobachtet werden. Hier vollzog der Arzt die Umkehrung von Heilen und Töten innerhalb eines medizinischen Kontextes: Diese Selektionen sind daher ein Schlüssel des medikalisierten Tötens und eine ganz besondere Wahrheit von Auschwitz. In den Kranken-Blocks fand eine mörderische Pervertierung der medizinischen Diagnostik statt: Der Arzt sortierte die Kranken und Schwachen aus, um die Tötungsmaschinerie zu beschicken.
Mit der durchschnittlichen Lebensmittelration, berichtete der polnische Häftlingsarzt Wladyslaw Fejkiel, konnte sich ein Häftling nicht viel länger als drei Monate auf den Beinen halten; danach
war er ausgezehrt, waren die Symptome der "Hungerkrankheit" nicht zu übersehen. Wer hungerkrank wurde, kam in die Kranken-Blocks, wo er bis zu seinem Tod blieb. So wirkten diese Einrichtungen auf sehr direktem Weg daran mit, die mörderische Ökologie des Lagers aufrechtzuerhalten.
Angesichts der Lagerbedingungen und der Hungerrationen konnten die Kranken-Blocks zur Gesunderhaltung der Arbeitskräfte wenig beitragen, und außerdem kamen ständig neue Juden an, um die schwächeren Arbeitskräfte zu ersetzen.
Mit dem Eintreffen des neuen Standortarztes Eduard Wirths im September 1942 und durch das wachsende Interesse an der Arbeitsfähigkeit möglichst vieler Häftlinge wurden die medizinischen Einrichtungen erheblich erweitert und verbessert. Häftlingsärzte durften nun medizinisch tätig werden; verantwortungsvolle politische Häftlinge, darunter viele deutsche Kommunisten, übernahmen wichtige Positionen im Krankenwesen, die bisher von brutalen kriminellen Häftlingen besetzt gewesen waren.
Diese Entwicklung wurde von den meisten SS-Ärzten unterstützt. Gleichzeitig jedoch erreichte der Massenmord an den Juden seine größten Ausmaße, und die SS-Ärzte waren hierbei die Hauptkoordinatoren. Sie "taten alles, was die Führung wünschte", das heißt, "sie kooperierten bei der Tötung der Häftlinge und unternahmen gleichzeitig alles, um den Anschein einer ordentlichen medizinischen Versorgung zu erwecken; auf diese Weise halfen sie, alle möglichen Verbrechen zu vertuschen" (Fejkiel). So bestätigten sie unter anderem mit ihrer Unterschrift, daß die Lebensmittelzuteilungen für ein Überleben ausreichten, um dann schließlich eine falsche Todesursache in der Häftlingskartei einzutragen (über Häftlinge, die ins Lager eingewiesen worden waren, wurde vorschriftsmäßig Kartei geführt).
Für eine bedeutsame ökonomische Dimension in der Selektions- und Mordmaschinerie von Auschwitz sorgte die I.G. Farben. Im März 1941 kam man überein, daß die I.G. Farben der SS für jeden ungelernten Häftling 3 Reichsmark und für jeden gelernten Häftling 4 Reichsmark pro Tag zahlen würde. Der Preis für Kinder lag bei 1,00 beziehungsweise 1,50 Reichsmark.
Die I.G. Farben erließ eine Vorschrift, daß in ihrem Häftlingslazarett in dem Auschwitz-Teillager Monowitz zu keinem Zeitpunkt mehr als fünf Prozent der Häftlinge sein dürften. Und diese fünf Prozent mußten nach dem Urteil der Ärzte in der Lage sein, innerhalb von zwei Wochen an ihren Arbeitsplatz zurückzukehren, andernfalls wurden sie in die Gaskammer geschickt.
Im Winter 1942 wurde die Anordnung Dr. Enno Lollings vom SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt, alle arbeitsunfähigen Häftlinge zu töten, auf kranke Häftlinge erweitert, deren Genesung mehr als vier Wochen in Anspruch nahm. In der Praxis hieß das allerdings, daß niemand länger als zwei bis drei Wochen krank sein durfte.
Die Kranken-Blocks waren innerhalb des Lagers eine autonome Einheit, die nur dem Standortarzt, den Lagerärzten und ihren Sanitätsdienstgraden unterstanden, nicht aber dem Lagerkommandanten.
Doch die Befehlsgewalt des SS-Arztes konnte sehr schnell mörderische Auswirkungen haben, wie der ehemalige Häftlingsarzt Dr. Robert Levy in einem später geschriebenen Artikel berichtete: "Am 21. Januar 1944 habe ich in meinem chirurgischen Block aufgrund der unwiderruflichen Entscheidung des SS-Arztes Thilo in wenigen Augenblicken 96 meiner 100 Patienten verloren."
Bei den größeren Selektionen kamen alle Häftlingspatienten, gewöhnlich nackt, vor den Lagerarzt, der dann mit einem kurzen Blick entschied, wer bleiben konnte und wer getötet werden sollte.
Für die meisten SS-Ärzte war die Selektion einfach eine Arbeit - irgendwie unangenehm, häufig sehr anstrengend - und ein Anlaß für starken Alkoholkonsum, wie mir Dr. Karl K. berichtete:
"Die Selektionen waren im wesentlichen eine Strapaze. Nämlich, die ganze Nacht da stehen. Und das war nicht nur die Nacht da stehen. Der andere Tag war auch kaputt, weil man betrunken war, jedes Mal. In der letzten Hälfte der Nacht hat er also schon seinen halben Rausch, und zum Schluß ist er besoffen. Es war während der Selektion, daß getrunken wurde. Es wurden zu jeder Selektion soundso viel Flaschen gestiftet, und jeder hat getrunken und mit dem anderen angestoßen, man konnte sich da nicht ausschließen. Wenn es zwei, drei Uhr geworden ist, dann wurde man müde, und dann hat man noch mehr getrunken."
Die Selektionen standen in der Hierarchie des Schreckens offenbar nicht an erster Stelle. Dr. B. zum Beispiel betonte, daß "andere Sachen viel schlimmer waren" - wie die sterbenden Kinder im Zigeunerlager, wo 80 Prozent der Häftlinge verhungerten und einige wenige "recht gut leben" konnten. "Und das ständig und täglich und immer vor sich zu haben. Dazu hat es eine lange Zeit gebraucht, bis man damit leben konnte."
Hier wie in anderen Situationen zählte das, was man sehen konnte, greifen konnte. B.: "Das Töten hat man meistens ausgeklammert. Das war auch nicht das, was so unmittelbar sichtbar
war. Sichtbar waren die sogenannten Muselmänner _(So hießen im Lagerjargon die völlig ) _(entkräfteten, dem Hungertod nahen ) _(Häftlinge. ) . Sichtbar waren die Verhungerten. Und das Problem der an Hunger Sterbenden, nicht wahr. Das war das größere Problem - und das, was einen auch mehr bedrückt hatte."
Indem sie es gewissermaßen übersahen, konnten sich die Ärzte von dem Töten distanzieren, über das sie die Oberaufsicht hatten. Dem gleichen Zweck diente es, wenn sie sich auf das beriefen, was sie für noch schrecklicher hielten - die Lager für russische Kriegsgefangene und frühere Konzentrationslager: "Seltsamerweise war es so, daß man gesagt hat, in Auschwitz ist ja alles besser als woanders." Und Dr. B. erklärte weiter: "Das, was Auschwitz halt so besonders berüchtigt macht, sind eben die Vergasungsanlagen, nicht wahr. Und die waren etwas weiter draußen, da hat man nur den Geruch eigentlich mitgekriegt." Aber an einen Geruch, so hatte er früher gesagt, gewöhnt man sich.
Andererseits aber müssen die Selektionen so belastend gewesen sein, so stark mit dem Odium des extrem Bösen behaftet, daß die Nazi-Ärzte alle Psycho-Mechanismen aufboten, um das wirkliche Begreifen ihres Handelns zu vermeiden - jegliche Form des Abstumpfens und der Entwirklichung.
So konnte Dr. B., der viele Selektionen mit ansah, ohne sie selbst vorzunehmen, sagen: "Also wenn ich jetzt den Hergang einer Selektion schildern sollte - praktisch unmöglich. Verstehen Sie, weil es ein rein technischer Vorgang war, ich kann nur immer viele einzelne Bilder schildern. Es waren Impressionen. Was einem bleibt, sind nur die Impressionen. Und die sind oft nicht die besonders grausamen. Die muß man sich erst wieder heranholen."
Diese Schwierigkeit, sich zu erinnern, läßt darauf schließen, daß Nazi-Ärzte zu keiner Zeit ihr eigenes Handeln bei der Durchführung der Selektionen gefühlsmäßig wirklich erfaßt haben.
Nazi-Ärzte, erzählt uns Dr. B., hatten "ein Leben wie ein Fürst", denn "alles, was irgendwie mit einer konkreten Arbeit zusammenhing, ist sowieso von den Häftlingen gemacht worden". Dieses fürstliche Leben war ein zusätzlicher Anreiz, an Selektionen teilzunehmen, insbesondere wenn bei einem ausdrücklichen Wunsch nach Versetzung die Alternative die russische Front bedeutet hätte.
Die "Fürsten" pflegten ein elegantes Auftreten. "SS-Ärzte waren ganz besonders gut gekleidete, sich distanziert verhaltende Herren, die keinen Häftling anrührten", berichtete der Häftlingsarzt Dr. Henri Q. Sie waren im Lager allgegenwärtig: "Sie deichselten die Situation im Häftlingskrankenbau, bei den Selektionen, am Bahnhof, in den Krematorien. Sie waren überall."
Teils aus Langeweile, teils aber auch aus wichtigen psychologischen Gründen betrieben alle Ärzte das, was Dr. B. "ein Hobby" nannte. Das konnte in konkreter medizinischer Arbeit oder Forschung bestehen, das konnte auch in der Zusammenarbeit mit erfahrenen Häftlingsärzten bei verschiedenen medizinischen Unternehmungen bestehen, unter anderem in der Chirurgie, auf dem klinischen Sektor oder in der Pathologie. Bei einer solchen Zusammenarbeit war der Nazi-Arzt für den Häftlingsarzt gleichzeitig Schüler und Gebieter über Leben und Tod. Sicherlich war die Errichtung ehrgeiziger Lazarett-Projekte ein weiteres Hobby.
Und wieso waren alle diese Tätigkeiten Hobbys? "Das konnten wir in dem Tempo eines Hobbys machen oder mit dem Engagement eines Hobbys", sagt Dr. B. Mit anderen Worten, in Auschwitz war alles, was nicht mit dem Töten zu tun hatte - oder, in geringerem Maße, mit der Arbeitsproduktivität -, nicht mehr als ein Hobby.
Sich medizinisch zu betätigen diente also dazu, das wirkliche Begreifen des eigenen Tötens und des Sterbens der anderen zu vermeiden. "An sich ist ja ein Hospital in einem Milieu, wo die Menschen verhungern, eine contradictio in adjecto, nicht wahr. Da hinein haben sich die Ärzte in diese Illusion geflüchtet", meinte Dr. B.
Der SS-Arzt war ganz und gar in die großen Widersprüche der "schizophrenen Situation" verwickelt, die für Dr. Ernst B. der Schlüssel zum Verständnis von Auschwitz war. In dieser Einschätzung zeigt sich die "Exterritorialität" - das Gefühl, was hier geschieht, zähle nicht. Der Kern dieser Schizophrenie lag für die Ärzte in dem Gedanken, in einem "Schlachthaus" konstruktive medizinische Arbeit zu leisten.
Der Häftlingsärztin Dr. Magda V. fielen die Veränderungen im Verhalten mancher Ärzte auf, wenn sie Selektionen durchführten: "Es war ein anderer Mensch, der andere Dinge tat. Ich sage Ihnen, sie waren schizoid." Sie wollte damit sagen, daß es sich um zwei verschiedene Menschen zu handeln schien. Dr. Werner Rohde zum Beispiel sei bei Selektionen "unruhig, wahrscheinlich lauter oder auf jeden Fall heftiger" gewesen. Tadeusz S. erinnerte sich, daß Rohde einmal einen Schuß in die Luft abfeuerte, "als er die Leute in die Gaskammer gehen sah, nachdem er sie dort hingeschickt hatte", aus "Wut, Trunkenheit und Angst - ein Gewissensproblem".
Es gab Unterschiede im Verhalten, die von der Einstellung der einzelnen Ärzte den Selektionen gegenüber abhingen:
Rohde, so Dr. V., "haßte sie" und soff. Hans Wilhelm König "war außerordentlich diszipliniert, betrachtete sie als seine Pflicht". Mengele "war distanziert, so als ob er Ungeziefer beseitigen würde". Und Fritz Klein "hatte seinen Spaß dran, der Hund". Tadeusz S. charakterisierte Horst Fischer und Friedrich Entress als "die schlimmsten Mörder, mit Gesichtern wie Priester, aber eiskalt".
Das innere Gespaltensein zeigte sich bei den meisten daran, daß sie nach den Selektionen gleich verschwanden und ihren Untergebenen das Feld überließen, "als ob", wie Dr. V. es ausdrückte, "sie selbst nichts getan hätten".
Um mit Auschwitz fertig zu werden, führten die Nazi-Ärzte eine Art Doppelleben, das die "Dopplung" ihrer Psychostruktur reflektierte und verstärkte. So verbrachten sie den größten Teil ihrer Zeit im Lager und fuhren ungefähr alle zwei Monate für ein paar Tage auf Urlaub zu ihren Frauen und Kindern. Sie waren sich des Abgrunds zwischen diesen beiden Welten genau bewußt. Frau, Kinder und Eltern wurden zum Symbol der Reinheit im Gegensatz zu dem Schmutz von Auschwitz. Ernst B. gelang es zum Beispiel, alle zwei oder drei Monate für eine Woche nach Hause zu fahren. Er war aber strikt dagegen, daß seine Frau ihn jemals in Auschwitz besuchte.
Nur eine Form von Gespaltensein oder "Dopplung" kann die Polarität von Grausamkeit und Anständigkeit bei ein und demselben SS-Arzt erklären. Klein ist dafür vermutlich das beste Beispiel. Dieser grausame und fanatische Rassist wurde von Dr. Magda V. als ein äußerst heuchlerischer, ganz einfach "schlechter Mensch" wahrgenommen. Olga Lengyel, eine andere Häftlingsärztin, sah in ihm "einen der leidenschaftlichen Fanatiker" des Nazi-Mordprogramms. Und doch sah sie in ihm gleichzeitig einen Menschen, der auch Freundlichkeit zeigen konnte, indem er ihr zum Beispiel Arzneien für ihre Patienten brachte und sie vor rohen SS-Leuten in Schutz nahm; er war, so Olga Lengyel, "der einzige Deutsche in Auschwitz, der nie gebrüllt hat".
Ein weiterer Häftling hatte gleichfalls überraschend positive Erfahrung mit Klein: Auf einem Gang durch das Lager wagte dieser Mann es, den SS-Arzt anzusprechen und ihn zu bitten, seine Frau, eine Krankenschwester, wieder in den Kranken-Block zu versetzen, wo sie früher schon gearbeitet hatte. Der Staub und die Sägespäne würden ihr auf dem Speicher, wo sie jetzt arbeite, schwer zu schaffen machen. Statt zu sagen, "Weg mit dem Mann", wie es jeder erwartet hatte, tat Klein ihm den Gefallen. "Diese Dinge sind so miteinander verwoben", sagte dieser Überlebende: "Mord und Auslöschung auf der einen Seite und dann diese ganz kleinen Sachen, wo wieder alles ganz anders sein konnte."
Dieser Mann fand, daß Klein hauptsächlich auf Grund dessen funktioniert habe, was ich das "Auschwitz-Selbst" nenne, daß ihm aber auch eine humane Dimension des Selbst zur Verfügung gestanden habe, die in gewissen Momenten zum Vorschein kommen konnte.
Mörderische Grausamkeit und momentane Freundlichkeit waren Teile des umfassenden psychologischen Gleichgewichts, das es dem SS-Arzt ermöglichte, sein tödliches Werk zu verrichten. Er wurde in ein riesiges, brutales, hochfunktionales System integriert. "Was uns beeindruckte", erzählte der Häftlingsarzt Dr. Henri Q., "war das kollektive Bestreben in Auschwitz. Es war nicht nur einer, sondern es waren viele. Und das Beunruhigende war, daß es sich nicht um etwas Leidenschaftliches handelte, sondern daß alles sehr ruhig und überlegt war - in Auschwitz war nichts emotional."
Von dem SS-Arzt Dr. Fischer wird der Ausspruch überliefert: "Wir sind so weit gegangen, daß wir jetzt nicht mehr zurück können." Das kann man moralisch auslegen: Das Böse konnte nicht mehr ungeschehen gemacht werden. Psychologisch interpretiert heißt dies: Wer eine Mordmaschinerie über eine gewisse Zeit betreibt, ist nicht mehr in der Lage, damit aufzuhören. Denn: Greuel erzeugt Greuel. Weiterzumachen mit dem Töten wird zu einer psychologischen Notwendigkeit, um eben dieses Töten zu rechtfertigen und als etwas anderes zu sehen, als es ist.
Gespaltensein und psychische Abstumpfung zeigten sich auch bei der Haltung der Nazi-Ärzte nach 1945. Der ehemalige Häftling Dr. S.: "Oh, die leben immer noch überall auf der Welt. Sie haben keine moralischen Probleme. Die sind nur unglücklich, daß sie den Krieg verloren haben."
Im nächsten Heft
Phenolspritzen: "Die Henker rühmten sich ihrer Rekorde" - Medizinische Experimente: "Sie nahmen uns, weil sie keine Kaninchen hatten" - Dr. Mengele: "Was ist los, werden sie sentimental?"
So hießen im Lagerjargon die völlig entkräfteten, dem Hungertod nahen Häftlinge.
Von Lifton, Robert Jay

DER SPIEGEL 27/1988
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