09.05.1988

„Ja, ja - sterben tun wir alle“

Laudatio auf den deutschen Strahlenforscher Wolfgang Jacobi / Von Peter Kafka Professor Wolfgang Jacobi ist Mitglied zahlreicher nationaler und internationaler Beratungsgremien für Strahlengefährdung durch die Atomenergie. Peter Kafka, 54, arbeitet am Max-Planck-Institut für Astrophysik in Garching bei München und ist einer der wenigen streitbaren Kritiker in der etablierten Wissenschaft, etwa gegen SDI und Atomtechnik. *
Wenn jemand 60 wird, ist es wohl gerade noch erlaubt, auch Böses über ihn zu sagen. Wolfgang Jacobi, seit 16 Jahren Direktor des Instituts für Strahlenschutz der Gesellschaft für Strahlen- und Umweltforschung (GSF) in Neuherberg bei München, wird am 17. Mai 60. Letzten Monat verlieh ihm zudem die Internationale Strahlenschutzgesellschaft bei einem großen Kongreß in Sidney ihre höchste Auszeichnung, den Sievert-Preis. Offenbar hat er sich hochverdient gemacht. Sie wissen ja: 1 Sievert entspricht 100 rem!
Wem hat Wolfgang Jacobi gedient? Greift man auf den reichen Zitatenschatz zurück, so gewinnt man den Eindruck, er sei manchmal hin und her gerissen gewesen zwischen der Loyalität zu seinen ministeriellen Auftraggebern und alten Freunden in der Atomwirtschaft einerseits und dem Ziel des Schutzes der Bevölkerung andererseits.
Im Juni 1986 zum Beispiel, kurz nach Tschernobyl, mußte er bei einer beruhigenden Veranstaltung des bayrischen Umweltministeriums sagen, es gebe keinerlei Probleme mit Dosisberechnung und Wirkungsabschätzungen. Alles sei klar.
Drei Wochen später, vor beunruhigten Ärzten, klang es ganz anders: Man könne gar nicht vorsichtig genug sein. Und in einem Interview des Bayerischen Fernsehens zum ersten Jahrestag von Tschernobyl ergab sich auf die Frage nach den Folgen für Bayern dieser eindrucksvolle Wortwechsel: _____" JACOBI: Wir gehen davon aus, daß hier im Bereich " _____" München eine mögliche zusätzliche Krebshäufigkeit von " _____" etwa 50 bis 300 zusätzlichen Fällen möglich wären. " _____" MEYER: Also ich darf noch einmal wiederholen: 50 bis " _____" 300 Leute sterben zusätzlich mehr an Krebs. " _____" JACOBI: Ja, ja - und sterben dadurch weniger an " _____" andern Ursachen - das muß man auch dazu sagen; denn " _____" sterben tun wir alle. "
Ja, ja - hin und her gerissen wie der berühmte Esel zwischen den beiden gleich großen Heubündeln. Nur waren zum Glück für Professor Jacobi die widersprüchlichen Ziele doch nicht gleich attraktiv. Sonst wäre er ja zwischen ihnen verhungert.
Im Jahresbericht der GSF steht: "Die Forschungs- und Entwicklungsarbeiten sind auf die forschungspolitische Zielsetzung der Bundesregierung ausgerichtet, mit den Hauptpunkten Umwelt und Gesundheit." Diese Zielsetzung aber war immer klar: Die Weiterentwicklung der Atomwirtschaft darf nicht behindert werden. Deshalb ist den Großforschungsanlagen nach Tschernobyl auch eine weitere wichtige Aufgabe zugewachsen: "... ein Grundvertrauen der Gesellschaft in die Möglichkeiten der Technik wiederherzustellen", wie Professor Hans Wolfgang Levi, seit der Wende Geschäftsführer der GSF, es ausdrückte.
Wie schafft man solches Grundvertrauen, wenn es womöglich gar keine Grundlage dafür gibt? Ein wahrer Forscher müßte vor diesem Auftrag verzweifeln, denn bei Wissenschaft weiß man vorher nicht, was herauskommt. So bleibt in der Tat nur die "ausgerichtete" Forschung. Wie sie funktioniert, das zeigt beispielhaft die Tätigkeit der nationalen und internationalen Strahlenschutzkommissionen, an denen Wolfgang Jacobi seit vielen Jahren mit großem Einsatz beteiligt ist.
Der Sievert-Preis würdigt seine Erfindung der "effektiven Äquivalenzdosis", die es endlich erlaubt, die vielfältigsten Strahlenwirkungen auf die Berechnung einer einzigen Zahl zu reduzieren - fast so genial wie die Erfindung des Bruttosozialprodukts als Maßstab unseres Wohlergehens. Der großartigen Vereinfachung zuliebe bleiben zwar alle strahlenbedingten Krankheiten unbeachtet (es sei denn, sie führten direkt zum Tode) und ebenso fast alle zu erwartenden Erbschäden (nämlich jene, die erst in späteren Generationen bemerkt werden) - aber kleinere Zahlen bei den Strahlenfolgen sind doch gut für jedermann, nicht wahr? Und Jacobis Versuche, im Bereich niedriger Dosen, wo man nichts weiß, durch allerlei Plausibilitätsbetrachtungen das Risiko auf dem Papier noch ein wenig weiter zu reduzieren, sind deshalb wohl ebenfalls preiswürdig.
Wegen der hohen Komplexität des Forschungsgebietes ist nicht etwa das Fälschen von Ergebnissen nötig, um sich nach den Staatszielen auszurichten. Es genügt meist schon, aus der Fülle der Fachliteratur eine geschickte Auswahl zusammenzustellen. Zwar ist der Staat selbst interessierte Partei, doch dulden wir merkwürdigerweise, daß er ausschließlich seine eigenen Anwälte als Gutachter beruft, schließlich auch noch selbst in diesem Meinungsbildungsprozeß das Urteil spricht und dann auf dieser Grundlage den "Stand der Wissenschaft" verordnet.
Gewiß, es gab Widerstand; besonders scharf sogar von früheren führenden Mitarbeitern der Kommissionen. Man mußte sie für senil erklären. Nur peinlich, daß gerade jetzt eine Revision fällig wird, die von Kritikern seit vielen Jahren gefordert wurde, weil klar war, daß die Strahlenschäden in Hiroschima und Nagasaki früher beträchtlich unterschätzt worden waren. Müssen nun nach langem, schmerzhaftem Prozeß auch die offiziellen Strahlenschützer eingestehen, daß die Kritiker recht hatten? O nein!
Man tut, als sei all dies eben erst entdeckt worden.
Doch es droht noch mehr: Auch die Schäden bei Beschäftigten der Atomindustrie und bei der Bevölkerung in der Umgebung mancher Atomanlagen lassen sich immer schwerer wegdiskutieren. Sogar Alice Stewarts Verdacht, die im ersten Schwangerschaftsdrittel erlittene natürliche Radioaktivität spiele eine Rolle als Ursache von Krebs im Kindesalter, ist nicht ohne weiteres abweisbar. Und Auffälligkeiten in der amerikanischen Geburten- und Sterblichkeitsstatistik deuten auf unerwartet starke Einflüsse der Atombombentests, ja vielleicht sogar des Fallouts aus Tschernobyl.
Die Öffentlichkeit und eine wachsende Zahl von Wissenschaftlern sind beunruhigt. An die 500 kamen Ende Februar zu einem Kongreß in die Universität Münster, wo solche Fragen vorgestellt und diskutiert wurden. Zwei angemeldete Hauptvorträge maßgeblicher Wissenschaftler aus den Kernforschungsanlagen Karlsruhe und Jülich wurden leider zwei Tage vor Konferenzbeginn beziehungsweise am Abend vor der Sitzung abgesagt. Mancher bleibt doch lieber unter seinesgleichen hinter den Mauern der eigenen, staatlich gesicherten Trutzburgen.
Immerhin: Einige Mitarbeiter der GSF waren da! Sollten sie nicht den Physiker Jacobi dazu bewegen, mehr Mittel dorthin zu lenken, wo die vielleicht allzu simplen biologischen Hypothesen, die der Strahlenschutzpolitik zugrunde liegen, gründlicher von unabhängigen Biologen überprüft werden könnten? Vielleicht erscheint ihm das nicht mehr so wichtig, weil er ja wohl insgeheim auch schon weiß, daß es uns gelingen wird, das historische Zwischenspiel, in das seine Lebensarbeit hineinfiel, zu beenden und alle großtechnische und militärische Nutzung von Radioaktivität endgültig wieder von der Erde zu verbannen.
Aber angesichts der schon angefallenen großen Mengen gefährlicher Stoffe, die vorest zwischengelagert oder in der Welt herumgekarrt werden, weil niemand weiß, wie sie sicher "endgelagert" werden sollen - angesichts dieser Vermächtnisse seiner Generation hätte Wolfgang Jacobi noch immer die Chance, als verdienter Wissenschaftler in die Geschichte einzugehen, wenn er nur endlich die an größenwahnsinnigen Zielsetzungen ausgerichtete Forschung verließe und seinen Zweifeln mehr Raum gäbe.
So könnte er dazu beitragen, daß der "Ausstieg" nicht erst nach dem nächsten schweren Unfall beginnt, sondern schon vorher - wenigstens bei uns, so daß die Welt nicht gerade durch das Opfer einer unserer Städte oder Landschaften zur Vernunft findet. Die "Gewissensentlastung durch Mittelung", also das Verniedlichen vielfachen menschlichen Leidens durch Umlegen auf die Weltbevölkerung, dürfte ihm sonst eines Tages nicht mehr gelingen.
Von Peter Kafka

DER SPIEGEL 19/1988
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