18.04.1988

ATOMENERGIEGefräßiges Ungeheuer

Ein fehlgeplanter Reaktor der US-Firma Lilco bringt jeden Tag eine Million Dollar Verlust. Nun soll der Moloch - wie viele andere US-Reaktoren - dichtgemacht und abgeschrieben werden. *
Am 29. März, Dienstag vor Ostern, stellten die Manager der Energie-Überwachungsbehörde Long Island Power Authority die Gesetze des US-Kapitalismus auf den Kopf.
Beraten von Wall-Street-Profis, boten sie den Aktionären der privaten Stromgesellschaft Long Island Lighting Company (Lilco) 8,75 Dollar Abfindung je Aktie an - bei 110 Millionen Lilco-Papieren etwa 7,45 Milliarden Dollar.
Mit ihrem Verstaatlichungsversuch wollen die vom demokratischen New Yorker Gouverneur Mario Cuomo gestützten Staatsdiener ein Problem lösen, das die Kräfte der Privatwirtschaft offenbar überfordert: die Stillegung eines nagelneuen, aber fehlgeplanten Atomkraftwerks.
1985 hatte die Lilco nach mehr als 15jähriger Bauzeit das 854-Megawatt-Kernkraftwerk Shoreham fertiggestellt und dafür 5,3 Milliarden Dollar ausgegeben. Aber schon seit 1983 hatten Regierungsvertreter und Umweltschützer verlangt, daß die nukleare Stromfabrik gar nicht erst in Betrieb gehen dürfe: Die sieben Millionen auf Long Island lebenden Menschen seien im Falle eines Reaktorunfalls nicht zu evakuieren.
Widerwillig erlaubten die Behörden der Lilco, den Reaktor im Probebetrieb bis zu maximal fünf Prozent der geplanten Vollast hochzufahren. Doch dann verwarf die Nuclear Regulatory Commission (NRC) den Lilco-Evakuierungsplan als "fundamental unzufriedenstellend" - "das", so kommentierte Gouverneur Cuomo, "war der letzte Nagel für Shorehams Sarg".
Solange sie weiter betrieben wird, bringt die Milliardenanlage der Lilco täglich eine Million Dollar Verlust, der bislang allerdings auf die Verbraucher abgewälzt wird: Lilco-Kunden zahlen den dritthöchsten Strompreis in den USA. Damit das so nicht weitergeht, will der Staat New York das gefräßige Ungeheuer Shoreham möglichst auf einen Schlag abschreiben und dichtmachen.
Sicherheitsrisiken, Kapitalverluste und hohe Preise für Reaktorstrom haben die Atomkraftwerke zum Alptraum der US-Elektrizitätsindustrie werden lassen. Das ruinöseste Kernkraftwerk liegt nur 300 Kilometer nordöstlich von Shoreham, nahe der Millionenstadt Boston: Die 1986 für 5,2 Milliarden Dollar fertiggestellte nukleare Stromfabrik Seabrook durfte bisher überhaupt nicht anlaufen, weil eine Evakuierung der Umgebung unmöglich ist.
Ein Gerichtshof des US-Bundesstaates New Hampshire, auf dessen Gebiet Seabrook steht, verbot zudem auch noch die Überwälzung der Seabrook-Kosten auf den Verbraucher. Dieses Frühjahr mußte deshalb die Public Service Company of New Hampshire, 36-Prozent-Eignerin des Kraftwerks, Vergleich anmelden.
Zwar behaupten die Atombefürworter auch in den USA, Atomstrom sei preiswert und notwendig: Über 100 Kernkraftblöcke produzieren 100 000 Megawatt elektrische Leistung - 17 Prozent des in den USA verbrauchten Stroms. Aber schon seit 1978 hat es keine US-Versorgungsfirma mehr gewagt, noch ein Kernkraftwerk zu bestellen. Und so wird es wohl auch bleiben.
Besonders nach der Beinahe-Katastrophe von Harrisburg haben die Überwachungsbehörden auf Druck der Bürgerbewegung die Sicherheitskriterien für Atomkraftwerke höhergeschraubt. 13 Prozent der alten US-Atommeiler liegen gegenwärtig wegen technischer Pannen und Unzulänglichkeiten still. Bei 60 noch nicht fertiggestellten Kernkraftwerken sind inzwischen die Bauarbeiten eingestellt worden. Charles Komanoff, atomkritischer
Autor und Berater von Energieunternehmen, schätzt die Kapitalverluste allein durch stillgelegte Kraftwerksbauten auf ungefähr 50 Milliarden Dollar. Die Abschreibungen in den Bilanzen der Kernkraftwerksbetreiber auf Bauruinen und nicht voll genutzte Atomkapazität erreichen dreistellige Milliardenbeträge.
Mit den Sicherheitsauflagen stiegen die Baukosten. Kein Kernkraftwerk, das gegenwärtig in den USA noch gebaut wird, kostet weniger als fünf Milliarden Dollar, bei manchen bewegt sich der Preis auf die doppelte Summe zu.
Einen großen Teil des Kostenschubs verursacht der Kapitalaufwand. Die Zeiträume zwischen Bestellung und Ablieferung eines US-Kernkraftwerks dehnen sich oft auf zwei Jahrzehnte. Wenn der Bau vollendet ist, zeigt er entweder veraltete Technik vor, oder er wird mehrfach aufwendig nachgebessert. Zwischen Ablieferung und Betriebserlaubnis liegen gelegentlich weitere Jahre.
Shoreham auf Long Island etwa sollte bereits 1975 voll ans Netz gehen. 1988, 13 Jahre danach, ist die Anlage davon weiter entfernt denn je. Ähnlich steht es mit Seabrook. Das Kernkraftwerk Hope Creek in New Jersey hatte im März 1978 abgeliefert werden sollen, ging aber erst im Februar 1987 in Betrieb: neun Jahre Verspätung. Der Reaktor Fermi 2 in Michigan wurde im September 1987 mit 13 Jahren Verspätung angeworfen.
Bei einigen noch in Bau befindlichen Reaktoren kann es weit schlimmer kommen. Seit 1978 schon sollte das Atomkraftwerk Bellefonte 2 fertig sein. Nun rechnet der Auftraggeber, die Tennessee Valley Authority (TVA), mit dem Ablieferungsdatum 1996, Verspätung: 18 Jahre, Betriebsbeginn ungewiß.
Bei vielen anderen Projekten wachsen die Zweifel, ob sie jemals fertig werden. Der Anstieg des US-Stromverbrauchs, vor zwei Jahrzehnten noch bei jährlich acht Prozent, stagniert inzwischen. Außer mit Sicherheitsauflagen hat sich die US-Stromindustrie auch noch mit drohenden Überkapazitäten herumzuschlagen - und steht damit vor einem ruinösen Preiskrieg. Zusätzliche Kernkraftwerke stören da nur.
Als gefährdet gelten deshalb die Baustellen der TVA-Reaktoren Bellefonte 1 und 2. Die gleichfalls von der Tennessee Valley Authority bestellten Nuklearanlagen Watts Bar 1 und 2 liegen bereits still, weil zu viele Nachbesserungsarbeiten nötig wären.
Das Kernkraftwerk Grand Gulf 2 in Missouri, mit dessen Bau gerade erst begonnen wurde, wird mit Sicherheit nicht mehr fertiggestellt. Die Inbetriebnahme der drei texanischen Strommeiler Comanche Peak 1 und 2 bei Dallas und South Texas 2 bei Houston ist zumindest zweifelhaft.
Besonders gegen die Comanche-Peak-Anlagen, die ursprünglich schon von 1980 und 1982 an Strom produzieren sollten, richtet sich die Wut der Umweltschützer. Anführerin der privaten Bürgerwehr ist die Hausfrau Juanita Ellis aus Dallas, die anfangs eher gefühlsmäßig Widerstand leistete und sich inzwischen zu einem Angstgegner für das Management der Texas Utilities entwickelt hat.
Die Hausfrau hat den Konstrukteuren und den Auftraggebern der 40 Kilometer von Dallas gelegenen Reaktoren so viele Fehler nachgewiesen, daß die Überwachungsbehörde NRC immer wieder neue Verbesserungen des Sicherheitsstandards anordnen mußte. Das 1974 leichtfertig mit nur 779 Millionen Dollar Investitionssumme veranschlagte Kernkraftwerk hat bereits 7,7 Milliarden Dollar gekostet.
Juanita Ellis, deren Haus mit Ausnahme des Schlafzimmers eine einzige Aktenkammer geworden ist, glaubt dennoch nicht, daß die Anlage je ganz sicher sein wird. George Crawford, Physiker an der Southern Methodist University in Dallas, sieht das auch so: "Sie haben ihn geändert - von einer völlig unsicheren Anlage in eine, hinter deren Sicherheit man Fragezeichen setzt."
Solche Fragezeichen stehen auch hinter dem technischen Standard der staatseigenen Nuklearbetriebe Amerikas. So liegt etwa der Reaktor in der Hanford Nuclear Reservation im Staate Washington seit 14 Monaten wegen Grundüberholung still. Weil er der größte Plutonium-Produzent der Atombomben-Nation ist, gilt er als politisch wichtig.
Anfang Februar beschloß das Department of Energy in der Bundeshauptstadt Washington dennoch, das Monster nie wieder anlaufen zu lassen. Der Hanford-Meiler, entschieden die Beamten, habe technisch zuviel Ähnlichkeit mit dem Reaktor von Tschernobyl. Kurz darauf stellte auch der Versuchsreaktor der Universität Georgia in Atlanta seinen Betrieb ein.
Gelegentlich, so die Erfahrung der Atomverstromer, läßt sich auch mit noch so vielen Nachbesserungen nichts ausrichten. So mußte die private Carolina Power & Light bei ihrem H. -B.-Robinson-Reaktor feststellen, daß sich die unzulässige Dosis Radioaktivität, die der Reaktor streut, auch durch stets neue Sicherheitsauflagen nicht senken ließ.
Nervös geworden, begann das US-Atommanagement Techniker zu feuern, die der Überwachungsbehörde NRC Informationen gegeben hatten. Die Behörde, der in einem Kongreß-Bericht vom vergangenen Dezember bedenkliche Nähe zur Atomwirtschaft nachgesagt wird, tut wenig, die Namen von Informanten für sich zu behalten.
Viele Techniker in Atomkraftwerken behalten deshalb ihre Kenntnisse lieber für sich. Jeder Hinweis auf mangelnde Sicherheit könnte sich in Zukunft nachteilig auf das Haftungsrisiko der Branche auswirken - und damit wieder auf die Betriebskosten. Vergangenen Monat ist es der Atomlobby in Zusammenarbeit mit der US-Regierung noch einmal gelungen, die Haftung bei Reaktorunfällen auf die Allgemeinheit und die Geschädigten abzuschieben. Mit der Wettbewerbsfähigkeit des Atomstroms aber sieht es dennoch schlecht aus.
US-Stromgesellschaften, die Atomreaktoren betreiben, müssen bundesweit die höchsten Stromtarife verlangen. Teuerster
Stromverkäufer ist die Consolidated Edison in New York, eine Firma mit mehreren Kernkraftwerken. An zweiter Stelle folgt die San Diego Gas und Electric Company im südlichen Kalifornien, die drei Kernkraftwerke betreibt. Der Strom, den sie liefert, ist fünfmal so teuer wie der Strom, den die reiche Gemeinde Palo Alto im gleichfalls südkalifornischen Silicon Valley mit herkömmlichen Kraftwerken erzeugt.
Auch wenn die Betreiber von Kernkraftwerken ihre Kosten bislang noch an die Kundschaft überwälzen können - vor Einbrüchen in den eigenen Markt können sie nicht mehr sicher sein. So verliert die atombesessene Lilco in Long Island demnächst ihren größten Kunden: Die Flugzeug- und High-Tech-Firma Grumman baut sich kurzerhand ein eigenes Kraftwerk, das mit Gas betrieben wird.
Die Überschußproduktion daraus, das ist tröstlich, soll dann billig an die teure Lilco gehen.

DER SPIEGEL 16/1988
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