21.03.1988

GESCHICHTEFurore Teutonico

Zweimal zerstörten Deutsche die Universitätsbibliothek von Löwen. Ein deutscher Autor rekonstruierte die denkwürdige „Episode aus der Zeit der Weltkriege“. *
Kurz nach Beginn des Ersten Weltkriegs besetzten deutsche Truppen die belgische Stadt Löwen. Die Besetzung verlief kampflos. Doch am Abend des 25. August 1914 fielen in der Stadt Gewehrschüsse.
Wer da in der Dämmerung geschossen hatte, belgische Freischärler oder von Freischärler-Furcht und Alkohol benebelte deutsche Soldaten, wurde nie zweifelsfrei festgestellt. Tatsache ist: Mehrere deutsche Soldaten wurden tödlich getroffen, und die Wehrmacht unterzog die Stadt einem schrecklichen "Strafgericht".
Über 200 Einwohner Löwens wurden auf der Stelle erschossen, über 1000 Häuser im historischen Stadtzentrum niedergebrannt, darunter auch die 300 Jahre alte Universitätsbibliothek mit ihren 300 000 Büchern und Handschriften.
Die Vergeltungsaktion insgesamt löste weltweit Empörung aus. Mehr aber als die Erschießung der Menschen machte die Bücherverbrennung Furore. Internationale Proteste brandmarkten sie als einen Akt spezifisch deutscher "Barbarei", als Paradebeispiel des "Furor Teutonicus". So schwer wog die Schandtat, daß sie im Versailler Vertrag 1919 eigens berücksichtigt wurde: Artikel 247 verpflichtete das besiegte Deutschland zur Wiederherstellung der vernichteten Bibliotheksbestände "innerhalb von drei Monaten".
Aus der Ablage der Geschichte hat den Fall jetzt der deutsche Autor Wolfgang Schivelbusch hervorgeholt und in einem Buch wieder aufgerollt: "Die Bibliothek von Löwen" _(Wolfgang Schivelbusch: "Die Bibliothek ) _(von Löwen". Hanser Verlag, München; 224 ) _(Seiten; 38 Mark. ) .
Der 46jährige Privathistoriker, in Berlin und New York ansässig, ist bisher mit ebenso geistreichen wie gut fundierten Werken über die "Geschichte der Eisenbahnreise", der Genußmittel und der "künstlichen Helligkeit im 19. Jahrhundert" hervorgetreten. Für seine neue Monographie hat er, unterstützt vom Hamburger Mäzen Jan Philipp Reemtsma, in belgischen, französischen, englischen, amerikanischen, ost- und westdeutschen Archiven geschürft. Lesenswert ist sein Buch als eine Studie über nationalistische Verblendung, aber auch wegen der grimmig-grotesken Züge jener "Episode aus der Zeit der Weltkriege" (Untertitel), die es mit kühler Genauigkeit rekonstruiert.
Mit dem Löwener "Strafgericht", schreibt Schivelbusch, hätte das deutsche Militär "Entschlossenheit und Härte demonstrieren" wollen: "Doch wie so viele andere deutsche Rechnungen zu Beginn des Ersten Weltkriegs ging auch diese nicht auf. Was hatte einschüchtern sollen, rüttelte im Gegenteil auf. Durch Löwen wurde die Propaganda in den Entente-Ländern mobilisiert, und die bisher neutrale Welt begann sich von Deutschland moralisch zu distanzieren."
Aus der neutralen Schweiz schrieb der französische Dichter Romain Rolland, ein Bewunderer deutscher Kultur, einen offenen Brief an seinen deutschen Kollegen Gerhart Hauptmann: "Sind Sie der Nachkomme Goethes oder Attilas? Führen Sie Krieg gegen Armeen oder gegen den menschlichen Geist?" Im Namen der Zivilisation forderte Rolland Hauptmann auf, "mit aller Kraft die Stimme gegen dieses Verbrechen zu erheben".
Hauptmanns Antwort war abweisend wie wenig später auch ein von 93 deutschen Geistesgrößen, darunter Max Planck, Wilhelm Röntgen, Max Liebermann und Friedrich Naumann, unterzeichneter "Aufruf an die Kulturwelt". Darin hieß es, die "hinterhältig" überfallenen deutschen Truppen hätten "schweren Herzens Vergeltung üben müssen", und der "Kampf gegen unseren sogenannten Militarismus" sei in Wahrheit ein "Kampf gegen unsere Kultur", die ohne den Schutz deutscher Militärmacht "längst vom Erdboden getilgt" worden wäre.
So wurde, nach Schivelbusch, Löwen zum "Sarajewo der europäischen Intelligenz", wurden die Parolen "Civilisation" und "Kultur" zu "Superwaffen im
Propagandakrieg". Nach Kriegsende verkündete ein Transparent an der Löwener Bibliotheksruine: "Ici finit la culture allemande" (Hier endete die deutsche Kultur).
Auf den Höhen solcher großen Worte konnte sich die Affäre jedoch nicht halten. In der Folge, zeigt Schivelbusch, ging es weniger feierlich zu, und nicht selten kam es zum Absturz vom Erhabenen ins Lächerliche.
Der von der deutschen Regierung 1920 als "Staatskommissar für die Wiederherstellung der Universitätsbibliothek Löwen" eingesetzte Bibliothekar Richard Oehler, ein Vetter Nietzsches, bediente sich zur Bücherbeschaffung einer "Einkaufsgesellschaft Löwen GmbH". Mit deren Hilfe und mittels überhöhter Preisforderungen konnten deutsche Antiquariatsbuchhändler an den Löwen-Reparationen, die als "nationale Ehrenpflicht" galten, aus Staatsgeldern privaten Profit schlagen.
Die Zusammenarbeit Oehlers mit seinem Löwener Kollegen Louis Stainier in Sachen Wiedergutmachung entwickelte sich trotz mancher Winkelzüge so kollegial, daß Stainier schließlich von den Belgiern als Kollaborateur der Deutschen verdächtigt wurde. Kam er zu Verhandlungen nach Deutschland, brachte er der Familie Oehler regelmäßig Pralinen mit.
Unter den zahlreichen Bücherspenden, die aus aller Welt in Löwen eintrafen, waren auch viele von zweifelhaftem Wert. Unbekannte Autoren und Amateurwissenschaftler schickten ihre gesammelten Werke in der Hoffnung, auf diese Weise endlich Beachtung zu finden. Zwischen belgischen und französischen Mitgliedern eines in Frankreich gegründeten "Internationalen Hilfswerks für Löwen" kam es zu Verstimmungen: Die Franzosen, fanden die Belgier, neigten mehr dazu, "rhetorische Feste" zu veranstalten als sich der glanzlosen Arbeit des Bibliotheksaufbaus zu widmen.
Bei dem wollten auch zwei Amerikaner helfen und glänzen: der Präsident der New Yorker Columbia-Universität, Nicholas Murray Butler, und der Architekt und Millionär Whitney Warren.
Butler, nach einem Wort des Schriftstellers Upton Sinclair "der geistige Führer der amerikanischen Plutokratie", bewunderte das deutsche Bildungswesen und Kaiser Wilhelm II., den er mehrmals besucht hatte und von dem er mit dem Roter-Adler-Orden dekoriert worden war. Vom zweiten Kriegsjahr 1915 an erschien ihm seine Deutschfreundlichkeit nicht mehr opportun. Mit der Gründung eines amerikanischen Hilfswerks für Löwen konnte er öffentlichkeitswirksam die Stellung wechseln.
Doch seine Vollmundig angekündigte Hilfsaktion geriet zunächst zum peinlichen Flop. Die in den USA gesammelten Spenden reichten nicht im entferntesten für einen Wiederaufbau der Bibliothek aus. Stainier sprach enttäuscht vom "amerikanischen Bluff": "Sie versprechen alles mögliche, aber wenn es ernst wird, sind sie verschwunden."
Neue Hoffnungen setzten die Belgier dann auf den in Paris lebenden Warren, einen frankophilen Kulturschwärmer, den seine Geliebte, die Schauspielerin Cecile Sorel, einen "Architekten der Seelen und der Steine" nannte. Warren, der die Sorel zeitweilig mit dem von ihm verehrten italienischen Dichter Gabriele d''Annunzio teilte, entwarf für Löwen einen pompösen Bibliotheksneubau. Er sollte mit einem Turm gekrönt werden, in dem ein Glockenspiel stündlich die Nationalhymnen der alliierten Weltkriegssieger spielen würde.
1921 wurde unter militärisch-kirchlichem Gepränge in einer "Szene, die Luis
Bunuel nicht besser hätte ins Bild setzen können" (Schivelbusch), der Grundstein gelegt. Spendenversager Butler vollzog den Akt mit US-Zement.
Fertig wurde der Neubau aber erst 1928 - dank des besseren Spendenmanagements durch den US-Handelsminister (und späteren Präsidenten) Herbert Hoover, der seinen Feind Butler überspielt hatte.
Zu dieser Zeit entbrannte ein neuer Streit um Löwen. Nun ging es um die von Warren entworfene lateinische Inschrift für die Balustrade des Bibliotheksneubaus. In mannshohen steinernen Lettern sollte sie verkünden: "Furore Teutonico Diruta, Dono Americano Restituta" (Zerstört durch deutsche Raserei, wiederhergestellt mit amerikanischen Spenden).
Als das Auswärtige Amt in Berlin davon erfuhr, intervenierte es unter Berufung auf die neue europäische Versöhnungspolitik im "Geist von Locarno" bei Butler gegen eine solche Festschreibung deutscher Schuld. Butler, in zwischen wieder Deutschenfreund, versprach Abhilfe. Und auch der Löwener Uni-Rektor Ladeuze zeigte sich zum Verzicht auf den "Furore Teutonico"-Spruch bereit, den er ohnehin für grammatikalisch fehlerhaft hielt.
Doch sie hatten die Rechnung ohne Whitney Warren gemacht. Kurz vor der Wiedereröffnung der Bibliothek ließ der Architekt seine anstößigen Steine auf zwei Lastwagen nach Löwen bringen. Ein Polizeikommissar verhinderte die Anbringung der Lettern. Freund d''Annunzio gratulierte Warren dennoch telegraphisch zu dem gescheiterten Handstreich.
Wenige Tage darauf zertrümmerten erboste Belgier einen Teil der "Furor"-freien Balustrade. Während der Eröffnungsfeier am 4. Juli 1928 warf ein Warren-Fan aus einem Flugzeug mehrere tausend Flugblätter mit dem "Furor"-Text über Löwen ab. Zwei Wochen später kletterte ein belgischer Arbeiter auf das Gesims der Bibliothek und demolierte die Balustrade mit einem Vorschlaghammer. Er wiederholte den Zerstörungsakt 1933.
Es vergingen sieben ruhigere Jahre, dann produzierte die Geschichte schließlich die makabre Überpointe des Löwen-Falls: Am 16. Mai 1940, im zweiten Jahr des Zweiten Weltkriegs, wurde die neuerbaute Bibliothek durch deutschen Artilleriebeschuß wieder zerstört - offenkundig gezielt. Ein Belgier berichtete später, ein deutscher Offizier habe ihm gesagt, die Bibliothek trage die schändliche Inschrift "Furore Teutonico", und seiner Versicherung, dies sei nicht der Fall, keinen Glauben geschenkt.
Doch diesmal, so Schivelbusch, "nahm die Welt weniger Notiz davon als im August 1914". Dagegen verbreiteten die Deutschen sogleich, die Bibliothek sei von den Engländern in Brand gesetzt worden. NS-Propagandaminister Joseph Goebbels besichtigte die Ruine. Mit der Schadensuntersuchung wurde derselbe Richard Oehler beauftragt, der nach dem Ersten Weltkrieg die deutsche Löwen-Wiedergutmachung geleitet hatte. Oehler, 1933 in die Nazi-Partei eingetreten, empfahl, die Engländer nach dem deutschen Endsieg sieben Millionen Mark Reparationen für Löwen zahlen zu lassen.
Und noch eine Pointe hat der Chronist zu bieten. Im Jahre 1971, berichtet Schivelbusch am Schluß seiner Fallstudie aus dem Tollhaus namens Geschichte, "kam es zur endgültigen Spaltung der Löwener Universität in eine flämische und eine wallonische Hochschule, und es erfolgte, was man die dritte Zerstörung der Bibliothek nennen könnte".
Wolfgang Schivelbusch: "Die Bibliothek von Löwen". Hanser Verlag, München; 224 Seiten; 38 Mark.

DER SPIEGEL 12/1988
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