DER SPIEGEL



Es ist nicht Liebe, was du mitbringst

Von Nimtz-Köster, Renate

SPIEGEL-Redakteurin Renate Nimtz-Köster über Aids-Bekämpfung in Schweden Im Kampf gegen Aids geht Schweden eigene Wege: mit einer unverkrampften Einstellung zum Sex und zu sexuellen Minderheiten - in einigen Fällen auch mit staatlichem Zwang. Ein Informations-Feldzug brachte schon Veränderungen im Sexualverhalten. Einigkeit herrscht darüber, "daß keiner das Recht hat, das Virus weiterzureichen". *

Annie Söderberg hat mit Sex keine Schwierigkeiten. Wenn die Stockholmer Sozialarbeiterin Kursus hält über all jene Dinge, die ehemals unaussprechlich schienen, herrscht entspannte Aufmerksamkeit im Saal: Die energische Fünfzigerin, Simone Signoret auf schwedisch, erklärt durchaus mit Humor, was für die Liebe im Aids-Zeitalter wichtig ist. Zum Schluß kommt die praktische Übung: "Wir müssen lernen, mit Kondomen richtig umzugehen", sagt Annie und streift sich, ruck, zuck, eines über die Hand.

Die Zuhörer sammeln sich zu kleinen Gruppen, die selbst probieren, wie man die Gummis anfaßt. Etwa 50 Freiwillige sind es, die sich an diesem Abend in "Noahs Arche", der schwedischen Hilfsorganisation für Aids-Kranke und HIV-Infizierte, ausbilden lassen. Annie Söderberg, die sonst drogensüchtige Frauen in Sachen Sex und Schwangerschaftsverhütung berät, kommt regelmäßig in die Schulungsräume des schönen alten Hauses im Zentrum der schwedischen Hauptstadt: Hier, an der Drottninggatan 61, in der Nachbarschaft von Warenhäusern und Boutiquen, ist ein ungewöhnlicher Zufluchtsort entstanden.

"Hilf dir selbst, hilf anderen" - das Motto der 1985 von homo- und bisexuellen Männern begründeten Vereinigung, hat binnen kurzem über 500 Freiwillige aus allen Berufen angezogen. "Hunderte stehen noch Schlange", so Psychiater und Mitinitiator Jan-Olof Morfeldt, "um sich ausbilden zu lassen."

Vorurteile bekämpfen, aufklären, Trost und Stütze in einem Netzwerk spenden wollen die Männer und Frauen von der Arche. Dazu gehört die Telephonberatung über 13 Anschlüsse: Wer die Nummer 020/78 44 40 wählt, kann für eine Krone aus ganz Schweden zeitlich unbegrenzt über seine Sorgen und Ängste sprechen.

In den hellen Aufenthaltsräumen mit hohen Kachelöfen findet Zuspruch, Gesellschaft und den in Schweden unentbehrlichen Kaffee, wer immer will. Manche sitzen auch nur da, wie jener bleiche, magere junge Mann, der täglich von weit her kommt - Morfeldt begrüßt ihn, seinen Namen weiß niemand.

Die enorme Wirkung der alternativen Einrichtung, die inzwischen Filialen in fünf weiteren Städten eröffnete, beeindruckte nicht nur Jonathan Mann, den Direktor der Weltgesundheitsorganisation. Die Behörden des mit sozialen Anlaufstellen reichlich ausgestatteten Wohlfahrtsstaates, aber auch Unternehmen, etwa die Fluggesellschaft SAS, geben Zuschüsse und Spenden.

Die Verbindung mit dem Roten Kreuz zu einer Stiftung verlieh der Arche Prestige und finanzielle Sicherheit. So konnte die Organisation sich über vier Stockwerke ausdehnen, Übernachtungsräume für Notfälle schaffen und sechs feste Mitarbeiter anstellen; die "Volontäre" schwärmen zu Informationswochen in Schulen und Betriebe aus.

Im Kampf gegen die tödliche Immunschwäche geht Schweden andere, eigene Wege, die nicht immer so ungeteilte Anerkennung finden: Die Schreckensmeldung, daß auf der Insel Adelsö Aids-Kranke "interniert" werden sollten, löste im Ausland Empörung aus, von "Konzentrationslager" und "Aids-Gulag" war die Rede. Besonders die westdeutschen Homosexuellen fühlten sich betroffen und an Zwangsmethoden der Nazi-Zeit erinnert. Die schwedische Bürokratie, die schon jedem Bürger seine Personenkennzahl verpaßt hat, sei dem Orwellschen Zukunftsstaat wieder einen Schritt nähergerückt, hieß es.

Diese "falsche Sicht hat uns geschockt", sagt Arche-Sprecher Morfeldt, der halbtags die Stockholmer psychosoziale Beratungsstelle für Homosexuelle und ihre Angehörigen betreut. Stockholm bestehe aus Tausenden von Inseln, und Adelsö im Mälar-See sei ein ganz normaler Wohnort. Über das Wie und Wo der Quarantäne uneinsichtiger HIV-Infizierter wurde auch in Schweden so heftig diskutiert, daß die Behörden den Plan, auf Adelsö ein geschlossenes "Resozialisierungsheim" für drogensüchtige Virusträger einzurichten, aufgegeben haben. Doch man ist sich, wie Morfeldt sagt, "einig, daß keiner das Recht hat, das Virus weiterzureichen".

Andererseits seien "auch HIV-Positive sexuelle Wesen" - in der Arche wird offen darüber geredet. Morfeldts Empfehlung ist eindeutig: Wer angesteckt ist, sollte mit Nichtangesteckten "keinen penetrativen Sex haben, auch nicht mit Kondom". Um so wichtiger sei es, sich auf andere Möglichkeiten wie Masturbation, vielfältige sexuelle und erotische Liebkosungen einzurichten.

Unverkrampfte Einstellung zur Sexualität und zu sexuellen Minderheiten

macht, so scheint es, den Schweden den Umgang mit der neuen Seuche leichter. Hinzu kommt ein - trotz fortschreitender Industrialisierung - ausgeprägteres Gemeinschaftsbewußtsein, das sich im Ansturm auf den Dienst in der Arche spiegelt, aber auch im allgemein üblichen Du, das dem Minister ebenso gilt wie dem Gleichaltrigen.

Eine vor gut 100 Jahren geborene Pfarrerstochter, Elise Ottesen-Jensen, schuf gemeinsam mit radikalen Ärzten und Gewerkschaftern die Grundlage für den Abbau sexueller Tabus. "Ottar" mit den grauen Kringellöckchen begründete 1953 den "Reichsverband für sexuelle Aufklärung" (RFSU), der in der Stockholmer Zentrale und 14 Zweigstellen im Lande Verhütungsmittel und guten Rat ausgibt; seine Arbeit finanziert der Verband mit dem Verkauf von Kondomen, Wehrpflichtige bekommen das erste RFSU-Päckchen gratis (Aufschrift: "Wehrmacht gegen Aids").

Etwa 6000 Besucher, die meisten unter 24 Jahren, kommen jährlich in die Stockholmer Klinik des RFSU, die von Hebamme Margareta Wetterholm geleitet wird. Margareta, eine freundliche Blondine, macht mit ihrer handfesten Unbefangenheit den jungen Leuten das Gespräch leicht. Sie bietet auch Tests auf verschiedene Geschlechtskrankheiten an, zu denen in Schweden außer Aids seit April auch die - viel häufigere - Chlamydien-Infektion gezählt wird.

Auch in Schulen sind die RFSU-Mitarbeiter - Psychologen, Ärzte und andere, freiwillige Aufklärer - regelmäßig zu Gast; ohnehin gehört Sexualunterricht seit Mitte der fünfziger Jahre zum Lehrplan.

"Die gewachsene Offenheit in Sex-Fragen", glaubt Barbro Lenner-Axelsson, Psychologin beim RFSU, "ist uns nun, in der Aids-Krise, von großem Nutzen." Die Therapeutin sieht schon Veränderungen im Sexualverhalten - späteres Sexdebüt, weniger Partner - und sagt Rückkehr zum Flirt und eine Zunahme der Onanie voraus. "Als Kompensation für eine geringere Zahl sexueller Kontakte" zeichne sich aber auch eine Wiederbelebung der Pornographie ab (heilige Alice!), gegen die der RFSU bislang zu Felde gezogen ist.

Die Frage nach dem Aids-Test, meint Psychologin Lenner-Axelsson, könnte Liebespaaren künftig selbstverständlich werden. Doch einen Aids-Test vor der Trauung zu verlangen, wie schon in mehreren US-Staaten üblich, sei in Schweden "gänzlich sinnlos": "Unser Modell des Zusammenlebens sieht zuerst gemeinsames Wohnen vor, dann Kinder und schließlich die Ehe."

Auch die "traditionell starke Gay-Bewegung" habe es in Schweden leichter gehabt, auf Aids zu reagieren, findet Eric Sandström, Chef der Geschlechtskrankheiten-Ambulanz für Homosexuelle am Stockholmer Söder-Krankenhaus: "Als die ''amerikanische Krankheit'' hier aufkam, hatten wir schon eine Vertrauensbasis." Über seine 24 Regionalstellen organisierte der "Reichsverband für sexuelle Gleichberechtigung" (RFSL), in dem die Homosexuellen seit 1950 zusammengeschlossen sind, schon 1982, ein Jahr vor der ersten Aids-Diagnose in Schweden, Informationen und Vorbeugungsmaßnahmen.

Weder die etablierten Verbände noch die neuen Aids-Initiativen verschiedener Gruppen, etwa von ehemaligen Drogensüchtigen oder von Eltern infizierter Bluter, haben offenbar Einwände gegen die staatliche Aids-Politik, die im März 1987 einen Informationsfeldzug gegen die Seuche begann und zugleich massiv für Aids-Tests warb.

Schwedens "größte Kampagne seit Einführung des Rechtsfahrens", so Hakan Wrede, Sekretär der "Aids-Delegation" im Sozialministerium, machte auf "die Bedrohung der Volksgesundheit" mit Hauswurfsendungen, großen Zeitungsanzeigen und Plakatserien in Bussen und U-Bahnen aufmerksam. Über der zentralen Malmskillnadsgatan, wo sich - für Ortsunkundige kaum wahrnehmbar - die Stockholmer Prostitution abspielt, wurden Transparente gespannt. Die Texte waren, gemessen an Rita Süssmuths sanften Tönen, provokativ und unkonventionell:

"Heute abend Aids?" heißt es zum Photo eines auf dem Taxi-Rücksitz

schmusenden Pärchens. Das nächste Poster, Bilder-Sequenz eines nächtlichen Straßen-Treffens, ist überschrieben: "Morgen deine Frau?" Darunter kurze, eindeutige Texte wie: "Bilde dir nicht ein, daß du sehen kannst, ob ein Mädchen von der Straße drogensüchtig ist. Oder ob sie HIV-infiziert ist oder nicht ..."

Auf südlandsüchtige Schwedenmädchen zielen farbige Serien zum Thema Ferienliebe: "Es ist nicht Liebe, was du mit nach Hause bringst." Dem Risiko-Stichwort Drogen gilt das Photo einer fröhlichen Teenager-Gruppe: "Gestern hat er die Spritze mit drei Freunden geteilt." Auch Annie ist, im Großformat, wieder dabei und meint, daß man "nicht mehr so unbekümmert ''rummachen kann wie in den fröhlichen Sechzigern". Am drastischsten rückte das "Spiegelplakat" den vorbeikommenden Svenssons, Anderssons und Carlssons zu Leibe: "Weißt du, wie ein HIV-Infizierter aussehen kann?" lud das spiegelnde Papier ein: "Komm näher und schau!" Auch hier, wie unter allen Postern, ist die Telephonnummer der Arche-Berater angegeben.

Von den acht Millionen Einwohnern haben sich bislang etwa 300 000 auf das Immunschwäche-Virus testen lassen; für Ende Mai verzeichnete Margareta Böttiger, Chef-Epidemiologin am Staatlichen Bakteriologischen Laboratorium, insgesamt 1839 HIV-Infizierte, davon 1566 Männer und 273 Frauen. 197 Schweden waren an Aids erkrankt, 89 davon sind gestorben. Damit liegt Schweden in Europa in der Mitte der Häufigkeits-Statistik. Monatlich 20 bis 30 neue Fälle von HIV-Infektion werden dem Laboratorium seit einigen Monaten gemeldet, vorher waren es bis zu 40.

Mit der Klassifizierung von Aids als meldepflichtiger Geschlechtskrankheit beschloß das Parlament zugleich den "Geheimnisschutz" für die Infizierten: Der kostenlose Test ist anonym und streng vertraulich. Nur bei einem positiven Ergebnis muß der Arzt die Identität des Infizierten erfragen, darf aber dessen Zustand nicht Dritten preisgeben. Der Computer verschlüsselt den Fall unter einem sechsstelligen Code.

Wer getestet und positiv ist, hat nicht nur Anspruch auf (kostenlose) medizinische Hilfe, sondern auch auf psychologische und soziale Unterstützung für sich und seine Familie.

Staatlicher Zwang, dessen allzu rasche Ausübung den schwedischen Behörden im Umgang mit Aids vorgeworfen wurde, wird nur als Ultima ratio angewandt. Sandström beschreibt, welch langwieriger Weg durchlaufen werden muß, ehe ein Infizierter "unter Aufsicht" kommt:

Wer im Test als "HIV-positiv" ermittelt wird, ist fortan verpflichtet, Kondome zu benutzen oder sich auf ebenfalls infizierte Partner zu beschränken, wer Drogen injiziert, darf seine Spritze mit _(Text: "Heute abend Aids?" )

niemandem mehr teilen. Der Arzt muß den Infizierten fragen, wer beim Sex oder beim Drogeninjizieren sein Partner war und deshalb auch getestet werden sollte. Hat der Arzt, bei wiederholten Besuchen, den Eindruck, "daß der Patient ohne Präservativ weitermacht" und daß er den Infizierten nicht überzeugen kann, muß er dessen Namen an den für Seuchenschutz zuständigen Medizinalbeamten weitergeben.

Erst wenn der wiederum erfolglos versucht hat, den Infizierten von der Weiterverbreitung des Aids-Virus abzuhalten, geht es vor Gericht. Dort kann die Zwangseinweisung in ein Krankenhaus beschlossen werden.

"Sicher leben wir nicht in Utopia", meint Sandström, der der staatlichen Aids-Delegation angehört, "es gibt Furcht, auch mal Diskriminierung." Aber er könne guten Gewissens für "extensives Testen" eintreten - niemand verliere den Job, die Wohnung oder gar die medizinische Versorgung. So lassen sich, im typisch schwedischen Vertrauen in die Obrigkeit und in das Netzwerk sozialer Sicherheiten, die meisten Homosexuellen, die in die Sprechstunde kommen, auf Aids testen: "99 Prozent erzählen, wer sie sind, und kommen wieder."

"Man wird allerdings nicht viele finden, die der Ansicht sind, die Bürgerrechte gingen so weit, daß man eine tödliche Krankheit verbreiten kann", meint Sandström. Insgesamt viermal bisher hat der Staat HIV-Infizierten eine Zwangspflege verordnet - in allen vier Fällen handelte es sich um Drogensüchtige.

1985, mit der Ausbreitung von Aids, war die Möglichkeit, die mutwillige Verbreitung von Seuchen mit Gefängnis zu ahnden, aus dem schwedischen Strafrecht gestrichen worden; statt dessen wurde der Isolierungsparagraph eingeführt. Die Diskussion entzündete sich am Fall einer 33jährigen Prostituierten, die, trotz wiederholter Ermahnungen, auf dem Stockholmer Strich gesichtet worden war. Die attraktive Frau, heroinsüchtig seit ihrem 15. Lebensjahr, wurde im Februar dieses Jahres ins Roslagstulls-Krankenhaus eingewiesen, die Stockholmer Seuchenklinik, die um 1900 nach alten Hygiene-Vorstellungen auf felsiger Höhe errichtet wurde.

Auf der Aids-Abteilung liegen dort zwölf schwerkranke Patienten. Acht Kranke sind nur tagsüber zugegen, das Durchschnittsalter ist 39. Wer allein sein möchte, hat ein Schild an der Tür hängen: "Bitte nicht stören", manche Türen sind angelehnt, als Zeichen dafür, daß Besuch willkommen ist.

Oberarzt Ove Berglund, ein Aids-Spezialist, der schon früh HIV-verseuchten Blutkonserven nachspürte, stritt sich für seine Patientin "Ylva", so der fiktive Name der zwangseingewiesenen Prostituierten, mit den Behörden. In "Dagens Nyheter" zweifelte er Sinn und Rechtmäßigkeit solcher Maßnahmen an: Die Isolierung auf unbegrenzte Zeit im bewachten Klinikzimmer sei "weder human

noch vernünftig" und stehe in keinem Verhältnis zu Strafen für andere folgenschwere Delikte, etwa Trunkenheit am Steuer.

Ohnehin, so glaubt Berglund, sei die Verbreitung des HIV-Virus durch Prostituierte - zumindest in Schweden - "epidemiologisch bedeutungslos": Von allen bislang im Lande bekannten HIV-Positiven hätten nur drei angegeben, sich bei Prostituierten angesteckt zu haben. Durch Isolation, so warnen auch die mit Prostituierten vertrauten Sozialarbeiter Catharina Bietkowska und Lars Olle Karlsson, erwüchsen "nur Aggression und Haß auf die Gesellschaft".

In der Praxis hat sich indessen die Bürokratie flexibler als ihr Ruf gezeigt: Ylva hat ihr Krankenzimmer verlassen und nimmt mittlerweile an einem jener schwedischen Programme zur Umstellung auf Methadon teil, die, weil langfristig kontrolliert und sorgfältig begleitet, als erfolgreich gelten.

Nach mehreren Wochen Quarantäne im Krankenhaus haben sich auch zwei weitere drogensüchtige Infizierte in Entwöhnungsprogramme aufnehmen lassen. Eine geistig zurückgebliebene, süchtige HIV-Positive wird im Stockholmer Huddinge-Hospital mit großem personellen Aufwand für die Rückkehr ins normale Leben geschult.

Mit der Internierung im Herrenhaus auf Adelsö habe man den uneinsichtigen Patienten mehr Bewegungsfreiheit als im Krankenhaus bieten wollen, erklärt der zuständige Medizinalbeamte Göran Radö. Doch schon allein die immensen Kosten - auf einen Patienten wären 20 bis 30 Angestellte gekommen - hätten den Plan ad absurdum geführt.

Rund 300 Kilometer nördlich von Stockholm, in der kleinen Hafenstadt Hudiksvall, möchten zwei eifrige Kämpfer die Ausbreitung der Seuche mit weit rigoroseren Mitteln verhindern. Finn Stenvall und Chris Barrett, Sozialarbeiter in äußerlich ungetrübter Holzhaus-Idylle, sind seit 1985 gegen Aids verschworen. Damals hörten sie zum erstenmal Michael G. Koch, der gerade in der Hauptstadt sein Aids-Buch vorstellte - seit Mitte letzten Jahres dient er der bayrischen Landesregierung als Berater.

Die Schreckensvisionen des deutschschwedischen Bezirksarztes, der seine Warnungen vor der "Pandemie" auf

Computer-Simulationsprogramme stützte, machten den beiden jungen Männern Eindruck: "Wir begriffen", so Barrett, "daß Aids nicht nur ein Problem der Großstädte sein würde."

Barrett und Stenvall schulten bald selbst ländliche Aids-Aufklärer, vor allem aber spürten sie der Verbreitung des HIV-Virus unter alkohol- und drogensüchtigen Jugendlichen nach. Was sie, aufgrund der guten Beziehungen zu ihrer Klientel, herausfanden, ist in der Tat beängstigend: Die vom "glada Hudiksvall", dem in Schweden sprichwörtlich "fröhlichen Hudiksvall", scheinbar noch weit entfernte Seuche hatte sich im Untergrund schon verzweigt. In einer bislang weltweit einzigartigen Dokumentation konnten die Sozialarbeiter die Ansteckungskette von den Infizierten zu ihren Kontaktpersonen nachzeichnen (SPIEGEL 2/1988).

Die beiden Aids-Bekämpfer, konsequente Jünger Kochs, forderten obligatorische Aids-Tests für alle, und zwar nicht mehr nur anonym, sowie strengere Sanktionen gegen jene, die gegen das Seuchenschutzgesetz verstoßen. Doch ebensowenig wie Koch selbst, der mit seiner in Bayern praktizierten Aids-Politik "in Schweden kein Thema mehr ist" (so Anders Lönnberg, Sozialdemokrat und Mitglied der Aids-Delegation), finden die Streiter aus der Provinz mit ihren Forderungen Gehör. "Aids-Polizisten", schimpfte das liberale "Aftonbladet", der Homosexuellen-Verband RFSL sprach gar von "Menschenjägern": Allzu offenkundig ist der moralisierende Eifer der Laien-Epidemiologen; zudem hatten Stenvall und Barrett beim Aufspüren süchtiger Infizierter den Geheimnisschutz auf heikle Weise umgangen.

Mehr als alle apokalyptischen Visionen und stärker als jede Informations- und Testkampagne machen die Schicksale prominenter Mitbürger, wie es scheint, die Schweden betroffen. Als erster gab Modeschöpfer Sighsten Herrgard, nach seiner Aids-Diagnose 1987, der Seuche "ein menschliches Gesicht", wie er selber sagt. Mit einer Pressekonferenz in "Noahs Arche" machte er seine Erkrankung publik - um "zu warnen, aufzuklären, andere zu stützen".

Herrgards Offenheit half, die Seuche vom Tabu zu befreien: Königin Silvia drückte, auf einer Modemesse, dem abgezehrten Mann die Hand. Stockholms Erzbischof besuchte den Kranken, der mit Hilfe von Sekretärin und Pfleger vom Bett aus weiter gegen Aids kämpft, in seiner Wohnung. Zur Förderung von Aids-Institutionen wurde die Stiftung "Sighstens Freunde gegen Aids" gegründet.

Den Ruf einer anstößigen, selbstverschuldeten Krankheit hat Aids endgültig verloren, seit sich ein anderer Prominenter dazu bekannte: Mitte April erschütterte Gustav Jonsson, ein durch sein Engagement für jugendliche Outlaws landesweit berühmter Psychiater, die Öffentlichkeit mit der Mitteilung, er sei mit dem Aids-Virus infiziert.

Der vitale 80jährige, für viele fast wie ein Landesvater, und seine noch junge Frau erklärten, daß sie seit 1986 mit der Diagnose "HIV-positiv" leben - "Ska-Gustav", so genannt nach seinem Internat "Skabyn" nördlich von Stockholm, hatte sich über eine Bluttransfusion infiziert. In einem gemeinsamen Buch, das demnächst erscheinen soll, beschreibt das Ehepaar, wie, nach zwei harten Jahren, "der Schock sich in heilende Kraft gewandelt hat".

"Ich kann doch meine Leute - Fixer, Nutten, Penner - nicht im Stich lassen", begründet Jonsson den Schritt in die Öffentlichkeit: "Das Schlimmste ist nicht, angesteckt zu sein. Das Schlimmste ist, als ansteckend zu gelten."

Text: "Heute abend Aids?"

DER SPIEGEL 24/1988
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 24/1988

Titelbild

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!


Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Bei Spodats erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF

Artikel als PDF ansehen

Es ist nicht Liebe, was du mitbringst

TOP



TOP