18.04.1988

Poesie und Schrecken

SPIEGEL-Redakteur Rainer Traub über Danilo Kis: „Sanduhr“ *
Der Roman "Sanduhr" _(Danilo Kis: "Sanduhr". Roman. Aus dem ) _(Serbokroatischen von Ilma Rakusa. Hanser ) _(Verlag, München; 228 Seiten; 38 Mark. ) beginnt dunkel, dunkel im doppelten Wortsinn: Ein armseliger Raum mit nacktem Lehmboden, nur der unter einem Glaszylinder brennende Docht einer Petroleumlampe wirft flackernde Schatten. Ein Mann beugt sich im fahlen Licht der Lampe über einige beschriebene Blätter: über einen Brief an seine Schwester, in dem er seine Familiengeschichte zu erzählen begonnen hat - und den er nun dem Feuer übergeben möchte. "Man hört in der Stille das leise Knistern der zuckenden Flammenspitze. Das Rauschen der Zeit."
Im letzten Moment widersteht der Mann in dem lautlosen, halbdunklen Raum der Versuchung, seinen Brief zu verbrennen. Nach vielen Jahren oder Jahrtausenden, denkt er, kann die Chronik zu einem Zeugnis der Zeit werden, "wie die Handschriftenfragmente, die man im Toten Meer oder in Tempelruinen oder auf Gefängnismauern gefunden hat".
Wie ein in Zeitlupe ablaufender Film beschreibt der Text den Mann: mit grauem Hut, abgetragenem Mantel, mausgrauen Gamaschen. Eine fleckige Aktentasche aus Schweinsleder hält er an die Brust gedrückt. Sie verdeckt sein Stigma: einen gelben Davidstern. In einer neuen Szene, "Reisebilder", rückt ein Pferdeschlitten mit Kutscher ins Bild, eine Frau steigt aus. Träumt der Mann, wacht er, halluziniert er?
Allmählich erst, ganz langsam fügt sich das Puzzle des Suchbildes zusammen, kristallisiert sich die komplizierte und kunstvolle Architektur der Momentaufnahmen und Andeutungen heraus. Innere Monologe ("Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen") und verhörähnliche Protokolle ("Ermittlungsverfahren", "Zeugenvernehmung") bebildern die psychische und soziale Situation des Helden. "Reisebilder" zeigen ihn beim Einkauf, bei Besuchen, im Erste-Klasse-Abteil eines Zuges, in der psychiatrischen Anstalt, im Schlitten. Die Reise ist eine Flucht ohne Aussicht. Sie wird eines Tages in Auschwitz enden. Aber dies teilt sich dem Leser mit, ohne daß auch nur das Wort fällt.
"Sanduhr" heißt der letzte und düsterste Teil einer einzigartigen Trilogie, deren Auftakt der bereits 1968 ins Deutsche übersetzte Roman "Garten, Asche" bildete; eine deutsche Version des Mittelstücks "Frühe Leiden" soll die Übertragung des autobiographisch inspirierten Zyklus abschließen.
Zentraler Held ist der pensionierte jüdische Eisenbahninspektor Eduard Sam (die Assoziation "Einsam", die der Nachname im Serbokroatischen wie im Deutschen nahelegt, ist beabsichtigt). Als Eremit und Wanderphilosoph, als Trinker und Phantast, als Neurastheniker und Verfasser eines grotesk-monumentalen "Fahrplans des Autobus-, Schiffs-, Eisenbahn- und Flugzeugverkehrs" war der Mann mit dem Stern schon die dominierende Figur des lyrischen und skurrilen Kindheitsromans "Garten, Asche" gewesen.
Zur dürren Chiffre verknappt - von Eduard Sam sind nur die Initialen E.S. geblieben - beherrscht die mythische Vaterfigur auch die "Sanduhr". Der geschichtliche Hintergrund des Romans ist der Holocaust in Mitteleuropa, im alten Pannonien. Dieses weite Land zwischen der Wojwodina und West-Ungarn war einst die Heimat der pannonischen Juden, die dort zusammen mit Ungarn und Serben, Kroaten und Deutschen lebten.
Pannonien war auch die Heimat der Eltern von Danilo Kis, der als Sohn eines ungarischen Juden und einer Montenegrinerin 1935 in der nordjugoslawischen Stadt Subotica geboren wurde. Der jugoslawische Schriftsteller erlebte die frühen vierziger Jahre, in denen sein Zyklus spielt, als Kind. Er entging dem Holocaust, weil ihn die Eltern 1939 taufen ließen, als auch in Ungarn antisemitische Gesetze eingeführt wurden.
In der "Sanduhr" beschwört Kis noch einmal sein geistiges Erbe: die versunkene Welt seines Vaters, der in Auschwitz getötet wurde. Die Suche nach der verlorenen Zeit fördert unscheinbare Spuren und winzige Einzelheiten zutage; nicht
zufällig zählt Marcel Proust, der von Gerüchen und Geräuschen gebannte Klassiker nostalgischer Erinnerung, zu den literarischen Ahnen von Danilo Kis.
Die Speisekarten der Restaurants, in denen E.S. verkehrte, das Photoalbum mit Familienbildern - sie werden minutiös beschrieben; die seitenlange Liste von umgekommenen Bekannten, das Verzeichnis der Gegenstände aus der Aktentasche des Helden, von den Broten mit Räucherhering über die Rasierklingen "Marke Tabula rasa" bis zum Hemdknopf aus Blech: Das literarische Verfahren erinnert an archäologische Ausgrabungen.
Pannonien gilt Kis als "Name für das Bett eines ausgetrockneten prähistorischen Meeres", der Roman handelt, wie er einmal gesagt hat, "am Grund jenes toten Meeres". Der Titel "Sanduhr" kann auch als Metapher für die Galgenfrist gelesen werden, die dem Helden und dem pannonischen Judentum bis zur "Endlösung" bleibt.
Die Handlung irrlichtert nur eine einzige Nacht lang. In dieser knappen Zeitspanne durchlebt E.S. wie im Zeitraffer noch einmal Episoden seines Lebens. Sie sind in einem an die Schwester Olga adressierten Brief zusammengefaßt, den der einsame Held als Flaschenpost für die Nachgeborenen zu Papier gebracht hat.
Neben alltäglichen und scheinbar banalen Situationen stehen alptraumartige Visionen und die bruchstückhaft angedeutete Erinnerung an entsetzliche Erlebnisse. Immer wieder zitiert der Autor das Massaker von Novi Sad herbei, dem im Januar 1942 Tausende von Juden und Serben zum Opfer fielen. Aber auf Novi Sad wird wie aus weiter Ferne nur angespielt; in klaren Konturen ist von konkreten historischen Ereignissen nirgends die Rede. Das Grauen steckt im poetischen Detail: _____" Das Gehirn von Herrn Freud, dem Oberarzt. Ein Klumpen " _____" gefrorenen, gallertigen Fleisches, völlig intakt, wie ein " _____" am Stück serviertes Lammhirn (im Restaurant Danubius in " _____" Wien, 1930). Der Schnee, ringsum von schweren " _____" Stiefelabsätzen und Nagelschuhen zertrampelt, schien nur " _____" gerade hier ein wenig geschmolzen, neben diesem Gehirn, " _____" auf dem man Windungen wie auf einer Nuß sowie ein " _____" Netzwerk von Kapillaren erkennen konnte. " _____" Das Gehirn lag im Schnee, an der Ecke zwischen der " _____" Miletic - und der Griechenschule-Straße, und ich hörte " _____" genau, wie jemand sagte, wem, das heißt wessen Schädel " _____" dieses Gehirn gehört hatte. Das Gehirn von Herrn Freud, " _____" dem Oberarzt, lag wie eine kleine Insel im Schnee, " _____" zwischen zwei Furchen von Fußspuren, eine der " _____" Schädeldecke entrissene Intelligenz (so reißt man " _____" Muscheln aus ihrer harten smaragdfarbenen Schale), eine " _____" bebende Hirnmasse, zitternd im Schnee wie in einem " _____" Eisschrank. "
Die Bilder von Gefahr und Verfall sind auf unheimliche Weise in den Alltag eines verstörten, vom Wahn umwehten Menschen eingelassen, der sich mit zänkischen Verwandten herumstreitet, Beschwerde gegen die Kürzung seiner Pension einlegt oder einfach nur Besorgungen erledigt. Wie beim Fleischer an der Ecke zum Beispiel: E.S. befürchtet, der Metzger könne durchschauen, daß er nur wenig Geld hat, und ihm minderwertige Ware verkaufen. Ein unbestimmtes Gefühl des Ausgeliefertseins beherrscht ihn.
Er fühlt sich in seinem Verdacht bestätigt, als der Metzger plötzlich abstoßende Innereien unter dem Ladentisch hervorkramt: "Ziegelrote Leber, die wie gestocktes, geronnenes Blut aussah, ein aalförmiges Stück schleimiger Milz, schaumige gummiartige Lunge, spitzenartiges Gekröse, eine Niere, die einem Zwillingsfötus glich, und ein vom schrecklichen Fleischermesser durchbohrtes Herz."
Oder: im Eisenbahnabteil. Mit zitternden Händen sucht E.S. seine Papiere vom Klapptisch eines Erste-Klasse-Wagens zusammen, stopft sie in die Aktentasche, zwischen Bierflaschen und Brote mit Räucherhering. Er macht sich am Messingschloß zu schaffen, ohne es schließen zu können; er ist des Wagens verwiesen. Neben ihm steht "ein junger blonder Schaffner, der seine vernickelte Lochzange wie einen Revolver gegen seine Brust, gegen den Stern hielt".
Das Schicksal des gezeichneten, gejagten Helden ist das seines Volkes. E.S. erbt die jahrtausendealte Verfolgung der Juden. Vergebens träumt er von der Rettung, von einem englischen Unterseeboot, das als Arche Noah auftauchen könnte. Das Entsetzen ist in die Normalität, in die Poren des Daseins eingedrungen. Der Gedanke an Gegenwehr erscheint hoffnungslos. Als äußerste Widerstandshandlung wagt der Held es gelegentlich, sich in Zeitungen mit dem Bild des Führers zu schneuzen, um hernach freilich das Zeitungspapier mehrfach zusammenzufalten und in dichtes Gestrüpp zu werfen.
Einen "Familienzirkus" nennt Danilo Kis seine Trilogie. Aber obwohl die tragische Grundstimmung der "Sanduhr" immer wieder mit grotesken und ironischen Verfremdungen aufgehellt wird, hat der Autor nicht harmlose Clowniaden im Sinn, sondern jene "unerbittlichen Spiele" um Leben und Tod, die einst in den Arenen des alten Rom inszeniert wurden.
Um den Tod kreist Kis'' Werk immer wieder. Das zentrale Motiv der "Sanduhr" hat der Autor in der großen Erzählung "Enzyklopädie der Toten" wiederaufgenommen, die einem Sammelband den Titel verliehen hat. Da stößt der Held in einer schwedischen Bibliothek auf ein unerschöpfliches Archiv, in dem alle Einzelheiten aus dem Leben der Toten verzeichnet sind: Er versenkt sich in die Geschichte seines Vaters. "Ein Grabmal für Boris Dawidowitsch" ist ein anderer Band mit exemplarisch erzählten Lebensläufen jüdischer Revolutionäre überschrieben, die der Stalinismus verschlang. Danilo Kis errichtet literarische Grabmäler für die namenlosen Opfer der Geschichte.
Freilich will Kis nichts weniger sein als ein "politischer" Schriftsteller. Es verbittert ihn, daß seine poetische, anspielungsreiche Prosa in Jugoslawien wie im Westen oft eher politisch als literarisch verstanden worden ist. Danilo Kis erteilt seinen Lesern keinen historischen Nachhilfeunterricht; Kenntnis der Geschichte setzt er selbstverständlich voraus. Wirklichkeit und Traum, Fakten und Fiktionen sind bei ihm so vollkommen ineinandergewirkt wie bei Jorge Luis Borges. Aber während der argentinische Meister der phantastischen Erzählung in seiner "Universalgeschichte der Niedertracht" ein unbefangenes Spiel trieb, indem er historische Revolverhelden und Messerstecher mit erfundenen Biographien adelte, schöpft Danilo Kis aus dem Ernst einer anderen Erfahrung: Die wahre Universalgeschichte der Niedertracht heißt Faschismus und Stalinismus, Holocaust und Archipel Gulag.
"Sanduhr" ist das vierte ins Deutsche übersetzte Buch von Kis. Seltsam, bislang ist der lakonische, ironische Poet aus Jugoslawien hierzulande ein literarischer Geheimtip geblieben. "Mit großer Verspätung werden Kritik und Publikum einen der wichtigsten europäischen Schriftsteller der Gegenwart entdecken", hat Thomas Rothschild, gelegentlich einer Taschenbuch-Edition von "Ein Grabmal für Boris Dawidowitsch", vor einem Jahr in der "Frankfurter Rundschau" prognostiziert. Er wird recht behalten.
Danilo Kis: "Sanduhr". Roman. Aus dem Serbokroatischen von Ilma Rakusa. Hanser Verlag, München; 228 Seiten; 38 Mark.
Von Rainer Traub

DER SPIEGEL 16/1988
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