18.04.1988

Wir haben damals die beste Musik gemacht

Von Steinbiß, F. und Eisermann, D.

Florian Steinbiß und David Eisermann über Goebbels' Propaganda-Jazzband "Charlie And His Orchestra" Steinbiß, 30, und Eisermann, 30, unterhalten gemeinsam ein unabhängiges Autorenbüro in Bonn und Berkeley, Kalifornien. _(Steinbiß und Eisermann, Bonn 1988. ) *

Wenn die Aufnahme auch leise rauscht, klingt die Melodie von Cole Porter doch zeitlos - seidenweicher Swing. Die Schallplatte, massives Schellack-Material, mehr als 40 Jahre alt, läuft mit 78 Umdrehungen in der Minute und ist merkwürdig etikettiert - statt des Labels einer Produktionsfirma nur der Hinweis "Charlie And His Orchestra".

Die Stimme eines Sängers setzt ein, mit einer Mischung aus Frechheit und Eleganz: "You''re The Tops, You''re A German Flyer/ You''re The Tops, You''re Machine Gun Fire/ You''re A U-boat Chap With a Lot Of Pep/ You''re Grand, You''re A German Blitz, The Paris Ritz." Das gibt beim Zuhören einen Stich, noch über den Abstand von Jahrzehnten hinweg. Charlie singt Propaganda-Swing ("Du bist Spitze, ein deutscher Flieger, ein U-Boot-Fahrer mit viel Pep").

Es ist eine der extrem raren Schallplatten von "Charlie And His Orchestra", die unter Jazz-Sammlern nicht unter 500 Mark pro Stück den Besitzer wechseln. Sie dokumentieren die Arbeit einer mysteriösen Big Band. Auf dem Höhepunkt der Hitler-Herrschaft spielte sie in Berlin mit hoher Perfektion genau jene Musik, die von den Nationalsozialisten unnachgiebig verfolgt wurde - Jazz. Möglich war das nur, weil die Musiker für die bizarrste Produktionsfirma der Jazz-Geschichte arbeiteten, das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda unter Joseph Goebbels.

Die Geschichte von "Charlie And His Orchestra" ist bislang nie erzählt worden. Wer ihr nachgeht, stößt nicht nur auf die unwahrscheinliche Tatsache, daß ausgerechnet als eine Folge der Jazz-Verbote der Nazis und des Krieges, den sie in Europa führten, viele der besten Swingmusiker und Hot-Solisten des Kontinents zusammen in einem Orchester spielten, wo sie ihr Bestes geben mußten, um zu überleben.

Die Spuren führen zurück in die geheime Welt der NS-Auslandspropaganda und ihres verzweigten Rundfunkwesens, dessen Programme aber kaum jemand im Deutschen Reich empfangen konnte - eine Lektion über die Doppelbödigkeit von Alltagskultur und politischer Unterdrückung, die im Deutschland des Zweiten Weltkriegs Wirklichkeit war.

Der deutsche Jazz-Historiker und Bonner Entwicklungshilfe-Experte Rainer Lotz kam den "Charlie"-Platten auf die Spur, erforschte ihre Discographie und brachte jetzt die erste von vier geplanten Langspielplatten heraus, die die herausragendsten Aufnahmen des deutschen Propaganda-Swing enthalten sollen _("German Propaganda Swing - Charlie And ) _(His Orchestra 1940-1941" Volume One, ) _(Harlequin. HQ 2058. Vertrieb: IMS, ) _(Hannover. ) . Lotz gilt als Experte für die Entwicklung des Jazz außerhalb der USA, und seine Editionsarbeiten über Jazzmusik in Argentinien, Südafrika, Rußland oder Indien haben ihn in Fachkreisen bekannt gemacht.

Eine der "Charlie"-Platten fand Lotz bei einem New Yorker Sammler, der sie in Wien unmittelbar nach Kriegsende bekommen hatte - sein Kontaktmann hatte Angst davor, allein für den Besitz dieser Musik von der sowjetischen Besatzungsmacht erschossen zu werden.

Die Originalplatten dieser mysteriösesten Aufnahmen in der deutschen Jazzgeschichte trug Lotz im Lauf mehrerer Jahre zusammen - er fand sie auf Flohmärkten, in alten Archiven und in Trödelgeschäften. Hauptsächlich wurde er im Ausland fündig: in Paris und Kopenhagen, Oslo, Zagreb, Belgrad und Athen. Allen Städten war gemeinsam, daß sie in den frühen vierziger Jahren Rundfunkstandorte im Medienimperium der Nationalsozialisten gewesen waren. _(Trompeter Charly Tabor und Otto ) _(Turksch, Posaunist Willy Berking 1939 im ) _(Kurzwellensender Berlin. )

Die Musik von "Charlie And His Orchestra" war der attraktive Köder für die Auslandsprogramme, die der deutsche Rundfunk für Hörer in Großbritannien und Nordamerika und nach den alliierten Invasionen in Italien und Frankreich für die englischsprachigen Truppen in Europa produzierte.

Um das Swing-Angebot der deutschen Sendungen ins Ausland ständig auf aktuellem Stand halten zu können, war ein großes Studio-Orchester notwendig, das zunächst wöchentlich, schließlich täglich live in Berlin auf Sendung ging. Auf diese Weise konnten nicht nur neueste Hits aus Großbritannien und den USA gespielt, sondern auch Propagandabotschaften in die Texte eingearbeitet werden, bizarre Kommentare zu den wechselnden Kriegsereignissen.

Spezialisten des Propagandaministeriums schnitten die Musik des Swing-Orchesters mit. Pro Titel wurden nur 50, maximal 100 Kopien hergestellt, die für Sender im besetzten Europa und zum Einsatz in Kriegsgefangenenlagern bestimmt waren. Durch die Wirren und Zerstörungen des Kriegsendes sind nur wenige Exemplare der "Charlie"-Platten erhalten geblieben.

Lotz konnte ihre anonymisierten Etiketten zunächst nur durch die aufgedruckten Signets ordnen - da gab es ein "Leier"-Motiv oder eine "Mandoline und Klarinette". Die Schallplatten wurden vermutlich in den Werken der "Deutschen Grammophon" hergestellt und gelangten nie in den Handel.

Hinter der Phantom-Band "Charlie And His Orchestra" standen der Bandleader Lutz Templin, der Jazz-Sänger Karl "Charlie" Schwedler und eine Besetzung, der in den letzten Jahren des Zweiten Weltkriegs die Elite der europäischen Swingmusik angehörte - aus Italien der Trompeter Nino Impallomeni und der bedeutende Jazzpianist Primo Angeli, aus Belgien der Klarinettist Benny de Weille und der Posaunist Josse Breyre, außerdem der Meistergitarrist Meg Tevelian und aus Deutschland der Posaunist Willy Berking, der Tenorsaxophonist Eugen Henkel und der Schlagzeuger Fritz Brocksieper.

Die Musiker des Propaganda-Orchesters wurden für jede Sendung im Rundfunk gut bezahlt, suchten aber weiterhin in der Musik- und Schallplattenindustrie nach zusätzlichen Engagements. Sie spielten live in Bars, arbeiteten aber vor allem als Studiomusiker.

Besonders Brocksieper gelang es, neben seiner geheimen Rundfunkarbeit immer wieder im regulären Schallplattenbetrieb Platten zu produzieren, für die er mitunter das ganze Propaganda-Orchester _(Max Solanke und Eugen Henkel 1935 in ) _(Frankfurt/Main. )

beschäftigte. Die Männer teilten den Ehrgeiz, auf diesen regulären Schallplattenaufnahmen etwas von dem "heißen" Stil ihrer Swing-Arbeit für den Propagandasender zu vermitteln.

Ein Musikrezensent stutzte 1943: "Was die Brocksieper-Solisten in dem ''Excentric Fox'' bieten, ist verbotsreife Jazzmusik." Entgeistert fragte er: "Wieso darf solche entartete Musik aufgenommen und vervielfältigt werden?" Der Nazi-Journalist wäre sicher erstaunt gewesen, daß der "entartete" Brocksieper vom Propagandaministerium bezahlt wurde.

Jazzmusik in jeder Form gehörte zu den Tabus der nationalsozialistischen Kulturpolitik. Lange bevor Hitler 1933 Reichskanzler wurde, hatten in der Weimarer Zeit NS-Stoßtrupps Jazzkonzerte gestört; nach 1933 waren Arbeitsmöglichkeiten für deutsche und ausländische Jazzmusiker schrittweise abgeschafft worden. Jazz sollte völlig verschwinden.

Am 12. Oktober 1935 hatte der Chef der "Reichs-Rundfunk-Gesellschaft", Eugen Hadamovsky, verfügt: "Mit dem heutigen Tage spreche ich ein endgültiges Verbot des Nigger-Jazz für den gesamten deutschen Rundfunk aus." Trotz - oder vielleicht auch wegen - dieser Verbotspolitik schaffte die unterdrückte Musik mit Beginn der vierziger Jahre ein unerwartetes Comeback in Deutschland.

Swingmusik, tanzbarer Jazz, wurde so populär, daß die Behörden sich auf eine Kompromißlinie umstellen mußten und ein "Deutsches Tanz- und Unterhaltungsorchester" aufstellten, das der "Judenmusik" eines Benny Goodman und dem Sound von Glenn Miller deutsche Töne entgegensetzen sollte. Schallplatten mit deutscher und amerikanischer Swingmusik, amtlich unerwünscht, wurden noch eine Zeitlang unter dem Ladentisch verkauft.

In der Reichshauptstadt gab es sogar Swing live zu hören. Berlins Musikpalast "Delphi" zog die besten Musiker Europas an - Big Bands aus Belgien und den Niederlanden wie das Orchester von Ernst van t''Hoff. Lutz Templin konnte diese gastierenden Bands in aller Ruhe nach geeigneten Musikern auskämmen.

Auf diese Weise konzentrierte sich in der Live-Band des deutschen Propaganda-Funks schließlich die Jazz-Elite des besetzten Europas. Solange die deutsche Schallplattenindustrie es möglich machte, riskierten diese Musiker eine Menge, um ihr professionelles Können auch auf regulär veröffentlichten Schallplatten festzuhalten.

Eine Spitzenleistung war "Cymbal Promenade" von Fritz Brocksieper, eine Produktion aus dem Nazi-Berlin von 1943, die beim heutigen Zuhören Rock ''n'' Roll-Assoziationen auslöst. Primo Angeli spielte Brocksiepers Boogie-Harmonien auf dem Cembalo, um sie so zu verfremden, daß NS-Funktionäre den amerikanischen Charakter der Musik nicht durchschauten.

Brocksieper schildert den schizophrenen Musikbetrieb in Berliner Bars. In der "Ciro Bar", wo er zeitweise als Mitglied einer Combo spielte, gab es einen "Türmann": "Der hatte extra eine Klappe und hat rausgesehen - wen er nicht kannte, der durfte nicht reinkommen!" Wichtig war die rechtzeitige Warnung vor Kontrollen, die die "Reichsmusikkammer" durchführte.

"Wir haben viele Sachen verschleiert", erzählt Brocksieper, "die kamen in die Lokale, wo die Kapellen spielten, und schauten die Noten nach." Die Musiker überklebten und titelten sie um: Aus dem Stück "Tiger Rag" wurde ein deutscher "Schwarzer Panther", aus dem "Saint Louis Blues" das "Lied vom Blauen Ludwig".

Heute ist der 75jährige Brocksieper einer der großen alten Männer des deutschen Jazz und neben dem Trompeter Charly Tabor der wichtigste überlebende Zeuge für den Propaganda-Swing. Die anderen noch lebenden Musiker der Band wollen meist nicht mehr darüber reden - die Niederländer, Belgier oder Italiener fürchten immer noch, als Kollaborateure hingestellt zu werden. Deutsche Mitglieder waren aus anderem Grund verschwiegen - in der Nachkriegszeit machten sie Karriere im Musikbetrieb der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten.

Brocksieper ist bis heute der Ansicht, daß die musikalischen Ziele die Arbeit für das Goebbels-Ministerium rechtfertigten. "Wenn man zurückschaut", sagt er, "haben wir als Big Band sehr gute Musik gemacht, die beste Musik der damaligen Zeit. Weil wir nämlich die besten Jazzmusiker in einem Orchester zusammenbekamen."

Er besteht darauf, den Musikern sei die Bedeutung der Propagandatexte nicht klar gewesen, sie hätten davon fast nichts gemerkt: "Nein, wir hörten das nicht." Dabei zeigen die historischen Aufnahmen deutlich, daß die Band häufig den Chorus der Texte besorgte. "Das Mikrophon stand vor dem Sänger", entschuldigt Brocksieper solche Unwahrscheinlichkeiten, "und wir bekamen für unsere Arrangements nur die Noten zu lesen." Charly Tabor kommentiert die Situation ähnlich: "Damit hatten wir nichts zu tun. Kontakt hatte nur der Kapellmeister, der uns dann sagte: Wir spielen bis zu Caesar, und danach nur Klavier und Rhythmus, weil dann der Herr Schwedler singt."

Sie seien alle keine Nazis gewesen, sagt auch Brocksieper, sogar Karl Schwedler, der elegante Sänger, "war _(Oberbürgermeister Georg Kronawitter ) _(überreicht 1987 die Medaille "München ) _(leuchtet". )

Jazzmusiker. Wer konnte gleichzeitig Jazzmusiker und Nazi sein? Das ist nicht möglich. Wir haben internationale Musik gespielt, Judenmusik, die beste Musik" - und sie spielten sie, weil es ihre einzige Chance war, dem Kriegsdienst in der Hitler-Wehrmacht zu entgehen.

Brocksieper, aufgrund eines jüdischen Großelternpaars in der NS-Terminologie "Mischling zweiten Grades", wurde zwar 14mal einberufen, mußte aber nie an die Front, weil er für die Beamten im Propagandaministerium unersetzlich war. "Wir haben für uns gearbeitet", sagt er rückblickend, "wir waren ''uk'' (unabkömmlich - die Red.) gestellt, mußten nicht zum Militär oder zum Arbeitsdienst, nicht auf andere schießen. Wir waren Jazzmusiker und haben sogar einen Haufen Geld verdient in einer Zeit, in der andere für eine Mark am Tag ihr Leben lassen mußten." Im Keller zu sitzen, während oben Bomben fielen, fügt er hinzu, sei allerdings "auch nicht so angenehm gewesen".

In den erhaltenen Nummern des Propaganda-Swing scheint dies auf merkwürdige Weise durch, wenn Charlie Schwedler über britische Bombenflieger singt: "Let''s Go To It, Let''s Do It, Let''s Go Bombing, It''s Becoming Quite The Thing To Do" - Bombardieren als "Jazz-Hit".

Vor allem transportierten die Texte die virulente NS-Ideologie von Antisemitismus und Antikommunismus. "I Love The Bolshevikis", legte Charlie einer englischen Adeligen in den Mund, "I''m Going Bolsheviki, Let''s All Go Bolsheviki, They''re Lovely People." Die clevere Obszönität gab dem originell gespielten Swing der Band eine Brechung, sie pervertierte die Perfektion der Musik. Die Schönheit, mit der "Charlie And His Orchestra" die neu getexteten amerikanischen Vorlagen interpretierten, wurde schrecklich.

Die Band spielte oft bewußt auf Kriegsereignisse an, wenn etwa Charlie die Bitte Churchills an Roosevelt um Unterstützung verspottete ("Frankie, Frankie, die Deutschen machen mich verrückt"): "Frankie, Frankie, The Germans Are Driving Me Nuts/ From Narvik Down To Egypt/ They Took All My Landing Spots."

Die deutsche Regierung und deren Propagandamaschine entfalteten im Rundfunk eine vielstimmige Strategie, um ausländische Hörer anzusprechen und zu beeinflussen. Die Deutschen empfingen das einheitliche "Reichsprogramm" der "Reichs-Rundfunk-Gesellschaft" (RRG), die Auslandsprogramme dagegen so gut wie gar nicht. Innerhalb der RRG war dafür ein zweites Network aufgebaut worden, dessen Kernstück der "Deutsche Kurzwellensender" (KWS) darstellte, ein "World Service", der bei Kriegsbeginn alle internationalen Kurzwellenstationen an Ausstattung, Personalstärke und Programm übertraf.

Von 1941 an schalteten sich zusätzlich die "Deutschen Europa-Sender" ein. Die deutschen Programme wurden viel gehört - eine BBC-Umfrage nach Kriegsbeginn ergab, daß 26,5 Prozent aller britischen Hörer auch englische Sendungen aus Deutschland hörten.

Mit der Fortdauer des Krieges stießen die deutschen Sendungen auf immer weniger Resonanz. Statt dessen schalteten sich immer mehr deutsche Hörer in ausländische Radioprogramme ein, obwohl dafür von 1939 an Tausende verurteilt und in Einzelfällen umgebracht wurden. Ausländische Nachrichten, nicht weniger aber die "schmissige" Musik, Amerikas Swing, übten eine solche Anziehungskraft aus, daß Goebbels über deren Popularität

bei deutschen Luftwaffensoldaten tobte.

Während die Nazis im Laufe des Krieges in die Defensive gedrängt und die Lebensumstände der Zivilbevölkerung immer düsterer wurden, weitete der Auslandsrundfunk seine Produktion ständig aus: Hunderte von Redakteuren, Textern und Moderatoren produzierten 1943 täglich 147 Stunden Programm in 53 Fremdsprachen, vor allem in Englisch.

Die ständigen Bombenangriffe amerikanischer und britischer Flugzeugverbände beeinträchtigten den Betrieb des Nazi-Rundfunks so stark, daß dem KWS in Berlin schließlich das Handwerk gelegt wurde. Die Behörden verlagerten ihre Sender und setzten den Auslandsrundfunk von neuen Ersatzstandorten in der Provinz in großem Umfang fort.

In Frankreich erhielt ein Sender im deutsch besetzten Calais Programme und Propaganda-Swing aus Deutschland über Kabel. Am 6. Juni 1944 begann die alliierte Invasion in der Normandie, und während das Oberkommando der Alliierten den Beginn der Kämpfe erst Stunden später bestätigte, streute Calais die neuesten Nachrichten laufend in sein Swing-Programm ein. Die kaltblütige Ansage der Moderatorin nach der ersten Angriffsmeldung - "Und jetzt bringen wir Musik für die Invasionstruppen" - machte als Sensation die Runde.

"Charlie And His Orchestra" spielten weiter, seit September 1943 beim "Reichssender Stuttgart". Der bot seinen deutschen Hörern nur das einheitliche Reichsprogramm, bekam aber in den letzten anderthalb Kriegsjahren noch einmal große Bedeutung, als hier auf Kurzwelle für die Soldaten der alliierten Streitkräfte gesendet wurde.

Der "Reichssender" am Stuttgarter Charlottenplatz im "Haus des Deutschtums" machte sogar nach den heftigen Bombenangriffen weiter Programm - für deutsche Hörer gab es im Radio den "Kuckucksruf", die Warnung vor neuen Luftangriffen, während das Propaganda-Orchester auf Kurzwelle Jazz spielte.

Erst am 5. April 1945 gab der "Reichssender Stuttgart" seine letzte Durchsage, am folgenden Tag sprengte ein SS-Kommando die Sendeanlagen, schließlich rückten französische, später amerikanische Truppen ein.

Es dauerte nur wenige Wochen, bis Fritz Brocksieper und seine belgischen und italienischen Kollegen wieder Swing spielten, Brocksieper unter dem amerikanisierten Vornamen "Freddie". Die Aufnahmen von "Charlie And His Orchestra" verschwanden und wurden vergessen, während sich die Besatzungsamerikaner begeisterten, mitten in "Nazi Germany" auf so hervorragende Jazz-Solisten zu stoßen.

"We got Goebbels'' Band", titelte das Truppenblatt "The Stars and Stripes" - für die GIs Grund genug, sich von den verlegenen Musikern Autogramme zu holen. Freddie Brocksieper und seine Kollegen spielten für Offiziere und Geheimdienstler in Ami-Clubs von Stuttgart bis Ludwigsburg - allerdings ohne Goebbels'' Jazz-Sänger Charlie Schwedler. Der hatte als Geschäftsmann später genug Erfolg und zog sich saniert an den Tegernsee zurück, wo er 1973 starb.

Lutz Templin baute einem der ARD-Sender das Tanzorchester auf, und eigentlich waren alle Musiker von "Charlie And His Orchestra" so gut, daß sie in der Nachkriegszeit befriedigende Karrieren als Solisten oder Bandleader machten. Brocksieper erhielt schließlich den deutschen Schallplattenpreis.

Anders erging es den Amerikanern und Briten, die für den KWS und die Europa-Sender gearbeitet hatten und aus deren Reihen die Texte für Deutschlands cleveren "Propaganda-Swing" stammten. Mildred Gillars, die als "Axis Sally" die Sendungen für amerikanische Soldaten moderiert hatte, ging für viele Jahre ins Gefängnis. Ebenso Norman Baillie-Stewart, er verbrachte den Rest seines Lebens, gebrandmarkt als Verräter, zurückgezogen in der irischen Provinz. Der Nazi-Kommentator William Joyce ("Lord Haw-Haw") wurde in einem umstrittenen Gerichtsverfahren verurteilt und 1946 gehenkt.

Wer die bizarre Szene der deutschen Auslandspropaganda historisch betrachtet, fragt sich unwillkürlich nach den Gründen, aus denen dieser swingende Unterhaltungsbetrieb in vollem Umfang bis in die letzten Wochen des Krieges weitergefahren wurde. Hitler-Deutschlands Auslandsrundfunk und sein Propaganda-Orchester erfüllten am Ende wohl die gleiche Funktion wie das Telephon einer Pleitefirma. Das Personal ist bereits entlassen, das Inventar gepfändet oder zu Geld gemacht worden, doch der Telephonanschluß wird so lange wie möglich aufrechterhalten, weil er das letzte Signal an die Außenwelt darstellt: "Wir sind noch da!" _(1943 in Stuttgart bei der Hochzeit des ) _(Posaunisten Josse Breyre; von links: ) _(Alfredo Marzaroli, Bob van Venetie, Nino ) _(Impallomeni, Henk Bosch, Frau Bosch, ) _(Merry Breyre, Otto Tittmann, Josse ) _(Breyre, Robby Zillner, Betty Robert, ) _(Primo Angeli, Jan Robert, Fritz ) _(Brocksieper, Paulo Ricci, Max Gursch, ) _(Mario Balbo, Renato Carneval. )

"German Propaganda Swing - Charlie And His Orchestra 1940-1941" Volume One, Harlequin. HQ 2058. Vertrieb: IMS, Hannover. Trompeter Charly Tabor und Otto Turksch, Posaunist Willy Berking 1939 im Kurzwellensender Berlin. Max Solanke und Eugen Henkel 1935 in Frankfurt/Main. Oberbürgermeister Georg Kronawitter überreicht 1987 die Medaille "München leuchtet". 1943 in Stuttgart bei der Hochzeit des Posaunisten Josse Breyre; von links: Alfredo Marzaroli, Bob van Venetie, Nino Impallomeni, Henk Bosch, Frau Bosch, Merry Breyre, Otto Tittmann, Josse Breyre, Robby Zillner, Betty Robert, Primo Angeli, Jan Robert, Fritz Brocksieper, Paulo Ricci, Max Gursch, Mario Balbo, Renato Carneval.

DER SPIEGEL 16/1988
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