22.02.1988

PROZESSEPapagei im Nebel

Die Mainzer Regierung, wohlinformiert über die Giftigkeit von Erdal-Schuhsprays, blieb jahrelang untätig. Unterrichtet war auch der heutige Bonner Umweltminister Töpfer. *
Als der Rechtsanwalt Werner Klehr _(Patientennamen von der Redaktion ) _(geändert. )
mit Atemnot und Schüttelfrost in eine Kölner Klinik gebracht wurde, befürchteten die Ärzte offenbar das Schlimmste: Ein Geistlicher wurde alarmiert, der dem Patienten die Sterbesakramente geben sollte.
Bedrohlich war auch der Zustand der Sekretärin Jutta Brieger, als sie vom Notarzt in die Frankfurter Uni-Klinik eingewiesen wurde. Die Frau, schweißgebadet, litt an Erstickungsanfällen; auf der Intensivstation mußte sie künstlich beatmet werden.
Den durchtrainierten Düsseldorfer Bundeswehr-Fluglotsen Herbert Pauly verließen auf dem Weg vom Keller in die Wohnung jäh die Kräfte. Er bekam kaum noch Luft, "panische Angst" überfiel ihn. Auch Pauly wurde umgehend in ein Krankenhaus gebracht.
Die dramatischen Fälle haben eines gemeinsam: Alle Patienten hatten ein Lederpflege-Spray der Mainzer Chemiefirma Werner & Mertz (Erdal-Rex) benutzt und die frei werdenden Dämpfe eingeatmet.
Mit den Horror-Erlebnissen der Betroffenen befaßt sich zur Zeit die Fünfte Große Strafkammer des Mainzer Landgerichts. Dort müssen sich seit Dezember sechs jetzige und ehemalige Manager des Familienunternehmens (1100 Beschäftigte, 256 Millionen Mark Umsatz 1987) wegen fahrlässiger Körperverletzung und lebensbedrohlicher Gesundheitsgefährdung verantworten: Helmut Schneider, Edelbert Bischoff, Rolf Schorn, Bodo Brückner, Rolf Wagner und Karl Dieckmann.
Der Vorwurf der Staatsanwaltschaft: Obwohl die Führungskräfte spätestens seit November 1980 durch schriftliche Verbraucherbeschwerden über Gesundheitsschäden durch Ledersprays informiert gewesen seien, hätten sie weder die ausgelieferten Sprühdosen zurückgerufen noch Händler und Verbraucher gewarnt.
Der Prozeß hat Modellcharakter. Werner Hempler, Chef der Mainzer Staatsanwaltschaft, mißt dem Verfahren eine "Pilotfunktion in Sachen Produkthaftung und Verbraucherschutz" bei.
Erstmals seit dem Contergan-Prozeß, Ende der sechziger Jahre, sehen sich Chemiemanager einer vergleichbar massiven Anklage ausgesetzt; damals war der Arzneimittelhersteller Chemie Grünenthal beschuldigt worden, durch den Vertrieb des Schlafmittels Contergan Nervenstörungen bei Erwachsenen und die Mißbildungen Tausender von Neugeborenen verursacht zu haben.
Insgesamt hat die Staatsanwaltschaft 55 Krankengeschichten von Erdal-Opfern aufgelistet. Die Berichte lesen sich zum Teil wie Protokollnotizen über die Folgen eines Angriffs mit chemischen Kampfstoffen.
Etliche der Spray-Opfer wurden von Todesangst befallen, viele befürchteten _(Karl Dieckmann, Bodo Brückner, Rolf ) _(Wagner im Mainzer Landgericht. )
zu ersticken. Massive Atemnot, hohes Fieber, Schüttelfrost und Erbrechen zählen zu den häufigsten Symptomen nach den schweren Spray-Vergiftungen.
Viele Betroffene landeten laut Anklage in "lebensbedrohlichem Zustand" auf Intensivstationen. In mindestens 25 Fällen mußten die Werner & Mertz-Kunden tage- oder wochenlang stationär behandelt werden. Einige leiden noch immer an Spätschäden wie Reizhusten und Kurzatmigkeit.
Der bisher folgenschwerste Fall: Eine Frau aus Bad Kreuznach erlitt eine dauernde schwere Schädigung des zentralen Nervensystems. Die Versicherung des Chemieunternehmens, ergaben Nachermittlungen der Staatsanwaltschaft, zahlte eine Entschädigung von 280 000 Mark. Andere wurden mit Summen zwischen 200 und 5000 Mark abgespeist.
Viele zivilrechtliche Forderungen sind freilich noch anhängig. Die Erfolgsaussichten der Kläger würden beträchtlich steigen, wenn es im Strafverfahren gegen die Werner & Mertz-Manager zu einer Verurteilung käme.
Mit dem Abschluß des Prozesses ist frühestens im Mai zu rechnen. Zur Beschleunigung des Verfahrens haben die Angeklagten nicht eben beigetragen: Sie verweigern seit Prozeßbeginn die Aussage. Ihre Verteidiger, darunter die Prominentenanwälte Professor Hans Dahs (Bonn) und Rainer Hamm (Frankfurt), hatten ihnen zur Zurückhaltung geraten. Begründung: Zunächst sei abzuwarten, ob die Gesundheitsschäden überhaupt auf die Werner & Mertz-Produkte zurückgeführt werden könnten und ob das Unternehmen tatsächlich über die Fälle informiert gewesen sei.
Im übrigen zielt die Verteidiger-Strategie darauf ab, die Schuld den Aufsichtsbehörden zuzuschieben. Verteidiger Dahs will nachweisen, daß jährlich bis zu 200 Unfälle mit Ledersprays verschiedener Hersteller vorgekommen seien - mit Kenntnis der zuständigen Landesministerien und des Bundesgesundheitsamtes (BGA). Dennoch hätten die Behörden bis 1983 weder Rückrufaktionen noch Warnhinweise empfohlen.
Tatsächlich wußten die staatlichen Aufseher jahrelang um die Gefährlichkeit von Ledersprays, bevor sie endlich etwas unternahmen. Den Gift-Beratungsstellen Berlin, Bonn, Braunschweig, Freiburg, Mainz und Nürnberg sowie dem Bundesgesundheitsamt waren zwischen 1979 und 1983 immerhin 224 Vergiftungen durch Einatmen von Lederspray bekanntgeworden.
Professor Stefan Okonek, ehemaliger Leiter der Mainzer Gift-Zentrale, warnte bereits 1980/81 vor Lederspray-Vergiftungen. Auch das Mainzer Ministerium für Soziales und Umwelt wurde informiert; schon damals war bekannt, daß auch Erdal-Produkte Gesundheitsschäden verursacht hatten.
Ansprechpartner des Mediziners war der damalige rheinland-pfälzische Staatssekretär Klaus Töpfer. Der heutige Bundesumweltminister interessierte sich offenbar nicht sonderlich für den Lederspray-Skandal. Zeuge Okonek erinnerte sich vor Gericht: "Über dieses Thema wurde nicht gesprochen."
Auch im Bundesgesundheitsamt lösten die Alarmmeldungen zunächst keine besonderen Aktivitäten aus. Als die Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz 1981 ein Lederspray von Werner & Mertz an die Berliner Gesundheitshüter schickte und um eine Analyse bat, kam die Sprühdose ungeprüft zurück. Zuständig für die Untersuchung, ließ das BGA wissen, seien die Länder.
Erst anderthalb Jahre später entschloß sich das Bundesamt zum Eingreifen. Den Anstoß gab eine BGA-Mitarbeiterin. Die Frau hatte mit dem Lederspray "Imprägnol", einem Produkt des Erdal-Konkurrenten Brauns-Heitmann, hantiert und kurz darauf die typischen Vergiftungserscheinungen verspürt: Atemnot und Übelkeit. Schlimmer noch erging es ihrem Papagei, der dem Sprühnebel ausgesetzt war und bald darauf qualvoll starb.
Dieser Zwischenfall veranlaßte den BGA-Mediziner Godehard Hoffmann zu einer Reihe von Tierversuchen. Tauben, Hühner und Ratten wurden acht Ledersprays verschiedener Hersteller ausgesetzt. Unter "fürchterlichen Erstickungssymptomen", so der Experte als Zeuge im Erdal-Prozeß, seien einige Tauben verendet.
Dem Professor bekamen die Tests ebenfalls schlecht. Er zog sich eine Lederspray-Vergiftung zu und war erst nach einigen Wochen wieder beschwerdefrei. Fortan arbeitete er bei den Versuchen nur noch mit Atemschutzmaske.
Aufgrund seiner Untersuchungsergebnisse nahmen die Hersteller von sieben als besonders schädlich eingestuften Sprays ihre Produkte im September 1983 vom Markt, darunter auch die Werner & Mertz-Erzeugnisse "Solitär-Brilliant-Spray", "Solitär-Wildleder-Spray" und "Erdal-Wildleder-Spray".
Was die Lederpflegemittel aus der Sprühdose so gefährlich macht, ist bis heute unklar. Wegen ihrer "komplexen Zusammensetzung", so Werner Grunow vom Bundesgesundheitsamt, ließen sich "eindeutige Schlußfolgerungen hinsichtlich der verantwortlichen Bestandteile noch nicht ableiten".
Im wesentlichen bestehen die Produkte aus Imprägnierstoffen (Harze, Wachse, organische Metallverbindungen), Lösemitteln (meist Dichlormethan und Benzin) sowie Treibmitteln (hauptsächlich Propan, Butan oder Frigen).
Im Oktober 1983 wurde immerhin ein rotumrandeter Hinweis auf den Etiketten der Spraydosen eingeführt: "Vorsicht! Gesundheitsschäden durch Einatmen möglich! Nur im Freien oder bei
guter Belüftung anwenden! Nur wenige Sekunden sprühen! Von Kindern fernhalten! Gefahr für Haustiere!" Damit wurde das Risiko weitgehend auf die Verbraucher abgewälzt: Bei Gesundheitsschäden müssen sie erst einmal nachweisen, daß sie die Warnungen nicht in den Wind geschlagen haben.
Relativ gute Aussichten auf Schmerzensgeldzahlungen haben dagegen jene Geschädigten, die noch Dosen ohne Warnaufdruck verwendeten. Diese als Zeugen geladenen Sprayer werden von der Strafkammer des Mainzer Landgerichts in einem Merkblatt auf mögliche Ansprüche aufmerksam gemacht. Einige der Betroffenen sind bereits als Nebenkläger im Prozeß präsent.
Diese Opfer bereiten den Werner & Mertz-Managern offenbar die größte Sorge. In internen Papieren des Chemieunternehmens wird auf mögliche Konsequenzen hingewiesen: "Jede unerwünschte Publizität kann zu empfindlichen Einbußen im Verkauf und zu einer Welle von Ersatzansprüchen führen."
Patientennamen von der Redaktion geändert. Karl Dieckmann, Bodo Brückner, Rolf Wagner im Mainzer Landgericht.

DER SPIEGEL 8/1988
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