13.06.1988

GESTORBENAnna Mahler

Anna Mahler, 83. Als sich gegen Ende ihres Lebens die Öffentlichkeit an sie erinnerte, traf es sie bitter: Wieder war nicht wirklich sie - die Bildhauerin mit ihren überlebensgroßen, glatten Plastiken - der Gegenstand des Interesses, sondern ein dickes, grün eingebundenes Photoalbum ihrer Mutter Alma Schindler Mahler Gropius Werfel, ein Buch voller Erinnerungen an deren Männer, Geliebte, Bewunderer, ihren Vater Gustav Mahler, Komponist und Dirigent der Wiener Staatsoper. Dabei hatte Anna Mahler längst gehofft, die "Übermutter" besiegt zu haben: eine Exzentrikerin, die aus ihrem Kind eine Staffage für ihre Soireen machte und es aus Angst vor ansteckenden Krankheiten nicht zur Schule schickte. Als 16jährige heiratete die Tochter aus Trotz als ersten von fünf Ehemännern einen Jungen, "dessen Eltern sie liebte", den sie kurz darauf verließ, um in Rom bei Giorgio de Chirico Malerei und in Wien bei Wotruba Bildhauerei zu studieren. Die finanziellen Möglichkeiten zur Karriere verschaffte ihr der dritte Ehemann, der Verleger Paul Zsolnay, der sie als Wiener Gastgeberin zum ersten und letzten Mal zur gleichrangigen Rivalin ihrer Mutter auf dem gesellschaftlichen Parkett machte. Kurz vor der Flucht vor den Nazis erhielt sie 1937 als Künstlerin die größte Anerkennung, den "Grand Prix" der Pariser Weltausstellung, einen Erfolg, an den sie später nicht mehr anknüpfen konnte. Als Emigrantin in Los Angeles bewegte sich Anna Mahler wieder im Freundeskreis der Mutter, zeichnete Porträts und nahm die Masken berühmter Toter ab, darunter Arnold Schönberg und Lion Feuchtwanger. Obwohl deutsche Museen in den letzten Jahren mehrere Plastiken ankauften und für diesen Sommer eine Ausstellung in Salzburg geplant war, gab die lebenslange Rebellin gegen die Mutter ("Ich war immer die Mahler Nr. 2") zu Protokoll: "Im Grunde bin ich wütend darüber, daß sie jetzt alle kommen. Jahre und Jahre zu spät." Anna Mahler starb am vorvergangenen Sonntag in London.

DER SPIEGEL 24/1988
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