05.09.1988

„Alles einladen und sofort weg“

Die Rettungsdienste waren mit der Katastrophe von Ramstein überfordert Schwerverletzte wurden mit Bussen und Lastern weggekarrt, Brandopfer fanden unzureichende Betreuung, Betten in Spezialkliniken blieben leer. Sogar nach dem Inferno von Ramstein, das 49 Tote und rund 360 Verletzte forderte, verharmloste Verteidigungsminister Scholz den Flugzirkus der Luftwaffe und sagte öffentlich die Unwahrheit. *
Das Ehepaar saß mit seinen drei Kindern auf dem Rasen. Nur: Die Haare versengt, Kleidung und Körperteile verbrannt. Die Kinder schrien, die Eltern, regungslos, starrten stumm vor sich hin.
Ein paar Meter weiter lag ein Mann, der, so ein Augenzeuge, "nur noch ein Fleischklumpen" war, "bei anderen hingen die Hautfetzen herunter, während sie flüchteten".
Rennende Menschen brannten lichterloh, Frauen schweißte die Hitze die Nylons in die Haut. Ein Junge wimmerte am Boden - das Gesicht entstellt und fast nur noch rohes Fleisch; der Mund, lippenlos, zum Schrei geöffnet.
Holger Dietrich aus Kaiserslautern, ebenfalls Augenzeuge, beobachtete Menschen "mit brennendem Rücken", bei anderen konnte er "nicht einmal mehr erkennen", ob es "Schwarze oder Weiße waren". Er sah "nur noch rohes oder verkohltes Fleisch".
Retter hasteten zwischen Toten und Verletzten hin und her, erstickten mit Wolldecken Flammen auf Körperteilen oder schleppten brennende Menschen aus der Gefahrenzone.
Auf umgedrehten Brauereibänken wurden Überlebende weggetragen, Tote in schwarze Plastiksäcke gesteckt und auf Tiefladern weggekarrt. Die lokale "Rheinpfalz" beschrieb "das Grauen" am Katastrophenort: "Bilder wie nach Bombenabwurf".
Das flammende Inferno auf dem US-Militärflugplatz im pfälzischen Ramstein war das entsetzliche Ende einer Flugschau am vorletzten Sonntag. Drei Jets vom Typ "Aermacchi MB.339" der italienischen Kunstflugstaffel "Frecce Tricolori" (siehe Seite 26) waren bei einem waghalsigen Flugmanöver in geringer Höhe kollidiert, einer von ihnen brennend in die Zuschauermenge gerast.
Bilanz der Horror-Show: rund 360 Schwerverletzte und, bis Freitagnacht vergangener Woche, 49 Tote - das bislang schlimmste Flugunglück in der Bundesrepublik, das Millionen von Fernsehzuschauern en detail mitverfolgen konnten.
Während die Bundesbürger auf dem Bildschirm in gestochen scharfen Farbbildern noch mitansehen konnten, wie der Feuerball die Menschenmenge überrollte, waren Politiker schon bemüht, berechtigte Schuldzuweisungen abzuwehren. Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Bernhard Vogel (CDU), der sich vor Ramstein für den Flugtag stark gemacht hatte, sah nach Ramstein die Verantwortung "ganz eindeutig und klar beim Veranstalter und allenfalls bei der Genehmigungsbehörde", aber keineswegs bei der Landesregierung.
Bundesverteidigungsminister Rupert Scholz (CDU) verbot zwar publikumswirksam jede weitere "militärische Flugakrobatik", verschleierte aber zugleich mit diffusen Hinweisen auf Nato-Bestimmungen eigene Verantwortlichkeit.
Am selben Tag, als in Ramstein die "Frecce Tricolori" ihre Wahnsinnskringel drehten, ließ Scholz im rheinischen Nörvenich die eigene Luftwaffe und die spanische Kunstflugtruppe "Aguilas" über 200 000 Zuschauern verwegene Figuren fliegen. Dabei hatte der Verteidigungsminister zuvor öffentlich bekundet, daß es in Nörvenich "keine akrobatischen Luftübungen oder Kunstflüge geben" werde.
Und Vogels doppelzüngige Rolle, was die Genehmigung von militärischen Flugschauen betrifft, wird am Donnerstag dieser Woche im Mainzer Landtag offenbar werden. Noch im Sommer letzten Jahres, als die Sozialdemokraten wieder einmal das Verbot aller militärischen Flugschauen forderten, prangerte der Christdemokrat die "erneute Agitation der SPD gegen den Flugtag der US-Streitkräfte in Ramstein" als "latenten Antiamerikanismus" an.
Jede Armee, tönte Vogel damals, habe ein Recht "auf die Darstellung ihrer Fähigkeiten". Und der Kabinettschef, der Abstimmungen mit den Füßen ansonsten zutiefst verabscheut, berief sich ausdrücklich auf "Hunderttausende von Bürgern aus der gesamten Bundesrepublik", die alljährlich "großes Interesse gerade an Flugvorführungen zeigen".
Zumindest damit liegt er richtig. Denn viele der 350 000 in Ramstein hatte sicher der Nervenkitzel angelockt, das makabre Gefühl, es könnte ja doch mal was passieren - ein kaum bewußter, aber latent vorhandener Anreiz, der Tausende auch immer wieder zu Autorennen treibt.
Viele werden auch künftig auf ihre Kosten kommen. "Wir machen weiter", versprach der italienische Luftwaffenchef Franco Pisano demonstrativ letzte Woche, "denn Weitermachen ist kein Zynismus, sondern Verantwortungsbewußtsein der Führung unserer Streitkräfte." Nur vorübergehend würden öffentliche Kunstflüge eingestellt. Auch der Nato-Oberbefehlshaber, US-General John Galvin, verblüffte mit Durchhalteparolen: Die Flugshows seien "viel zu wichtig, als daß wir auf sie verzichten könnten".
"Das Leben steckt voller Risiken", kommentierte Herbert Culmann, Präsident des Deutschen Aero-Clubs und ehemaliger Lufthansa-Chef, "niemand verbietet deshalb das Leben, weil es das Risiko birgt, gelegentlich vorzeitig zu enden." Der frühere Inspekteur der Luftwaffe und Weltkrieg-II-Fliegerheld Johannes Steinhoff hingegen verurteilte die gewagten Übungen als "Kraftgehabe", die nichts mit "Kriegshandwerk" zu tun hätten: "Das ist Akrobatik und etwas Macho."
Daß zu derartigen Veranstaltungen die Menschen in Scharen strömen, womöglich auch jene, die ansonsten über den Tieffliegerlärm klagen, erklären Psychologen wie Hanne Birkenbach vom Hamburger Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik mit der Lust auf "Abenteuer" und dem "Bedürfnis nach Geselligkeit, ein großes Fest zu feiern".
Der Fluglärm gerate bei den Shows zu einer "aufregenden Sache", die es "zu bestehen und durchzustehen" (Birkenbach) gelte. Die Faszination für die zerstörerische Technik erklärt die Psychologin damit, daß die ultragefährlichen Fluggeräte "Potenz" und "Überlegenheit" symbolisierten. Die Besucher von Flugtagen wie in Ramstein, bestätigt auch der Heidelberger Soziologe Wolfgang Schluchter, seien "in der Regel keine Militaristen", sondern nur an "spannenden Darbietungen" interessiert (siehe Seite 30).
Entsprechend groß war die Resonanz, als die Deutsche Bundesbahn mit "Fete, Flieger, Faszination" für ihren Sonderzug nach Ramstein warb. "Das Mekka der Militärflug-Enthusiasten war dieses Jahr wirklich eine Reise wert", schwärmte ein Video-Air-Service aus Werne in der Zeitschrift "Flug Revue", die nach dem Desaster in Ramstein erschien, "denn das Programm übertraf alle Erwartungen." Auf Filmkassette offeriert die Firma nun Szenen, die "so manchem Zuschauer das Herz stocken ließen", Crash und Feuerball inklusive.
So unvorbereitet wie die Flugschau-Enthusiasten waren auch die Retter von Ramstein. Zwar versuchten Politiker und Rettungsdienstler nach dem Inferno den Eindruck zu vermitteln, daß "angesichts des Ausmaßes dieser unfaßbaren Katastrophe", so der rheinland-pfälzische Innenminister Rudi Geil, die Erste Hilfe und die weitere Versorgung der Verletzten "gut funktioniert" hätten.
Ärzte und Helfer, lobte der für Katastrophenplanung zuständige Geil die Amerikaner, seien in "ausreichender Zahl" präsent gewesen, die Transporte in Krankenhäuser "ohne Schwierigkeiten" abgelaufen. "Nach weniger als zwei Stunden", meldete ein Sprecher des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), "waren alle Verletzten versorgt, die meisten in Kliniken und Krankenhäuser gebracht."
Etliche Augenzeugen und beteiligte Ärzte erlebten den Ablauf ganz anders, berichten von folgenschweren Pannen bei der Notversorgung.
Den Rettern mangelte es an erforderlichem medizinischen Gerät für die Erstversorgung der Brandopfer, die Koordination der Helfer und die Verteilung der Schwerstverletzten auf Fachkliniken vollzog sich in einem heillosen Durcheinander. Burkhard Busch, Hochschullehrer in Düsseldorf, selber Pilot und schon aktiv an der Vorbereitung von Flugtagen beteiligt, hat "eine derartige Mißorganisation nie zuvor gesehen".
Der erste Notarztwagen, beobachtete Busch, "kam erst nach ungefähr 40 Minuten, weil die Hauptzufahrt zur Unglücksstelle mit parkenden Autos verstopft war". Einsatzfahrzeuge mußten "auf Umwegen über den ganzen Flugplatz gelotst werden".
Vor allem die US-Hilfskräfte, so Busch, wirkten "total konfus", alles sei "wild durcheinandergegangen". Die vier Erste-Hilfe-Stationen der Amerikaner, die er sich vorher angesehen hatte, "waren einfache Feldlazarette ohne Reanimationsgeräte".
Auch das DRK-Aufgebot war allenfalls für Hitzeopfer oder Kreislauflabile
gerüstet, nicht aber für ein Unglück bei der Präsentation hochgefährlicher Kriegsgeräte. Unter den 97 DRK-Helfern befanden sich nur wenige vollausgebildete Sanitäter und sechs Ärzte. Mehr als zehn einfache Kranken- und zwei Personenwagen für Mediziner standen auf der Veranstaltung nicht bereit. Technisch aufwendig ausgerüstete Notarztwagen, Intensivstationen auf Rädern, hatten die Veranstalter bei der Aufstellung ihres Vorsorgeplans nicht vorgesehen.
Verschlimmert wurde das Chaos noch durch die mangelhafte Zuammenarbeit von deutschen und US-Sanitätern. Peter Wresch, als einer der ersten Notärzte mit dem Rettungshubschrauber Christoph 5 auf der Air Base gelandet, stellte bestürzt fest, "daß die Amerikaner ein ganz anderes Konzept der Bergung und Versorgung von Verletzten anstrebten als wir".
Die US-Retter, so Wresch, seien nach der "Vietnam-Strategie" wie "unter feindlichem Beschuß" vorgegangen: "Alles einladen und sofort weg. Dazu wurde alles, was flog oder fuhr, benutzt."
Ein anderer deutscher Notarzt berichtet, US-Soldaten hätten "Sterbende und Schwerstverletzte an allen Vieren gepackt und auf die Hubschrauber zugeschleift". Rund 120 Schwerverletzte, viele von ihnen medizinisch überhaupt nicht versorgt, wurden auf diese Western-Art binnen einer Stunde ins US-Hospital Landstuhl geschafft.
So fuhr ein amerikanischer Bus mit zehn lebensgefährlich verbrannten Opfern erst zwei Stunden nach dem Unfall vor dem Städtischen Klinikum Ludwigshafen vor. Bis dahin, so ein Augenzeuge, seien die Verletzten, darunter auch ein zehnjähriges Mädchen, dessen Haut zu 60 Prozent verbrannt war, "völlig unzureichend versorgt" worden. Unter den drei US-Begleitpersonen, so der Zeuge, habe sich kein Arzt befunden.
Zwar hatten sich Ärzteteams in Spezialkliniken für Brandverletzte sofort nach Bekanntwerden der Ramstein-Katastrophe auf die Aufnahme von Patienten vorbereitet. Viele Intensivstationen wurden eigens für die Opfer geräumt, doch die meisten Betten blieben leer. Denn in der Panik hatten Retter die Verwundeten und Toten wahllos in Krankenhäuser der Umgebung verfrachtet.
Bei der zentralen Leitstelle für Brandopfer in Hamburg, die freie Betten registriert und Schwerverletzte bundesweit auf die Krankenhäuser verteilt, lief erst am Montag der erste Hilferuf ein. Bis Mittwoch hatten die Hamburger gerade sieben Brandverletzte in Spezialkliniken vermittelt, obwohl nach Angaben eines Sprechers des Gesundheitssenators "noch eine ganze Reihe von freien Betten für Schwerbrandverletzte zur Verfügung standen".
Die Rettungshubschrauber, kritisiert der Direktor der Abteilung für Verbrennungs-, plastische und Wiederherstellungschirurgie am Klinikum Aachen, Professor Rolf Hettich, seien "wild herumgeflogen und haben dann irgendwo die Patienten abgeladen". Sein Kölner Kollege Gerald Spilker über die Fehlleistungen der Ramsteiner Einsatzleitung: "Was da ablief, ist eine Katastrophe."
Sofort nach Bekanntwerden des Unglücks hatte Spilker, Leiter des bundesweit größten Zentrums für die Behandlung schwerer Verbrennungen, "extra Betten frei gemacht, obwohl die Station am Wochenende voll war". Doch die Reaktion der Einsatzleitung in Kaiserslautern
auf Hilfsangebote von Spezialisten aus dem gesamten Bundesgebiet sei "gleich Null" gewesen.
Innenminister Geils beschwichtigender Hinweis, alle Verletzten seien innerhalb von 75 Minuten in umliegenden Krankenhäusern untergebracht worden, sieht Spilker sachlich völlig daneben: "Gerade in der Verbrennungschirurgie ist ja das A und O die sofortige Flüssigkeitssubstitution. Wenn das nicht geschieht, versagen schnell die Organe." Allgemeinchirurgen seien "zwangsläufig total überfordert, wenn da plötzlich zehn Schwerstverbrannte eingeliefert werden". Die unverzügliche Einweisung der Brandopfer in Spezialkliniken, so Spilker, sei deshalb lebenswichtig: "Es gab genug Hubschrauber und ausreichend Betten."
Selbst aus dem fernen Iran seien ihm Kranke schon schneller zugeführt worden. Spilker: "Nach einer Explosion in einem iranischen Walzwerk" habe er "14 Schwerstverbrannte innerhalb von 24 Stunden hier in der Klinik gehabt. Da klappt das, aber innerhalb der Bundesrepublik scheitert es an der Einsatzleitung".
Auch der Aachener Verbrennungsspezialist Hettich hatte mehrfach vergeblich versucht, die Einsatzleitung in Kaiserslautern und Ramstein zu erreichen. "In Ramstein", so der Klinik-Chef, "wurden mir zwei Telephonnummern gegeben, wo sich aber nie jemand gemeldet hat." Auch bei der Deutschen Flugrettung in Stuttgart klingelte Hettich an: "Die hätten binnen Stunden sieben Hubschrauber zur Verfügung stellen können."
Dazu kam es nicht. Hettichs Spezialistenteam wartete am Sonntagabend vergeblich auf Opfer. Erst am Montag mittag trafen aus Krankenhäusern in Trier und Kaiserslautern einige Schwerverletzte ein.
Das heillose Rettungschaos, kritisierte der frühere Direktor der Chirurgischen Universitätsklinik Tübingen, Leo Koslowski, sei "ein Skandal und ein unerhörtes Versagen der zuständigen Verwaltungen, insbesondere des Mainzer Innenministeriums".
Rechenschaft über die Pannen und ihre eigene Verantwortung an dem Desaster sollen Minister Geil und Ministerpräsident Vogel auf einer Sondersitzung des Mainzer Landtags ablegen. Die eilfertigen Unschuldsbeteuerungen der beiden Christdemokraten riefen bei SPD-Landeschef Rudolf Scharping ein "Gefühl hilfloser Wut" hervor.
Vor allem Vogel hatte vor Ramstein nie ernsthafte Bedenken gegen Show-Fliegen vorgebracht. Ein generelles Verbot von Flugschauen, rechtfertigte Vogel den Luftzirkus, "hieße das bisher gezeigte Verständnis und Entgegenkommen der amerikanischen Verbündeten überstrapazieren".
Was den italienischen Solo-Piloten Ivo Nutarelli derart aus dem Takt brachte, daß er 20 bis 30 Meter zu tief die Flugbahn seiner Staffelkollegen kreuzte und das Flammen-Inferno auslöste, war für Experten auch letzte Woche noch ein Rätsel.
War Nutarelli indisponiert, gesundheitlich angeschlagen, holte gar ein Herzinfarkt ihn vom Himmel? War seine Maschine defekt? Allem Anschein nach, vermuteten die Italiener, habe er einen "kurzen Schwächeanfall" gehabt und "die Konzentration verloren".
Denkbar auch, daß der unter Piloten gefürchtete "g-loc" den erfahrenen Kunstflieger außer Gefecht setzte. Bei diesem "loss of consciousness" verlieren Piloten durch erhöhte Gravitationskraft (g) mitunter sekundenlang das Bewußtsein, oder sie sitzen wie betäubt hinterm Steuerknüppel.
Den "g-loc" halten Experten jedoch für wenig wahrscheinlich. "Die Schwerkraftbelastung bei den Flugfiguren der Italiener", erklärt Erich Rödig vom Flugmedizinischen Institut der Luftwaffe in Fürstenfeldbruck, sei "durchaus nicht sonderlich hoch".
Eine weitere Variante als Ursache für den Unfall schieden Fachleute aus. "Wenn der Unglückspilot auch nur einen Schnupfen gehabt hätte", sagt der Flugmediziner Paul Kublinksi von der Deutschen Forschungs- und Versuchsanstalt für Luft- und Raumfahrt in Köln, "wäre er mit Sicherheit gar nicht erst ins Cockpit gestiegen."
Auch einen anderen Verdacht schließt Kublinski aus: Die Kunstflieger "kämen nie auf den Einfall, in der Nacht vor einem Flugtag zu versumpfen". Derlei Faxen könne "man sich in diesem Job überhaupt nicht leisten", das sei "für die ganze Staffel" gleich "lebensgefährlich".
Technische Fehler an der Unglücksmaschine kommen gleichfalls kaum in Frage. Die Kampftrainer der "Frecce", speziell für den Kunstflug umgerüstete Jets, gelten als "äußerst leistungsfähig" ("Flug Revue") und zuverlässig.
Es bleibt die Vermutung, daß der versierte Flieger Nutarelli (4250 Flugstunden) einen kurzzeitigen Blackout gehabt haben könnte. Die "Frecce"-Mannschaft, urteilt Kublinksi, operiere "im Grenzbereich der geistigen Konzentrationsfähigkeit" - und genau hier liegt nach Ansicht von Experten das Hauptrisiko: Wer dauerhaft den Konzentrationsstreß der Hochleistungsfliegerei ertragen muß, kann, wie eine Luftwaffen-Arbeitsgruppe ermittelt hat, plötzlich in eine psychische Krise rutschen, die als "Emergency State" bezeichnet wird.
In diesem Zustand verlieren die Piloten zunächst die "Entspannungsfähigkeit", dann lassen Konzentration und Leistungsvermögen nach. Die gestreßten Flieger haben mit "Angstneurosen und Depressionen" zu kämpfen; auf Schrecksituationen reagieren sie mit panischen Fehlhandlungen.
Das könnte auch die Ursache dafür sein, daß es bei Flugdemonstrationen, ob militärisch oder zivil, immer wieder zu schweren Unfällen kam: *___Am 5. September 1982 stürzte neben dem Flugplatz Bad ____Dürkheim ein US-Doppeldecker auf einen Campingplatz - ____fünf Tote. *___Am 11. September 1982, bei den Mannheimer ____Luftschiffertagen, verlor ein Chinook-Hubschrauber der ____US-Armee seinen Heckrotor und fiel wie ein Stein auf ____die Autobahn - 46 Tote. *___Am 23. Mai 1983, am Tag der offenen Tür auf dem ____US-militärischen Teil des Frankfurter ____Rhein-Main-Flughafens, donnerte ein Starfighter der ____439. kanadischen "Fighter Squadron" in einen ____Personenwagen auf der nahen Autobahn - sechs Tote. *___Am 1. September 1985, bei einem zivilen Flugtag in ____Siegen, rutschte eine Sportmaschine bei der Landung in ____die Zuschauer - eine Tote. *___Am 6. Mai 1988, auf der Luftfahrtschau in Hannover, ____verunglückte ein britischer Hubschrauber nach der ____Landung - zwei Tote. *___29. Mai 1988, bei einer Flugshow eines ____Segelfliegervereins in Weißenburg, explodierte ein ____Bundeswehr-Hubschrauber - zwei Tote.
Kunstflug-Piloten haben keine allzu hohe Lebenserwartung, viele verunglücken schon beim Training. So stürzten nicht nur zahlreiche amerikanische, britische und italienische Jet-Artisten in den Tod, auch in der Bundesluftwaffe kamen schon Show-Flieger ums Leben.
Beim Training für einen Flugtag in Nörvenich fielen 1962 gleich vier Starfighter vom Himmel, alle Piloten starben. Die Vorführstaffel wurde aufgelöst, der gefährliche Kunstflug in der Bundeswehr offiziell verboten.
Seither beschränkt sich die Luftwaffe bei öffentlichen Demonstrationen ihrer Bombenform darauf, Kostproben aus ihrem Trainingsprogramm für den Ernstfall zu geben: riskante Sturz-, Steil- und Formationsflüge, Loopings und Rollen.
Dieser Alltag ist schon mörderisch genug. Mehr als 100 Düsenjäger fielen seit 1980 in Westdeutschland vom Himmel, allein seit Anfang dieses Jahres bohrten sich 13 militärische Jets in die Erde.
So krachte eine französische "Mirage" im Westfälischen neben eine vielbefahrene Straße, bei Stade stürzte eine "Phantom" der Bundesluftwaffe auf einen Acker. Wenige Kilometer vom Kernkraftwerk Philippsburg schrammte eine amerikanische F 16 mehrere Dächer, bevor sie zerschellte. Drei Häuser und ein Lastwagen gingen in Flammen auf.
Den Horror vom Himmel, vor allem in Wohngebieten und in der Umgebung
von Atomkraftwerken ein lästiges und lebensgefährliches Spektakel, erleben die Bundesbürger in weiten Teilen des Landes unmittelbar. Bei Tiefflügen donnern Piloten der Bundeswehr und der Nato-Partner über Dächer und Baumwipfel und leisten auf diese Weise einen "wesentlichen Beitrag für eine glaubwürdige Abschreckung" (Verteidigungsministerium).
Bis zu 87 000 Tiefflüge mit jeweils 20 bis 50 Minuten Dauer werden jährlich über dem Bundesgebiet genehmigt, manchmal sind es 850 bis 950 pro Tag. Dabei dürfen die Piloten, die von "Rasierflügen" sprechen, bis zu 75 Meter runtergehen.
Der infernalische Lärm der Triebwerke macht Menschen krank. Nach wissenschaftlichen Erkenntnissen kann er zu einer ganzen Palette von Leiden führen: von Hörschäden, Verhaltensstörungen, erhöhtem Blutdruck bis hin zu Störungen des Immunsystems, durch die körpereigene Abwehrkräfte gegen zahlreiche weitere Krankheiten geschwächt werden. "Tieffluglärm", warnte das Deutsche Kinderhilfswerk vor den Folgen für die Jüngsten, "ist Kindesmißhandlung."
Seit Jahren schon formiert sich massiver Protest gegen Lärm und Lebensgefahr aus der Luft, vor allem in der vom Tiefflug stark betroffenen Pfalz. Dort demonstrierten auch am Tag von Ramstein Bürger mit Plakaten gegen Tiefflieger und den "Fluchtag".
Nicht nur deshalb sah sich Verteidigungsminister Scholz in der vergangenen Woche massiven Protesten ausgesetzt. Seit dem umstrittenen Flugtag in Nörvenich lastet auf dem Minister zusätzlich der Verdacht, die Öffentlichkeit belogen zu haben. Vor und nach dem
Fliegerzirkus im Rheinischen behauptete Scholz, unter deutscher Regie gebe es keine Luftakrobatik. Tatsächlich wurden rund 200 000 Zuschauer in Nörvenich Zeugen einer Schau fast von Ramstein-Format: *___Mehrere Jets der spanischen "Aguilas"-Truppe flogen ____einen "Break": Aus großer Höhe rasten sie im Sturzflug ____nieder, um dann etwa 200 Meter vor dem Erdboden abrupt ____nach oben zu ziehen; ein Flugzeug düste dabei "dicht ____über die Köpfe der Zuschauer hinweg" (Augenzeuge). *___Bei der "Formationsrolle" von sieben Jets betrugen "die ____Abstände der Maschinen untereinander", kommentierte der ____Show-Moderator auf dem Flugplatz, "weniger als einen ____Meter". *___Zwei Maschinen jagten bei einer anderen Figur ____aufeinander zu und drehten erst im letzten Augenblick ____ab. Der Beinahe-Zusammenstoß fand in etwa 60 Meter Höhe ____statt.
Bei der Generalprobe am Tag vor der Schau zeigten sich die Spanier noch verwegener. Vor über 1000 Zuschauern hatte ein dritter Jet mit etwa 500 Stundenkilometer bei dem Beinahe-Zusammenstoß seine beiden Kollegen gekreuzt - ähnlich der Todesformation von Ramstein. Oberst Joachim Hoppe, Kommodore des Jagdbombergeschwaders 31 "Boelcke" und oberster Organisator der Schau, nahm die tödliche Kreuzung am Sonntag aus dem Programm.
Scholz und seine Militärs spielten die gewagten Lufteskapaden als harmlose Übungsflüge herunter. Noch in der Kabinettssitzung am Mittwoch letzter Woche war der Minister um präzise Antworten verlegen und "machte keine gute Figur" (ein Kabinettsmitglied).
In einem Verfahren vor dem Kölner Verwaltungsgericht, mit dem besorgte Bürger die gefährliche Fliegerei verhindern wollten, hatte Scholz zu Protokoll gegeben, es werde "keine akrobatischen Luftübungen oder Kunstflüge geben, sondern nur Darstellungen dessen, was der Einsatzführer bzw. die Besatzung eines Luftfahrzeuges für den Einsatz und die Beherrschung ihres Waffensystems können muß". Die verantwortlichen Piloten seien "weder an diesem Tag noch an anderen auf 'Show'" aus, noch hätten sie die Absicht, "schneidig" zu fliegen.
Deshalb sei die Bevölkerung auch "nicht mehr gefährdet als an übrigen Routineflugtagen". Zudem habe der Steuerzahler durchaus "ein besonderes Interesse an einer entsprechenden Unterrichtung" über die Kampfkraft der Luftwaffe.
Die Richter glaubten den Versprechungen des Ministers und schmetterten die Kläger ab - "spezielle Gefahrenmomente, die die konkrete Besorgnis eines Flugunfalls begründeten", lägen nicht vor.
Selbst der in zweiter Instanz vor dem Oberverwaltungsgericht Münster nachgeschobene und mit einer eidesstattlichen Versicherung bestärkte Hinweis der Kläger, die "Aguilas" seien eine reine Kunstflugstaffel, stimmte die OVG-Richter nicht um: Zwar könne dies "darauf hindeuten, daß die Grenze überschritten" werde, das sei "letztendlich aber kein überzeugender Hinweis".
Ähnlich irreführend beschied Scholz den NRW-Ministerpräsidenten Johannes Rau (SPD), der sich, obwohl Schirmherr, schon seit Wochen vor Nörvenich gegen die Flugdarbietungen ausgesprochen hatte. Im Rheinischen, so Scholz an Rau, werde "der Umfang der Flugvorführungen den eines normalen Flugbetriebs in Nörvenich nicht übersteigen".
Nachdem die "Aguilas"-Schau öffentlich mit Ramstein verglichen und Scholz attackiert wurde, griffen Minister und Militärs zu rabulistischen Tricks. Die Kunststücke seien, behauptete Scholz, als das WDR-Magazin "Monitor" den Minister widerlegt hatte, alle nur "normales" Pensum im "Rahmen des Ausbildungsprogramms" gewesen. In Nörvenich sei es lediglich um "Einsatzverfahren" gegangen, attestierte Kommodore Hoppe; zu sehen gab es, so ein Hardthöhen-Offizier, "allein militärischen Formationsflug in höchster Präzision".
Nicht einmal das Desaster in Ramstein, Sonntag 15.45 Uhr, veranlaßte die Oberflieger in Nörvenich zum Abbruch ihrer Schau. Begründung: Oberst Hoppe und andere hohe Offiziere der Bundeswehr wollen erst nach Ende des Flugtages von der Katastrophe erfahren haben.
Kaum glaubhaft. Die Einsatzleitung der Polizei auf dem Nörvenicher Flugplatz protokollierte: _____" Der Kommodore wurde von den Vorfällen in Ramstein " _____" erstmals um 16.10 Uhr durch die Führungsgruppe " _____" informiert. Aufgrund seiner Entscheidung wurde der " _____" Flugtag fortgesetzt. "
Ein weiteres Dokument widerlegt die Version der Offiziere. Etwa zur gleichen Zeit jettete eine Staffel der belgischen Streitkräfte in den Luftraum über Nörvenich; auch sie sollte an der Vorführung teilnehmen.
Der Staffelchef funkte den Nörvenicher Tower an und fragte, zitiert der "Kölner Stadt-Anzeiger" den Mitschnitt der Düsseldorfer Flugsicherung: "Machen wir weiter, oder wird abgebrochen?"
Er müsse, so der Lotse, erst "den Kommodore fragen". Sechs Minuten später sei die Antwort gekommen: "Wir machen weiter."
Und wie. Abends, die schrecklichen Bilder von Ramstein wurden längst übers Fernsehen ausgestrahlt, bat Hoppe zum Fliegerball mit Kölsch und Karnevalssängern in einer Halle auf dem Fliegerhorst. Stimmungssänger der Gruppe "Paveier" ("Heute brennt mein Iglu") sorgten für Laune.
Gegen 22.30 Uhr verstummte die Musik. Ein Offizier trat ans Mikrophon, bat um Ruhe und forderte alle Gäste auf, sich zu erheben - Schweigeminute für die Opfer von Ramstein.
Dann ging der Schwoof mit dem Kölner Sänger King Size Dick lustig weiter, bis nach Mitternacht. "Die haben", berichtet ein Teilnehmer, "da ein irres Tohuwabohu abgezogen und sich wegen ihrer gelungenen Flugschau gegenseitig gefeiert und auf die Schulter geklopft."

DER SPIEGEL 36/1988
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