22.02.1988

AFFÄRENEiner der besten

Vier Mitarbeiter der Computerfirma Nixdorf haben jahrelang Schmiergelder eingesteckt. *
Der Boß wollte ihn sprechen, da war für Rolf Prey der Spaß an der Weiberfastnacht dahin. Als der Pressesprecher des Computer-Konzerns Nixdorf das Chefbüro wieder verließ, war er entlassen.
Verstört stolperte Nixdorfs Pressemann zurück in seine Abteilung, trank mit den feiernden Damen noch ein Glas Champagner und entschwand. Am Aschermittwoch war alles vorbei. Ein Pappschild an der Tür teilte den Kollegen lakonisch das Ende einer langen Karriere mit: "So Freunde, das war's".
Seither ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen Untreue, womöglich wegen Betrugs. In Verdacht stehen neben Rolf Prey zwei seiner Mitarbeiter sowie der Vertriebsprokurist Hans Heitele. Das Quartett hat viele Jahre lang bei Agenturen und Druckereien happige Schmiergelder kassiert.
Nixdorf-Chef Klaus Luft spricht von einem "gravierenden Fehlverhalten" seiner Mitarbeiter. Das Unternehmen teilte inzwischen mit, daß es um dreieinhalb Millionen Mark gehe. Prey selbst erinnert sich an vielleicht "vier Millionen Mark", andere reden schon von 40 Millionen.
Die Schmiergeld-Affäre trübt das blankgeputzte Image des Computer-Riesen, der mit 5,1 Milliarden Mark Umsatz und rund 30 000 Mitarbeitern zu den feinsten Firmen der Republik zählt. Wann immer die Paderborner Schlagzeilen machten, war bisher fast nur Lobendes zu berichten: Nixdorf schafft neue Arbeitsplätze, kümmert sich um die Umwelt, sorgt sich um die Mitarbeiter. Deutsch, tüchtig und erfolgreich - das ist Nixdorf, High-Tech aus Ostwestfalen.
Kein anderer hat an diesem Bild von der Firma so gründlich gearbeitet wie der Pressemann Prey. Rund 16 Jahre lang war der Bereichsleiter zuständig für die Werbung, für Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation. Prey, meint der für Nixdorf tätige Werbe-Experte Norbert Leckebusch aus Leonberg, sei "einer der besten PR-Manager in deutschen Landen überhaupt".
Mag sein, daß der fleißige PR-Arbeiter aus Paderborn sein eigenes Bild allzusehr dem selbstgeschaffenen Image der Firma Nixdorf angepaßt hat. Prey schätzt maßgeschneiderte Anzüge, einen Mercedes 300, fesche Frauen und die feine Küche in erlesenen Lokalen.
Der Fußballverein TuS Paderborn-Neuhaus wählte Prey zum Vizepräsidenten, die FDP machte ihn zum Vorsitzenden der Kreistagsfraktion. Wenn die Vorwürfe zutreffen, will sich die Partei, sagt der Bezirksvorsitzende Jürgen Hinrichs, von Prey "so schnell wie möglich trennen". Im eher biederen Paderborn sei der zugewanderte Prey, meint Hinrichs, eigentlich "immer ein Düsseldorfer geblieben".
Mit seinem Einkommen von gut 150 000 Mark fand Prey offensichtlich kein Auskommen. Seit etwa drei Jahren habe er bei den Schiebereien mitgemacht, so gesteht er ein, weil er "irgendwie in finanzielle Schwierigkeiten geraten" sei. An zwei Bauherrenmodellen habe er sich verhoben, er sei ein "blauäugiger Idiot".
Auch seine beiden Mitarbeiter sind geständig. Am Mittwoch vergangener Woche gingen sie zum Staatsanwalt und packten aus. Wieviel Schmiergeld sie weggesteckt haben, wußten sie freilich auch nicht genau zu sagen.
Die Methode ist im Hause Nixdorf nicht neu und in der Wirtschaft bundesweit verbreitet. Kickback heißt das Verfahren: Dabei werden für Aufträge von den Lieferanten überhöhte Rechnungen gestellt oder Rabatte einbehalten. Entsprechende "Rückvergütungen" fließen dann in die Taschen der Auftraggeber.
Wenigstens sieben Lieferanten aus der Druckindustrie und der Werbebranche, teilte Nixdorf mit, hätten solche Schmiergelder gezahlt. Dazu gehören das Paderborn-Druck-Centrum, Küster-Pressedruck in Bielefeld sowie die Trust Werbe GmbH in Paderborn.
Die vier gestrauchelten Mitarbeiter vereinnahmten ihre klebrigen Erfolgsprämien über Scheinfirmen, sie nutzten die Namen ihrer Ehefrauen und zum Teil Nummernkonten in der Schweiz. Zwar hatte die interne Revision des Konzerns bereits 1980 erste Hinweise über die dunklen Geschäfte, aber erst jetzt ließen die sich offenbar beweisen.
Die rechte Freude scheinen die Nebenverdiener an ihrem Geld nie gehabt zu haben. Da hätte doch, so Prey, "drei Viertel die Steuer verschlungen".

DER SPIEGEL 8/1988
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