28.03.1988

„Einer muß der Bluthund werden“

Bis heute ist der Sozialdemokrat Gustav Noske der umstrittenste Politiker seiner Partei und eine der umstrittensten Figuren der deutschen Zeitgeschichte. Er ging als "Retter Deutschlands", "Arbeiterverräter" und "Bluthund" in die Geschichte ein.
Beifall wurde und wird ihm meistens von rechts gespendet: Noske half die Revolution 1918/19 niederschlagen, die letztlich ihre eigenen Kinder fraß und die alten Eliten, monarchistische Generalität und wilhelminische Bürokratie, den Untergang des Kaiserreiches ungeschoren überstehen ließ.
Kritik kam meistens von links: Noske trug zur Spaltung der deutschen Arbeiterbewegung bei, die bis zum Ende der Republik unüberbrückbar blieb und Hitler die Machtergreifung erleichterte.
Von Anfang an hintertrieb der Sozialdemokrat den Aufbau republikanischer Volkswehren. Statt dessen ging er auf enge Tuchfühlung mit den Generalen der alten Armee, bis die, im März 1920, gegen die Reichsregierung putschten - und es ihm heimzahlten.
Das ist die eine Lesart, die andere lautete und lautet: Noske habe sich um das Vaterland verdient gemacht. Er habe Deutschland vor Chaos, Bürgerkrieg und Diktatur des Proletariats im Innern und vor der lebensgefährlichen Bedrohung aus dem bolschewistischen Osten bewahrt (die tatsächlich nicht bestanden hatte).
Noske sah es auch so, bis an sein Lebensende, 1946, beispielsweise in seiner Rechtfertigungsschrift "Die Abwehr des Bolschewismus". Und so sehen es noch heute, unter anderen, ein General und drei Historiker, die Bundesverteidigungsminister Manfred Wörner aufgeboten hatte, um die Noske-Biographie des Freiburger Historikers Wolfram Wette, 47, die erste zusammenfassende überhaupt, zu zensieren. _(Wolfram Wette: "Gustav Noske. Eine ) _(politische Biographie". Herausgegeben ) _(vom Militärgeschichtlichen ) _(Forschungsamt; Droste Verlag, ) _(Düsseldorf; 876 Seiten; 98 Mark. )
Eigentlich sollte die Biographie gar nicht erscheinen, denn Historiker Wette ist Mitarbeiter des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes (MGFA), und das sei, postuliert Wörners Beirat, "nun einmal keine freischwebende Forschungseinrichtung", sondern stehe "im Dienst der Bundeswehr".
"Das Manuskript ist in der vorliegenden Form nicht druckreif", weil "unfertig, unausgewogen und einseitig", urteilte der Beirat über Wettes Werk, eine wissenschaftlich qualifizierte Arbeit, die sicher nicht ins neokonservative Geschichtsbild paßt. Noske werde nur "kritisiert und abqualifiziert", "nicht wesentlich anders" als seinerzeit von der KPD. Die Geschichte der Sozialdemokratie werde nicht "in der notwendigen Differenziertheit", die Revolution 1918/19 nicht "in ihrer Vieldeutigkeit analysiert".
Also sei, empfahl der Beirat einstimmig, dem Manuskript "das Imprimatur nicht zu erteilen", jeglicher Druckkostenzuschuß zu versagen. Sollte die Biographie dennoch erscheinen, so dürfe das Forschungsamt "nicht in Erscheinung treten", sei es durch Herausgabe oder Vorwort. Obendrein wurde verfügt, der Autor dürfe sein Manuskript nur "bis zu vier" Verlagen anbieten - auf die gegebenenfalls Einfluß genommen werden könnte?
Beiratsvorsitzender ist der betagte Bundeswehr-General a. D. Johann Adolf Graf Kielmansegg, 81, der schon einmal mit Geschichtsschreibung in Berührung gekommen war - 1941, als er sein Buch "Panzer zwischen Warschau und Atlantik" herausbrachte, in dem
er, seinerzeit Major, die deutschen Angriffskriege pries, Hitler verherrlichte und über die Juden herzog.
Beiratsmitglieder sind die neokonservativen Historiker Klaus Hildebrand, der im "Historikerstreit" Ernst Nolte vehement verteidigt, der Nolte-Sympathisant Thomas Nipperdey und der umtriebige Sinnstifter Michael Stürmer.
"Sollen fortab alle Historiker des MGFA", 49 an der Zahl, allesamt Akademiker, 21 zivile Bundesbeamte und 28 sogenannte Historiker-Stabsoffiziere, "derart an die Kandare genommen werden?" fragt der Bielefelder Sozialhistoriker Hans-Ulrich Wehler. Er machte den Skandal in seiner gerade erschienenen, wohltuend bissigen Polemik zum "Historikerstreit" publik. _(Hans-Ulrich Wehler: "Entsorgung der ) _(deutschen Vergangenheit? Ein polemischer ) _(Essay zum ''Historikerstreit''". Verlag ) _(C.H. Beck, München; 250 Seiten; 14,80 ) _(Mark. )
Das Militärgeschichtliche Forschungsamt ließ sich nicht an die Kandare nehmen. Wettes Werk erschien, entgegen der einstimmigen Beiratsempfehlung herausgegeben vom MGFA, versehen mit einer trutzigen Einführung des Amtschefs, Fallschirmjäger-Brigadegeneral i.G. Dr. Günter Roth: _____" Die in der wissenschaftlichen Verantwortung des " _____" Autors liegende Aussage dieser Arbeit, ihre " _____" Veröffentlichung durch das Militärgeschichtliche " _____" Forschungsamt und ihre Herausgabe durch den Droste Verlag " _____" sind Zeichen für die Verwirklichung des Grundsatzes der " _____" Freiheit der Forschung, die in der Pluralität der " _____" Auffassungen sichtbar wird und damit ihre Vitalität " _____" beweist. "
Zuvor hatte sich das Forschungsamt bei dem Freiburger Historiker Heinrich August Winkler Rückendeckung geholt, einem exzellenten Kenner der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, über die er ein hochkarätiges Werk veröffentlicht hat (SPIEGEL 41/1987). _(Heinrich August Winkler: "Arbeiter und ) _(Arbeiterbewegung in der Weimarer ) _(Republik 1918 - 1933". 3 Bände; Dietz ) _(Verlag, Bonn; 1984 bis 1987. )
Über Wettes Biographie urteilt er: _____" An der Wissenschaftlichkeit dieser Arbeit ist nicht " _____" zu zweifeln. Angesichts des Forschungsstandes wäre zu " _____" solchen Zweifeln auch eher dann Anlaß gewesen, wenn der " _____" Autor auf pointierte Kritik verzichtet hätte. In diesem " _____" Fall wäre vermutlich rasch der Vorwurf laut geworden, " _____" Wette habe als Mitarbeiter des Militärgeschichtlichen " _____" Forschungsamtes gewisse außerwissenschaftliche " _____" Rücksichten üben müssen. "
"Ein kritisches Noske-Bild in der Geschichtswissenschaft und ein freundliches in der Bundeswehr", unkte Winkler - "die Bundeswehr wäre auf dem Weg zum ''Staat im Staat''".
Wie in der Weimarer Republik die Reichswehr, der Noske Schrittmacherdienste geleistet hat.
Noske, geboren 1868 in Brandenburg, von Beruf Korbmacher, später Journalist und Abgeordneter, war, wie Biograph Wette treffend charakterisiert, ein "deutschnationaler Sozialdemokrat preußischer Prägung". In einer "gestaltungsoffenen Phase der deutschen Geschichte" (Wette) war er einer der vielen Ordnungspolitiker seiner Partei, der konsequenteste.
Gleich in seiner ersten Reichstagsrede, 1907, als das Reich für einen "Platz an der Sonne" aufrüstete, schlug der Abgeordnete Töne an, die das Parlament bis dahin von einem "vaterlandslosen Gesellen" noch nicht vernommen hatte: "Wir wünschen, daß Deutschland möglichst wehrhaft ist." Es sei "unsere verdammte Pflicht und Schuldigkeit ... dafür zu sorgen, daß das deutsche Volk nicht etwa von irgendeinem Volk an die Wand gedrückt wird". SPD-Chef Friedrich Ebert meinte später, "die Programmrede der deutschen Sozialdemokratie für den Weltkrieg" gehört zu haben.
Als es soweit war, schrieb Noske: "So ist denn Krieg im Land. Uns alle beherrscht jetzt nur eine Frage: Wollen wir siegen? Und unsere Antwort lautet: Ja."
Keiner hielt sich im Krieg an den von Kaiser Wilhelm II. proklamierten "Burgfrieden" ("Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche") wie die Sozialdemokraten - ohne Gegenleistung zu fordern, etwa Demokratisierung im Reich oder auch nur Regierungsbeteiligung. Sie nahmen, 1917, sogar die Spaltung der Partei in Mehrheitssozialdemokraten (MSPD), Unabhängige Sozialdemokraten (USPD) und Spartakisten (später Kommunisten) in Kauf. Keiner wie die Mehrheitssozialdemokraten bewahrte nach dem Kriege die kaiserlichen Machteliten vor revolutionärem Machtverlust.
Allen voran Noske, der, zuerst in Kiel, sodann im Reich, für Ordnung, die alte Ordnung, und Ruhe sorgte. Er ging, wie der französische Historiker Jacques Benoist-Mechin _(1918 bei einer Ansprache Noskes (Pfeil). )
in Anspielung auf Noskes zeitweilige Tätigkeit als Holzarbeiter formulierte, "der Anarchie mit Axtschlägen zu Leibe".
In Kiel und Wilhelmshaven hatten Ende Oktober 1918 Matrosen gegen den Selbstmordbefehl der Admiralität gemeutert, die Flotte zum letzten, völlig aussichtslosen Gefecht auslaufen zu lassen. Als, beispielsweise, der Kommandant des Schlachtschiffs "Thüringen" seinen Männern ein heroisches Ende verhieß - "Wir verfeuern unsere letzten 2000 Schuß und wollen mit wehender Fahne untergehen" -, tönte es zurück: "Dann fahr mal alleine los."
Noske verurteilte die Meuterei "auf das schärfste". Für jene Offiziere jedoch, denen es "unerträglich" schien, "ruhmlos aus dem langen Kriege hervorzugehen", fand er Verständnis.
Als am 4. November 1918 ein in Kiel gegründeter Soldatenrat verkündete: "Zum ersten Mal ist die politische Macht in die Hände der Soldaten gelangt", was gar nicht stimmte, beschlich es den Genossen Philipp Scheidemann, damals Staatssekretär in der Übergangsregierung des Prinzen Max von Baden: "Das war die offene Rebellion." Er appellierte an Noske, in Kiel nach dem Rechten zu sehen.
Anderntags, in Kiel, hatte Noske nicht den "Eindruck, daß eine große Revolution begonnen habe". Noch am gleichen Abend übernahm er, "unter brausender Zustimmung" der Arbeiter und Matrosen, den Vorsitz des "Obersten Soldatenrates" - um ihn in der revolutionären Kulisse verschwinden zu lassen.
Meuternde Soldaten und revoltierende Arbeiter vertrauten dem prominenten Genossen aus Berlin gleichwohl, er werde die Revolution schon richten. Die kaiserlichen Marineoffiziere waren sicher, Noske lasse sie nicht verkommen.
Um die Jahreswende 1918/19 rief Parteichef Ebert, seit 10. November Vorsitzender des Rates der Volksbeauftragten, wie sich die Revolutionsregierung nannte, den erprobten Genossen in die Reichshauptstadt zurück: "Gustav, du mußt sofort kommen."
In Berlin braute sich was zusammen. Unabhängige Sozialdemokraten, Spartakisten und Arbeiter fühlten sich um die Revolution betrogen, die außer dem Achtstundentag kaum etwas gebracht hatte. Sie forderten Rätedemokratie (nicht Diktatur des Proletariats) und Sozialisierung.
Aufs äußerste gereizt, verfolgten sie die Kumpanei zwischen den Volksbeauftragten und der Obersten Heeresleitung (OHL) unter Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg und Generalleutnant Wilhelm Groener, die nach Abschluß des Waffenstillstandes eigentlich ausgedient hatte.
Groener hatte schon am 10. November 1918 bei Ebert angerufen und gemeldet: "Das Heer stellt sich Ihrer Regierung zur Verfügung." Auf Eberts verdutzte Frage: "Und was erwarten Sie von uns?" antwortete Groener: "Der Herr Generalfeldmarschall erwartet von der Reichsregierung die Unterstützung des Offizierskorps bei der Aufrechterhaltung der Disziplin und der straffen Ordnung im Heer."
Ebert: "Ist das alles?"
Groener: "Das Offizierskorps erwartet, daß die Reichsregierung den Bolschewismus bekämpft, und ist dafür zum Einsatz bereit."
Ebert improvisierte: Nur mit Hilfe der OHL sei es möglich, nach dem Waffenstillstand die Millionen Soldaten des Westheeres innerhalb der von den Alliierten gesetzten Frist in die Heimat zurückzuführen.
Groener - laut Hindenburg "der monarchistischste Mann der Welt" - kalkulierte auf lange Sicht.
Erstens: "Auffangen und Unschädlichmachen der revolutionären Strömung", zweitens: "Wir hofften durch unsere Tätigkeit einen Teil der Macht im neuen Staat an Heer und Offizierskorps zu bringen." Gelinge das, "so war der Revolution zum Trotz das beste und stärkste Element des alten Preußentums in das neue Deutschland hinübergerettet". Groener später: "Das Bündnis hat sich bewährt."
Als Noske sich am 6. Januar 1919 zu Ebert begab, fand er die Genossen "in ziemlicher Aufregung". "Ich bin der Meinung", sagte er, "daß nun mit Waffengewalt Ordnung geschaffen werden muß." Darauf Ebert: "Dann mach du doch die Sache." Noske akzeptierte mit seinem inzwischen geflügelten Wort: "Meinetwegen, einer muß der Bluthund werden."
In der ersten Januar-Woche riefen die USPD und die (am 30. Dezember 1918 von Spartakisten gegründete) KPD die radikalen Genossen und Arbeiter in die Siegesallee: "Erscheint in Massen! Um Großes handelt es sich nunmehr! Nieder mit der Regierung Ebert/Scheidemann!"
Jetzt erst begann die - paradoxe - Revolution: Nicht die Jahrzehnte unterdrückten und verfolgten Linken gegen die Rechten, sondern die Linken gegen die ganz Linken.
Ein paar hundert der hunderttausend Genossen und Arbeiter, die am 5. Januar 1919 den Aufrufen von USPD und KPD folgten, hatten Waffen mitgebracht, auch Maschinengewehre und ein paar Panzerautos. "Die Stimmung der Leute", hieß es in einem Bericht der preußischen Regierung, "war außerordentlich erregt."
Grund zur Aufregung war die Absetzung des Berliner Polizeipräsidenten Emil Eichhorn von der USPD: "Man war sich einig", berichtete der USPD-Politiker Richard Müller, "daß der Schlag gegen Eichhorn abgewehrt werden müsse." Aber wie, "wurde weder eingehend erörtert noch festgelegt".
Karl Liebknechts und Rosa Luxemburgs Kommunisten sahen da klarer; sie
hielten den Augenblick eines "revolutionären Umsturzes" nicht für gekommen. Eine auf das "Proletariat gestützte Regierung" hätte "nicht länger als 14 Tage zu leben".
Gemeinsam protestierten USPD und KPD: "Mit dem Schlage . . . soll die ganze deutsche Revolution getroffen werden. Das könnt, das dürft ihr nicht dulden. Heraus darum zu wuchtigen Massendemonstrationen."
Das war der Auftakt des legendären "Spartakus-Aufstands" - der eigentlich gar nicht vorgesehen war.
Bewaffnete Demonstranten drangen in Pressehäuser ein, besetzten Bahnhöfe, Kasernen und Polizeiwachen, Arbeiter der Berliner Großbetriebe Schwartzkopf, AEG und Knorrbremse zogen zum SPD-Organ "Vorwärts" und legten den Betrieb lahm.
Später rückte Verstärkung an, rund 300 Mann. Verpflegung holten sich die Besatzer von der Straße. Sie stoppten Lebensmittel-Lkw und räumten sie ab. Unter der Beute befanden sich 235 Eimer Marmelade.
Derweil war die Masse der Proletarier schon wieder zu Hause, und ihre Führer wußten nicht einmal von den spontanen Aktionen. Erst als der "Vorwärts"-Handstreich bekannt wurde, wuchs die Entschlossenheit. Liebknecht, bis dahin wie Rosa Luxemburg überzeugt, daß "die Machteroberung nicht eine einmalige, sondern eine fortschreitende" sein sollte, forderte nun als erster Kampf. Rosa Luxemburg aber schimpfte: "Karl, wo bleibt unser Programm?"
Anderntags gingen die Linksradikalen und die über die SPD enttäuschten Arbeiter wieder auf die Straße. "Vom Roland bis zur Viktoria standen die Arbeiter Kopf an Kopf", schrieb verbittert das Spartakus-Blatt "Rote Fahne": "Eine Armee von 200 000 Mann, wie kein Ludendorff sie gesehen."
Aber die Armee hatte keinen Ludendorff. Die Proletarier standen, so die "Rote Fahne", "von früh um neun Uhr in Kälte und Nebel, und irgendwo saßen die Führer und berieten: Der Nebel stieg, und die Massen standen weiter . . . Der Nebel fiel wieder und mit ihm die Dämmerung. Traurig gingen die Massen nach Hause: Sie hatten Großes gewollt und nichts getan".
Was in Geschichts- und Schulbüchern lange als Spartakus-Aufstand umschrieben (und kriminalisiert), als akute bolschewistische Gefahr ausgemalt wurde, war damit beendet. Kleine Trupps besetzten in den folgenden Tagen noch ein paar Bahnhöfe und Kasernen, aber für die Regierung Ebert war revolutionäre Gefahr nicht mehr im Verzuge.
Doch Noske wollte es wissen. Der neue "Oberbefehlshaber der Regierungstruppen in und um Berlin" beschlagnahmte das Dahlemer Mädchenpensionat "Luisenstift" für "militärische Zwecke", ließ sich Tisch, Bett und Telephon in ein Klassenzimmer bringen - "und mein Hauptquartier war fertig".
In die Kämpfe gegen die Spartakisten, in denen 20 Regierungssoldaten und 180 Aufständische umkamen, griffen die 20 000 Mann starken "Noske-Garden", eilig rekrutiert aus alten Regimentern und neuen Freikorps, kaum noch ein. Die Drecksarbeit hatten schon spontan gebildete republikanische Wehren erledigt, beispielsweise der "Freiwillige Helfersdienst der Sozialdemokratischen Partei", das "Regiment Liebe" unter dem Kommando des gleichnamigen Reserveunteroffiziers und das "Regiment Reichstag", das der Militärexperte Erich Kuttner vom SPD-Organ "Vorwärts" aufgestellt hatte.
Noske bediente sich lieber der Garde-Kavallerie-Schützen-Division und der Einheiten des Generals Walther Freiherr von Lüttwitz, der im März 1920 gemeinsam mit dem ostpreußischen Monarchisten Generallandschaftsdirektor Wolfgang Kapp gegen die Reichsregierung putschte. "Ohne Skrupel" akzeptierte Noske, wie er selber sagte, "jeden Offizier, egal, welcher Gesinnung . . . solange dieser in der Lage war, eine einsatzbereite Truppe aufzubauen und zu führen".
Verstärkung schickte auch Generalmajor Georg Maercker, der im Kapp-Putsch zwischen Putschisten und Regierung lavierte. Seinen Landesjägern schärfte er ein: "Die Bedrohung ist eine arge, die Rosa Luxemburg ein Teufelsweib und Liebknecht ein Kerl, der aufs Ganze geht." Am Abend des 11. Januar 1919 wurde das KPD-Zentralbüro besetzt, kampflos, die Einrichtung demoliert. Die Spartakus-Führer wurden verhaftet oder tauchten unter.
Bürgerwehr und Soldaten stöberten Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht
auf und schleppten sie in das Eden-Hotel, Stabsquartier der Garde-Kavallerie-Schützen-Division. Hauptmann Waldemar Pabst - den Noske seinen "rührigsten Offizier" nannte, bis der im Sommer Putschpläne schmiedete - befahl, die beiden "politischen Verführer" zu "liquidieren".
Als, am 15. Januar, die Nachricht vom Doppelmord an Liebknecht und Rosa Luxemburg in der Reichskanzlei bekannt wurde, flüsterte der SPD-Unterstaatssekretär Curt Baake: "Die beiden L. sind tot . . . Das ist das Ende. Die Regierung muß sofort zurücktreten." Noske jedoch (der später das äußerst milde Urteil gegen die Mörder der "beiden L." bestätigte ) fuhr die verzagten Genossen an: "Ihr habt Nerven wie hysterische alte Weiber. Krieg ist Krieg."
Dabei blieb Noske während der März-Unruhen in Berlin, als wiederum Zehntausende auf die Straße gingen und das Militär das Feuer eröffnete, 1200 Tote, wie beim Einsatz gegen die Räterepubliken in Bremen und München. Stets war der Sozialdemokrat, seit Februar Reichswehrminister, mit seinen Bataillonen zur Stelle, auch wenn es zunächst Sache der Polizei gewesen wäre, für Ordnung zu sorgen. Kompromisse lehnte er ab, die Frage nach der Verhältnismäßigkeit der Mittel war ihm fremd. Er wollte Unterwerfung. Verhandlungen führte er nur, um, wie er sich anrechnete, Zeit zu gewinnen.
In Bremen war die revolutionäre Herrschaft von USPD und KPD, die bei den steifen Hanseaten keinerlei Rückhalt gefunden hatte, schon am Ende, als die Banken ihr den Geldhahn abdrehten. Noch als die Räte bereits kapituliert hatten, SPD und USPD sich anschickten, gemeinsam eine neue Regierung zu bilden, ermunterte Noske die "Division Gerstenberg", "mit rücksichtsloser Entschlossenheit" durchzugreifen.
In München beendete eine Reichsexekution - rund 35 000 Mann - unter dem preußischen Generalleutnant Ernst von Oven den "Karneval des Wahnsinns" (Noske). Als die Noske-Garden am 1. Mai anrückten, hatte sich, ähnlich wie in Bremen, die kommunistische Räterepublik schon aufgelöst. Auch war die "Rote Armee" - rund 1000 Mann - bereit, die Waffen niederzulegen.
So brauchten die Regierungstruppen nur einen Tag, um Remedur zu schaffen. Rund 1000 Menschen kamen bei Schießereien ums Leben, 184, wie offiziell festgestellt wurde, "durch eigene Leichtfertigkeit oder durch tückische Zufälligkeit". Tatsächlich wurden die meisten von ihnen ermordet, wie der anarchistische Schriftsteller Gustav Landauer, zwölf Arbeiter aus einem Dorf bei München und 21 Angehörige des katholischen Gesellenvereins, die als Spartakisten denunziert worden waren. Der Führer der Räterepublik, Eugen Levine, wurde standrechtlich erschossen.
Die Regierungstruppen befanden sich halt, wie Noske zugab, in einem "Blutrausch". Zugleich bescheinigte er ihnen, nur das getan zu haben, "was der militärischen Situation nach ihrer Auffassung entsprach".
Noske selbst erkannte, daß "das Selbstbewußtsein der Offiziere . . . in jenen Tagen und den folgenden Monaten, als sie sahen, wie sie gebraucht wurden, neue kräftige Wiederbelebung erfuhr". Die war so vollkommen, daß die Militärs bald Pläne schmiedeten, ihren Noske zum Diktator zu machen und
die Nationalversammlung in Weimar auseinanderzujagen.
Bei Ausbruch der März-Unruhen in Berlin 1919 hatten Offiziere dem Minister übermittelt, er könne "auf begeisterte Zustimmung" rechnen, wenn er bereit wäre, "mit oder ohne Zustimmung des Kabinetts und der Nationalversammlung diktatorisch die Geschäfte des Reiches" zu übernehmen, wie Noske selbst berichtete. Daß er ihnen eine Abfuhr erteilte, schrieb er nicht.
Das Diktatur-Thema kam in einem "Kriegsrat" wieder hoch, zu dem Noske im Juni 33 Generale und höhere Offiziere einberufen hatte, als sich die Nationalversammlung über Annahme oder Ablehnung des Versailler Friedensvertrags schlüssig werden mußte. Hohe Militärs forderten Ablehnung, was den unaufhaltsamen Einmarsch alliierter Truppen und eine zweite Niederlage des deutschen Heeres zur Folge gehabt hätte.
Generalleutnant Groener hielt das letzte Gefecht gegen Versailles zwar für "im Enderfolg aussichtslos". Aber als "Deutscher, der die Gesamtlage klar übersieht", riet er Reichspräsident Ebert: "Minister Noske muß die Führung des Volkes und die Verantwortung für den Friedensschluß übernehmen."
Im "Kriegsrat" wiederholte Groener: "Die Rettung Deutschlands liegt in den Händen des Reichswehrministers." Generalmajor Maercker und andere appellierten an Noske, "die Geschicke des Vaterlandes in seine starke Hand zu nehmen, sich zum Diktator aufzuwerfen und den Versailler Vertrag abzulehnen".
"Hätte ich von solchen Unterhaltungen damals Mitteilung gemacht", begründete Noske später die Konspiration mit der Generalität, "wären die Diktatur-Schwärmer einem anderen mit ihren Plänen gekommen, der vielleicht weniger kühlen Kopf bewahrt hätte." Er wußte aber auch: "Der Versuch, meine Diktatur aufzurichten, hätte den sofortigen Generalstreik . . . zur Folge gehabt."
Acht Monate später, am 10. März 1920, erschien General von Lüttwitz, der an den Aufräumungsaktionen in Bremen und München beteiligt gewesen war, beim Reichspräsidenten und trug "mit größter Heftigkeit", so ein Augenzeuge, seine Forderungen vor: "Sofortige Auflösung der Nationalversammlung, Einsetzung von Fachministern, Schaffung eines Oberbefehlshabers der gesamten Reichswehr in seiner Person."
Noske fuhr den General an: "Jetzt haben Ihre Forderungen den Charakter eines Ultimatums und eines Pronunziamentos der Generale. Das können wir uns unter keinen Bedingungen gefallen lassen." Aber statt ihn verhaften zu lassen, ließ er ihn unbehelligt gehen - nach Döberitz, zur "Marinebrigade Ehrhardt", die zwei Tage später gegen die Reichsregierung putschte.
Während die Brigade Ehrhardt schon gegen Berlin marschierte, konferierte Noske mit führenden Militärs, unter ihnen General Hans von Seeckt, der später die Reichswehr endgültig zum Staat im Staate machte, Major Kurt von Schleicher von der OHL, später Reichswehrminister und Reichskanzler, Vizeadmiral Adolf von Trotha, der mit Lüttwitz sympathisierte und Noske über das Vorgehen der Brigade Ehrhardt bewußt täuschte.
Noske befahl, mit Waffengewalt gegen die Putschisten vorzugehen, aber keiner hörte auf ihn. Seeckt: "Truppe schießt nicht auf Truppe." Den Minister fuhr er an: "Haben Sie etwa die Absicht, eine Schlacht vor dem Brandenburger Tor zu dulden zwischen Truppen, die eben erst Seite an Seite gegen den Feind gekämpft haben?" Noske stöhnte: "Bin ich denn ganz verlassen?"
Die Reichsregierung verzichtete auf Widerstand und verließ die Reichshauptstadt. Ebert und das Kabinett wichen erst nach Dresden aus. Als sich herausstellte, daß auch auf den Befehlshaber des sächsischen Wehrkreises, Generalmajor Maercker, kein Verlaß war, reisten sie nach Stuttgart weiter, wo es einen General gab, der sich auf die Regierungsseite schlug.
Am gleichen Tag, 13. März, rückte die Brigade Ehrhardt ungehindert in das Regierungsviertel ein. Kapp wurde zum Reichskanzler, Lüttwitz zum Reichswehrminister ausgerufen.
Rettung kam von den Linken, auf die Noske bisher eingeschlagen hatte - von Gewerkschaftern, Unabhängigen Sozialdemokraten und Kommunisten. Sie organisierten in allen größeren Städten der Republik den Generalstreik.
Nach fünf Tagen waren Kapp und Lüttwitz am Ende. Noske auch. Schon auf der Flucht, im Schnellzug nach Dresden, hatte Reichsinnenminister Erich Koch in sein Tagebuch geschrieben, Noske werde "nach dieser Arglosigkeit nicht zu halten" sein. Selbst ein Militär, Oberst Ernst van den Bergh vom Reichswehrministerium, kam zu dem Schluß, Noske habe "versagt. Er hatte zuviel Zutrauen zu gewissen Führern und zuviel Treuegefühl ihnen gegenüber. Er hat es nicht verstanden, die immer mehr anschwellende, militaristische Welle'' . . . zu brechen".
Parteifreund Scheidemann sprach, ohne den Namen Noske zu nennen, das Machtwort: "Wer Augen und Ohren nicht absichtlich verschloß, mußte herankommen sehen, was wir im Laufe der letzten Tage mit Abscheu und Empörung erlebt haben."
Noske wich dem Druck der Genossen. Nürnbergs früherer Oberbürgermeister Otto Geßler, Mitglied der bürgerlichen Demokratischen Partei und immer noch überzeugter Monarchist, wurde sein Nachfolger. "Damit hatte die Sozialdemokratische Partei", erkannte Noske, einmal richtig, "als entscheidender Machtfaktor ausgespielt."
Erst ein halbes Jahrhundert später, als Helmut Schmidt und Georg Leber Bundesverteidigungsminister wurden, hatten die Sozialdemokraten vorübergehend wieder das Sagen über das Militär. Und Leber war es, der seinerzeit das Militärgeschichtliche Forschungsamt beauftragte, eine Biographie über den ersten sozialdemokratischen Reichswehrminister Noske zu verfassen, die nach dem Willen seines christdemokratischen Nachfolgers Wörner eigentlich nicht erscheinen sollte.
Wolfram Wette: "Gustav Noske. Eine politische Biographie". Herausgegeben vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt; Droste Verlag, Düsseldorf; 876 Seiten; 98 Mark. Hans-Ulrich Wehler: "Entsorgung der deutschen Vergangenheit? Ein polemischer Essay zum ''Historikerstreit''". Verlag C.H. Beck, München; 250 Seiten; 14,80 Mark. Heinrich August Winkler: "Arbeiter und Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik 1918 - 1933". 3 Bände; Dietz Verlag, Bonn; 1984 bis 1987. 1918 bei einer Ansprache Noskes (Pfeil).

DER SPIEGEL 13/1988
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