28.03.1988

BERLINHonecker 2 x klingeln

Der zwischen Ost und West vereinbarte Gebietsaustausch beseitigt vielerlei Berliner Skurrilitäten. *
Das Gras auf der Berliner Fichtewiese steht im Sommer kniehoch. Knabenkraut und Pfeifengras wuchern da, die sibirische Schwertlilie, der Lungen-Enzian und der Teufelsabbiß. Dieser "einzigartige Standort gefährdeter Blütenpflanzen", findet der Umweltsenat, sei als Naturdenkmal unbedingt "schutzwürdig".
Zum Schutz tragen schon seit 27 Jahren die Grenzer der DDR bei. Denn das Grundstück, eine der West-Berliner Exklaven, liegt auf DDR-Gebiet und läßt sich nur durch ein Loch in der Mauer erreichen.
Auf die Wiese dürfen nur die Eigentümer, Mitglieder einer West-Berliner "Sport- und Wochenendgemeinschaft 1921 e. V.", zwecks "Pflege von Geselligkeit und Förderung des Gemeinschaftsgedankens" (Satzung). Das Biotop hinter der Mauer mit 35 Lauben und zwei Faustballplätzen gehört formal zum West-Berliner Bezirk Spandau. Seit dem Bau des Grenzwalls aber ist es von Wiesen, Wäldern und Wasser des Ostens umgeben und zählt zum Territorium des DDR-Kreises Oranienburg.
Der Zugang geriet zum deutsch-deutschen Unikum. Nur West-Berliner, deren Name auf einer Jahresliste für die DDR-Grenzer steht, dürfen vor der Mauer an einer Rufsäule um Einlaß bitten. Die Wächter öffnen dann das Rolltor, ein Doppelposten kontrolliert nach einem 50 Meter langen Gehweg die Papiere. Ein Witzbold schrieb einst neben die Pforte: "Erich Honecker 2 x klingeln".
Jetzt soll die Mauer fallen. Künftig werde die Fichtewiese, teilte die Senatskanzlei den Kolonisten mit, erstmals "in vollem Umfang vom Gebiet von Berlin (West) umgeben" und "ohne die bisherigen Hindernisse" zugänglich sein.
In den bald befreiten Gebieten, so auch in der Nachbarkolonie Erlengrund, wurde die Nachricht skeptisch aufgenommen. Benutzer und Bewohner hätten, nach den Schikanen der frühen Mauerjahre, "zum menschlichen Umgang gefunden". Wenn das Areal frei zugänglich sei, argwöhnen einige der Sportfreunde, sei es aus mit der Idylle.
Doch es geht um Größeres. West-Berlin und die DDR haben sich auf die bislang umfangreichste Grenzbereinigung per Gebietsaustausch geeinigt. Wie die Fichtewiese stehen noch 15 weitere Landstreifen auf der Tauschliste. Sie sollen je nach Lage mal vom Osten, mal vom Westen eingemeindet werden.
Das Vertragswerk, das spätestens im April paraphiert werden soll, hatten im Februar der DDR-Staatsratsvorsitzende Erich Honecker und Berlins Regierender Bürgermeister Eberhard Diepgen in Ost-Berlin vereinbart. Zur Disposition stehen rund 180 Hektar Land, Brach- und Ackerflächen, Waldgebiete und verstepptes Mauerumfeld.
Rund 80 Hektar davon fallen an die DDR. Gut sieben Hektar erhält Ost-Berlin. Etwa 93 Hektar gehen an West-Berlin, darunter das nach dem Gartenbauer Peter Joseph Lenne benannte Lenne-Dreieck am Potsdamer Platz im Ost-Berliner Bezirk Mitte und verwunschene Flecken an der Peripherie, die Hottengrund oder Große Kienhorst heißen. Auch Westland im Ostgebiet zählt zur Handelsmasse. So stehen einige Berliner Exklaven, für die DDR jeweils Enklaven, zur Umwidmung an. Als "Wertausgleich" muß West-Berlin 76 Millionen Mark zuzahlen.
Politisch kam zum geplanten Landtausch ein weiterer Durchbruch. West-Berliner dürfen neuerdings in Ost-Berlin übernachten, bisher waren nur Tagesbesuche erlaubt. Gegen zusätzliche Übergänge zum Berlin-Transit wird sich die DDR nicht mehr sperren.
Die Berlin-Hälften profitieren dabei unterschiedlich von der Gebietsrochade,
die schon 1971 von den Unterzeichnern des Viermächteabkommens ermöglicht wurde. Die DDR macht mal wieder Kasse. Ihr sind zudem die Korrekturen willkommen, lassen sich doch die Staatsgrenzen künftig effektiver sichern.
West-Berlin wiederum erhält neue Freizeit-Oasen, zum Beispiel im Freizeitpark Lübars im Norden oder bei Albrechts Teerofen im Süden. In einigen Problemgebieten an der Mauer kann neu geplant werden, da diverse DDR-Zipfel an den Westen fallen oder gar, bei bisher allzu gewundenem Mauerlauf, einige Kilometer Sektorengrenze begradigt werden.
Die DDR kassiert dafür (siehe Karte Seite 89) die bislang vom Westen her unzugänglichen Laßzins-Wiesen (13,5 Hektar), die Falkenhagener Wiesen (45,4 Hektar) oder die legendäre Wüste Mark (21,8 Hektar).
Auf diesem Ackerland im Raum Potsdam-Babelsberg erntete der Berliner Bauer Hans Wendt, der in der DDR wohnen und bis zu fünf Erntehelfer beschäftigen darf, jahrzehntelang "vor allem Roggen, aber auch Kartoffeln Marke 'Bostara' und 'Clivia'". Voriges Jahr verabsäumte es der Senat, wohl weil er selber noch nicht an den Abschluß glaubte, die Landwirtschaftsfamilie vom bevorstehenden Tauschgeschäft zu unterrichten - Wendt-Sohn Christian säte noch den Winterroggen und investierte mit seinen Brüdern schon in eine zukünftige Fruchtfolge - biologisch-organischen Feldgemüse-Anbau.
Das Ost-West-Geschäft beseitigt noch mehr solcher Skurrilitäten. In Neukölln, zwischen Kölner und Zwickauer Damm, können unterbrochene lokale Verkehrsadern zusammengeführt werden. Sogenanntes DDR-Unterbaugebiet, Ost-Terrain also, das vor der Mauer liegt und von keiner westlichen Amtsperson betreten werden darf, ist plötzlich feil. Am Teltowkanal wird so der Bezirk Zehlendorf auf einen Schlag um 13,5 Hektar größer.
Im Spandauer Stadtteil Staaken fällt sogar eine halbe Straßenseite an, weil die Grenzlinie dort über ein paar hundert Meter in der Straßenmitte verläuft. Der knapp vier Meter breite Fahrstreifen gehört bislang formal zum DDR-Kreis Nauen, steht aber schon seit drei Jahren nach Abschluß einer lokalen Zwischenvereinbarung dem Westverkehr offen.
Ohne die üblichen Formelkompromisse kam indes auch das neue Vertragswerk nicht aus, das in West-Berlin noch vor der Unterzeichnung formal von den alliierten Stadtkommandanten gebilligt werden muß. Die Vereinbarung über die Weggabe eines 1500 Meter langen und 50 Meter breiten Weddinger Gebietsstreifens am ehemaligen Güterbahnhof Eberswalder Straße an den Ost-Berliner Bezirk Prenzlauer Berg kam erst zustande, als im Vertragsentwurf jeglicher Hinweis auf die "Hauptstadt der DDR" getilgt war. Denn nach westlichem Verständnis ist Ost-Berlin weder ein konstitutiver Bestandteil der DDR noch deren Hauptstadt.
Schon bei früheren Gebietsbereinigungen, etwa dem Ankauf von 8,5 Hektar Brachland am Potsdamer Platz für 31 Millionen Mark, wurden solche Statusprobleme ausgeklammert. Das angrenzende Lenne-Dreieck, 1972 noch für elf Millionen Mark angeboten und nur halb so groß, kostet den Senat nun allerdings ein Vielfaches. Die DDR-Unterhändler argumentierten, das Niemandsland, früher im Herzen der Reichshauptstadt gelegen, sei besonders wertvoll, da es für Stadt- und Verkehrsplaner zentrale Bedeutung habe.
Auf der ausgestorbenen Wüstenei, an deren Rand einst Freislers Volksgerichtshof stand, soll eine Straße eine neue Nord-Süd-Verbindung quer durch den Tiergarten mit Anschluß an West-Berlins zentralen Bereich zwischen Reichstag im Norden und Landwehrkanal im Süden schaffen. Schon das Planfeststellungsverfahren kann teuer werden.
Denn nach der Aufteilung Berlins in Sektoren hatte Ost-Berlin auch diese Ecke kassiert, ohne die vormaligen Grundstückseigentümer zu entschädigen. Fällt das Gelände nun an den Westen zurück, könnten sich die einstigen Besitzer - von den Hutschenreuthers, Rosenthals bis zu einer einstigen Brandenburgischen Spargelbauverwertungsgesellschaft - beim Senat schadlos halten und auf späte Entschädigung pochen.
Auch die im Dritten Reich "arisierte" Kaufhaus-Familie Wertheim hatte dort Immobilien, so etwa das 1931 von Erich Mendelsohn gebaute Columbushaus. Das Gebäude, einst als eines der Wahrzeichen der Berliner Moderne gefeiert, wurde am 17. Juni 1953 von aufgebrachten Ost-Berliner Arbeitern abgefackelt - in dem Gebäude war eine Dienststelle der Volkspolizei untergebracht.
Der Wertheim-Rechtsnachfolger, die Firma Hertie, könnte ebenso mit Ersatzforderungen aufwarten wie die Landwirtsfamilie Wendt, Pächter der Wüsten Mark. Die Wendts wissen noch nicht mal, ob sie die diesjährige Ernte, 65 Tonnen Roggen sind es im Schnitt, noch in die Scheune einfahren können. Vater Wendt, 72 ("Die Wüste Mark ist doch mein Leben gewesen"), überlebte die Nachricht vom Tauschhandel nur um wenige Tage. Er starb an Herzinfarkt. Wendt-Junior Christian fühlt sich einstweilen von den Ämtern allein gelassen und fragt sich, ob "die ganze Geschichte nicht schon gegen Treu und Glauben verstößt".
"Vor vollendete Tatsachen" gestellt sehen sich auch die Sportfreunde von der Fichtewiese. Bernd Groujean, der Vorsitzende der Wochenendgemeinschaft, prognostiziert, "in Kürze" seien er und seine Freizeitfreunde "schutzlos gegen rechtswidrige Übergriffe auf unser Gelände". Penner, Rowdies oder neugierige Spaziergänger könnten sich schon bald auf der Grün-Plantage breitmachen.
Mitvorstand Peter Kruse rechnet zumindest mit Senatshilfe für einen neuen Zaun, der die Mauer ersetzen soll. Denn daß ihre Kritik an dem west-östlichen Tauschgeschäft wenig öffentliches Echo finden wird, ist den Wiesenfreunden klar. "Was sollen wir machen", fragt Kruse, "wir können doch nicht auf den Ku'damm gehen und für Mauer und Stacheldraht demonstrieren."
[Grafiktext]
Der Gebietsaustausch zwischen West-Berlin, Ost-Berlin und der DDR Laßzinswiesen Große Kienhorst Fichtewiese und Erlengrund PANKOW Freizeitpark Lübars FALKENHAGEN Falkenhagener Wiesen Güterbahnhof Eberswalder Straße WEDDING Nordhafen Staaken STAAKEN Humboldthafen TIERGARTEN MITTE PRENZLAUER BERG Lenne-Dreieck KTEUZBERG TREPTOW "Lohmühlen-Zwickel" KLADOW Hottengrund ZEHLENDORF NEUKÖLLN Kölner Damm, Zwickauer Damm Köpenicker Straße BUCKOW RUDOW POTSDAM Wüste Mark TELTOW Bei Albrechts Teerofen KÖNIGS WUSTERHAUSEN DDR WESTBERLIN OSTBERLIN 5 Kilometer
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 13/1988
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