22.02.1988

Aids: Hürde zu den Heteros übersprungen

Wie groß ist das Risiko für Heterosexuelle, sich mit Aids zu infizieren? Eine "Schwulenpest" und die Krankheit der Fixer ist es längst nicht mehr: Auch in westlichen Industrieländern dringt das HIV-Virus allmählich in die Gruppe der Heterosexuellen vor. Wie schnell es sich dort ausbreitet, weiß noch niemand. Die Entwicklung von Heilmitteln kommt nur schleppend voran, bei der Suche nach Impfstoffen gibt es Rückschläge. *

Die Entdeckung des Aids-Virus, schrieb das britische Wissenschaftsblatt "New Scientist" Ende letzten Monats, sei "beides zugleich" gewesen: "ein Segen und ein Fluch".

Ein Segen: Nie zuvor in der Geschichte der Medizin ist der Erreger einer neu auftretenden tödlichen Krankheit so schnell unter dem Mikroskop dingfest gemacht worden - das HIV-Virus wurde photographiert und identifiziert, knapp drei Jahre nachdem amerikanische Ärzte die Rätselkrankheit erstmals beschrieben hatten.

Tausende von Wissenschaftlern in Hunderten von Labors haben seither Monat um Monat neue Detail-Erkenntnisse über die biochemische Struktur und die Verhaltensweisen des Erregers beigesteuert. Robert Gallo, Mitentdecker des Aids-Virus: "Wir kennen das Molekül, und wir wissen, wie und wo es in die menschliche Zelle eindringt" - Grundlage für jeden Versuch, einen Impfstoff oder ein Heilmittel zu entwickeln.

Zum Fluch wurde der Virus-Fund, weil er es ermöglichte, Tests zu entwickeln, die es erlauben, zwischen Aids-Infizierten und Nicht-Infizierten zu unterscheiden.

Ursprünglich war der HIV-Test nur dazu bestimmt, Aids-infizierte Blutspender und Aids-verseuchte Blutkonserven auszusortieren. Daß er zur Diagnose Aids-positiv/Aids-negativ tauglich ist, war gleichsam nur ein Nebenprodukt.

Aber der Test brachte augenblicklich all jene Zweifelsfragen in die Welt, die das Aids-Problem vom bloß medizinischen oder seuchenmedizinischen zu einem sozialen, moralischen und politischen Thema mit fast ideologisch fixierten Fronten gemacht haben:

Wer soll getestet werden? Soll der Arzt eine(n) Aids-Positive(n) über das Testergebnis unterrichten? Soll er Angehörige und Sexualpartner des Getesteten informieren, womöglich auch gegen dessen Willen? Müssen die behandelnden Ärzte in Kenntnis gesetzt werden, Behörden, Versicherungsgesellschaften? Zwangstests für ganze Bevölkerungsgruppen? Internierungslager für Uneinsichtige?

Seit Anfang dieses Jahrzehnts hat sich die Zahl der Aids-Kranken vertausendfacht. 80 Aids-Kranke hatte CDC, das US-Seuchenzentrum in Atlanta, 1980 registriert - für Anfang Februar dieses Jahres kam die Weltgesundheitsorganisation (WHO) weltweit auf über 77 000 gemeldete Aids-Kranke, die tatsächliche Zahl, einschließlich der Dunkelziffer, wird auf das Doppelte geschätzt.

Noch immer ist die Meinung verbreitet, Aids sei eine Krankheit der Randgruppen, ein Risiko vor allem für Homosexuelle, Fixer und Prostituierte. Das war, bewußt oder unbewußt, eine Hoffnung für viele: daß sich das Aids-Virus im "Schwulen-Getto" würde halten lassen. Die Hoffnung trog.

"Wie sich Aids in die Normalbevölkerung frißt" - unter diesem Titel referierte das Fachblatt "Medical Tribune" Ende letzten Jahres die Berichte dreier Wissenschaftler aus Anlaß eines West-Berliner

Kongresses "Aids bei Frauen und Kindern".

"Die Haupteinstiegsgruppe" für die HIV-Infektion in die heterosexuelle Bevölkerung, so erläuterte auf dem Kongreß Professor Hans Dieter Pohle, Aids-Experte am West-Berliner Rudolf-Virchow-Krankenhaus, sei die der "heroinabhängigen Beschaffungsprostituierten". Wie Pohle mitteilte, sind in der Bundesrepublik bereits 40 Prozent, in West-Berlin sogar 60 Prozent der drogenabhängigen Fixer Aids-infiziert.

Tausende von nicht registrierten Beschaffungsprostituierten sorgen für die Weiterverbreitung des Virus. Gerade diese Art von Prostituierten sei auf "viele schnelle Kontakte hintereinander angewiesen", um sich das Geld für den nächsten Schuß zu verdienen, sie akzeptieren alle von den Kunden gestellten Bedingungen, auch den Verzicht aufs Kondom.

Andere Kongreßreferenten bewerteten die bisexuellen Männer als "eine weitere Eintrittspforte für das HIV-Virus in die heterosexuelle Bevölkerung", so Manfred Bruns, Anwalt am Bundesgerichtshof in Karlsruhe. Nach Bruns'' Meinung sind rund 50 Prozent der homosexuellen Männer verheiratete, treusorgende Familienväter und liebevolle Ehegatten, "die aber gelegentlich zum Strichjungen gehen, weil der Leidensdruck zu groß wird".

Nur durch gesellschaftliche Zwänge seien sie in die Ehe hineingedrängt worden - so meint auch Rolf Gindorf von der "Deutschen Gesellschaft für sozialwissenschaftliche Sexualforschung" in Düsseldorf: Zwar sei die Zahl der heimlichen "Teilzeit-Homosexuellen" unbekannt, aber nach seinem Eindruck sei sie "auf alle Fälle viel größer als die Zahl der Ganzhomosexuellen".

Amerikanische und britische Forscher haben gleichfalls Indizien dafür gesammelt, daß über die Gruppe der Drogenabhängigen und über die der Bisexuellen das Aids-Virus auch in den westlichen Industrieländern schon in die heterosexuelle Szene vorgedrungen ist.

Das ist kaum überraschend in einer Stadt wie New York, in der die Zahl der Drogenabhängigen, die sich Heroin, Kokain oder Speed spritzen, auf 200 000 geschätzt wird. Als nächste Aids-Risikogruppe gelten die jugendlichen Ausreißer, die "Runaways" im Teenager-Alter, von denen sich einige zehntausend in der Millionenstadt herumtreiben. Die Zeitschrift "Psychology Today" schilderte in ihrer Januar-Ausgabe den New Yorker Straßenstrich:

"Kinder überall, weibliche Prostituierte, manche gerade zwölf Jahre alt, in bizarrer Aufmachung mit Tanga-Slip und hochhackigen Schuhen, mit acht bis zehn Freiern pro Nacht. Jungen, denen noch nicht einmal ein Bart wächst, im schrillsten Schwulendreß, ins Auto gezerrt und befummelt von Reichen, die zu Hause Frau und Kinder haben."

Für Frauen in New York im Alter zwischen 25 und 34 Jahren ist Aids bereits jetzt die häufigste Todesursache, wie auf der Welt-Aids-Konferenz mitgeteilt wurde, zu der sich die Gesundheitsminister von 114 Ländern Ende Januar in London trafen.

In den Ländern der Dritten Welt, so erklärte Dr. Jonathan Mann, der mit der Aids-Bekämpfung beauftragte Direktor der WHO, seien schon jetzt drei Viertel aller Aids-Infektionen auf heterosexuelle Kontakte zurückzuführen. Mann weiter: "Auch in den Industrieländern, in denen Aids bisher weitgehend auf Homosexuelle _(Anzeige aus der Aids-Kampagne des ) _(Bundesgesundheitsministeriums. )

und Drogensüchtige beschränkt blieb, wird das Virus allmählich die heterosexuelle Bevölkerung durchseuchen."

Daß die Aids-Viren die Hürde zur Hetero-Gesellschaft nun unwiderruflich übersprungen haben, verdeutlichen die neuesten Zahlen aus den USA und Großbritannien. Zwar machen in Großbritannien heterosexuell Infizierte erst drei Prozent aller Aids-Fälle aus, aber umgekehrt haben 40 Prozent aller Frauen, die Aids-positiv sind, das Virus bei heterosexuellem Geschlechtsverkehr erworben.

Ähnlich das Ergebnis bei 4028 auf Aids-Infektionen getesteten Patienten in verschiedenen US-Kliniken für Geschlechtskrankheiten: 6,3 Prozent der getesteten Männer und 3 Prozent der getesteten Frauen waren HIV-positiv - rund die Hälfte der Aids-positiven Frauen gab an, niemals mit Personen aus den bekannten Aids-Risikogruppen sexuellen Kontakt gehabt zu haben.

Daß immer mehr Frauen das tödliche Virus im Körper tragen, beobachten mittlerweile auch westdeutsche Mediziner. Entsprechende Befunde wurden jüngst aus dem Schwabinger Krankenhaus in München berichtet - allerdings sind es dort überwiegend noch drogenabhängige Frauen, die das Aids-Virus eingefangen haben.

Aus der Frankfurter Aids-Ambulanz, geleitet von den Professoren Eilke Brigitte Helm und Wolfgang Stille, wird gemeldet, daß die Zahl der heterosexuell infizierten Frauen zwischen Januar 1985 und Oktober 1987 drastisch angestiegen ist: von 4 auf 41 (die der auf heterosexuellem Weg infizierten Männer von 2 auf 21). Nur 6 der 41 Frauen waren Prostituierte, von den restlichen 35 Frauen sind jeweils drei von vier durch ihre festen Partner angesteckt worden.

Eine Schätzung wagte Professor Ernst-Joachim Hickl von der Hamburger Frauenklinik Finkenau: Unter den mutmaßlich 100 000 mit dem Aids-Virus infizierten Bundesbürgern "dürften zirka 10 000 junge Frauen sein, die schwanger werden können". Hickls Schlußfolgerung: "Die HIV-Infektion betrifft mehr und mehr den heterosexuellen Teil der Bevölkerung."

Erstmals unternahm es Ende letzten Jahres der US-Staat New York, alle Neugeborenen auf Aids zu testen - mit alarmierendem Ergebnis: Von 19 157 im Laufe des Monats Dezember geborenen Babys waren 233 seropositiv - bei jedem 61. Baby zirkulierten Antikörper gegen das Aids-Virus im Blut. Nach Schätzung des New Yorker Seuchenmediziners Lloyd Novick "dürften etwa 40 Prozent dieser Babys an Aids erkranken" - und sterben, allein im US-Staat New York jedes Jahr etwa 900.

Untersuchungen darüber, wie viele heterosexuelle Partner von Aids-Infizierten sich anstecken, ergaben in den USA ein widersprüchliches Bild: Gestützt auf 19 verschiedene Untersuchungen, bezifferte das US-Seuchenzentrum in Atlanta das Partner-Risiko mit 10 bis 60 Prozent.

Worauf diese Spannweite zurückzuführen ist - etwa auf unterschiedliche Empfänglichkeit für die Infektion, auf unterschiedliche Häufigkeit oder verschiedene Arten von Geschlechtsverkehr, auf Co-Faktoren wie zum Beispiel Sekundärerkrankungen -, blieb angesichts

der relativ kleinen untersuchten Gruppen unklar. Insgesamt schätzen die CDC-Experten die Zahl der Aids-Infizierten in den USA gegenwärtig auf eine Million bis 1,5 Millionen, davon zwischen 45 000 und 127 000 Heterosexuelle.

Das Risiko für Heterosexuelle ist offenbar besonders hoch im Umfeld der Aids-Hochburgen wie New York, San Francisco oder Los Angeles. Dort, warnte June Reinisch, Leiterin des Kinsey-Instituts für Sexualforschung an der Indiana University in Bloomington, ist sogar manche Lesbierin Aids-gefährdet - überraschendes Ergebnis einer Kinsey-Verhaltensstudie an 300 homosexuellen Frauen. Durch geschicktes, "vor allem bohrendes Fragen" (Reinisch) fanden die Kinsey-Untersucher heraus, daß viele der Befragten, auch solche, die sich als "lebenslange Lesbierin" bezeichneten, mitunter heterosexuelle Kontakte gehabt hatten. Partner waren in diesen Fällen vorzugsweise männliche Homosexuelle.

Die Befragung macht deutlich, wie June Reinisch erläutert, daß "die Selbsteinstufung eines Menschen hinsichtlich seiner sexuellen Präferenz nicht notwendigerweise mit seinem tatsächlichen sexuellen Verhalten übereinstimmen muß" - ein Problem, das die Aids-Hochrechnungen der Epidemiologen, soweit sie sich auf derlei Befragungen stützen, fragwürdig erscheinen läßt.

So hatte schon Alfred Kinseys 1948 erschienener, damals weltweit Aufsehen erregender Report über männliche Sexualität gezeigt, daß viele der befragten Amerikaner, die sich als homosexuell bezeichnet hatten, "erhebliche sexuelle Kontakte mit Frauen" gehabt hatten.

Darüber hinaus gaben 70 Prozent aller Homosexuellen an, sie hätten auch mit verheirateten Männern geschlafen - von denen sich wiederum jeder fünfte außer mit der angetrauten Ehefrau mit sechs oder mehr männlichen Partnern sexuell vergnügt hatte.

Zwar fehlen Nachfolgeuntersuchungen, die Kinseys 1948er Befunde auf den neuesten Stand bringen könnten. Doch da, so Reinisch, "die Rate von bisexuellen Männern vor allem in New York und San Francisco sehr hoch ist", sei "das Ausschwärmen des Aids-Virus aus der Schwulen-Risikogruppe in die Heteroszene unausweichlich".

Erste Belege gibt es bereits. Jeweils eine von 200 Frauen - also fünfmal so viele, wie nach der allgemeinen Statistik zu erwarten -, die sich in Alameda County, einem Verwaltungsbezirk in der Nähe der Aids-Hochburg San Francisco, der dort gesetzlich vorgeschriebenen Blutuntersuchung vor der Heirat unterzogen oder sich in einer Spezialklinik für Geschlechtskrankheiten hatten behandeln lassen, war HIV-positiv.

Doch Aids bleibt, gleichgültig auf welchen Pfaden in der Gesellschaft sich das Virus weiter ausbreiten wird, eine vor allem sexuell übertragene Krankheit. Und da jene Sexualpraktiken, die der Ausbreitung des Aids-Virus besonders förderlich sind - Promiskuität und Analverkehr -, bei Heterosexuellen seltener vorkommen als in der Gruppe der Homosexuellen, wird sich zwangsläufig die Seuche in der heterosexuellen Bevölkerung sehr viel langsamer verbreiten als in der Risikogruppe der Homosexuellen.

"Wir erwarten nicht, daß sich die Seuche auch in der heterosexuellen Gesellschaft explosionsartig ausbreitet", erklärte Mitte dieses Monats der amerikanische Gesundheitsminister Otis R. Bowen. Ähnlich äußerte sich der Londoner Biologieprofessor Roy Anderson: Womöglich werde die Aids-Epidemie unter den Heterosexuellen so langsam fortschreiten, daß sich "erst in vielen Jahrzehnten ein Höhepunkt der Durchseuchung" einstelle.

Manche Forscher halten sogar für möglich, daß sich die Aids-Seuche in der heterosexuellen Bevölkerung auf einem vergleichsweise niedrigen Plateau einpendeln könne. Rechnerisch würde das voraussetzen, daß jeder Aids-Infizierte, solange er lebt, durchschnittlich nicht mehr als eine weitere Person ansteckt.

Es wäre ein Fehlschluß, wollte man aus solchen eher optimistischen Äußerungen folgern, die Aids-Bombe sei, wenn sich die Ausbreitungsgeschwindigkeit des Virus auch nur ein wenig vermindert, praktisch schon entschärft. Vielmehr passen solche statistischen Aussagen in das verwirrende, scheinbar widersprüchliche Bild, das die Epidemiologen gegenwärtig von der Aids-Seuche zeichnen:
* Die Zahl der Aids-Kranken, die im Laufe des Jahres 1987
weltweit um 56 Prozent zunahm, wird noch bis Anfang der
neunziger Jahre in der gleichen Weise ansteigen. Nach
Schätzungen

der WHO wird sich in den nächsten vier Jahren die Zahl der Aids-Fälle auf der Erde mehr als verfünffachen - im Jahre 1991 werden eine Million Menschen am Vollbild von Aids erkrankt sein; diese Prognose stellte der WHO-Aids-Beauftragte Jonathan Mann letzten Monat auf der Welt-Aids-Konferenz in London.
* Gleichzeitig flacht die Kurve der Aids-Neuinfektionen
in den Hochburgen der Aids-Risikogruppen ab. In 23
amerikanischen Städten, so die Erhebung des
US-Seuchenzentrums, sind homosexuelle und bisexuelle
Bevölkerungsgruppen bereits zu 20 bis 50 Prozent mit
dem HIV-Virus durchseucht. Eine Abnahme der
Neuinfektionen bei Homosexuellen wird vor allem in
Städten wie San Fransisco und New York beobachtet, wo
Aufklärung und hautnaher Kontakt mit Aids-Kranken und
Sterbenden offenkundig zu Änderungen des
Sexualverhaltens geführt haben.
* Bislang ist die heterosexuelle Bevölkerung in den
Vereinigten Staaten erst "zu einem Bruchteil von einem
Prozent" (CDC) mit dem Aids-Virus infiziert, in der
Bundesrepublik und anderen westlichen Industrieländern
ist die Quote noch geringer. Das bedeutet: Derzeit ist
die Gefahr, sich bei heterosexuellem Geschlechtsverkehr
(sofern es sich nicht um Kontakte mit Bisexuellen oder
drogensüchtigen Prostituierten handelt) mit dem
HIV-Virus zu infizieren, geringer als das Risiko, im
Straßenverkehr einen tödlichen Unfall zu erleiden.
* Trotzdem ziehen amerikanische Seuchenexperten die
Möglichkeit in Betracht, daß bereits in zwölf Jahren
jeder zweite amerikanische Aids-Kranke ein
Heterosexueller ist - Folge einer schleichenden
Infiltration des Aids- Virus in die allgemeine
Bevölkerung. Vor allem zwei Gründe begünstigen diesen
Prozeß: HIV-Infizierte sind, oft ohne es zu wissen, für
den Rest ihres Lebens potentiell ansteckend, und das
Einsickern des Virus aus den Randgruppen der
Bisexuellen und der Drogenabhängigen wird fortdauern.

Daß Aids eine prinzipiell heterosexuell übertragene Krankheit ist und nicht etwa eine, deren Übertragung an die Triebrichtung gekoppelt wäre, hat sich besonders eindringlich in Afrika gezeigt: Dort sind ebenso viele Frauen wie Männer Aids-infiziert - in manchen Städten schon 25 Prozent der 25- bis 40jährigen -, und drei Viertel aller Neuansteckungen laufen über heterosexuelle Kontakte. Die Epidemiologen vermuten, das sei unter anderem auf die in diesen Ländern hohe Durchseuchung mit Geschlechtskrankheiten wie Schanker und Tripper zurückzuführen, die häufig mit offenen Wunden im Genitalbereich einhergehen.

Wie schwer kalkulierbar das Ansteckungsrisiko für jeden einzelnen ist, wird

aus einer Formulierung deutlich, mit der US-Gesundheitsminister Bowen das Problem umschrieb: "Wenn jemand heutzutage mit einem Partner ins Bett geht, treibt er es nicht nur mit diesem einen Partner. Er treibt es zugleich mit all jenen Partnern, die der andere in den letzten zehn Jahren gehabt hat."

Weil das so ist, führt die weitverbreitete Formel in die Irre: "Aids kriegt man nicht, Aids holt man sich." Dieser Fehleinschätzung erlag offenbar auch die Hamburger Gesundheitssenatorin Christine Maring, als sie kürzlich erklärte: "Kein Mann ist gezwungen, eine Prostituierte aufzusuchen. Jeder Freier muß heute wissen, welches Risiko er eingeht." Der Mann könne "nicht verlangen, daß er bei der Befriedigung sexueller Bedürfnisse überall eine für ihn sichere Keimfreiheit" vorfinde. Solch kurzschlüssige Aids-Sicht reicht noch nicht mal bis zu dem unverschuldeten Ansteckungsrisiko, das der Ehefrau des inkriminierten Freiers droht, geschweige denn bis zu der Gefahr, daß diese Ehefrau ein Aids-infiziertes Kind zur Welt bringen könnte. Auf einen anderen Zusammenhang wies der Schweizer Journalist Thomas Held in einem Essay für die "Weltwoche" hin: Jedes Jahr werden in der Bundesrepublik 370 000 Ehen geschlossen, 128 000 Ehen werden geschieden, eine noch viel größere Zahl von Frauen und Männern verlieben sich jedes Jahr, gehen intime, vielleicht auf Dauer ausgerichtete Beziehungen ein oder lösen solche wieder auf. Held: "Diesem riesigen Heirats- und Beziehungsmarkt, der nichts mit Seitensprüngen, Partnertausch und ''one night stands'' zu tun hat und der sich keineswegs auf die 20- bis 30jährigen beschränkt", lasse sich mit der Vorstellung nicht beikommen, daß es möglich sei, die Seuche auf "gefährliches Verhalten" und auf die Rotlichtviertel der Großstädte einzudämmen. "Die Grenzen zwischen Monogamen und weniger Monogamen", so Held, "sind höchst durchlässig."

Andererseits gibt es für die Ausbreitung des Aids-Virus in der heterosexuellen Bevölkerung auch deutlich retardierende Momente: Aids wird beim vaginalen Geschlechtsverkehr bei weitem nicht so leicht übertragen wie etwa Tripper oder Syphilis. Der "one wrong fuck", der eine, einzige Geschlechtsverkehr, der schon zur Aids-Ansteckung führt, ist offenbar die Ausnahme. Die Zahlen, wie viele Sexualkontakte mit einer HIV-infizierten Person im Durchschnitt dazu führen, daß der Partner sich ansteckt, sind vage: Sie schwanken zwischen 60 und 600. Offenbar ist das Risiko der Männer, sich anzustecken, niedriger als das der Frau.

Solche Überlegungen bringen etliche Wissenschaftler dazu, vor Panik zu warnen. Wer jetzt schon "von einer wirklichen Krise" spreche, so Aids-Forscher Robert Gallo kürzlich bei seiner Rundreise durch westdeutsche Universitäten, "der übertreibt". Eine wirkliche Krise gebe es derzeit allerdings in Zentralafrika und bei den Drogenabhängigen - jener Gruppe, die Gallo als die gefährlichste bei der Übertragung _(unten: mit einem Exponat aus der ) _(Sexualia-Sammlung des Kinsey-Instituts ) _(in Bloomington. ) _(Oben: bei einem inernationalen ) _(Aids-Kolloquium in Paris; )

des Virus in die heterosexuelle Population ansieht.

Sicher ist, daß sich das Aids-Virus - solange es keinen Impfstoff gibt - auch in den westlichen Industrieländern und auch bei den Heterosexuellen weiter ausbreiten wird. Es gehört zu den quälendsten Selbsterkenntnissen der Epidemiologen, daß sie nicht annähernd mit Sicherheit, ja noch nicht einmal mit annehmbarer Wahrscheinlichkeit voraussagen können, wann und wo, in welchen Zeiträumen und auf welchen Ausbreitungswegen dies geschieht.

Allein schon das Zusammenwirken von sexueller Infektion mit der Übertragung durch gemeinsame Benutzung eines Fixerbestecks und über andere Kontakte (Blutkonserven, Mutter/ Kind), so beschrieb es der britische Epidemiologie-Professor Julian Peto, sei "viel zu komplex, als daß die Seuchenforscher entsprechende Ausbreitungsmodelle entwickeln könnten".

Der Erfolg von Aufklärungskampagnen und seuchenmedizinischen Maßnahmen wird die Ausbreitung von Aids mit Sicherheit beeinflussen - "aber wir können keine einzige dieser Variablen zuverlässig beurteilen, noch weniger ihr komplexes Zusammenspiel. Wir wissen nur, daß schon winzige Änderungen in dieser Vielzahl unbekannter Parameter grundlegende Wirkungen auf die Seuchenhochrechnungen haben werden" (Peto).

Bisher gibt es keine soziologische Feldforschung, die etwa Aufschluß darüber gäbe, wie häufig gutbürgerlich verheiratete Homosexuelle in die Stricherszene ausbrechen, wie viele Sexualpartner drogenabhängige Jugendliche in den Wochenendnächten in der Disco-Szene aufreißen, wie viele ungeschützte Sexualkontakte es im Milieu der Beschaffungsprostitution gibt. Nahezu grenzenlos ist auch das Nichtwissen, soweit es das ganz normale sexuelle Verhalten und die jeweils besonderen Vorlieben in verschiedenen Gruppen und Schichten der Bevölkerung angeht. Und längst nicht alles, was sich als sexualwissenschaftliche Untersuchung ausgibt, ist auch nur halbwegs verläßlich.

Schon allein am Befragungsvokabular, so erläuterte Kinsey-Direktorin June Reinisch an einem Beispiel, kann der gute Forscher-Wille scheitern. Auf die Frage, wann sie zuletzt vaginalen Geschlechtsverkehr ("vaginal intercourse") gehabt habe, antwortete eine farbige Kinsey-Probandin aus dem Slum-Milieu: "Never." Auf den Hinweis des Befragers, wie sie denn - ersichtlich - schwanger geworden sei, kam die Antwort: "We fucked."

Umfassende Untersuchungen zum Sexualverhalten wie etwa die bahnbrechenden Studien von Alfred Kinsey in den fünfziger Jahren hat es jedenfalls seither nicht wieder gegeben. Und wenn begrenzte Probanden-Kollektive befragt werden, so ergibt das häufig Befunde, die sich mutmaßlich auf andere Gruppen nicht werden übertragen lassen. So ergab letztes Jahr eine Befragung von 1000 weiblichen Patienten am Women''s Health Center im texanischen San Antonio - nahe der mexikanischen Grenze -, daß der (für die Aids-Übertragung besonders riskante) Analverkehr den Frauen nicht so fremd war, wie man erwartet hätte: 723 der Befragten gaben an, diese Variante "schon einmal versucht" zu haben, 238 gaben an, den Analverkehr "häufig", "mit Lust" und mehrheitlich (78 Prozent) "mit wechselnden Partnern" zu praktizieren.

Zunehmende sexuelle Freizügigkeit in den Wohlstandsländern der Industriegesellschaft, aber auch in vielen Ländern der Dritten Welt, darüber sind sich die Aids-Forscher mittlerweile einig, haben das HIV-Virus nicht in die Welt gebracht, aber seine rasche Verbreitung rings um den Erdball begünstigt. Der Ursprung der Krankheit wird immer weiter zurückdatiert: Erste Fälle von Aids haben niederländische Mediziner (ohne von dem Erreger zu wissen) schon Anfang der sechziger Jahre in abgelegenen Dörfern Zentralafrikas angetroffen und beschrieben. Da das Aids-Virus bei weitem nicht so leicht übertragen wird wie der Erreger von Grippe, Pest oder Pocken, hätte die Seuche vielleicht noch jahrhundertelang im afrikanischen Busch verharren können - wäre da nicht die hektische, weltumspannende Jet-Mobilität des 20. Jahrhunderts.

Das Virus hat existiert, lange ehe die Wissenschaft mit dem Herumbasteln an genetischem Material begann, lange bevor es überhaupt gentechnische Labors gab. Und es wäre auch zu bezweifeln, ob ein Menschenhirn - und sei es das eines Doktor Strangelove der Gentechnik - fähig gewesen wäre, einen so heimtückischen Erreger zu ersinnen wie die Retroviren vom Typ HIV.

Ein Virus, das in den menschlichen Körper eindringt und dort jahrelang schlummert, ohne daß der Infizierte etwas davon merkt; das genau in jenen komplizierten Mechanismus eine Bresche schlägt, der dazu bestimmt ist, Krankheiten vom menschlichen Organismus abzuwenden; das jeden banalen Schnupfen, jede harmlose Infektion dazu benutzt, sich selber und damit seine zerstörerische Kraft zu vermehren - noch nie hat die Wissenschaft vor einer vergleichbaren Herausforderung gestanden.

Für Forscher wie den Franzosen Luc Montagnier oder den Amerikaner Robert Gallo und ihre Tausende von Mitstreitern ist das heimtückische HIV-Virus so etwas wie "ein persönlicher Feind" (Gallo). Die Stimmungslage der Wissenschaftler in diesem Duell schwankt, je nach Tagesform und letzter

Meldung, zwischen gedämpftem Optimismus und schierer Verzweiflung.

Der letzte Jahresschlußbericht der Aids-Bekämpfer bei den amerikanischen National Institutes of Health (NIH) in Bethesda (US-Staat Maryland) spiegelte diese Ambivalenz.

Auf der einen Seite, hieß es da, sei die Aids-Forschung "wie mit Siebenmeilen-Stiefeln vorangestürmt". Die Wissenschaftler haben aufklären können, wie das Aids-Virus in die sogenannten T-Helfer-Zellen des Immunsystems eindringt, wie es seine genetische Information in die Wirtszelle einschleust und diese zwingt, neue HIV-Viren zu produzieren (siehe Graphik Seite 121). Sie haben erste Medikamente entwickelt, wie das AZT (Handelsname: Retrovir), die eine Aids-Erkrankung zwar nicht heilen, aber ihren Verlauf mildern und die Überlebenszeit verlängern können (siehe Seite 129).

Seit die Forscher wissen, über welche Eingangspforte das HIV-Virus Zugang findet zu menschlichen Zellen, haben sie auch daraus einen theoretisch vielversprechenden Ansatz für eine Aids-Therapie hergeleitet, Stichwort "CD 4" (siehe Kasten links). "Wir können von Glück sagen", so Gallo letzten Monat in Frankfurt, "daß wir diesen Rezeptor kennen - bei den meisten anderen Viruskrankheiten kennen wir ihn nicht."

Andererseits - so die entmutigende Kehrseite des NIH-Berichts vom Dezember 1987 - gebe es noch "gewaltige Lücken im fundamentalen Verständnis von Aids": Weitgehende Unklarheit herrscht über die Wirkmechanismen im Immunsystem der Primaten, unklar ist, auf welche Weise die sogenannten Antikörper Infektionen verhüten, auf welche Weise andere Typen von Antikörpern bereits eingedrungene Viren neutralisieren können. Und, aus der Sicht der Virologen: "Wir haben noch nicht einmal nebelhafte Vorstellungen davon, wie der Lebenszyklus von Viren abläuft und was manche Virenstämme zur tödlichen Gefahr werden läßt" (so Bernard Fields, Professor für Mikrobiologie und Molekulargenetik an der Harvard University).

Vieles von dem Erkenntniszuwachs, der in den letzten Jahren gewonnen wurde, hat den Blick auf die Krankheit eher noch verdüstert. Die Wissenschaft mußte Abschied nehmen von der anfangs noch gehegten tröstlichen Vermutung, nur 20 oder 30 Prozent der HIV-Infizierten würden an Aids erkranken.

Daß dem nicht so ist, zeigt beispielsweise eine Verlaufsstudie an 155 homosexuellen und bisexuellen Männern in San Francisco, bei denen der Zeitpunkt der HIV-Infektion annähernd bekannt ist. Danach zeigten 5 Prozent der Infizierten das Vollbild von Aids drei Jahre nach der Infektion, nach fünf Jahren waren es schon 15 Prozent, nach sechs Jahren 24 Prozent. Sieben Jahre

und vier Monate nach der Infektion waren 36 Prozent der Infizierten an Aids erkrankt, weitere 40 Prozent zeigten erste Symptome wie Pilzbefall in der Mundhöhle, längere Fieberanfälle oder deutlichen Gewichtsverlust.

Weit längere Zeiträume zwischen Infektion und Ausbruch der Erkrankung (Latenzzeiten) als die bisher angenommenen sechs bis acht Jahre sind nach Meinung der Forscher denkbar. Untersuchungen von Aids-Infizierten am Walter Reed Hospital der US-Armee ergaben, so ein Bericht an die Aids-Kommission des US-Präsidenten, "daß bei 80 bis 90 Prozent der Infizierten eine Beeinträchtigung der Immunabwehr innerhalb weniger Jahre" beobachtet worden sei.

Bestürzt haben die Forscher zur Kenntnis nehmen müssen, daß die Aids-Viren nicht nur, wie anfangs vermutet, die T-4-Helferzellen des Immunsystems, sondern direkt auch andere Zellen im menschlichen Körper attackieren können: zwei bestimmte Zellarten in der Darmschleimhaut (SPIEGEL 7/1988) und, offenbar sehr viel häufiger, Zellen des zentralen Nervensystems.

Diese Erkenntnisse decken sich mit Beobachtungen der Kliniker. "Je länger sich die Wissenschaft mit der neuen Krankheit beschäftigt, desto komplexer wird das Krankheitsbild", schrieb die "Münchener Medizinische Wochenschrift" nach dem ersten Deutschen Aids-Kongreß letzten Monat in München. Neben dem Kaposi-Sarkom, das zu einer Art Leitsymptom von Aids wurde, haben die Mediziner nun auch andere Tumorformen bei Aids-Patienten beobachtet, so beispielsweise maligne Lymphome und bestimmte Formen von Leukämie.

Ausfallerscheinungen des Gehirns - Störungen der Hirnfunktionen und Schrumpfung der Hirnmasse - treten offenbar bei einem Großteil der HIV-Infizierten schon zu einem Zeitpunkt auf, da sich andere Aids-typische Symptome wie etwa Lymphknotenschwellungen, Mundsoor und Fieberschübe noch nicht eingestellt haben. Bei 61 von 68 HIV-infizierten Kindern in New Yorker Krankenhäusern wurden Hirnveränderungen unter dem Computertomographen nachgewiesen. Das Problem beschäftigt zunehmend die Militärs und zivile Luftfahrtgesellschaften, die erwägen müssen, künftig Piloten auf mögliche HIV-Infektionen zu untersuchen.

Verwirrt wurde das Aids-Bild zusätzlich, als vor zwei Jahren unter den Elektronenmikroskopen im Pariser Pasteur-Institut ein zweites Aids-Virus auftauchte, "HIV-2". Das Virus, das mit dem klassischen Aids-Erreger HIV-1 nur etwa 50 Prozent des genetischen Materials gemeinsam hat, wurde vor allem in Westafrika beobachtet; erste Fälle von HIV-2-Infektionen sind aber auch schon bei Amerikanern und bei zwei Homosexuellen in der Bundesrepublik beobachtet worden. Problem für die Mediziner: HIV-2, wahrscheinlich nicht ganz so gefährlich wie die HIV-1-Variante, rutscht meistens durch die gängigen Aids-Tests, ohne entdeckt zu werden.

Schlimmer noch: Solche chamäleonartigen Veränderungen in der biochemischen Struktur des Aids-Virus vollziehen sich nun auch schon unter den Augen der Wissenschaftler im Labor - ohne daß sie es wollen. Über einen der irritierendsten Laborzwischenfälle in der Geschichte der Aids-Forschung berichteten Gallo und seine Mitarbeiter Ende Januar in dem Fachblatt "Science".

Es ging um einen Mitarbeiter in einem der großen amerikanischen Aids-Forschungslabors, der sich auf bislang nicht restlos geklärte Weise am Arbeitsplatz mit Aids-Viren infizierte. Der Mann hatte zu tun mit einem HIV-Virusstamm, der speziell für Forschungszwecke gezüchtet und so manipuliert worden war, daß er sich nur auf einer Kultur von T-Helferzellen vermehren konnte.

Nach einem mehr als einjährigen Puzzle kamen die Wissenschaftler zu dem Schluß: Daß dieser Virusstamm den Labormitarbeiter infizieren konnte, war nur möglich, weil sich die molekularen Strukturen - und damit die biologische Wirksamkeit - des Virus unter der Hand verändert hatten. Statt der T-4-Helferzellen hatte das Virus bei dem Betroffenen einen anderen Zelltyp infiziert, sogenannte Makrophagen.

Die nahezu grenzenlose Wandlungsfähigkeit des Aids-Virus, insbesondere seiner Eiweißhülle, gilt gegenwärtig als Haupthindernis bei allen Versuchen, dem tödlichen Erreger beizukommen:

Es gibt nicht das Aids-Virus, sondern zahllose Varianten mit oft nur minimalen Abweichungen, aber unterschiedlichen Wirkungen. Gallo: "Manche Virusstämme führen häufiger zu Hirnschäden als andere." Aids-Infizierte, in deren Blut ein bestimmter Subtypus nachgewiesen wird, sind gegen alle anderen Subtypen immun - kein Wissenschaftler weiß bislang, warum das so ist.

Ohnehin stellt die Tatsache, daß das Aids-Virus seine biochemischen Kommandos in die DNS-Stränge der menschlichen Immunzellen einschleust, wo sie lebenslang verweilen, die Forscher vor schier unlösbare Probleme. "Es kann durchaus sein", konstatierten britische Aids-Forscher in ihrem Bericht zur Londoner Welt-Aids-Konferenz, "daß wir überhaupt nie ein wirkliches Heilmittel finden, das die Viren aus dem Organismus der Infizierten wieder vertreibt."

Alle Aids-Medikamente, auf denen gegenwärtig Hof fnung ruht oder die schon erprobt werden, haben eines gemeinsam: Der Kranke muß sie, wie der insulinabhängige Diabetiker seine tägliche Spritze, für den Rest seiner Tage immer und immer wieder einnehmen.

Noch desillusionierter ist die Mehrheit der Aids-Forscher, was die Entwicklung eines Impfstoffes anlangt, der den menschlichen Organismus vorbeugend gegen das Eindringen von Aids-Viren schützen könnte.

"In zwei Jahren werden wir einen solchen Impfstoff haben", hatte die damalige US-Gesundheitsministerin Margaret Heckler 1984 verkündet, kurz nachdem das Aids-Virus erstmals isoliert worden war. Noch vor einem Jahr schienen entsprechende Ankündigungen vor allem französischer Forscher - einer von ihnen erprobte einen Impfstoff im Selbstversuch - solchen hoffnungsvollen Fehlprognosen recht zu geben.

Doch in den letzten Wochen wurde jeglicher Optimismus durch die Ergebnisse von zwei verschiedenen Impfstoff-Testreihen an Schimpansen und einer Versuchsreihe mit 35 freiwilligen Homosexuellen bei den National Institutes of Health in Bethesda fürs erste jäh gebremst: In allen drei Experimenten haben die Testsubstanzen versagt, und die Wissenschaftler, so räumten amerikanische Aids-Forscher letzte Woche der "New York Times" gegenüber ein, "müssen sich fragen, ob nicht die bisher eingeschlagene Richtung bei der Vakzine-Forschung grundsätzlich falsch war".

Bei allen früheren Impfstoff-Entwicklungen, etwa gegen Polio oder Pocken, konnten die Mediziner davon ausgehen, daß die durch den Impfstoff im Körper angekurbelte Antikörperproduktion den Organismus im Falle einer Infektion auch wirklich gegen die eindringenden Erreger schützt.

Bei Aids ist dieses klassische Erreger-Antikörpermodell offenbar vollständig außer Kraft gesetzt. So wurde in den Affenversuchen durch Impfstoffgaben zwar die Produktion von Antikörpern gegen Aids kräftig angeregt - aber die geimpften Tiere waren eingespritzten Aids-Viren danach genauso schutzlos ausgeliefert wie die ungeimpften: Die Antikörper neutralisierten die Viren nicht. Auch im Körper von Aids-Kranken werden Antikörper gegen HIV gebildet (darauf beruhen die Tests), aber offenbar sind sie machtlos gegen das Virus - warum, weiß vorläufig niemand.

"Ist ein Impfstoff gegen Aids möglich? Jeder, der zum gegenwärtigen Zeitpunkt auf diese Frage eine verbindliche Antwort gibt", so Robert Gallo, "redet

Unfug. Die Unsicherheiten sind noch zu groß."

Erschwert, so Gallo, wird die Entwicklung möglicher Schutzstoffe gegen Aids noch dadurch, daß es keine dem Menschen analogen Modelle im Tierreich gibt. Einzig bei Schimpansen vermehren sich die Erreger vom HIV-Typ (allerdings ohne daß die Tiere an Aids erkranken). Aber die Zahl der für solche Versuche verfügbaren Schimpansen ist zu gering, "ein Flaschenhals für die Forschung", so Gallo.

Um den Engpaß wenigstens teilweise zu überbrücken, haben sich US-Wissenschaftler zu einem waghalsigen gentechnischen Trick verstanden: Versuchsmäuse wurden gentechnisch so manipuliert, daß sie in all ihren Zellen den genetischen Code zur Produktion von Aids-Viren mitschleppen. Nicht auszudenken, wenn solche genmanipulierten Mäuse aus dem Hochsicherheitskäfig in Bethesda ausbrächen und in die freie Wildbahn gelangten (siehe Graphik Seite 138).

Die schwindende Aussicht auf einen brauchbaren Impfstoff in absehbarer Zeit muß dazu führen, daß sich die Eindämmung von Aids noch mehr als bisher auf das Machbare konzentrieren wird:
* Alle auf der Londoner Aids-Konferenz vertretenen 150
Länder haben der Aids-Aufklärung - mit dem Ziel,
Veränderungen des Sexualverhaltens herbeizuführen -
Priorität eingeräumt.
* Die meisten Aids-Forscher stimmen überein, daß dies
nicht genügt, sondern daß genauere Daten über die
tatsächliche Durchseuchung verschiedener
Bevölkerungsgruppen und -subgruppen, über das
Sexualverhalten und die infektionsträchtige Vernetzung
etwa zwischen Fixer-Szene und Disco-Jugend erhoben
werden müssen.

Wie schwer es sein wird, durch Aufklärungskampagnen "Safer Sex" unters Volk zu bringen, hat der amerikanische Medizinsoziologe Harvey Fineberg Anfang Februar in der Zeitschrift "Science" dargelegt: Sexualpraktiken, so Fineberg, seien "sozial komplexe Verhaltensweisen, die im Biologischen wurzeln" - entsprechend schwer seien sie zu beeinflussen. Außerdem: "Sexuelle Aktivitäten sind meist spontan und ungeplant, häufig gekoppelt an eine Situation, in der das Urteilsvermögen der Beteiligten durch Alkohol getrübt ist."

Wenig überraschend scheint auch jene Divergenz, der die Wissenschaftler in den westlichen Industrieländern immer wieder begegnen: Sehr viele Menschen wissen schon um die Gefahren von Aids - "aber sie richten sich nicht danach" (Fineberg).

Die Epidemiologen befürchten, daß dies auch so bleibt, solange die Opfer der Aids-Seuche nicht stärker in Erscheinung treten, als es gegenwärtig etwa in der Bundesrepublik der Fall ist. "Erst das Miterleben von Siechtum und Tod", so der Schweizer Journalist Thomas Held, habe in der homosexuellen Subkultur amerikanischer Millionenstädte meßbare Verhaltensänderungen bewirkt: In einer (seit 1981) über vier Jahre hinweg beobachteten Gruppe von 745 Homosexuellen in New York hatten 40 Prozent der Befragten ihre Sexualpraktiken in Richtung Safer Sex geändert.

Beharrungsvermögen im Sexualverhalten zeichnet offenbar auch die Deutschen aus. Zwar kennen 99 Prozent der Bundesbürger mittlerweile das Wort "Aids", und 86 Prozent geben an, die Gefahren der Seuche richtig einschätzen zu können - aber in der Praxis haben Rita Süssmuths Kondom-Kampagnen offenbar noch kaum etwas gebracht.

Zwei Drittel der 18- bis 60jährigen Bundesbürger seien "aufgrund ihrer potentiellen Bereitschaft zu sexuellen Außenkontakten" als "potentielle Risikoüberträger" anzusehen - so lautet das Fazit einer Pilotstudie, die von der Münchner "GP-Forschungsgruppe" im Auftrage des Bundesgesundheitsministeriums in den Städten Berlin, Frankfurt und München im letzten Sommer durchgeführt wurde.

Etwa die Hälfte der Befragten zeigte sich "tolerant gegenüber Promiskuität", nahezu jeder zweite hat in den letzten beiden Jahren den "Beziehungspartner gewechselt"; 23 Prozent der Befragten haben einen Freundeskreis, in dem "sexuelle Untreue" angesagt ist, zwei Drittel der Befragten schlossen nicht aus, daß sie "in Zukunft ''fremdgehen''".

Die Pilotstudie, die das Süssmuth-Ministerium - offenbar wegen der erschütternden Ergebnisse - am liebsten gar nicht veröffentlichen will, stellt auch fest, daß sich bei den Befragten "keine Anzeichen für eine zunehmende Verwendung von Kondomen" erkennen ließen. Vergleichbare Ergebnisse brachte eine Umfrage, die Mitarbeiter des Psychologischen Instituts der TU im Herbst letzten Jahres bei West-Berliner Studenten unternahmen (siehe Kasten Seite 135).

Für die Seuchenstrategen sind derlei Erhebungen, auch wenn sie erwünschte Trends bestätigen sollten, von nur begrenztem Nutzen. Sich vielleicht wandelnde Einstellungen zu Sex und Partnerwechsel sagen nur wenig darüber aus, wo, wie und in welchem Ausmaß die Aids-Epidemie sich in naher Zukunft weiter Bahn brechen wird.

"Die einzig praktikable Möglichkeit, dies festzustellen und die Wirkung von Abwehrstrategien zu überprüfen", so der britische Epidemiologie-Professor Peto, sei "das systematische (und anonyme) Testen von Blutproben großer Bevölkerungsgruppen", zum Beispiel bei Schwangeren und bei Krankenhauspatienten.

"Regelmäßige bevölkerungsbezogene Erhebungen über die HIV-Prävalenz" - bei denen weder der Proband noch der einsendende Arzt das Ergebnis erfährt

und bei denen das Zentrallabor andererseits nicht weiß, von wem die jeweilige Blutprobe stammt - forderte vor einigen Monaten auch Professor Klaus Dietz, Direktor des Instituts für Medizinische Biometrie der Universität Tübingen.

Nur so wäre wohl zu vermeiden, daß es den Seuchenstrategen ergeht wie den Astronomen, wenn sie mit ihren Teleskopen das Licht einer fernen Supernova einfangen: Das Ereignis, das sie sehen, liegt Lichtjahre zurück.

Der überwiegende Teil derer, die heute als Aids-Kranke registriert sind, hat sich vor fünf oder mehr Jahren mit dem HIV-Virus infiziert. Fast alle, die in den nächsten fünf Jahren an Aids erkranken und sterben werden, tragen den Erreger jetzt schon in sich. Auch das erfolgreichste Aufklärungsprogramm kann nicht mehr verhindern, daß - beispielsweise - in den USA bis 1991 rund 270 000 Menschen als Opfer der Aids-Seuche registriert sein werden.

Auf Jahre, wahrscheinlich auf Jahrzehnte hinaus wird mitten in der Gesellschaft eine wachsende Zahl von vorzeitig Todgeweihten leben - die größte epidemiologische Bedrohung geht dabei von jenen aus, die von ihrer Ansteckung nichts ahnen.

Jetzt, da ihr Heterosexuelle wie Homosexuelle zum Opfer fallen, ist die zukünftige Ausbreitung der Seuche erst recht ungewiß - so ungewiß wie die Herkunft ihres Erregers. Ob das Aids-Virus vom Tier auf den Menschen gekommen ist oder ob eine Laune der Natur eine ursprünglich harmlose Mikrobe in einen Killer verwandelt hat - nur der Ort des Geschehens läßt sich eingrenzen.

Denn hinreichend gesichert ist durch epidemiologische Spurenfahndung, daß Aids Mitte/Ende der siebziger Jahre aus Zentralafrika nach Westeuropa und Nordamerika eingeschleppt wurde - von Männern wie Frauen; zu den ersten Kranken, die in Paris wegen einschlägiger Symptome behandelt wurden, gehörten eine Schwarze aus Zaire und eine Französin, die lange in Afrika gelebt hatte.

Daß da eine Epidemie aufkeimte, wurde zuerst ein paar amerikanischen Dermatologen bewußt. Aber weil es anfangs ausschließlich Homosexuelle waren, die an rätselhafter Immunschwäche litten, kam es zum folgenschweren Mißverständnis von der "Schwulenpest". Ihm erlagen Ärzte wie Ämter und nicht zuletzt die Schwulen selber. Auch als die Seuche, die noch keinen Namen hatte, auf Drogensüchtige in den Elendsvierteln und auf Flüchtlinge aus Haiti übergriff, hielten Behörden wie Medien noch die Fiktion aufrecht, Ansteckungsgefahr bestehe nur in sozialen Randgruppen.

Die Geschichte dieser gigantischen Verdrängung hat jetzt ein Amerikaner aufgeschrieben. In einem "bestürzenden Buch" (so "Time") von stupender Detailfülle zeichnet der Reporter Randy Shilts die Entstehungsgeschichte einer Katastrophe nach, "die der Westen noch über Jahrzehnte wird ertragen müssen" - eine SPIEGEL-Serie nach dem Shilts-Buch beginnt im nächsten Heft.

Es ist die Geschichte der ersten Infizierten, die auf gräßliche Weise dahinsiechen, befallen von Parasiten, die sonst nur Tiere heimsuchen, entstellt von Krebsgeschwüren, die den ganzen Körper überziehen. Es ist die Geschichte der Ärzte, denen man nicht glauben will, daß da eine tödliche Gefahr heraufzieht, und der Seuchenforscher, die in Sex-Schuppen wie Laboratorien die seltsame Krankheit zu ergründen suchen.

Und es ist die Geschichte jenes liebestollen homosexuellen Stewards, der mehr als jeder andere dazu beigetragen hat, die Seuche in Nordamerika zu verbreiten. Er wechselte die Partner wie die Hemden, und die Epidemiologen, die sein Treiben mühevoll rekonstruierten, nannten ihn "Patient zero" - obwohl das nicht exakt war, sondern nur die saloppe Umschreibung eines umtriebigen Infektionsherdes in der Frühzeit der Seuche.

Der Steward ist längst tot, wie mittlerweile rund 40 000 Aids-Opfer in mehr als 100 Ländern der Welt. "Es hat eine Zeit gegeben", meint Autor Shilts, "in der man die Katastrophe noch hätte verhindern können." Die Zeit ist vorbei. !

[Grafiktext]

ANGRIFF AUF DIE ABWEHRZELLE Eindringen eines Aids-Virus (HIV) in eine T4-Helferzelle des Immunsystems Aids-Virus (HIV) Abkapselung des neuen Aids-Virus Enzym (Reverse Transkriptase) Virus-RNS Einbau in die Zell-DNS T4-Helferzelle Eiweiß zum Aufbau der neuen Virushülle Zu DNS "umgeschriebenes" Virusprogramm Zellkern Neugebildete Virus-RNS Mit Hilfe eines biochemischen Schloß-Schlüssel-Mechanismus findet das in den Körper des Infizierten gelangte Aids-Virus sein Ziel: Der Angriff gilt den sogenannten T4-Helferzellen, wichtigen Bestandteilen des körpereigenen Immunsystems, das für die Abwehr von Krankheitserregern sorgt. Nach dem "Andocken" an der Zellmembran der T4 -Helferzelle streift das Aids-Virus seine Eiweißhülle ab, das genetische Programm des Virus, bestehend aus der Virus-RNS und einem Enzym ("Reverse Transkriptase"), wird in die Zielzelle eingeschleust. Das Enzym sorgt für die "Übersetzung" der RNS-Information in DNS, den genetischen Code der Wirtszelle. So wird das genetische Bauprogramm des Virus zum Bestandteil des Produktionsprogramms der T4-Helferzelle. Wird nun die T4-Abwehrzelle, beispielsweise bei einer Schnupfeninfektion, aktiviert, produziert sie - anstelle von Abwehrstoffen - zahlreiche neue Aids-Viren. Diese verlassen die Wirtszelle und suchen sich weitere Angriffsziele. Die zur Virenvermehrung mißbrauchte T4-Helferzelle stirbt. Zeichnung: C & EN AIDS-MÄUSE HINTER SICHERHEITSGLAS Umstrittene Experimente mit genmanipulierten Versuchstieren Fest montierte Stulpenhandschuhe für Experimentator Dampfschleuse Bißfeste Experimentier-Box Um herauszufinden, wie Aids-Erreger auf den Organismus einwirken, haben US-Forscher Mäusen das komplette Gen-Programm von HIV-Viren ins Erbgut gepflanzt. Mit den erblich Aids-infizierten Versuchstieren experimentieren die Wissenschaftler in hermetisch abgedichteten, durch Filter belüfteten Unterdruck-Kammern. Dort hocken die Nager in bißfesten, mit Glas und Metall versiegelten Kästen, die wiederum in "Handschuh-Boxen" untergebracht sind. Das Futter wird den Mäusen - durch eine Schleuse, die sich erst nach einer sterilisierenden Dampf-Dusche wieder öffnet - in einer Spezialbox auf einer Platte gereicht, die auf einem Chlor-Tümpel schwimmt. Obwohl die Forscher das Mäusegefängnis für absolut fluchtsicher halten, haben sie rundum eine letzte Defensivlinie errichtet - mit Speck beköderte handelsübliche Mäusefallen. In den USA hat das Projekt der National Institutes of Health (NIH) inzwischen Proteste ausgelöst. Jeremy Rifkin, streitbarer Sprecher der Okobewegung, hat beim Bundesgericht in Washington eine Klage gegen die NIH eingereicht.

[GrafiktextEnde]

Anzeige aus der Aids-Kampagne des Bundesgesundheitsministeriums. unten: mit einem Exponat aus der Sexualia-Sammlung des Kinsey-Instituts in Bloomington. Oben: bei einem inernationalen Aids-Kolloquium in Paris;

DER SPIEGEL 8/1988
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Aids: Hürde zu den Heteros übersprungen