05.09.1988

Die Abgeordneten im Glashaus

Der Neubau des Landtages in Nordrhein-Westfalen *

Die 227 Landtagsabgeordneten von Nordrhein-Westfalen haben viel um die Ohren in diesen Wochen - Fleischskandal, Geiseldrama -, doch am meisten haben sie offenbar mit sich selbst zu tun, mit sich und ihrem Arbeitsplatz, dem neuen Parlamentsgebäude in Düsseldorf.

"Dargestellte Demokratie" nennen die Architekten ihr imposantes Werk, das da - 195 Meter lang, 105 Meter breit und 21 Meter hoch - in siebenjähriger Bauzeit am rechten Rheinufer entstanden ist. In der Draufsicht wirkt die sechsgeschossige kurvenreiche Komposition aus Glas, Messing und Sandstein wie ein gewaltiges Räderwerk. 280 Millionen Mark hat das Land sich sein wichtigstes Haus kosten lassen.

Im großen zentralen Rundbau, dem taghellen Plenarsaal mit Platz für 299 Politiker und 336 Zuschauer, wird am Mittwoch dieser Woche zum erstenmal die nordrhein-westfälische Volksvertretung tagen - in kreisrunder Sitzordnung, wobei auch noch das unangemessene traditionelle Gefälle zwischen erhöhter Regierungsbank und den Niederungen für die Parlamentarier aufgehoben ist. Die Minister und ihre Staatssekretäre finden sich auf gleicher Höhe wie die Abgeordneten wieder. Lediglich der Landtagspräsident, der Sozialdemokrat Karl Josef Denzer, kann seiner Eitelkeit auf leicht angehobener Sitzgelegenheit genügen.

Es wird, ein Jahr nach Rheinland-Pfalz, das zweite deutsche Landesparlament sein, das in der Runde tagt - während 91 Rheinkilometer stromaufwärts die Bundestagsabgeordneten auch nach 15jähriger Diskussion noch immer nicht wissen, wie sie demnächst in ihrem neuen Bonner Plenum sitzen wollen, ob kreisförmig (wie beschlossen), ob halbrund (wie neuerdings wieder gewünscht) oder gar einander gegenüber.

Doch es ist nicht die neue Sitzordnung in einem bahnbrechenden Bau, die die Düsseldorfer Landtagsabgeordneten seit Wochen so hartnäckig beschäftigt; es sind vor allem ihre Büroräume, die ihnen angeblich so sehr zu schaffen machen. Die Zeitungen an Rhein und Ruhr sind seit Wochen voll davon.

Den harten Kern der Unzufriedenen stellen die 14 Abgeordneten der FDP; sie fühlen sich "in die Ecke geklemmt" und füttern mit Aufzählungen vermeintlicher Mängel die Medien: Man habe zuwenig Platz für sich, seine Leute und seine Akten, des weiteren zu viele Fenster und zu lange Wege. Man müsse den Raum mit seiner Schreibkraft teilen. Außerdem sei es zu warm.

Der Vorsitzende der (mit sechs Prozent gerade wieder in den Landtag gerutschten) Liberalen-Fraktion, Achim Rohde, beklagte sich bei den Architekten darüber, daß nicht auch er so einen Balkonaustritt mit Rheinblick habe wie der Bernhard Worms von der CDU (36,5 Prozent, 88 Mandate). FDP-Fraktionssprecher Jürgen Simmer kann - ziemlich leichtsinnig von dem Mitglied einer Sechs-Prozent-Partei - die nächsten Landtagswahlen kaum erwarten: "Dann haben wir andere Mehrheitsverhältnisse." Kann schon sein.

Die Ansprüche der Abgeordneten auf ein großzügiges Chambre separee beruhen freilich auf einem grotesken Mißverständnis, das den Pressesprecher des Landtags, Friedhelm Geraedts, coram publico zu einer Klarstellung veranlaßte: Die auf Zeit gewählten Volksvertreter hätten keinerlei Anspruch auf einen eigenen Arbeitsraum; ihr Arbeitsplatz sei

das Parlament; die von den Bürgern finanzierten und zur kostenlosen Nutzung überlassenen Büroräume seien lediglich als Refugien gedacht - immerhin zwischen 16 und 18 Quadratmeter groß, mit Liege, Waschbecken im Wandschrank und demnächst auch mit einem Computer-Terminal auf dem Schreibtisch ausgestattet.

Die Vorgänger der komfortbedürftigen Parlamentarier arbeiteten vier Jahrzehnte tatsächlich unter unzumutbaren Bedingungen in einem wilhelminischen Altbau und einem halben Dutzend Dependancen; bis 1980 hatte kein nordrhein-westfälischer Abgeordneter einen eigenen Büroraum.

Auch andere deutsche Landesparlamente sparen traditionell am Bau; sie residieren - teils prächtig, teils schmächtig - in umgemodelten Alt- und angestückelten Neubauten. Die Sitzordnung ist teils herkömmlich wie in Gerichtssaal oder Schulklasse, teils halbherzig halbrund. Doch die Rheinländer und Westfalen, Vertreter von immerhin 17 Millionen Bürgern, waren stets besonders schlecht dran.

Das von der britischen Militärregierung ernannte erste Parlament des neugeschaffenen Bindestrich-Landes konstituierte sich 1946 im lädierten Düsseldorfer Opernhaus und logierte danach zweieinhalb Jahre im Theatersaal der Firma Henkel. Im Frühjahr 1949 zogen die Abgeordneten in das wiederaufgebaute Gebäude für den ehemaligen Rheinischen Provinziallandtag, in das Ständehaus am Kaiserteich.

Der Bau des Architekten Julius Raschdorff (der auch den kolossalen Berliner Dom entwarf) wurde 1880 eingeweiht - konzipiert für 80 Honoratioren, die allerdings nur selten tagten. Als das Gremium um die Jahrhundertwende auf 139 Mitglieder erweitert wurde, veranlaßten die beschränkten Raumverhältnissen einen rheinischen Standesvertreter zu dem Vorschlag, "bei künftigen Wahlen die Befähigung zum Abgeordneten von möglichst geringer Korpulenz abhängig zu machen".

Ob dick oder dünn - für die 201 Abgeordneten des nordrhein-westfälischen Landtags war der Prunkbau nur eine Notunterkunft. Vor allem der Mief, das trübe Licht und die miserable Akustik in dem fensterlosen Plenarsaal - in dem das Parlament wie eine überbesetzte Schulklasse hockte - brachten das Ständehaus bald als "Zuständehaus" in Verruf. Pläne, das denkmalgeschützte, in Grünanlagen gebettete Haus durch moderne Flügelbauten zu erweitern, scheiterten glücklicherweise an Bürgerprotesten. Das Parlament mußte sich zu einem Neubau durchringen. Als Terrain bot ihm die Stadt 30 000 Quadratmeter Nachtjackenviertel am Rheinknie an: den aufgegebenen Berger Hafen.

Das umliegende Areal, dessen Bild in den siebziger Jahren noch von zerfallenen Schuppen und verrosteten Laufkränen beherrscht wurde, erfuhr mittlerweile eine enorme Aufwertung, als "Rheinpark Bilk", mit Fernsehturm und Jachthafen.

Für die Architekten, die Ende 1979 in einem bundesweiten Wettbewerb ermittelt wurden, war die Aufgabe voller Probleme. Der Jury-Vorsitzende Günter Behnisch, selbst hartgeprüfter Architekt

der Bonner Bundestagsneubauten, erläuterte die heikle Aufgabe. So sollte das vergleichsweise niedrige Landtagsgebäude
* sich neben dem 236 Meter hohen Fernsehturm, der 320
Meter weit gespannten Rheinkniebrücke und ihren 115
Meter hohen Pylonen behaupten können;
* zum Rhein und zur Stadt hin "Vorderseiten" bieten;
* sich "von den in Düsseldorf präsenten
Erscheinungsformen des Großkapitals freihalten";
* bei aller "Signifikanz" nicht zur "Architektur auf dem
Sockel" ausarten;
* eine Fülle bis ins Detail festgelegter funktionaler
Forderungen erfüllen, aber
* kein "Funktionsschema mit mäßigen sonstigen Qualitäten"
werden sowie - erstes Gebot -
* einen runden Plenarsaal mit kreisförmiger Sitzordnung
haben.

Und, natürlich, nicht zu teuer sollte es sein.

Die meisten der interessierten Architekten paßten oder scheiterten. Dennoch gab es einen überlegenen Sieger. Das erfahrene Düsseldorfer Büro Eller Moser Walter + Partner (heute: Eller Maier Walter + Partner) - das in drei Jahrzehnten zahlreiche Universitäts-, Industrie- und Verwaltungsbauten entworfen hat - bekam den ersten Preis und den Zuschlag.

Um die "beispielhafte Qualität" des Entwurfs eindeutig zu würdigen, vergab die Jury erst gar keinen zweiten Preis. Der Eller-Vorschlag habe die "richtige Proportion", sei "konsequent gegliedert" und von "großer Präzision". Die parlamentarischen Abläufe seien "geradezu perfekt erfaßt". Gleichwohl warnten die Preisrichter vor der Gefahr einer "Monumentalität" und empfahlen den Architekten, "gewisse Überzeichnungen zu reduzieren".

Schärfer formulierte der Direktor des Deutschen Architekturmuseums, Heinrich Klotz, seine Bedenken gegen die "dekorative Beweglichkeit" des Entwurfs. Der Komplex werde zum "schwülstigen Gebilde", das "in Kurvenschwüngen die Gebäudestücke durch die Gegend rotieren läßt" - für Koltz ein "deklamatorischer Formalismus", wie er auch bei anderen Großbauten der "alt gewordenen Moderne" anzutreffen sei.

Nur haben Fritz Eller und seine Kollegen zu ihrem "Spiel mit Kreisen" natürlich nicht von ungefähr gefunden. Gewiß wollten sie einen "unverwechselbaren" Bau. Doch die Forderung nach einem kreisrunden Plenum verstanden sie auch als "Wunsch nach Harmonie und Ordnung". Beides sollte in der Form zum Ausdruck kommen: daß hier "die Räder ineinandergreifen wie bei einer Uhr".

Das Rund wurde zum alles beherrschenden Gestaltungsmittel. 27 Kreise

und Zylinder, Ringe und Spangen formen den Komplex. Auch die Fraktions- und Ausschußsäle sind rund, samt den ringförmigen Tischen. Das klassische Rechteck sucht der Betrachter am Rheinknie vergeblich (siehe Luftaufnahme Seite 85). Rund ist die Vorfahrt am Haupteingang. Gerundet sind Wände und Fensterfronten von Eingangshalle und Wandelhalle. Kreisrund ist der Besucheraufzug für 50 Personen.

Die Parlamentarier zeigten sich beeindruckt. Gleichfalls beeindruckte sie freilich der erste Kostenanschlag von 1980: 247 Millionen Mark. In einer zähen "Abspeckaktion" (Parlamentsjargon) drückten sie die Kalkulation auf 191 Millionen Mark. Daß die Schlußrechnung nun bei rund 280 Millionen Mark liegen wird, hält der Landtagspräsident für akzeptabel: "Bei meinem Hausbau bin ich auch von einer Ohnmacht in die andere gefallen."

Die Einsparungen kamen durch ein neuartiges Gründungsverfahren sowie eine Verringerung der Garagenplätze und der Büroräume zustande; auch der Ausstattung der Zimmer wurden Grenzen gesetzt. Klimaanlagen, ursprünglich eingeplant, wollten die Abgeordneten in ihren Schreibstuben ohnehin nicht. Das meiste brachten die Streichung einer ganzen Etage und die Absenkung der Geschoßhöhen auf 3,30 Meter: Mit einer Gesamthöhe von 21 Metern über Gelände rutschte der Bau aus den kostentreibenden Auflagen für Hochhäuser.

Unberührt von allen Eingriffen blieb der lichtdurchflutete Plenarsaal mit 30 Metern Durchmesser und einem großartigen Zuschauerbalkon. Dabei

wurden die Planer allerdings von der Wirklichkeit überholt.

Zwar hatten sie - obgleich das Landeswahlgesetz für Nordrhein-Westfalen nur 201 Abgeordnete vorsieht - neben den Sitzgelegenheiten für die Regierungsmitglieder vorsorglich 214 Abgeordnetenplätze angelegt und somit eine Reserve für 13 Uberhangmandate. Doch der überwältigende Erfolg Johannes Raus bei den letzten Wahlen brachte den Sozialdemokraten 52,1 Prozent der Stimmen und dem Parlament 26 Überhangmandate - wodurch die SPD-Fraktion auf 125 Plätze und der gesamte Landtag auf die Rekordzahl von 227 Abgeordneten anschwollen.

So werden, jedenfalls bis zur nächsten Wahl im Jahre 1990, die Minister auf ihre Abgeordnetenbank verzichten müssen.

Mehr Parteien hingegen, etwa die Grünen, kann der neue Landtag bequem verkraften. Der Komplex hat 37 Säle unterschiedlicher Größe; er würde, ohne Umbau, auch mit fünf oder sechs Fraktionen fertig.

Zur Zeit werden zwei große Rotunden von den Fraktionen der SPD und der CDU und eine kleinere von der FDP genutzt; eine vierte steht in Reserve und dient vorläufig dem Hauptausschuß als Sitzungssaal (siehe Luftaufnahme Seite 85).

Die Architekten sind nicht verlegen um schöne Worte, sobald sie den Symbolgehalt des Bauwerks preisen. Dies sei ein "einladendes Haus", meint Eller, ein Haus "wie ein Freund", ein Haus "für den Dialog mit dem Bürger". Vor allem "offen" sollte es sein - um politische Vorgänge "durchschaubar" zu machen.

Die Abgeordneten vernehmen es mit Schrecken: Die Architekten haben die Politiker mal beim Wort und die Phrase vom "Licht der Öffentlichkeit" ernst genommen. Sie haben nach der Maxime gebaut: Soviel Tageslicht wie möglich, also soviel Glas wie möglich.

Der drohenden permanenten Heimsuchung durch Schulklassen und Delegationen sind Tür und Tor geöffnet. "Ohne spürbare Schwelle" (Eller) gelangen die Bürger in die Empfangshalle, die nach oben über vier Geschosse offen ist. Der gläserne Besucheraufzug gibt ihnen während der Fahrt "Einblick in die Ebenen des parlamentarischen Geschehens". Das Besucherrestaurant ist ebenso verglast wie der Erfrischungsraum für die Abgeordneten.

Schon sehnen manche sich zurück nach der schummrigen Schankstube im alten Ständehaus. Doch die ist perdu.

Der Altbau wird renoviert und umgestaltet zur Staatskanzlei für den Ministerpräsidenten. Denn auch der amtiert noch, im Schatten der Mannesmann-Hochbauten, unter aller Würde.

Der Rau-Bau, so ein Regierungssprecher, nehme sich aus "wie das Pförtnerhäuschen von Mannesmann".


DER SPIEGEL 36/1988
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