16.05.1988

„Die Augen auf die Sterne gerichtet“

Astrologen bestimmen den Terminkalender des mächtigsten Mannes der westlichen Welt, politische Entscheidungen werden nach Horoskop getroffen - Donald T. Regan, bis 1987 Stabschef im Weißen Haus, beschreibt Ronald Reagan als einen geistig trägen, verwirrten Präsidenten, den Frau Nancy manipuliert. *
So, als ganzer Kerl, gefällt er sich am besten: ein Junge aus Bostons irischarmem Süden, der sich durchbeißen mußte; ein Marineinfanterist, der sich den Respekt seiner Kameraden verdiente, obwohl er für Ledernacken das Handikap hatte, von der Elite-Uni Harvard zu kommen.
Donald T. Regan, 65, von 1985 bis 1987 Stabschef im Weißen Haus, gehört erklärtermaßen "nicht zu denen, die ihre Erfolge verschweigen". Und schon gar nicht zu denen, die ihre Niederlagen einfach wegstecken können.
Schon als er am Abend jenes 27. Februar 1987 den dunklen Potomac entlang in seiner Limousine nach Hause gefahren wurde, mit dem kitschig-sentimentalen Entlassungsbrief des Präsidenten in der Tasche, stand sein Entschluß fest, sich zu rächen - durch Veröffentlichung seiner Memoiren.
Denn nichts befördert die Leichen der Großen so schnell aus dem Keller wie die brisante Mischung aus eingebildeter Unschuld, gekränkter Eitelkeit und verletzter Männlichkeit. Jeder brauche seine Memoiren, meint der Schriftsteller Saul Bellow: Sie "halten den Wolf der Bedeutungslosigkeit von der Haustür fern".
Seit Montag vergangener Woche liegt Regans Rache in amerikanischen Buchläden aus _(Donald T. Regan: "For the Record, From ) _(Wall Street to Washington". Harcourt ) _(Brace Jovanovich, New York; 398 Seiten; ) _(21,95 Dollar. ) . Der Ärger, die Entrüstung, ja der blanke Haß, mit dem das Präsidenten-Ehepaar auf das Erscheinen reagierte, beweisen, daß der Autor einer Volltreffer gelandet hat.
Dabei sind es nicht die ersten Memoiren enttäuschter früherer Reagan-Mitarbeiter. Alexander Haig, von 1981 bis
1982 Außenminister, hat schon vor vier Jahren das Chaos der Reaganschen Außenpolitik beschrieben. Die Erinnerungen des Ex-Haushaltschefs David Stockman entzauberten die "Voodoo-Ökonomie" des Reaganismus.
Andere indiskrete Werke, klatschsüchtiger und leichter verkäuflich, zielten eher aufs schnelle Geld, das etwa der jüngst wegen Meineids verurteilte Michael Deaver, Reagans PR-Genie, für seine immensen Anwaltskosten so dringend benötigte.
Den Zauberer Ronald Reagan, den politischen Alleskönner, das Symbol einer Nation, die ihr Selbstbewußtsein wiedergefunden hat, diesen nach wie vor beliebtesten aller Präsidenten der neueren Zeit aber hat keiner so vernichtend bloßgestellt wie Donald Regan.
Von der ersten Seite an gibt er das Präsidentenpaar der Lächerlichkeit preis. Schon in Zeile 20 läßt er die Bombe platzen: "Praktisch jeder wichtige Schritt oder jede Entscheidung der Reagans wurde im voraus mit einer Frau in San Francisco abgeklärt, die Horoskope stellte. "Präsidenten-Gattin Nancy wollte so sichergehen, "daß die Konstellation der Gestirne für das jeweilige Unternehmen günstig war" (siehe Buch-Auszüge Seite 176).
Die Sternseher im Weißen Haus sorgten weltweit für Schlagzeilen und Gelächter. Der Skandal um die "Zarin Nancy" und ihren "weiblichen Rasputin" ("USA Today") war aberwitzig - aber auch hochpolitisch. Die sowjetische Nachrichtenagentur "Tass" fragte mit Blick auf den bevorstehenden Moskauer Gipfel süffisant, was Reagan "dem sternenübersäten nächtlichen Mai-Himmel" wohl entnommen habe.
Okkultes erlebte Hochkonjunktur im Land des kruden Rationalismus, der Think-tanks und der Wissenschaftsgläubigkeit. Kaum ein Politiker, der sich einschlägige Scherze verkneifen konnte: Der Gouverneur von Illinois stellte seinen neuen Haushalt am Freitag, dem 13., vor, weil die Sterne günstig stünden. Sein New Yorker Kollege sagte nach langem Blick auf einen Schlagball, der als Ersatz für eine Kristallkugel herhalten mußte, einen Wahlsieg der Demokraten im November voraus.
Ohne Astrologen lief keine Nachrichtensendung mehr. Amerikas etwa 10 000 professionelle Vertreter der Zukunftszunft erstellten ein Politiker-Horoskop nach dem anderen. Sternendeuterin Linda Goodman über Wassermänner wie Ronald Reagan: "Halb Albert Schweitzer und halb Mickymaus".
Das ist, ob sie nun den Sternen entstammt oder nicht, die brauchbare Beschreibung eines Wandels vom sprichwörtlich guten Menschen zur Comic-Figur. "Witze über Reagan hat es auch schon vorher gegeben", sagt ein Mitarbeiter des Repräsentantenhaus-Sprechers Jim Wright, "jetzt wird er zum dummen August."
Seinen Absturz verdankt Ronald Reagan, der sogar die Iran-Contra-Affäre halbwegs unbeschädigt überstanden hatte und - gemessen an seinem intellektuellen Zuschnitt - mehr als sieben Jahre lang erstaunlich gut über die Runden gekommen war, vor allem seiner Frau Nancy.
Tückisch weist der Ex-Stabschef Regan zur Charakterisierung der First Lady auf den Roman "Ich, Claudius" des Engländers Robert von Ranke Graves hin: Die Kaisergattin Livia, ganz buchstäblich eine Giftspritze, wird von Regan als "intelligente, aber skrupellose Frau" beschrieben, "die hinter der Szene das römische Imperium beherrscht, indem sie ihren Mann, Kaiser Augustus, manipuliert".
Wie weit die historische Analogie zu Nancy trifft, überläßt Regan dem Urteil des Lesers. Aber er weist nach, daß auch Nancy Gift versprühen konnte. Hatte sie entschieden, daß ein Mitarbeiter ihrem Mann schadete, entfachte sie Pressekampagnen, um den Übeltäter loszuwerden, und schreckte weder vor Telephon-noch Psychoterror zurück. "Sind Sie immer noch hier, Don?" fragte sie wiederholt während der Iran-Contra-Krise den rücktrittsunwilligen Stabschef.
Bei der Auswahl ihrer Opfer bewies Nancy, das muß man ihr lassen, politischen Instinkt. Außer Regan, dem sie das Chaos anlastete, in dem die Regierung über Irangate zu versinken drohte, versuchte sie, die Entlassung des - schon todkranken - CIA-Chefs William Casey zu bewirken.
Auf ihrer Abschußliste stand der ultrarechte Kommunikationsdirektor des Weißen Hauses, Pat Buchanan, dessen ideologische Sturheit sie störte, ebenso wie Arbeitsminister Raymond Donovan, dem Mafia-Kontakte nachgesagt wurden.
Die Gesundheitsministerin Margaret Heckler wurde zwar nicht nur von Nancy, sondern auch von Don Regan für unfähig gehalten. Doch die Präsidenten-Gattin war es, die den Stabschef aufforderte, etwas zu unternehmen, denn: "Ronnie wird sie niemals feuern - er kann einer Frau gegenüber nicht einmal strenge Töne anschlagen."
Nancys Manie, "Ronnie" von allen Widrigkeiten des Lebens fernzuhalten, ist legendär. Selbst engen Freunden wie Michael Deaver ging ihre ständige Besorgtheit auf die Nerven: "Sie wird bis zu ihrem Todestag für Ronalds Schutz kämpfen. Sie will sogar wissen, ob der Lunch auch auf der Terrasse serviert wird, damit er ein bißchen Sonne bekommt."
Daß Nancy Reagan ein Machtfaktor ist in Washington, wußte die Welt seit langem; an welchen Koordinaten sie aber ihr Tun ausrichtet, das wurde erst jetzt ruchbar.
"Nancy träumt davon, was dem Präsidenten passieren könnte, und wacht in Panik auf", sagt ihre Pressesprecherin Elaine Crispen. Diese Sorge ist es wohl, die ihren lange zurückreichenden Hang zur Astrologie verschärft hat.
Den Sternen hatten die Reagans schon immer geglaubt, nicht einmal versteckt, sondern öffentlich - Fortsetzung einer ihrer in Hollywood übernommenen Gewohnheiten. Beide lesen täglich Horoskope, werfen Salz über die Schulter und waren stolz auf ihre persönliche Bekanntschaft mit einschlägigen Berühmtheiten wie Carroll Righter und Jeane Dixon.
Nach dem Anschlag des geistesgestörten John Hinckley auf den Präsidenten im März 1981 wurde aus der bis dahin eher nebensächlichen Spielerei Ernst:
Joane Quigley, die "Freundin" aus San Francisco, konnte Nancy an Hand ihrer Karten im nachhinein "beweisen", daß das Attentat vorhersebar gewesen sei. Seither galten Joane Quigleys Ratschläge, durch Nancy meist am Wochenende von Camp David telephonisch eingeholt, als Evangelium der Weltmacht USA.
Die Sterne legten Termine und Reisen des Präsidenten fest. Mit aller Energie wehrte sich Nancy gegen öffentliche Auftritte an "ungünstigen" Tagen. Widersetzte sich Reagan trotzdem einmal astrologischem Rat, hatte Nancy keine Ruhe, bis er sicher wieder zu Hause war.
Streng genommen machte sich die First Lady damit der Beihilfe zu einer strafbaren Handlung schuldig. Astrologie, Kartenlegen und andere Formen der Wahrsagerei sind in San Francisco verboten, was Mrs. Quigley skandalös findet. Sie sieht sich als "technische Arbeiterin", die "ohne Computer diese Berechnungen gar nicht bewältigen" könnte.
Die Seherin von San Francisco, Erbin eines Hotelvermögens und Autorin astrologischer Handbücher, ist allerdings nicht unfehlbar. Für Anfang Mai hatte sie - im Glauben an eine Prophezeiung des Nostradamus - eine Erdbebenkatastrophe in Kalifornien vorhergesagt und sich nach Paris in Sicherheit gebracht.
Hunderte verschreckter Anrufer blockierten in den /ergangenen Wochen die Telephonzentralen des Observatoriums oder des California Institute of Technology in Los Angeles, um die Erdbeben-Prognosen zu erfahren. Für die überbordenden Nostradamus-Ängste in Kalifornien machte der Psychologe Robert Butterworth vom Charter Hospital in Long Beach wenigstens "teilweise" das Regan-Buch verantwortlich.
Schon 1980 will Joane Quigley vorübergehend für Reagans Wahlkampforganisation gearbeitet haben, weil der Präsident "das brillanteste Horoskop hat, das ich in diesem Land und in diesem Jahrhundert gesehen habe". Wassermann Reagan, der sein Sternzeichen mit Abraham Lincoln und Franklin Roosevelt teilt, hätte, laut Quigley, "auch ein großer General werden können".
Mit Lincoln hat Reagan noch mehr als sein Sternzeichen und die kaum nennenswerte militärische Karriere gemeinsam, denn Frau Nancy ist nicht die erste First Lady, die Rat in höheren Sphären sucht. Mary Lincoln versuchte nach dem Tod ihres Sohnes Willie, auf spiritistischen Sitzungen im Weißen Haus mit dem Verstorbenen in Kontakt zu treten. Von ihren Medien erhielt sie aber auch höchst praktische Warnungen vor innenpolitischen Gegnern, die sie ihrem Mann übermittelte.
An Träume glaubte Mrs. Lincoln allerdings nicht. Als ihr Mann erzählte, er habe von seiner eigenen Beerdigung nach einem Mordanschlag geträumt, mochte sie das nicht als böses Zeichen gelten lassen: "Wenn ich an Träume glaubte, müßte ich von diesem Tag an in Angst leben."
Eine Washingtoner Wahrsagerin diente auch als Beraterin der Präsidenten-Gattinnen Edith Wilson und Florence Harding. Anfang der zwanziger Jahre wurde ihr Haus zu einem Salon für Washingtons Society. Richter am Obersten Bundesgericht gehörten ebenso zu ihren Klienten wie Senatoren und Eugene Meyer, der Besitzer der "Washington Post", die auch heute noch täglich Horoskope druckt.
Auf Ratschlag ihrer Vertrauten ließ Florence Harding die Termine ihres Mannes ändern, wenn die Sterne Gefahr verhießen. An ganz schlechten Tagen bestand sie darauf, daß Warren G. Harding das Weiße Haus verließ und anderswo Schutz suchte.
Die Macht der Sterne über den Terminkalender der Reagans beschäftigte in der vergangenen Woche nicht nur die Journalisten. Immerhin glauben etwa 30 Prozent der Amerikaner an Astrologie in ihren verschiedenen Handelsformen, sei es an das Fünfzeilen-Horoskop in der Tageszeitung, an die von Computern erstellte Astro-Analayse des Aktienmarkts oder an das ausgefeilte Sternenpsychogramm für ihren Pudel.
Im überreizten Sozialklima Kaliforniens, in dem die Reagans zu Hause sind, gedeiht Aberglaube seit jeher besonders gut. Denn wer hier angelangt ist, sieht sich mit endgültiger Grenze konfrontiert. Jenseits von Kalifornien kann man nur noch ins Wasser gehen.
Solche Erfahrung treibt transzendentale Sehnsüchte, schürt das Verlangen nach Exotisch-Übersinnlichem. Sufi,
Subud, Zen, Yoga erblühten in Kalifornien, nebst allerlei Psychoheilkunden, die fernöstliche Meditation mit abendländischer Esoterik mischen. Astrologie verbindet den Blick auf die Sterne mit nützlicher Lebenshilfe für den irdischen Gebrauch. Für Botschaften von den Himmelskörpern zeigen sich besonders die Filmstars von Hollywood anfällig.
Sie neigen dazu, "magische Antworten" auf Ereignisse in ihrem Leben zu suchen, über die sie keine Kontrolle haben und für die es "keine rationalen Antworten gibt" - so Professor Marcello Truzzi, Soziologe an der Eastern Michigan University. Truzzi sammelt seit Jahren Belege dafür, daß sich die Reagans für Astrologie interessieren.
Sternengläubig zu sein galt im Hollywood der dreißiger und vierziger Jahre, als Schauspieler Reagan dort tätig war, keineswegs als anrüchig. "Astrologen wurden als Freunde und gesellschaftlich Gleiche angesehen, nicht als merkwürdige Heilige", sagt ein alter Freund der Reagans.
Das hat sich nicht geändert. Im Amerika der siebziger und achtziger Jahre ist die Astrologie sogar noch populärer geworden. 1950 gab es kaum mehr als 100 Tageszeitungen in den USA, die Horoskope veröffentlichten. Heute sind es sicher 1400 unter den knapp 1700 amerikanischen Tageszeitungen.
So sehr nahm in den letzten beiden Jahrzehnten die Sternengläubigkeit unter den Amerikanern zu, daß sich 1975 eine Gruppe von 186 prominenten Wissenschaftlern, darunter 18 Nobelpreisträger, gedrängt sah, Alarm zu schlagen.
In einem Aufruf protestierten die Professoren gegen die "überheblichen Ansprüche astrologischer Scharlatane" und klagten die Medien für ihre "unkritische Verbreitung" von Horoskopen an.
In Amerika war das "New Age" angebrochen, und das steht, wie nach dem Musical "Hair" jedermann wußte, im Sternzeichen des Wassermanns. Auch nachdem amerikanische Hochleistungstechnik den Mond erobert und ihn entzaubert hatte, blieb Astrologie "eine Form des Widerstands gegen den technologischen Moloch", befand etwa das New Yorker Untergrund-Magazin "East Village Other".
Die USA stünden unter besonderem Einfluß des bösartigen Saturns wie der gerechtigkeitsliebenden Waage, hieß es zu Beginn der Reaganschen Amtszeit im Alternativ-Magazin "The Mother Earth News". Von daher sei "die Verteidigung von Freiheit" ebenso zu erwarten wie "die Verletzung von Freiheit": Das klang fast so, als hätten die "Mother Earth News" aus den Gestirnen die Iran-Contra-Affäre vorausgespürt, in deren Turbulenzen der Präsidenten-Enthüller Donald Regan dank Nancy zu Fall kam.
Daß Nancy wie ein Schutzengel über dem Präsidenten schwebte und gelegentlich gar als seine Leibwächterin fungierte, hatte zumindest den Vorteil, daß die Präsidentschaft in der Familie blieb.
Denn Ronald Reagan, dieser "passivste aller Präsidenten", wie Don Regan schreibt, ist eine bunte Knetmasse, die es andauernd zu formen gilt. Verständlich, daß Nancy das lieber selbst besorgte, als die delikate Arbeit den Reagan-Beratern zu überlassen.
Reagan, so erinnert sich sein früherer Wahlkampfstratege Lee Atwater, sei nicht "machthungrig", sondern nähere sich der Macht "wie ein Zen-Buddhist". Entspannt und abgeklärt, doch geistig träge, unwissend und manchmal verwirrt geistert Reagan denn auch durch das Buch seines ehemaligen Stabschefs. Und diese Schwäche des Präsidenten macht die Astrologie-Affäre noch beklemmender.
Schon bei ihrem zweiten Zusammentreffen, noch vor der Wahl 1980, schien Reagan dem damaligen Wall-Street-Banker Regan ein intellektuelles Leichtgewicht zu sein. Was Wirtschaftspolitik angehe, habe Reagan "nichts Bemerkenswertes" gesagt, "aber er schien soliden Rat erhalten zu haben", notierte Regan damals.
Wie desinteressiert und leer der Politiker Ronald Reagan wirklich ist, erschloß sich dem Stabschef im Weißen Haus sehr schnell: Niemals wollte der Commander-in-Chief jemandem weh tun, niemals "erteilte er einen direkten Befehl", und sobald er "eine Aufgabe erledigt hatte, verlor er schnell das Interesse daran".
Scheu im Umgang mit ihm Unbekannten, ohne Interesse für Details, immer auf Harmonie bedacht und von Nancy gelenkt: So ersteht Ronald Reagan in Don Regans Buch. Als etwa ein verstopfter Kamin in seinem Arbeitszimmer für beißenden Rauch und Alarm im Weißen Haus sorgte, rührte der Präsident sich nicht von der Stelle, sondern "las mit tränenden Augen seine Dokumente, bis die Wachen fragten, ob er nicht lieber in ein anderes Zimmer umziehen wolle, während sie das Feuer löschten und den Raum lüfteten".
Reagan, so der Memoirenschreiber, habe aus schierer Höflichkeit "niemandem zur Last fallen" wollen. Weil der politische Verstand des Präsidenten nur die ganz großen Dinge - und auch die nur schemenhaft - erfaßt, arbeiteten Reagans Stab und Kabinett in einem riesigen Vakuum. Befremdet notierte Don Regan schon zwei Monate nach seinem Amtsantritt als Finanzminister, er habe den Präsidenten bisher niemals unter vier Augen sprechen können. Auch habe niemand ihm, der doch das wichtigste wirtschaftspolitische Amt bekleidete, erklärt, was genau er denn zu tun habe, welche Resultate erwartet würden.
"Wie soll man eine Arbeit machen, die nicht definiert wird", jammerte der Manager Regan und fügte in dunkler Ahnung hinzu: "Das ist gefährlich!"
Daß die Apathie seines Dienstherrn sich auf nahezu alles erstreckte, ja daß Reagan sich nur dem Drängendsten - und auch dem nur kurzzeitig - zuwandte, verblüffte Regan immer wieder. Obwohl
er aufgrund seiner Erfahrungen im Finanzministerium hätte gewappnet sein können, war Regan unvorbereitet auf die Szene, die sich ihm darbot, als er und Reagans damaliger Stabschef James Baker dem Präsidenten Anfang 1985 einen Ämtertausch vorschlugen: Regan sollte Stabschef werden, Baker ins Finanzministerium wechseln.
Der Präsident hörte sich den Vorschlag höflich an, nickte mit dem Kopf - und dabei blieb es. Er "schien ein Fait accompli hinzunehmen", nähere Erkundigungen zog er nicht ein. Regan war unwohl dabei; er wußte nicht, "wie ich diese Passivität deuten sollte".
Nicht viel erfolgreicher nahmen sich nach dem Jobtausch die Versuche des neuen Stabschefs aus, die Strukturen in der Regierungszentrale neu zu ordnen und für Reagans zweite Amtszeit ein Aktionsprogramm auszuarbeiten.
Beides entlockte dem Präsidenten nur lethargische, wenngleich durchweg zustimmende Reaktionen; das Aktionsprogramm gab er gar unkommentiert und ohne merkliches Interesse an den verdutzten Regan zurück. Auf die Frage, was er von den Plänen halte, antwortete Reagan nur: "Es ist gut, es ist wirklich gut, Don."
Solange Mitglieder des Stabs die ihnen gebotenen Freiräume nicht als Einladung zu gefährlichen Alleingängen auffaßten, klappte das luftige Regieren des Schauspielers. Nachher, als ein unbekannter Oberstleutnant namens Oliver North und der geheimniskrämerische Sicherheitsberater John Poindexter die fehlende Aufsicht und die Reagansche Geistesabwesenheit im Weißen Haus zu Eigenmächtigkeiten nutzten, brach der schöne Schein zusammen.
Der Präsident blickte während der Iran-Contra-Affäre in den Abgrund der einzigen wirklich großen Katastrophe seiner Amtszeit - aber paradox genug: Seine Unwissenheit, die für das Unheil mitverantwortlich war, schützte ihn auch wieder vor dem Absturz.
Jetzt, mit dem Erscheinen der Regan-Memoiren und nachdem auch der ehemalige Pressesprecher Larry Speakes zugegeben hat, für seinen mundfaulen Präsidenten Zitate schlicht erfunden zu haben, gilt die nach dem Iran-Contra-Skandal geübte Kritik am "Management-Stil" des Präsidenten als geradezu läppisch; das, so spottete die Kolumnistin Mary McGrory vergangene Woche, sei schließlich nur eine "Beschönigung" der Tatsache, daß dem Präsidenten von seinen Mitarbeitern einfach gesagt werde, was er zu tun habe.
Statt mit Kompetenz glänzt dieser Präsident mit Anekdoten. Als "rätselhaft" empfand es Regan, daß der Präsident im Kreise seiner Wirtschaftsberater nie etwas zu sagen hatte, und selten seien die Treffen gewesen, bei denen er eine Entscheidung fällte. Dafür hatte sich Ronald Reagan aus seiner Zeit als Gouverneur eingeprägt, daß einst eine kalifornische Staatsbehörde für teures Geld immer neue Aktenschränke anforderte, bis schließlich entdeckt wurde, daß die Bürokraten ein übergroßes Papierformat verwendeten.
Das war fortan Reagans Rezept für die Sanierung des amerikanischen Haushalts mit seinem gigantischen Defizit. "Jawohl, solche Sachen schweben mir vor", kommentierte der Präsident seine oft vorgetragene Anekdote "ganz im Bann des Charmes dieser einfachen Lösung", wie Don Regan schreibt, wobei er offenläßt, ob er den Präsidenten dafür bewundert oder bemitleidet.
Aus solchem Stoff, das wußten seine Gehilfen, ließ sich keine Margaret Thatcher (freilich auch kein Richard Nixon) formen, aber immerhin boten Charme, Schlichtheit und Reagans jahrzehntelange Hollywood-Erfahrung eine glänzende Hülle, die, sofern sie nur richtig gefüllt wurde, im TV-Zeitalter höchste Durchschlagskraft versprach.
So geriet die Reagan-Präsidentschaft zur Spielwiese der Image-Pfleger und Public-Relations-Rastellis, zu einer gigantischen Inszenierung von Surrealem. Die Weltpolitik verwandelte sich in eine Bühne, und laut Don Regan brachte Ronald Reagan dabei "die Arbeitsweise seines gesamten Lebens ein; seinen täglichen Terminkalender betrachtete er als eine Art Drehbuch, in dem Charaktere
kamen und gingen, Szenen geprobt und ausgespielt wurden".
Als Stabschef wurde Regan auf Anweisung Nancys zum "Produzenten, der dafür sorgte, daß der Star alles hatte, um bestens auszusehen"; der Rest des Stabs im Weißen Haus war ein Produktionsteam, "unsichtbar hinter den Leuchten" versteckt.
Michael Deaver, bis Anfang 1985 als Stellvertretender Stabschef für das Reagan-Image zuständig, schrieb die besten Scripts: "Sie gehen zur Tür hinaus und die Treppe hinunter. Das Podium ist zehn Schritte zur Rechten, und das Publikum wird in einem Halbkreis stehen, an dessen rechtem Ende sich die Kameras befinden. Wenn Sie mit Ihrer Rede fertig sind, machen Sie zwei Schritte rückwärts, aber Sie dürfen das Podium nicht verlassen, da Ihnen ein Flickenteppich präsentiert werden wird."
Derlei Anweisungen beherrschten den Tagesablauf des Präsidenten; kleine, eng beschriebene Kärtchen halfen ihm, die endlose Schlange der Besucher auseinanderzuhalten und jeden richtig anzusprechen; kleine Kreidemarkierungen bestimmten, wo genau er zu stehen hatte.
Sobald jedoch Spontaneität oder Unvorhergesehenes ins Spiel kamen, war Gefahr im Verzug. So etwa in einem Interview zur Lage in Südafrika, das Reagan 1985 von seiner kalifornischen Ranch aus gab und worin er behauptete, die Rassentrennung in Südafrika sei abgeschafft.
Niemals, so schimpfte daraufhin sein früherer Kontrolleur Deaver, dürfe der Präsident "auf seiner Ranch interviewt werden". Denn dort sei er ja allein, "und vielleicht träumt er gerade vom Reiten, oder das Pferd läuft in diesem Moment sogar an ihm vorbei".
Setze sich der Präsident hin und sei er zu entspannt, meinte Deaver, dann ändere sich sein Denken - dummes Gerede, so Deavers unausgesprochene Schlußfolgerung, folge dann in jedem Fall.
Das aber droht immer, wenn der Präsident in einer vom Stab nicht kontrollierten Situation steckt. Schreckensbeispiel Nummer eins: Reagans erste Wahlkampfdebatte mit seinem demokratischen Herausforderer Walter Mondale im Herbst 1984, als dem Präsidenten Satzstrukturen samt Inhalt seiner Rede entglitten. Reagan, so Memoiren-Schreiber Regan, sei damals "überprogrammiert" worden. Mondale sah es anders: "Dieser Typ ist hinüber. Es ist furchterregend, er schafft das nicht mehr."
Er schaffte es doch - bis jetzt, bis zu der Verbrennung durch seinen vermeintlichen Freund und Ex-Stabschef.
Don Regans Memoiren legen nahe, daß Nancy und Ronald für diejenigen, die sie besser kennen, schon vor dem jetzigen Gelächter tragikomische Figuren waren.
"Während die First Lady ihre Augen auf die Sterne richtete, hatte der Präsident seinen Kopf in den Wolken", schrieb das Reagan-freundliche "Wall Street Journal" nach der Lektüre des Buches. Für den republikanischen Strategen Kevin Phillips ist der Schaden, den die Regan-Offenbarungen angerichtet haben, von geradezu historischem Ausmaß. Denn 1984, so Phillips, sei durchaus vorstellbar gewesen, daß "Reagan in der zweiten Reihe der Präsidenten anzusiedeln ist; jetzt bleibt die Frage, ob er noch im respektablen dritten Glied einen Platz findet".
Verlierer bei alledem ist nicht nur das Ehepaar Reagan, sondern auch der nächste republikanische Präsidentschaftskandidat George Bush, des Präsidenten treuer Knappe und Vize. Verblaßt Reagans Heiligenschein weiter, wird Bush sich vor den Präsidentschaftswahlen im November um einen eigenen Kopfschmuck bemühen müssen.
Ob es ihm gelingt, steht in den Sternen. _(1985 nach Reagans Darmoperation. )
Donald T. Regan: "For the Record, From Wall Street to Washington". Harcourt Brace Jovanovich, New York; 398 Seiten; 21,95 Dollar. 1985 nach Reagans Darmoperation.

DER SPIEGEL 20/1988
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