11.07.1988

BRASILIENBaby-Bomber

Tausende Kinder werden jedes Jahr an Adoptiveltern in Europa oder Israel verkauft - ein blühendes Geschäft für organisierte Banden. *
Dolores Batista war auf dem Weg zum Arzt: Ihr zwei Wochen alter Sohn Vinicius hatte rote Flecken im Gesicht. Wenige hundert Meter vom Krankenhaus im Süden Sao Paulos hielt ein neuer, silbergrauer Alfa Romeo ohne Kennzeichen plötzlich neben der Frau. Der Fahrer stieg aus und bat Dolores um Auskunft über eine Adresse.
"Schönes Kind", sagte er dann, "ist es ein Junge oder ein Mädchen?" Unterdessen setzte sich die Beifahrerin - "sie hatte orientalische Züge", erinnerte sich Dolores - in den Fahrersitz. Der Mann riß das Kind an sich und sprang in den Wagen. Vinicius wurde von seiner Mutter nie mehr gesehen.
Glücklicher ging die Sache für Rosilda Goncalves und Luiz Americo Vasconcelos aus Curitiba aus - im Triumph kehrten sie vorletzte Woche mit ihrer heute zwei Jahre alten Tochter Bruna heim. Der Gouverneur empfing die Familie, Tausende Menschen begrüßten sie am Flughafen und auf dem Weg in die Stadt. "Bruna gehört uns", skandierte die Menge, während das Kind wie ein Star vom Balkon des Gouverneurs herunterwinkte.
Mit vier Monaten war Bruna von einem 18jährigen Kindermädchen entführt und an eine Bande von Kinderhändlern verkauft worden. 25 000 Dollar zahlte ein Ehepaar aus Israel für das Mädchen in Asuncion, Hauptstadt des Nachbarstaates Paraguay. Soviel fand die Polizei heraus. Ein britisches Fernsehteam aber nahm mit Hilfe eines Privatdetektivs die Spur in Israel auf. Die Sache endete vor dem Obersten Gericht in Tel Aviv, das die Rückgabe des Kindes an seine leiblichen Eltern beschloß. Die Pflegeeltern gaben ihm einen verzweifelten Brief mit auf den Weg zurück ins Elternhaus:
"Liebe kleine Carolyn ... der Verstand begreift es, aber das Herz weigert sich ... Man hat uns gebeten, die Übergabe an Deine Eltern zu erleichtern. Das war schwierig, Dein Weinen war herzzerreißend ... Hier mischten sich Leid und Zorn ... Wir hoffen, Du wirst auch in Deinem neuen Heim ein gutes Leben haben. Wir beten für Dich ... Wir werden uns sehr nach Dir sehnen, unsere kleine Prinzessin. Für immer, Deine Mutti und Dein Vati, Simone und Jakob Turgeman."
Der Fall ist einmalig - allein schon wegen der Publizität. Die Londoner Fernseh-Gesellschaft ITV investierte in die Geschichte 500 000 Dollar und schlachtete sie dementsprechend aus - bei der Zwischenlandung in London war Bruna schon eine Berühmtheit. Dutzende Kinder werden aber in Brasilien jedes Jahr ihren Eltern entrissen, ohne daß es publik wird - und Tausende kommen mit Hilfe ihrer im Elend lebenden Erzeuger auf den "grauen Markt" der Adoption.
Eine Konferenz der EG-Justizminister in Lissabon vorigen Monat schätzte den Kinderhandel weltweit auf eine Million Babys. Nicht allein die Israelis - wo zwölf Prozent der Ehepaare keine eigenen _(Text einer Werbung für die ITV-Sendung ) _(über Geschäfte mit Kindern: Nicht nur ) _(Kaffee wird heutzutage aus Brasilien ) _(exportiert. )
Kinder haben können - suchen den oft mühsamen und langwierigen Weg der legalen Adoption in ihrem Land zu umgehen. Auch nach Westeuropa gelangen jährlich Tausende Kinder aus der Dritten Welt.
Brasilien, ebenso bürokratisch wie korrupt, ist zur Zeit besonders beliebt als Supermarkt für Nachwuchs - soll es etwas Blondes mit blauen Augen aus dem Süden sein, wie es die Israelis lieben, oder ein süßer kaffeebrauner Lockenkopf aus dem Nordosten, was bei den Italienern besonders gut ankommt? Geliefert wird alles, auf Bestellung und nach Maß.
Der Kinderklau geht im ganzen Land um. Die angebliche Krankenschwester Maria Jose de Souza klingelte an der Tür, kündigte den Müttern eine neue "Impfaktion" der Regierung an und verschwand dann auf immer mit ihrer Beute. Vor allem im Süden mit den vielen deutschstämmigen Babys und der nahen Grenze zu Paraguay schlug die Baby-Mafia besonders häufig zu.
Meistens ist Diebstahl aber gar nicht notwendig. Etwa 30 Millionen Kinder sind in Brasilien mittellos und müssen ihren Unterhalt auf der Straße selbst verdienen, weitere dreieinhalb Millionen haben in Waisenhäusern Zuflucht gefunden. Da genügen oft tausend Cruzeiros (zehn Mark) und die Versicherung, das Kind werde ein besseres Leben bekommen, um eine Mutter zu überzeugen, sie tue gut daran, ihr fünftes oder achtes Baby wegzugeben.
Darauf folgt dann die "brasilianische Adoption" - falsche Eltern kriegen echte Papiere, weil sie das Kind als ihr eigenes ausgeben. Die Gesetzgebung fördert geradezu solche Praktiken, weil die legale Adoption oft zu einem absurden Leidensweg wird. "Das erste Kind wollte ich unbedingt legal adoptieren", so ein Angestellter in Sao Paulo, "doch es war so unendlich mühsam, daß ich das zweite dann illegal genommen habe."
Für Ausländer wird das ganze noch komplizierter. Daß eine deutsche Mutter in spe mehrere Monate lang im Hotel hockt und auf die Papiere wartet, ist keine Seltenheit. "Jede Woche kommen bei uns vier oder fünf Ehepaare vorbei und wollen Auskunft über Adoption", so ein Entwicklungshelfer in Recife.
Wer den legalen Weg wählt, muß mit langer Qual rechnen. Den Rückflug mit der gebuchten Chartermaschine schafft da keiner mehr. Und so wird die Boeing 747 der Air France, die zweimal in der Woche von Recife direkt nach Paris fliegt, zum "Baby-Bomber" - kein Flug ohne glückliche Adoptiveltern mit der Tragetasche in der Hand und dem Packen Windeln unter dem Arm.
Gerade beim Versuch der legalen Adoption schalten sich skrupellose Händler ein, die durch Fälschung von Papieren oder in Zusammenarbeit mit korrupten Richtern den Reibach mit der Menschenliebe machen. Rund 400 000 Dollar netto scheffelte in der Hauptstadt Brasilia der 32jährige Anwalt Jose Cupertino da Luz für den Export von 50 Kindern - bis ihn die Bundespolizei wegen Wuchers verhaftete.
Wie viele brasilianische Kinder gehandelt werden, ist ungewiß. Nach Schätzungen der Bundespolizei werden jährlich höchstens 1500 legal adoptiert. Weit mehr, vielleicht 50 in der Woche, kommen illegal an ausländische Eltern. Italien, Frankreich und die Bundesrepublik importieren jedes Jahr 1000 Babys. Rekorde setzt aber Israel, wo schon über 3000 Kinder aus Brasilien leben sollen. Allein die Bande der Arlete Hilu, einer Ex-Angestellten des Jugendgerichtes von Curitiba, schaffte 800 Kinder nach Israel.
In der sonst so ruhigen Stadt Curitiba, die als Mustergemeinde Brasiliens gilt, hat die Publizität um den Fall Bruna Panik ausgelöst. "Ich lasse meine Tochter nie mehr allein", meinte eine Mutter letzte Woche, "ein blondes Mädchen ist ja nicht einmal mehr im Kindergarten in Sicherheit." Die Angst ist gewiß übertrieben. Der Fall Bruna, die Freude ob der neu vereinten Familie, läßt allenfalls für Stunden das Elend vergessen, in das die brasilianische Gesellschaft Millionen Kinder entläßt.
"Im Nordosten werden jedes Jahr 50 000 kleine Mädchen zu Prostituierten", berichtete die Internationale Föderation für Menschenrechte in Paris in einem Bericht über Brasilien. Mit 7 Jahren müssen sie oft schon perverse Kunden befriedigen, mit 20 sind sie alt und verbraucht.
Text einer Werbung für die ITV-Sendung über Geschäfte mit Kindern: Nicht nur Kaffee wird heutzutage aus Brasilien exportiert.

DER SPIEGEL 28/1988
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