16.05.1988

BRASILIENZeit des Negers

Vor 100 Jahren schaffte Brasilien die Sklaverei ab. Doch Schwarze und Mulatten haben wenig zu feiern. *
Der Gutsherr war hingerissen von den schönen Augen der neuen Küchenmagd, die das Mittagessen servierte.
Am Abend schwammen die Augen der jungen Mulattin im Consomme. "Ich wollte dir eine besondere Freude machen", teilte die eifersüchtige Hausherrin ihrem Gatten mit, "du mochtest diese Augen doch so gern, ich habe sie eigenhändig zubereitet."
Die Episode, von Historikern in einer alten Chronik gefunden, ist nur eine Seite aus Bänden voller Grausamkeiten: 350 Jahre lang peinigten die Herren des Zuckerrohrs, des Kaffees und der Goldminen ihre schwarzen Zwangsarbeiter. Folter und Vergewaltigung gehörten zum Alltag von dreieinhalb Millionen Sklaven.
Erst 100 Jahre ist es her, daß der Menschenhandel abgeschafft wurde. Für den vorigen Freitag hatten Präsident und Honoratioren des Landes zur Feier der Unterzeichnung der "Lei Aurea", des "Goldenen Gesetzes", geladen, mit dem am 13. Mai 1888 die Sklaverei verboten wurde.
Brasiliens 60 Millionen Schwarze und Mulatten aber hatten wenig Grund zur Freude: "Das ist ein Feiertag der Weißen",
meinte Julio Cesar Tavares vom Institut für schwarze Kultur in Rio de Janeiro.
Im Lande der angeblichen Rassenharmonie, das mit leicht geschürzten Mulattinnen um Touristen wirbt, ist schwarz noch immer gleichbedeutend mit wertlos. "In Brasilien gibt es keine Rassenkonflikte", heißt ein Sprichwort, das den Mythos vom Schmelztiegel Brasilien ironisch widerlegt, "weil die Neger wissen, wo sie hingehören."
Ihr Platz ist unten. Über die Hälfte der schwarzen Arbeitskräfte muß mit dem Mindestlohn auskommen - rund 70 Mark im Monat. Fast 80 Prozent der weißen Brasilianer sind als Selbständige oder Unternehmer tätig, aber nur ein Prozent der Schwarzen. Der Mittelstand, der bei einem Monatseinkommen von 700 Mark beginnt, besteht zu 84 Prozent aus Weißen, aber nur zu 13,4 Prozent aus Schwarzen und Mulatten.
Brasiliens Statistiken belegen die Diskriminierung in allen Bereichen: 40 Prozent der Farbigen sind Analphabeten, die Rate ist doppelt so hoch wie bei den Weißen. Sogar in Sao Salvador da Bahia, wo über 80 Prozent der Bevölkerung von den Sklaven aus Afrika abstammen, sind 99 Prozent der Studenten Weiße.
Die Neger, die einst zur Arbeit auf den Plantagen und in den Bergwerken nach Brasilien gebracht wurden, werden 100 Jahre nach Abschaffung der Sklaverei wegen ihrer Hautfarbe bei der Jobsuche behindert - das jedenfalls weist der Soziologe Miguel Chaia in Sao Paulo anhand der Arbeitslosenstatistik nach. Sogar die Kirche hat ihre Überzeugung, daß vor Gott alle Menschen gleich sind, noch lange nicht in die Praxis umgesetzt: Nur 200 von insgesamt 12 700 Priestern sind Schwarze.
Der Mythos von der brasilianischen Rassenharmonie, die der Soziologe Gilberto Freyre in seinem Werk "Herrenhaus und Sklavenhütte" zu beweisen suchte, stirbt trotz solcher Zahlen nicht. "Brasilien zeichnet sich einzigartig dadurch aus, daß es keine Rassenprobleme kennt", lobte der Militärdiktator General Ernesto Geisel 1977 bei einem Besuch in Paris. Und Freyre bekräftigte noch 1985, kurz vor seinem Tod, seine Lieblingsthese: "Wir leben in einer Rassendemokratie; sie ist nicht perfekt, aber sie ist die fortschrittlichste der Welt."
Dabei zeigen sich überall Symptome eines tief verankerten Rassismus, etwa in den Stellenanzeigen der Zeitungen, wo oft "boa aparencia" (gutes Aussehen, im Klartext: weiß) gefordert wird.
Im Dezember letzten Jahres wurden schwarze Polizistinnen vom internationalen Flughafen in Rio abgezogen. "Ein Oberst wollte nicht, daß Rio wie Angola aussehe", so die Schwarzen-Organisation SOS-Rassismus.
Die Diskriminierung fängt in der Schule an: Die treue Hausangestellte wird im Lesebuch der Grundschule als "glückliche Negerin" beschrieben.
"Brasilianer haben Vorurteile, die in der Schule gefestigt und verewigt werden", meint die Soziologin Vera Moreira Figueira, die vor wenigen Wochen Resultate einer Umfrage unter Schülern im Alter von 7 bis 18 Jahren veröffentlichte: Über 80 Prozent setzten da schwarz mit "dumm", "häßlich" und "diebisch" gleich. Nur 5,8 Prozent der Befragten konnten sich den Beruf "Arzt" in Verbindung mit "schwarz" vorstellen, "Putzfrau" und "Neger" paßten dagegen für über 80 Prozent gut zusammen.
Schlecht geht es den Farbigen, wenn sie an die Polizei geraten. "Ein weißer Freund, der oft Schwarze im Auto mitnimmt, wird ständig angehalten", erzählt Luisa Bairos vom "Movimento Negro Unificado" in Salvador, "die Beamten meinen, sie müßten ihn beschützen." Das dachte auch Polizeisergeant Paulo Vilela, als er in Recife einen Studenten aus Nigeria anschoß: "Dieser Riesenneger hatte seinen Arm auf einem blonden Mädchen, ich dachte, er bedrohe sie", entschuldigte er sich hinterher. "Ein stehender Neger ist verdächtig, ein rennender Neger ist schuldig", lehrt eine Tafel in der Polizeischule von Sao Paulo.
Jahrhundertelang wurde den Brasilianern die These von der "Weißmachung" eingetrichtert. Staatschefs aller Art, ob Kaiser, Präsidenten oder Diktatoren glaubten, durch europäische Einwanderer würde das Negerblut allmählich bis zur Unkenntlichkeit verdünnt. Das hofften sogar die Schwarzen selbst, die sich so den Rassismus der Weißen zu eigen machten.
Die Leugnung der Rasse führte zum Vergessen der eigenen Geschichte, zum Verlust der Identität als Volksgruppe. Erst seit kurzem entdecken schwarze Historiker ihre Herkunft wieder. Und sie berichten von Aufständen, von Morden an Großgrundbesitzern oder von Hungerstreiks in den Sklavenhütten.
Vor allem entdecken sie die Quilombos wieder, Siedlungen, in denen tief im Landesinnern geflohene Sklaven unabhängig von der Staatsautorität lebten. 60 Jahre lang hielt sich etwa die schwarze Gemeinschaft von Palmares im heutigen Bundesstaat Alagoas, bis sie 1694 durch die Armee zerstört wurde. Der König von Palmares hieß Zumbi - er wird nun _(Historischer Kupferstich. )
zum Helden der schwarzen Brasilianer. "Statt des 13. Mai feiern wir den 20. November, den Tag der Ermordung Zumbis, als Tag des schwarzen Bewußtseins", sagt ein militanter Schwarzer in Rio.
Rund 600 Gruppen gibt es heute, die für die Gleichberechtigung der Schwarzen kämpfen. Vor allem in Sao Salvador da Bahia, wo nur ein Fünftel der Bevölkerung weiß ist, drängen schwarze Kultur und schwarze Politik mächtig nach vorn.
Mit dem Karneval fing die Kulturrevolution der Schwarzen an. An die Stelle des Sambas aus Rio oder des Frevos von Recife setzten die "Blocos" genannten Festvereinigungen neue, afrikanische Rhythmen. In den über 1000 "Terreiros" Salvadors, den Tempeln der aus Afrika mitgebrachten Religion, hatten sich Gesang und Rhythmus aus Nigeria und Benin gehalten.
"Candomble" heißt dieser Kult, der afrikanischen Glauben mit einer dünnen Schicht Christentum verhüllt - so schützten sich einst die Sklaven vor der Verfolgung durch die katholische Kirche. Noch heute erklingt aus den Terreiros ein in der afrikanischen Sprache Yoruba gesungenes Ritual.
Karnevalsvereine wie Olodum oder Ile Aye brachten die Musik und Kostüme Afrikas auf die Straßen Salvadors. "Wir zeigen, daß der schwarze Mann, entgegen der Meinung der Weißen, nicht ein Wilder war", erklärt Joao Jorge vom "Bloco" Olodum, "sondern zu einer der ältesten Zivilisationen der Welt gehört."
Und so wird Salvador, einst erste Hauptstadt des kolonialen Brasilien, allmählich zum Mekka des neuen schwarzen Selbstbewußtseins. Künstler und Intellektuelle treffen sich in der von der Uno als Weltkulturgut anerkannten Altstadt. Dort, wo am Schandpfahl einst Sklaven ausgepeitscht wurden, pflegen sie nun den neuen schwarzen Stolz.
Noch ist das Viertel heruntergekommen. Doch die Restauration dringt vor: Die "Casa do Benin" (Benin-Haus) soll auf die afrikanische Heimat verweisen, denn von dort, dem ehemaligen Dahomey, stammt die Mehrzahl der Schwarzen. "Die Kultur Afrikas ist Teil der Persönlichkeit Bahias", sagt der 87jährige französische Anthropologe und Photograph Pierre Verger, der im Benin-Haus arbeitet, "man hört es an der singenden Sprache, man schmeckt es an der Küche Bahias, man spürt es in den Tempeln des Candomble."
"Wie ist es möglich, so weit zu reisen", fing der nigerianische Intellektuelle Olotosu Eluyemi einen Vortrag in Salvador an, "um am selben Ort anzukommen?" Eine Delegation von Schwarzen aus Salvador, die mit dem Bürgermeister nach Benin reiste, um dort ein Brasilien-Haus zu stiften, war überrascht, wie sehr sie sich in Afrika zu Hause fühlte.
Am Institut afro-orientalischer Studien in Salvador lernen 150 Studenten die afrikanischen Sprachen Yoruba und Wolof. In den Elendsvierteln üben Kinder und Erwachsene den von Sklaven erfundenen, als rituellen Tanz aufgeführten Kampfsport "Capoeira". Doch es wird noch lange dauern, bis die letzten Reste der Unterdrückung verschwunden sind. "Noch immer verbindet man Neger mit Vergnügen", klagt ein militanter Schwarzer, "in Musik oder Sport kommen sie voran, sonst nirgendwo."
Und die den Aufstieg schaffen, tun selten etwas für ihre Rasse: Fußballstar Pele gilt bei vielen Schwarzen als "jabuticaba", eine Frucht, die außen schwarz und innen weiß ist.
Anders Gilberto Gil, einer der bekanntesten Stars brasilianischer Musik. Er kandidiert für das Amt des Bürgermeisters von Salvador. "Die Zeit des Negers ist gekommen", erklärt Gil.
Er ist nicht der einzige, der zur Eroberung der bisher rein weißen Parlamente der Stadt Salvador und des Bundesstaats Bahia ansetzt. Auch der Vorsitzende des Ile Aye, Antonio Carlos Santos, ist Kandidat: "Wir haben den Punkt erreicht, wo es nichts mehr nutzt, die Diskriminierung zu beklagen. Wir müssen an die Macht."
Historischer Kupferstich.

DER SPIEGEL 20/1988
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