05.09.1988

„Das ist Vergnügen, wirkliches Vergnügen“

Die unendlich fleißigen, hochdisziplinierten Japaner - was tun sie nach Feierabend? Sie arbeiten nicht etwa am Dienstplan für den nächsten Tag, sondern sie saufen, vergnügen sich in Zigtausenden von Bars, Spielsalons und „Love Hotels“. Die Freizeit wird im Kollektiv genossen - der Angestellte trinkt und liebt gemeinsam mit dem Chef.
Sie wohnen in Häuschen mit Wänden aus Papier, sind beängstigend fleißig und machen kaum Ferien. Sie arbeiten 46 Stunden in der Woche.
Die Produkte ihres Fleißes - Kraftwagen und Computer, Fernseher und Ferngläser - versetzen die alten Industrienationen des Westens in Schrecken.
Ihre Disziplin, ihr Gehorsam gegenüber den Zwängen des Betriebs, ihre Einordnung in die Hierarchie sind legendär. Und sie sagen auch noch, sie seien zufrieden mit diesem Leben.
Doch wenn der Abend kommt, brauchen die Japaner einen Traum. Da die meisten keinen eigenen haben, kaufen sie sich einen der vielen, die auf dem Vergnügungsmarkt feilgeboten werden. Und dieser Markt floriert im Industriestaat Japan wie nirgendwo sonst.
Japan nach Feierabend ist das Land der Bars und Love Hotels, der heißen Onsen-Bäder, des Pachinko-Glücksspiels und des Alkohols. Ganz Japan ist mit kleinen Lust-Orten übersät, die Träume verkaufen. Jede Stadt hat besondere Viertel, jedes Dorf, auch das kleinste, mindestens ein paar Häuser, in denen sich der Japaner nach Sonnenuntergang der Entspannung hingibt.
In seiner Phantasie kann er dann für ein paar Stunden ein berühmter Filmstar oder ein mutiger Samurai sein, eine leidenschaftliche Geliebte treffen, von einer liebenden Mutter verhätschelt werden oder einen verständnisvollen Freund und Arbeitskollegen haben.
Jeder dieser Träume hat einen Preis, aber die Kosten kümmern den Kunden nicht: Der Japaner gibt durchschnittlich ein Drittel seines Einkommens für "yoka" aus, die zwecklose Zeit, die Zeit jenseits der Arbeit, die Freizeit.
Die Vergnügungsindustrie ist zu einem der größten und blühendsten Wirtschaftszweige jenes Landes geworden, das gemeinhin für seine Industrieprodukte berühmt ist.
In einem Jahr geben die so strebsamen, fleißigen Japaner für ihr Amüsement eine wahnwitzige Summe aus, "ebensoviel wie das gesamte Staatsbudget", sagt Takayuki Miyano, Direktor des Freizeit-Entwicklungsinstituts im Miti, dem weltberühmten Ministerium für Internationalen Handel und Industrie. "Und darin sind die Aufwendungen für Sex nicht einmal inbegriffen."
Das Vergnügen ist zugleich ein politischer Faktor geworden. Die Regierung möchte nämlich, daß das Volk dafür noch mehr Geld ausgibt, weil sie glaubt,
dann ausländische Klagen über die japanische Arbeitswut widerlegen und die Handelskonflikte mit Japans Geschäftspartnern mildern zu können. Die gesetzliche Arbeitszeit soll Anfang der neunziger Jahre auf 40 Wochenstunden fallen.
Die Straße der Träume beginnt für den Japaner in der Bar. In die Bar strebt er, sobald er Büro, Fabrik oder Geschäft verläßt - nicht etwa allein, sondern in wohliger Gemeinschaft mit den Arbeitskollegen und dem Chef.
"Wenn ich mit meinem Chef nicht saufen gehe, verpasse ich etwas", sagt Yoichi Takeda, ein junger Angestellter in einer Versicherungsgesellschaft. "Tagsüber lerne ich ein paar Fakten, nachts erfahre ich den Hintergrund dazu und arbeite so an meiner Karriere."
Mit Chef und Kollegen abends auszugehen gehört zu den Dienstpflichten des Angestellten. Die Bar ist der Annex seines Arbeitsplatzes, das Vergnügen die Verlängerung der Arbeit. Zwischen Arbeit und Feierabend gibt es für einen Japaner keine Zäsur. Die Verbindung stellt die Gruppe her.
Innerhalb der Gruppe findet der Japaner seine einzige Identität, in ihr tut er seine Pflicht - in ihr findet er auch sein Vergnügen. Dagegen sind "gesellige Beziehungen außerhalb der Gruppe für einen Japaner eine Qual", schreibt R. S. Osaki, Wirtschaftsprofessor an der California State University, in seinem "Kulturporträt der Japaner".
Jede Firma führt Listen mit den Bars, die ihre Angestellten benutzen dürfen. Kunden und Kollegen werden dort ihrem Rang gemäß bewirtet, am Monatsende geht die Rechnung an die Firma. Täglich geben Japans Firmen zehn Milliarden Yen (137 Millionen Mark) für Bewirtung aus.
Bar und Lokal sind der Ort, an dem kollegiale Beziehungen sich intensivieren, an dem der Neuangestellte vom Chef in die Firma eingebettet wird.
Hier erst wächst der junge Japaner zum Sa-ra-ri-Mann - zum Angestellten. Zwischen einem Whisky und etwas getrocknetem Fisch sieht sich der Neue ermutigt, Kritik an der Firma und seinen Vorgesetzten zu üben. Hier auch wird ihm beiläufig nahegelegt, nicht zuviel Zeit an Freundin oder Freunde außerhalb des Betriebs zu verschwenden, sondern sich ganz auf das Wohl der Firma zu konzentrieren. Der Neue weiß, daß er die ersten zwei Jahre fast jeden Abend mit seinen Kollegen ausgehen muß.
Allmählich wird dieses abendliche Ausgehen mit Kollegen zur Gewohnheit, die lange Zeit in Nachtclubs zum Teil des Tagesdienstplans. Das Zuhause ist nicht viel mehr als eine Schlafstelle. Folge: 12 Prozent der japanischen Hausfrauen sprechen nur zehn Minuten pro Tag mit ihren Männern, 30 Prozent sehen sie nur eine Stunde am Tag.
2690 Bars gibt es allein in Tokios Ginza-Viertel, 100 000 im ganzen Land; mindestens eine Million Bar-Hostessen sorgen für das Wohl der Gäste.
Das harmloseste Nachtlokal ist die "Karaoke"-Bar: drei, vier Hocker vor der Bartheke, gedämpftes Licht und, die Wand entlang, Reihen von Flaschen mit den Namen der Stammkunden. Karaoke bedeutet wörtlich "leeres Orchester". Über den Bildschirm laufen Videoclips, aus dem Lautsprecher schallt die Begleitmusik beliebter Songs. Den Gesang liefert der Kunde selbst.
Ein Mikrophon wird herumgereicht, und der kleine Angestellte, der junge Versicherungsverkäufer in seinem billigen Anzug fängt an zu singen. Zu seiner Hilfe erscheinen die Worte der Songs auf dem Bildschirm und wechseln ihre Farbe im Takt mit der Begleitmusik.
Anschließend springt der Amateur-Sänger auf die Bühne, alle Aufmerksamkeit
ist auf ihn gerichtet. Ein paar Minuten fühlt er sich wie der Hauptdarsteller in einer Fernsehshow. Das Publikum klatscht, die Kollegen gratulieren. Das Karaoke liefert die Sofort-Verwirklichung seines Traums.
Karaoke-Bars bieten sich dem Gast in unendlicher Vielfalt an. Im Maharadscha-Club in Tokios Shibuya-Viertel etwa singt der Besucher unter psychedelischer Beleuchtung vor Wolken aus Dampf und Seifenblasen. Ein neues Computersystem sorgt dafür, daß Schnee und Regen immer dann durch die Luft wirbeln, wenn im Song die Worte Schnee und Regen vorkommen.
Karaoke ist keine Modeerscheinung mehr, sondern eine Institution geworden. Die kürzlich privatisierte japanische Eisenbahn hat als erste Neuerung einen Karaoke-Zug zum Vergnügen der Reisenden eingeführt.
Karaoke-Bars gibt es inzwischen im entlegensten Fischerdorf, etwa auf der winzigen Insel Yakushima. Weil der schallende Gesang der selbstgemachten Stars ganze Stadtviertel am Schlafen hindert, brachte eine Firma kürzlich einen schallsicheren Käfig auf den Markt, der Bar und Kunden isoliert.
In manchen Bars versammeln sich die Gäste je nach ihrem Beruf, in anderen nach ihren Neigungen. Im "Elizabeth Club" in Tokios Akihabara-Viertel dürfen Männer Damenstrümpfe und Röcke tragen. "Wir sind aber kein Homo-Club", sagt Manager Yumi Kataoka stolz. "Die haben ihre eigenen Lokale."
Ehemalige Marineoffiziere treffen sich in einer Bar in Tokios Aoyama-Viertel, die einem Kriegsschiff nachgebildet ist. Durch simulierte Bullaugen tut man einen Blick auf die bewegte See.
Kriegsnostalgiker treffen sich in Tokios Ginza-Viertel im "Top Club"; ein Chor junger Mädchen in altmodischer Schulkleidung schmettert dort Marschlieder der früheren kaiserlichen Armee.
"Tokio hatte ein Lokal bitter nötig, in dem Militärlieder stolz gesungen werden können", sagt Kazuo Okada, der diesen Club vor sechs Jahren eröffnete. Er rühmt sich, zu seinen Stammgästen Bankdirektoren, Firmenchefs und bekannte Politiker zu zählen.
In einer Bar haben die Mädchen zwar Schuluniform an, aber keine Unterhöschen. In einer anderen tragen sie als einziges Textil weiße Gaze über dem Mund. Eine Bar in Tokios elegantem Akasaka-Viertel hat eine "Relax zone", in der die Gäste Baby spielen dürfen - die Damen wechseln ihnen die Windeln.
In einem Luxushotel des schicken Vergnügungsorts Hakone, 100 Kilometer südwestlich von Tokio, darf der Gast für die Dauer seines Aufenthalts Samurai sein: Der Nachtclub inszeniert jedes Wochenende eine neue Episode einer erfolgreichen Fernsehserie über die Taten des Samurais Takeda Shingen; er liefert dazu Kulissen und Schauspieler, nur die Rolle des Helden bleibt unbesetzt - sie ist den Gästen vorbehalten. Package deal für Betriebsausflüge: 20 000 Yen (274 Mark) pro Kopf.
Die Japaner, die tagein, tagaus ihre nichtssagende Angestelltenkleidung tragen, lieben es, sich in ihrer Freizeit in mittelalterliche Rüstung zu werfen. Riyochi Sasakawa, 88, Führer der japanischen Ultrarechten, ehemaliger Kriegsverbrecher der Klasse A und einer der reichsten Männer Japans, verbreitet ein Pressephoto von sich, das ihn in Samurai-Aufmachung zeigt.
Hinter jeder Bar-Tür, durch die der Japaner während seiner Traumreise nach Feierabend geht, erwartet ihn eine Chefin, "Mama-san" genannt, oft mit jüngeren und hübscheren Gehilfinnen. Diese Frauen, die ihn umgurren und ihm seinen Drink mischen, vermitteln ihm ein Gefühl von Selbstsicherheit und Männlichkeit. Sie sind die Vestalinnen der japanischen Gesellschaft. Sie erfüllen ihm jeden Traum - und manche Perversion.
Da der Japaner so viele Stunden nicht nur am Tag, sondern auch noch während der Nacht in der Gruppe verbringt, wuchs in der Nachkriegsgesellschaft eine ganze Generation von Kindern ohne die in Japan früher dominante Autorität der Väter auf und ließ eine ausschließliche Orientierung auf die Mutter entstehen. Das wiederum führt den heranwachsenden Japaner in eine fast babyhafte Beziehung zu der Mama-san.
"Der Japaner bewegt sich zwischen zwei Schlachtfeldern: seinem Heim und seinem Arbeitsplatz. Dazwischen braucht er ein Kissen. Dieses Kissen sind wir", sagt Fumiko Honda, eine 48jährige Witwe, die eine winzige Bar im ersten Stock hinter Tokios Shibuya-Bahnhof führt. "Was wir verkaufen, ist Zeit. Zeit, die täglichen Frustrationen des Kunden anzuhören und ihn zu trösten."
Ein Bier oder ein Glas Whisky - und das Spiel beginnt. Er spricht - die Mama-san hört zu; er öffnet den Mund - die Mama-san füttert ihn; er rühmt oder beklagt sich - die Mama-san bewundert oder tröstet ihn. Sex gehört immer dazu, bleibt aber in der Hostessbar verbal.
"Die japanische Gesellschaft ist grundsätzlich homosexuell. Frauen sind nur das Bindeglied, durch das sich die Männer untereinander wohler fühlen", sagt Anne Allison, eine amerikanische Anthropologin, die ein Jahr lang als Bar-Hostess in Tokio gearbeitet hat, um eine Doktorarbeit über Sexualität in Japan zu schreiben.
"Wenn ein Mann in einer Hostessenbar lüstern wird, pirscht er sich davon und holt sich seine Orgasmen in den 'schummrigen Lokalen' auf seinem Heimweg", fährt Anne Allison fort.
Jede japanische Stadt hat in jedem ihrer Wohnviertel, gewöhnlich im Umkreis der U-Bahnhöfe, ein reichhaltiges Angebot solcher "schummrigen Lokale". Der Markt ist von den "Polizisten der Nacht", den Yakuza, monopolisiert - Japans offizieller Gangsterorganisation. Ihre Schupos wachen auch über die Ordnung in den Vergnügungsvierteln - die staatliche Polizei läßt sich nicht blicken.
Da gibt es "Pink Saloons", in denen es so düster ist, daß der Kunde das halbnackte Mädchen kaum sieht, das ihn befriedigt,
während er trinkt. Es gibt "Gesundheitszentren", die wenigstens noch den Anschein von Massage aufrechthalten.
Es gibt die üblichen "Saunas", die Bad plus Massage plus Sex anbieten. Und es gibt Lokale, in denen der Kunde bei Pornofilmen alles selbst erledigt.
Live Shows mit aktiver Teilnahme des Publikums sind ein wenig passe, weil "die Chance, auf die Bühne gerufen zu werden, zu gering ist", wie ein Kunde in Tokios Sex-Viertel Kabukicho beklagt.
Wenn auf Einladung der Stripteuse gleich zwei Zuschauer zum Geschlechtsakt auf die Bühne springen, wird brav gelost. Der Sieger zieht die Hosen aus und legt sie sorgfältig gefaltet in eine Ecke; der Verlierer wartet, bis er an die Reihe kommt.
Das Geschäft treibt die seltsamsten Blüten: In einem Laden werden getragene Damenslips feilgeboten. Da ihr Duft, wie die Besitzerin erklärt, "spätestens nach einem Tag verfliegt", trägt jeder Slip außer dem Preis noch die Stunde, zu der er abgeliefert wurde.
In einem Land, dessen Geishas einst die Phantasie der ganzen Welt beflügelt haben, sind die "schummrigen Lokale", ist die ganze Bar-Industrie ein schockierender Niedergang.
"Jede Zeit hat ihre Spiele. Die der Vergangenheit gefallen nicht mehr. Junge Japaner haben das Verständnis für unsere Kunst verloren", sagt Hazuko Suzuki, 67, ehemalige Geisha und jetzt Besitzerin des Ryotei (Geisha-Hauses) der "Glücklichen Weisen" in Tokios Kagurazaka-Viertel. "Geishas werden langsam von Bar- und Karaoke-Hostessen verdrängt" (siehe Seite 152).
Da der junge Japaner ständig in Bars hocken muß, schläft er nach einer Studie von Psychiatern der Universität Jikeiwi zu wenig. Eine Versicherungsgesellschaft stellte fest, daß sich 80 Prozent der Angestellten in Tokios größten Firmen für "dauernd müde" erklären. Ein Drittel von ihnen sagt, sie bekämpften Müdigkeit mit Alkohol.
Alkohol! Auch der Japaner, der von Kindheit an strikter Disziplin unterworfen ist, der in engsten Verhältnissen und unter strengsten gesellschaftlichen Regeln aufwächst, lebt und arbeitet, findet im Alkohol Entspannung, vielfach gar: Erlösung. Alkohol gilt als die schnellste, billigste und annehmbarste Methode, um aufzuatmen, den täglichen Zwängen zu entfliehen. Trinken gilt als modisch, zeitgemäß, sogar als unerläßlich.
"Die Japaner sind von Natur aus schüchtern und zurückgezogen. Ein bißchen Alkohol lockert sie auf", sagt Hidesuke Kobayashi vom Gesundheitsministerium in Tokio. "Wir versuchen, ihnen beizubringen, die richtige Quantität zu trinken - aber mit wenig Erfolg."
Im letzten Jahrzehnt stieg der Alkoholkonsum der Japaner dramatisch an, 1987 wurden acht Milliarden Liter Alkohol getrunken, fünf Prozent mehr als im Jahr zuvor und mehr als je in der Geschichte des Landes.
Beliebte Schauspieler und Sportler erscheinen im Fernsehen und auf Plakaten immerfort beim Trinken. Das Spitzensymbol für Freizeit im Japan von heute ist ein Mann mit dem Glas in der Hand.
"Dieses ist das einzige Land, in dem der Alkoholwerbung und dem Alkoholvertrieb keine Grenzen gesetzt sind", sagt Tomomi Imanari, Vorsitzende des Bürgerverbands für Alkoholprobleme, einer kleinen Privatgruppe, die versucht, eine der mächtigsten Industrien des Landes zu bekämpfen. "Das Schlimme ist, daß die Hersteller jetzt die Jugend aufs Korn genommen haben."
Alkoholische Getränke kommen in Verpackungen mit Tier-Motiven auf den
Markt, Kinder können die Hüllen als Spardosen benutzen. Nach einer unlängst erstellten Umfrage trinken 80 Prozent von Tokios Gymnasiasten regelmäßig Alkohol, davon 10 Prozent zuweilen bis zur Bewußtlosigkeit, 25 Prozent bis zum Übergeben.
Die japanische Gesellschaft, sonst voller Zwänge und Tabus, ist Trinkern gegenüber vergleichsweise tolerant. Betriebe betrachten den Alkoholkonsum ihrer Angestellten keineswegs als Fehler. Im Gegenteil. "Mach sie glücklich, mach sie betrunken!" lautet das Motto einer Baufirma in Tokio.
"Unsere Gesellschaft hängt auf vielerlei Art vom Alkohol ab", klagt die "Japan Times". Die Regierung tut nichts dagegen - denn der Alkohol spült 35 Milliarden Mark im Jahr an Steuern in die Staatskassen.
Um Mitternacht, wenn Bars und Nachtlokale schließen und die Japaner wieder zu Tausenden auf die Straßen strömen, ist von der disziplinierten Arbeitsgesellschaft nichts mehr übrig, wirken die einzelnen Mitglieder dieser Gesellschaft geschwächt und verwirrt.
Tokios U-Bahn-Stationen, durch deren Gänge, Treppenhäuser und Passagen morgens Millionen von Menschen stumm und zielstrebig Richtung Arbeitsplatz marschiert sind, füllen sich nachts mit dem Gelächter und Gekicher der Massen, die von ihrer abendlichen Entspannung heimkehren. Kaum jemand geht noch gerade. Menschen übergeben sich, stolpern übereinander, während sie zum letzten Zug wanken.
Die Arbeitskollegen, in deren Gesellschaft der Japaner die Bar aufsucht und sich den erlösenden Rausch zuzieht, begleiten ihn auch zu einer spezifisch japanischen Entspannung, dem Gemeinschaftsbad in kochend heißem Wasser. 2237 echte oder künstliche, offene oder verdeckte heiße Quellen, "Onsen" genannt, laden zum Besuch ein. In 64 anerkannten Kurorten haben sich neben den "Onsen" Hotels, Nachtclubs und Pornozentren angesiedelt.
Kaum ein Japaner fährt mit seiner Familie dorthin. Auf den Schiefertafeln vor den großen Onsen-Hotels stehen meist die Namen von Industriebertrieben und Banken, deren Angestellte gewohnheitsmäßig ihre Ausflüge dorthin machen.
Die Gruppe, 10 bis 20 Personen stark, kommt an, vier bis sechs Mann beziehen ein Zimmer, ziehen sich den Kimono und die Holzsandalen des Hauses an und gehen dann gemeinsam baden, essen, saufen sowie zur Porno-Show. Sie bleiben nur zwei Tage, aber alles ist gut organisiert, jede Stunde eingeteilt.
Wenn die Busse voller Männer die Luststadt Yamashiro, 300 Kilometer nördlich von Tokio, verlassen haben, halten sie an einem riesigen Einkaufszentrum, das von zwei vier Meter großen kopulierenden Betonschildkröten beherrscht wird.
Frauen mit sauberen weißen Schürzen führen die Männer durch Räume, in denen Kollektionen von Schlangen- und Schildkrötenpräparaten stehen, und sagen: "Wenn es gestern abend nicht geklappt hat oder deine Beine heute wanken, nimm diese Medizin!" Die Männer kaufen und verbeugen sich am Ausgang dankbar vor einem kleinen Tempel, der
den hilfreichen Schildkröten gewidmet ist.
Die Busse, welche die Betriebsausflügler zum heiligen Tempelbezirk von Ise fahren, legen einen obligatorischen Halt an einem Pornomuseum ein. Die größte Attraktion eines solchen Etablissements in Atami: eine Live Fuck Show von zwei Pferden.
Pornographie gibt dem täglichen Leben des Japaners eine Note, die kaum wegzudenken ist. Photos und Cartoons von vergewaltigten, gequälten und gevierteilten Frauen stehen in Zeitschriften, die Kinder ebenso wie Erwachsene unbefangen in der U-Bahn lesen. Oasen, deren einzige Themen Sex und Pornographie sind, blühen überall.
Anfangs hießen diese Orte "Turuko", wurden aber nach dem Protest eines türkischen Wissenschaftlers in "Soapland" - Seifenland - umgetauft. Daß man sich dort abseift und schwitzt, ist purer Vorwand, obschon in jedem Zimmer ein Holzzuber steht. Er bleibt unbenutzt.
Tokios Soapland-Gebiet liegt im alten Bordellviertel Yoshiwara. Im Soapland "Vatikan" tragen die "Assistentinnen" eine Nonnenkutte, im "Airline" sind sie Stewardessen.
Am Ufer des Biwa-Sees nördlich der alten Kaiserstadt Kioto versteckt sich ein vollständiges, kleines Soapland-Dorf namens Ogoto, das als "Paradies der Männer" galt, bevor die Angst vor Aids das Geschäft schwer schädigte. Obwohl es Ausländern seit Anfang 1988 verboten ist, die Dienste von Ogoto zu benützen, und noch kein einziger Aidsfall nachgewiesen wurde, bleiben inzwischen zwei Drittel der ehemaligen Kunden weg.
Hinter den schillernden Lichtreklamen der Soaplands - eines gleicht einer Moschee, ein anderes einem maurischen Fort, ein weiteres einem europäischen Schloß - ist "der Konkurrenzkampf entsetzlich geworden", sagt der Rausschmeißer vor dem Soapland "Cross". "Um zu überleben, müssen wir unseren Service dauernd verbessern. "Jeder Kunde wird deshalb beim Bezahlen gebeten, einen Fragebogen über die Qualität der Dienste seines Mädchens auszufüllen und Verbesserungsvorschläge zu machen.
Wer seine Partnerin schon mitbringt, geht in eines der berühmten "Love Hotels". Hier läuft die Liebe a la Orwell ab - alles automatisch, keine Menschenseele zu sehen.
Im Eingang sieht man sich die Farbdias der verschiedenen Zimmer an, drückt einen Knopf, dessen Beleuchtung anzeigt, daß es noch unbesetzt ist, und bekommt automatisch den Schlüssel.
Im Lift sagt die übliche Computerstimme: "Willkommen! Wir wünschen Ihnen schöne Stunden!" Dieselbe Stimme dankt, wenn man nach zwei Stunden wieder fortgeht. Die Rechnung kommt per Rohrpost aufs Zimmer und wird per Rohrpost bezahlt.
Die Architektur der Love Hotels verrät, wie sehr die Phantasie der Japaner in ihrer täglichen Arbeits- und Lebenswelt unterdrückt wird. Love Hotels können wie mittelalterliche Schlösser, wie Raumschiffe oder wie Nomadenzelte gebaut sein. Alle haben sie etwas Ungewöhnliches, Traumhaftes, Absurdes.
Eine Liebeshöhle, in Okayama, sieht wie ein Jumbo-Jet aus, eine andere ist eine Kopie des Schiefen Turms von Pisa. Eine, an der Autobahn zwischen Gifu und Osaka, gleicht einer Pyramide. In Tokios Meguro-Viertel steht, immer in blaues Licht gehüllt, die verkleinerte Kopie eines Schlosses, dessen Bauherr Bayerns Ludwig II. gewesen sein könnte, in der Nähe von Shizuoka ein Remake des Weißen Hauses zu Washington. Etliche Love Hotels ziert die amerikanische Freiheitsstatue auf dem Dach, manche krönt aber auch ein riesiger schwarzer Gorilla.
Sie tragen die einladendsten Namen, von "C'est la vie" bis "Utopia"; sie heißen "Amour", "Amore" oder "Liebe";
das Wort "weiß" ist einfallsreich vertreten: "White Castle", "Snow White" und natürlich "Pure White".
Als an der Autobahn zwischen Tokio und Yokohama ein neues Love Hotel eröffnet wurde, war es dem japanischen Besitzer unbegreiflich, daß der zur Einweihung geladene britische Botschafter sich weigerte, das rote Band zu durchschneiden. Das Hotel heißt "Queen Elizabeth" und ist wie ein riesiger Ozeandampfer gebaut.
Kein Love Hotel gleicht dem anderen. Alle aber haben sie breite Betten und geräumige Badezimmer - zwei Dinge, die kein Japaner zu Hause besitzt. Die Wand zwischen Schlaf- und Badezimmer ist meist aus Glas; der Partner im Bett kann per Fernsteuerung mit der Badezimmerbeleuchtung spielen.
In manchen Zimmern fühlen sich die Liebenden in ferne Zeiten und fremde Länder versetzt, in das Rom der Antike etwa oder das Japan der Samurai. Zu Liebe mit Dekor aus Nazi-Deutschland lädt ein Love Hotel bei Nagoya ein.
Die Zimmer in einem Love Hotel vor dem Bahnhof der Stadt Kumagaya vermitteln das Gefühl, man habe Tag und Nacht dort verbracht, statt nur zwei Stunden: Hinter den Fensterattrappen sieht man Morgenröte, Sonnenuntergang, Sternennacht und wiederum Morgenröte vorüberziehen.
Im Love Hotel "Prince of Cherryblossoms" in Osaka gleichen alle Zimmer der Praxis eines Frauenarztes. In einem für Tennisfans in Gifu ist ein Tennisplatz an die Decke gemalt. Hotels mit sado-masochistischem Dekor laden überall ein, eines der bekanntesten mitten in Tokio, gleich hinter der sowjetischen Botschaft.
Manche Love Hotels haben das Bett in einer riesigen Muschel versenkt, andere in einer Lokomotive, einem Mercedes, einem Karussell, im Dschungel oder in der Nachbildung der Staatskarosse untergebracht, in der Prinz Charles und Lady Diana zu ihrer Hochzeit fuhren.
Es gibt Betten mit Luft- oder Wassermatratzen, Betten, die hüpfen oder schaukeln, Betten mit 50 Lautsprechern, damit der Partner "die Musik tief im Körper verspürt", so die Hersteller; Betten mit akustischen Sensoren, die rote Lichter aufblinken lassen, wenn die Freudenschreie des Mädchens eine gewisse Intensität erreicht haben, während die übliche japanische Computer-Stimme sagt: "Bravo! Du hast es geschafft! Mach so weiter!"
"Liebe soll Spaß machen, sonst ist es keine Liebe", sagt Shin Ami, der Leiter eines 50köpfigen Designerteams, das sich auf Love Hotels spezialisiert hat. Vor zehn Jahren entwarf Architekt Ami Kindergärten. Jetzt entwirft er, wie er sagt, die "Träume für Erwachsene".
In jedem Zimmer eines Love Hotels, egal welchen Stils, steht ein Fernseher mit mindestens zwei Kanälen für Pornofilme, manche verfügen auch über eine Videokamera samt -recorder, neuerdings sogar mit der Garantie, daß das aufgenommene Sexspiel nach Verlassen des Hotels automatisch gelöscht wird: Ein Politiker, der mit seiner Sekretärin zu Gast war, fand auf dem Recorder seine Frau beim Sex mit einem Nachbarn.
Love Hotels sind Big Business. Zu den Besitzern gehören Banken, Lebensversicherungen und sogar shintoistische sowie buddhistische Tempel. Ihr ökonomischer Vorteil liegt darin, daß dasselbe Zimmer an einem Tag mehrmals vermietet werden kann, sofern es nach Benutzung schnell wieder in Ordnung gebracht ist.
Durchschnittlich dauert das zehn Minuten, aber das Love Hotel "The Scene" in Yokohama hat diese Zeit auf vier Minuten reduziert: Geht ein Paar fort, verschwindet das benutzte Bett auf Knopfdruck in der Wand und ein neues, frisches rückt an. "The Scene" hat es geschafft, jedes Zimmer im Laufe von 24 Stunden mit sechs Paaren zu belegen.
"Wichtig ist, daß das Love Hotel nicht wie ein Bordell aussieht", sagt Innenarchitekt Shin Ami. "Love Hotels sollen Orte sein, von denen ein Kind sagt: "Da möchte ich auch hin, wenn ich groß bin!"
Einige neue Love Hotels sind denn auch familienfreundlich, haben etwa einen Raum, in dem Kinder spielen können, während die Eltern sich entspannen.
In ganz Japan bieten rund 40 000 Love Hotels ihre Dienste an, davon allein 3500 in Tokio. Sie erfüllen für die am
Arbeitsplatz gestreßten Japaner, die zu Hause kaum Raum und, wegen der dünnen Wände, wenig Intimität haben, eine gesellschaftliche Funktion.
Und die technische Finesse begeistert sie. Der Wirtschaftler Hiroshi Takeuchi, Direktor der Studienabteilung der Long Term Credit Bank of Japan, lobte "die wunderbaren technologischen Fortschritte der japanischen Vergnügungsindustrie" sowie die Tatsache, daß "nach internationalem Standard die japanischen Sexspielzeuge den in anderen Ländern hergestellten weit überlegen sind".
Das Love Hotel entspricht aber auch der typisch japanischen Neigung zum Rollenwechsel: Es ist nicht Wirklichkeit, sondern Theater, in dem das Paar die Rolle von Liebenden spielt. Alles ist gefälscht, von den griechischen Gipssäulen bis zu dem Blick aus den Fenstern, die den Eindruck vermitteln, in Holland oder im Weltraum zu sein. Das Love Hotel ist einer der Fluchtorte, die dem Japaner das Leben erträglich machen.
Er braucht eine ganze Auswahl davon, etwa "Pachinko", die spezifisch japanische Art des Flipper-Spiels. In den Pachinko-Häusern sitzen Reihen regungsloser Japaner Stunde um Stunde in einer bläulichen Zigarettenrauchwolke und starren wie gebannt auf die Stahlkugeln der Flippermaschinen, die ohne Unterlaß kreischen und brüllen.
In den USA in den dreißiger Jahren geboren und nach dem Krieg in der japanischen Stadt Nagoya wiederauferstanden, war Pachinko ursprünglich ein billiges Kinderspiel.
Heute rattern in den etwa 14 000 Pachinko-Spielhäusern Japans insgesamt 3,4 Millionen Maschinen, doppelt so viele wie noch vor sechs Jahren. Nach Schätzungen geben die Japaner für das Pachinko-Spiel doppelt soviel aus wie für die Verteidigung des Landes.
Pachinko ist zum Freizeitsymbol der erwachsenen Japaner, zu einer Art Nationalkult geworden. Vom Pachinko sagen sie stolz, es sei so urjapanisch, daß Ausländer es nicht verstehen könnten.
"Wenn die Lichter der Maschine angehen und die Kugeln in meinen Teller prasseln, habe ich das Gefühl von Katharsis. Das ist Vergnügen. Wirkliches Vergnügen!" sagt Anri Okada, eine Frau, die über Pachinko Romane schreibt.
"Vor einer Pachinko-Maschine kann ich alles vergessen. Es gibt nichts Besseres gegen Streß", jubelt Takako Doi, Generalsekretärin der Sozialistischen
Partei, als sie mit dem "Pachinko-Kulturpreis" geehrt wurde.
Ellbogen an Ellbogen mit Dutzenden von Menschen sitzend, fühlt sich der Japaner in "gemeinschaftlicher Einsamkeit".
Im donnernden Prasseln der Kugeln, dem Heulen der Maschinen, dem höllischen Lärm der Lautsprecher, angespornt von harter Militärmusik und unter grellem bläulichen Neonlicht, das jedes Gefühl für Tag oder Nacht verwischt, so erreicht der Japaner offenbar einen Zustand vollkommener Gelöstheit.
Japan ist nicht nur eine effiziente, furchterregende Produktionsmaschine, es ist zugleich auch ein riesiger Vergnügungspark. Einer der Gründe für seinen wirtschaftlichen Erfolg liegt wahrscheinlich darin, daß der wichtigste Stützpunkt dieses Systems - der durchschnittliche Japaner - so gehorsam, diszipliniert und fleißig arbeitet, weil er seine Frustrationen durch den leichten Zugang zu dem weitverzweigten Traumreich kompensieren kann. Er weiß, daß es rund um ihn herum lauter angenehme Fluchthöhlen gibt, in die er sich verkriechen kann.
So erklärt sich, daß die Vergnügungsindustrie das neue Schlachtfeld geworden ist, auf dem die traditionellen Großbetriebe Japans um ihren Anteil kämpfen.
Alte Konzerne wie Mitsubishi, Mitsui und Marubeni sind dabei, neue Erzeugnisse wie Filme und Shows zu produzieren. Eine Ölgesellschaft, Cosmos Oil, hat kürzlich einen Vergnügungspark eröffnet.
Sumitomo Metal baut - in neugotischem Stil - ein exklusives Vergnügungs- und Fitneßzentrum, das den vielversprechenden Namen "Babylon" trägt. Nippon Kokan, fünftgrößte Stahlfirma der Welt, hat eine neue Tochtergesellschaft names Companion Service gegründet. Sie liefert unter anderem "Freunde" an Interessenten, die eine Party geben wollen, denen aber die Gäste dazu fehlen.
Andere Firmen liefern nur die lärmenden Pachinko-Maschinen in immer neuen Variationen, ein schier uferloser Markt. Japans jüngste und erfolgreichste Dichterin, Tawara Machi - ihr Gedichtband "Salatgedächtnistag" hat eine Auflage von 2,4 Millionen erreicht - hält Pachinko für so erfolgreich, weil es wie eine Darstellung des Lebens sei.
"Ich betrachte die Kugeln, die herunterfallen, und fühle mich wie sie."
Von Tiziano Terzani

DER SPIEGEL 36/1988
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