25.04.1988

WIRTSCHAFT„Komplett von Springer trennen“

Der fintenreiche Erbstreit um den größten deutschen Zeitungsverlag endete mit der wohl letzten Überraschung: Der Springer-Konzern gehört wieder den Springers. Im Schluß-Coup des Wechselspiels sicherte sich Axel Springers Familie die Aktienmehrheit von den Burdas, die ihren Partner Leo Kirch sitzenließen. *
Zu viert rückte die Springer-Crew am Dienstag letzter Woche bei den Burdas in Baden-Baden an. Damit war klar, daß sich das Quartett aus Vorstand und Aufsichtsrat mehr ausrechnete als nur einen neuen Eigentümer-Pakt mit den Brüdern Franz und Frieder Burda, die am Axel Springer Verlag beteiligt waren.
Von morgens um zehn bis in die Abendstunden dauerten die Verhandlungen. Selbst in der Mittagszeit gönnten sich die Unterhändler in der Jugendstilvilla der F & F Burda KG nur kalte Häppchen. Dann war die Überraschung perfekt: Die Familienerben Axel Springers übernahmen das Aktienpaket des Burda-Duos, 26 Prozent am Springer-Verlag, und waren wieder allein Herr im Haus von "Welt", "Bild" und "Hörzu".
"Hast du dich schon ausgeruht?" fragte Verlegerwitwe Friede Springer ihren Freund und Berater Ernst Cramer, 75, am nächsten Morgen. Denn erst gegen Mitternacht war Cramer in Berlin gelandet und hatte bis spät in die Nacht mit Frau Friede, 45, telephoniert. Sie war mit dem Baden-Badener Ergebnis "sehr zufrieden" und "absolut einverstanden".
Die Nachlaßverwalter hatten eine fast schon verloren geglaubte Partie binnen zehn Stunden umgedreht. Bis dahin waren die Burdas noch mit dem Münchner Filmgrossisten Leo Kirch verbündet, mit dem sie Anfang März heimlich einen Pool abgeschlossen und die gemeinsame Mehrheit bei Springer angestrebt hatten. Nun setzten die Burda-Brüder und die Springer-Abgesandten ihre Unterschrift unter die Verträge.
Damit holten die Testamentsvollstrecker Bernhard Servatius und Cramer die ausschlaggebende Beteiligung, die der 1985 gestorbene Konzerngründer an die Burdas verkauft hatte, in die Springer-Familie zurück. Sie sichert den Erben die Aktienmehrheit in Deutschlands größtem Pressekonzern, rund 53 Prozent.
Nun zeigte sich auch, warum Verlagschef Peter Tamm und sein Vorstandskollege Erhard van Straaten in die Parkvilla der Burdas mitgekommen waren. Denn der Aufsichtsratsvorsitzende Servatius wollte vollendete Tatsachen schaffen und den Burda-Anteil sofort in den Besitz der Springers übernehmen.
Ein rechtsgültiges Indossament aber, der Übertragungsvermerk hinten auf den Aktien, muß bei den vinkulierten Namensaktien des Springer-Verlags von Vorstand und Aufsichtsrat gemeinsam abgezeichnet werden. So geschah es dann auch, und damit wurde an Ort und Stelle die Übertragung der Anteile von den Burda-Brüdern auf Axel Springers Hinterbliebene vollzogen: auf Witwe Friede, Tochter Barbara, 52, Sohn Nicolaus Raimund, 26, sowie die Enkel Ariane, 25, und Axel Sven, 22, die Kinder des toten Springer-Sohns Axel.
Bis zu diesem Augenblick, der im konservativen Springer-Verlag als "Sieg der Vernunft" ("Hamburger Abendblatt") gefeiert wird, war es bei den Auseinandersetzungen um das Erbe seit Jahren wie beim "Mensch ärgere dich nicht" zugegangen. Jedesmal wenn eine der rivalisierenden Gruppen dicht vor der Machtübernahme stand, wendete sich das Spiel abrupt, und der Wettlauf begann von vorn. Mit den Burdas ist nun auch Filmhändler Kirch aus dem Rennen, der gerade noch wie der sichere Sieger aussah (SPIEGEL 16/1988).
530 Millionen Mark bringt der Aktienhandel den beiden Burda-Brüdern in die Kasse, ein Paketzuschlag wurde wegen des ohnehin günstigen Tageskurses nicht erhoben. Damit haben Franz und Frieder den Burda-Einsatz von 255 Millionen Mark, die das Paket einst gekostet hatte, in gut fünf Jahren mehr als verdoppelt.
Die Springer-Erben hatten sich für den Ankauf gewappnet. "Wir werden unser Vorkaufsrecht wahrnehmen", bestätigte Friede Springer schon vor Wochen, als sich bei den Burdas Verkaufsabsichten verdichteten.
Damals planten die "F-Brüder" (Branchenkürzel) noch ohne die Springers. _(Auf der Hauptversammlung der ) _(Springer-Aktionäre am 6. August 1987 in ) _(Berlin. )
Sie wollten eine Vierergruppe mit je 13 Prozent auf die Beine bringen und dafür die Hälfte ihres Anteils verkaufen. Das hätte ihnen mindestens den Kaufpreis für ihr Paket eingebracht und unternehmerischen Einfluß bei Springer über den Viererpool gesichert.
Der Plan zerschlug sich, zumal Pool-Partner Kirch schnell zu erkennen gab, daß er die Begrenzung seines eigenen Anteils nicht hinnehmen wollte. Für diesen Fall hatte Frieder Burda Ende März orakelt, daß er sich "noch immer mit dem Nachlaß einigen" könne.
Schon Mitte letzten Jahres begannen die Nachlaßverwalter, um die Kasse zu füllen, sich von Sachanlagen, etwa Grundvermögen im Ausland, zu trennen. Auf Notverkäufe mit knappen Fristen konnten sie verzichten, weil ihnen eine Reihe von Banken ihre Dienste angeboten haben. Ob die Familie noch einmal ihr Hausinstitut, die Deutsche Bank, in Anspruch nimmt, deren Konzept einer gesicherten Springer-Nachfolge so eklatant versagt hat, ist "fraglich" (Servatius).
Die Erben müssen einen hohen Aufpreis dafür zahlen, daß Axel Springer ihnen die Rolle als Verlagseigentümer nicht zugetraut hatte. Denn als "verlegerische Erben" erkor er die Burdas, die nur deshalb ihr Paket zu günstigen Konditionen erhielten. Doch nach der Trennung von ihrem Bruder Hubert, der Anfang 1987 den väterlichen Verlag ("Bunte", "Freundin", "Bild + Funk") allein übernahm, waren die bei Springer verbliebenen Franz und Frieder Burda den Ruf unsicherer Kantonisten nicht mehr losgeworden, die nur einen guten finanziellen Schnitt machen wollten.
Nur den halben Anteil zu verkaufen, wie im Pool mit Kirch geplant, schien den beiden Brüdern zuletzt nicht mehr sinnvoll. Denn mit 13 Prozent hätte sich ihr Einfluß neben den Springer-Erben, die rund 27 Prozent besaßen und die anderen 13 Burda-Prozente dazu haben wollten, gegen Null bewegt.
In diesem Fall, sagte Frieder Burda schon im März, seien sie praktisch gezwungen, sich "komplett von Springer zu trennen" - was sie nun auch taten. Daß den beiden der Nervenkrieg der letzten Wochen gegen ihr "Syndikat" mit Kirch erheblich zugesetzt hatte, machte ihre Erklärung deutlich: "Eine unfreundliche Übernahme nach amerikanischem Muster, die in den letzten Wochen in der Öffentlichkeit diskutiert wurde, ist für Franz und Frieder Burda völlig ausgeschlossen."
Die Springer-Erben hatten die Psycho-Partie mit markigen Worten angeheizt: Die Burdas, so der Vorwurf, planten einen "Ausbruch" aus der von Axel Springer gewollten "Ordnung". Die Springer-Blätter, klagten die Burdas, würden "rücksichtslos gegen Hauptgesellschafter" eingesetzt. Die Erklärungen der Erben wurden breit, die Burda-Kirch-Versionen nur knapp oder gar nicht gedruckt.
Die Springer-Gruppe spürte bald, daß ihre Kampagne bei der Gegenseite Wirkung zeigte. Die Testamentsvollstrecker boten den Brüdern einen Pool an; das Bündnis mit Kirch sei ohnedies hinfällig. So kam der Dienstag-Termin in Baden-Baden zustande, zu dem sich die Springer-Vertreter schließlich mehr als einen Pakt ausrechneten. Sie behielten recht.
Ihren Syndikatsfreund Kirch ließen die Burdas, wie vorher im umgekehrten Fall auch den Springer-Trupp, einfach sitzen. Die Brüder gehen davon aus, daß der Pool mit ihm von Anfang an ungültig sei - etwa deshalb, weil der Vertragszweck der Mehrheitsbeschaffung nicht erreicht wurde.
Der Kontrakt ende, so heißt es darin, "wenn der Aktienbestand der Vertragsparteien unter 52 Prozent sinkt". Kirch-Anwalt Joachim Theye aber hatte dem Bundeskartellamt erst Anfang April erläutert, daß sein Mandant von der erforderlichen Stückzahl noch weit entfernt sei. Er ist es nun weiter denn je. Denn bei Springer hat sich die Absicht "verdichtet", wie es im Konzern heißt, ihm die Erhöhung seines Zehn-Prozent-Anteils zu verweigern.
Einspruch gegen den Ausverkauf durch das Duo kam vom dritten der Brüder, Hubert Burda. Der "Bunte"-Verleger macht seit längerem ein Vorkaufsrecht an der Springer-Schachtel geltend, das er "mit seinen Brüdern vereinbart" habe. Er hätte seinerzeit ohnehin lieber die Springer-Beteiligung übernommen, um dort die Führung anzutreten, und den väterlichen Verlag den Brüdern überlassen, die sich aber umgekehrt entschieden.
Beraten von seinem Geschäftsführer Jürgen Todenhöfer und von Eberhard von Brauchitsch, früher Springers Generalbevollmächtigter (siehe auch Seite 112), beruft sich Bruder Hubert auf ein juristisches Gutachten über sein Vorkaufsrecht. Die Brüder Franz und Frieder pochen auf ein Gegengutachten.
Noch vor kurzem vereinbarten die Kontrahenten, den Streitfall von einem Schiedsgericht klären zu lassen. Als nächstes bekam der überraschte Hubert zu hören, die Aktien seien an die Springers verkauft. Unverkennbar ist, daß Hubert Burda den Umgang seiner Brüder mit dem Erbe mißbilligt, das ihnen Axel Springer einst anvertraut hatte.
Das Bundeskartellamt teilte letzte Woche bereits mit, daß es dem Verlagseigentümer Hubert Burda die vollen 26 Prozent bei Springer keinesfalls zubilligen würde. Servatius mißt der neuen Burda-Forderung auch sonst "keine Bedeutung" bei.
Der Springer-Verlag wieder im Besitz der Springers - das bedeutet für die Testamentsvollstrecker vor allem "die Sicherung von Axel Springers Vermächtnis". Die fünf Erben stimmten dem Paketkauf am Freitag letzter Woche in Hamburg einmütig zu. Die "Fortführung von Springers Geist sehe ich bei uns in besseren Händen als in denen der anderen", sagt Ernst Cramer. Gleichwohl erkennt er auch Kirch und die Burdas als "konservative Gruppierungen" an, denen "wir grundsätzlich nahestehen".
Über allem Hickhack der Eigner sind sich die Macher denn auch treu geblieben. Unverdrossen drucken die Springer-Blätter die DDR in Gänsefüßchen, weil sich der Konzernherr zeitlebens weigerte, "die Anführungsstriche für obsolet anzusehen".
Wie in den besten Zeiten der sozialliberalen Koalition sieht sich etwa der liberale Außenminister Hans-Dietrich Genscher von Springer-Journalisten als Kommunistenfreund verdächtigt. Der Kreml, schrieb die "Welt am Sonntag" ("Herausgeber: Axel Springer, Ernst Cramer") Mitte April, könne "unter deutschen Außenpolitikern kaum einen verständnisvolleren Zuhörer und Weiterverbreiter finden als Genscher - mit möglicher Ausnahme von Egon Bahr". Genscher riskiere den Vertrauensverlust der USA und das "Ende aller Sicherheit".
Das Erbe ist in guten Händen, Springer bleibt Springer.
Auf der Hauptversammlung der Springer-Aktionäre am 6. August 1987 in Berlin.

DER SPIEGEL 17/1988
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