25.04.1988

FLICKArt Vaterfigur

Weil ihm seine Neffen das Milliarden-Vermögen streitig machen, greift Ex-Konzernherr Friedrich Karl Flick auf seinen gefeuerten Adlatus zurück: Eberhard von Brauchitsch. *
Die Gegend am Zürichberg ist eine der besten Adressen in ganz Europa. Dort liegen das Dolder Grand Hotel, wo Henry Kissinger gern absteigt, und andere Immobilien von gediegener Solidität. Wer hier lebt, will Diskretion.
Das gilt vor allem für einen kürzlich Zugezogenen in der Titlisstraße Nummer 37, einer rundum gesicherten Residenz am Dolderhang. Das Glockenschild trägt nur zwei Buchstaben, mit denen in der Schweiz kaum einer etwas anfangen kann. Doch in der Bundesrepublik sind sie zum Begriff geworden: v.B.
Der frühere Flick-Majordomus Eberhard von Brauchitsch, 61, firmeninternes Kürzel v.B., hat mit seiner Frau Helga das neue Domizil bezogen. Der Manager, der mit seiner "Pflege der Bonner Landschaft" zur Symbolgestalt der gekauften Republik wurde, wagt aus der Stadt der Nummernkonten einen Neuanfang. Seine Talente sind wieder gefragt, er ist ganz oben dabei. "Ich will meine
Erfahrungen weitergeben", so Brauchitsch schon vor zwei Jahren, "als Berater und eine Art Vaterfigur."
In dieser Rolle ist er erstmals bei dem Verleger Hubert Burda aufgetreten. Offiziell kümmert sich Brauchitsch ums Ostgeschäft, die Verbreitung von "burda moden" im Ostblock. Immerhin war er schon mal im Pressegeschäft, als Generalbevollmächtigter von 1971 bis 1973 und 1983 bis 1985 als Berater bei Axel Springer. Hubert Burda schätzt den Edelmann inzwischen als Ratgeber in allen Lebenslagen.
Zu einem zweiten Industrie-Erben hat der Abkömmling einer schlesischen Adelsfamilie wieder einen guten Draht, er steht einem milliardenschweren Ex-Industriellen zur Seite: seinem früheren Chef Friedrich Karl Flick (Kürzel: FKF), der Brauchitsch 1982 kurzerhand die Tür gewiesen hatte.
Der wohlhabendste Deutsche macht schwere Zeiten durch. Familienmitglieder trachten nach seinem Besten, dem Geld. Eigentlich müßte es zum Abgeben reichen. Sein Unternehmen hat Flick für 5,3 Milliarden Mark, leider brutto, an die Deutsche Bank verkauft und rund 1,6 Milliarden Mark, netto, an den Fiskus gezahlt.
Die Enkel des Firmengründers Friedrich Flick, Gert-Rudolf ("Muck"), 44, und Friedrich Christian ("Mick"), 43, die 1975 mit ihrer Schwester Dagmar für 308,5 Millionen Mark Abfindung aus der Firma gedrückt worden waren, machen ihrem Oheim FKF die Milliarden streitig. Sie hatten zwar nach dem Verkauf von der Flick KG als "Ausgleichszahlung" noch 225 Millionen Mark erhalten, aber das erscheint ihnen unzureichend. Deshalb prüfen sie, ob sie vor Gericht auch vom Onkel Geld herausholen können - es geht um rund eine Milliarde Mark.
Die promovierten Juristen werfen FKF vor, er habe beim Verkauf gegen die Auflage des Firmengründers verstoßen, das Unternehmen "so lange als irgend möglich im Besitz der Familie zu halten". Sie verlangen zumindest eine neue Verteilung des großväterlichen Erbes, FKF hingegen fordert im Gegenzug die 225 Millionen Mark zurück.
Bei der rechtlichen Auseinandersetzung spielt eine Rolle, unter welchen Umständen Mick und Muck abgefunden und ob sie, wie die beiden behaupten, trickreich rausgedrängt wurden. Die Verhandlungen mit den Neffen führte damals Eberhard von Brauchitsch.
Von Bedeutung ist auch, ob FKF tatsächlich verkaufen mußte und ob er so wenig Einfluß und Überblick in seinem eigenen Konzern hatte, wie er gern behauptet. Mick und Muck suchen deshalb zu belegen, was Staatsanwälte nicht konnten: FKF soll die Spendenpraktiken im Detail gekannt haben.
Diesen Streit kann der scheue Flick ohne seinen einstigen Adlatus Brauchitsch nur schwer überstehen. Längst verteidigt Brauchitsch in Gesprächen seinen früheren Chef gegen die Vorwürfe der Neffen und ist von FKF für den in Frankfurt schwebenden Prozeß als Zeuge benannt worden.
Die Liaison gibt selbst engen Freunden der ungleichen Partner Rätsel auf. Die Schulfreunde, so sah es aus, hatten sich wegen der Parteispenden-Affäre seit 1982 immer weiter zerstritten. Damals, die Staatsanwälte ermittelten schon ein Jahr gegen Brauchitsch und hatten auch den Konzernchef im Visier, räumte Flick seine Zentrale mit einem Kahlschlag aus - angeblich ohne Vorankündigung erhielt Brauchitsch die Kündigung. Die Säuberungsaktion gehörte zur Verteidigungsstrategie: Die Rausschmisse sollten zeigen, daß Flick mit der Spendenaffäre nichts zu tun habe.
So kam der Sohn, der sich in den Schuhen des Vaters verloren hatte und nichts mehr als eine Verurteilung fürchtete, ungeschoren davon. Sein Adlatus wurde wegen Steuerhinterziehung in Höhe von 16,8 Millionen Mark zu zwei Jahren Freiheitsstrafe auf Bewährung und 550 000 Mark Buße verurteilt.
Rätselhaft blieb bis zuletzt, warum Brauchitsch niemals erklärte, er habe bei den Geld-Transfers auf Anweisung Flicks gehandelt. Vertraute von einst wollen wissen, daß das Verhältnis zu Flick selbst in den schlimmsten Zeiten so schlecht gar nicht war. Ein Beleg dafür ist ein Satz, den Brauchitsch gegenüber dem "Zeit" -Autor Ben Witter, kurz vor dem Parteispenden-Urteil, äußerte: "Hätte ich mich retten wollen, stünde ich nicht vor Gericht. Aber merkwürdig: Ich bin kein Rachetyp."
Immerhin bezog Brauchitsch von Flick eine stattliche Pension, die angeblich bei 600 000 Mark jährlich lag. Zum 60. Geburtstag schrieb er FKF voriges Jahr einen Glückwunsch. Und in Mettmann-Metzkausen hatten die Brauchitschs in einem Flick-Haus ein lebenslanges Wohnrecht. Doch erst seit seinem Wechsel nach Zürich, wo er sich noch nicht angemeldet hat, lebt der Manager wunschgemäß unbehelligt. Tochter Bettina studiert dort. Und vielleicht sind die Brauchitschs auch nur die Vorhut.
Denn Friedrich Karl Flick kommt mit seinen 180 Millionen Mark Zinseinnahmen (brutto) jährlich nicht aus, weil er sich und seine mehr als 100 Angestellten vom Leibwächter bis zum Zahlmeister versorgen muß. Er denkt, so wissen Freunde, darüber nach, ob er nicht Schweizer Steuerbürger werden soll. Dann ließe sich von den Zinsen leben.

DER SPIEGEL 17/1988
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