28.03.1988

FUSSBALLDeutscher Ochse

Lajos Detari, ungarischer Ballkünstler bei Eintracht Frankfurt, leidet unter Neid und Mißgunst der Kollegen. *
Über diesen Dialog lachen die Fußball-Profis von Eintracht Frankfurt seit Monaten immer wieder herzhaft: "Du ungarische Paprika", sagt Kapitän Karl-Heinz Körbel zu Lajos Detari, worauf der entgegnet: "Sei still, du kleiner deutscher Ochse."
Derartige Umgangsformen sind unter Arbeitskollegen in der Bundesliga keinesfalls ungewöhnlich, Sportreporter kommentieren diese Art von Humor gern mit den Worten: "Es blüht der Flachs." Auch Lajos Detari, 24, zu Saisonbeginn von Honved Budapest für 3,5 Millionen Mark Ablöse nach Frankfurt transferierter ungarischer Nationalspieler, empfand das nach eigenem Bekunden als "nicht schlimm".
Doch seit Samstag vorletzter Woche hat er davon "die Nase voll". Bis auf wenige Ausnahmen, darunter den vom Hamburger SV gekommenen Ex-Nationaltorhüter Uli Stein, so beklagte sich Detari, habe er in der Frankfurter Mannschaft keine Freunde. Einmal in Rage, stellte er den Spielkameraden auch ein nicht gerade vorteilhaftes berufliches Zeugnis aus: "Alles kleine Amateure."
Zu der Erkenntnis hatte ihn ein vergleichsweise läppischer Vorgang gebracht. Zum Training am Donnerstag vor dem Bundesligaspiel gegen den FC Bayern München hatte Detari spezialgefertigte Fußballschuhe angezogen. Die waren rot-weiß-grün gehalten, die Nationalfarben der Ungarn. Als die Profi-Kollegen das mitbekamen, schüttelten sie sich vor Lachen, und Detari war beleidigt: Er sei doch "so stolz auf mein Land", was hier aber offenbar keiner begreifen könne.
Dabei waren die bunten Schuhe nur die Initialzündung eines Konflikts, der schon lange schwelte. Was Detari in Frankfurt widerfuhr, ist Bundesliga-Alltag: Wann immer sich einer durch exzellente Leistungen aus der grauen Masse der 370 Profis herausspielt, bekommt er Neid und Mißgunst der geschlossenen Ellenbogen-Gesellschaft zu spüren.
Wie Sören Lerby, der 1983 zum FC Bayern kam und von Karl-Heinz Rummenigge geschnitten wurde, weil er dem die Starrolle im Team streitig zu machen drohte. Oder der Japaner Yasuiko Okudera, ein erstklassiger Fußballspieler,
den seinerzeit nur die Autorität des Trainers Hennes Weisweiler davor bewahrte, an den Witzchen seiner Mitspieler beim 1. FC Köln zu scheitern.
"Einige müssen froh sein, daß sie mit Detari Fußball spielen dürfen", sagte Frankfurts Trainer Karl-Heinz Feldkamp, und er fügte noch hinzu: Er sehe den Tag kommen, an dem "ohnmächtige Zuschauer mit Blaulicht aus dem Stadion transportiert werden, wenn Lajos seine Gegner schwindlig gespielt hat".
Lobeshymnen dieser Art auf den Star haben in Bundesligateams noch immer Spuren hinterlassen. Die meisten der Frankfurter Profis fühlten sich denn auch prompt zurückgesetzt, glaubten, sich gegen die vermeintliche Bevorzugung eines einzelnen wehren zu müssen. Weil dies angesichts Detaris Klasse auf dem Platz fachlich nicht möglich war, taten sie es, indem sie den ungeliebten Primus wegen seines Schuhwerks verhöhnten.
Lange hatten sie es nicht nötig gehabt, sich so zu wehren. Weil Ungarns Fußballer des Jahres 1985 zunächst Eingewöhnungsprobleme hatte, delektierten sich seine Kollegen an Negativ-Schlagzeilen über den Spieler, der in 25 Jahren Bundesliga die höchste Ablösesumme gekostet hatte. Da wurde Detari als "Lachnummer der Bundesliga", als "Ungarischer Stehgeiger" oder als "Millionen-Flop" abqualifiziert.
Selbst beim gemeinsamen Essen tuschelte das Gros der Frankfurter Profis, ob Detari die Millionen überhaupt wert sei. Der Ungar spürte die Mißgunst, schwieg oder sprach von "Umstellungsproblemen auf den schnellen Bundesliga-Fußball". Im kleinen Kreis aber klagte er, um so zu reden, müßten Fußballer in Ungarn "erst mal richtig mit dem Ball umgehen können".
In der Bundesliga wird die Hackordnung in den Klubs nicht allein durch die Leistung bestimmt. Rhetorisches Geschick und Verdienste alternder Stars spielen eine ebenso große Rolle, das Hauen und Stechen um die Position des Platzhirsches ist permanent.
In Frankfurt entzündete sich die Mißgunst der anderen schon daran, daß Detari das Trikot mit der Nummer 10 erhielt, Insignum des Spielmachers. Einen Sonderstatus wie Alfred Pfaff oder Jürgen Grabowski, den Eintracht-Idolen früherer Jahre, mochte dem Gastarbeiter aus dem Ostblock niemand zugestehen.
Als jetzt Detari nach seiner Leistungssteigerung "vom Fehleinkauf zum Superstar" ("Sport-Bild") aufstieg und der Ungar den Medienrummel genoß, wurde der Neid offenkundig. Was Detari, der sich gern "Doeme" nennen läßt, "weil dies meine Frau Andrea so lieb sagt", überhaupt nicht verstehen kann. "Warum tun das die Deutschen?" fragt der Ungar, der seine farbigen Schuhe schon in der Halbzeit des Bayernspiels für immer wieder auszog, "ich lache doch auch nicht, wenn die aus zwei Metern das Tor nicht treffen."

DER SPIEGEL 13/1988
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