08.08.1988

„I bin praktisch der erste Übeltäter“

SPIEGEL-Redakteur Heinz Höfl über den neuen CSU-Generalsekretär Erwin Huber *
Wenn Erwin Huber, 42, am Wochenende auf der nagelneuen Autobahn München-Deggendorf heim nach Niederbayern fährt, dann kommt er kurz hinter dem mittelalterlichen Landshut am Kühlturm des jüngst in Betrieb gegangenen Kernkraftwerkes Isar 2 vorbei - einem Riesending, das die ganze Umgebung dominiert und erdrückt. Doch Huber empfindet beim Anblick des Monstrums "durchaus auch einen ästhetischen Reiz".
Wenn er dann daheim in Reisbach einen Kohlrabi aus dem Gartenboden zieht, könnte er die Rauchfahne des Kühlturms, die unübersehbar wie ein unheildrohender Atompilz über der niederbayrischen Hügellandschaft steht, immer noch bequem sehen. Doch er nimmt sie gar nicht wahr oder "nur vereinzelt an ganz klaren Tagen". Huber: "Dös ist doch nur a Wasserdampf, und Wolken drücken mir net aufs G''müt."
Wenn so einer mit so einem Gemüt als CSU-Abgeordneter in den Bayerischen Landtag einrückt, muß er geradezu zwangsläufig Vorsitzender des Umweltausschusses werden. Kein anderer konnte den 204 bayrischen Volksvertretern nach dem Super-GAU von Tschernobyl so einfach und eingängig klarmachen, "daß unsere Kernkraftwerke mit denen der Russen nicht vergleichbar sind", "der Ausstieg aus der Kernenergie ökologisch schlimme Folgen hätte" und "das Risiko Kernenergie ein kleines und damit verantwortbares darstellt".
Solch freistaatstragende Thesen machten den damaligen CSU-Fraktionsvorsitzenden und CSU-Generalsekretär Gerold Tandler und auch den Ministerpräsidenten und CSU-Chef Franz Josef Strauß auf das Talent des Nachwuchspolitikers aufmerksam. Und weil sich der Novize aus Niederbayern so überaus rasch vom ahnungslosen Kommunalpolitiker ("Für mich war der Ausdruck Becquerel bis dahin unbekannt") zum Kernkraft-Experten der Fraktion gemausert hatte und seine Ansichten zu der komplizierten Materie "als einziger ohne Manuskript" vortrug, war er bald zu Höherem ausersehen: Letztes Jahr wurde er designierter, letzten Mittwoch richtiger Generalsekretär der CSU - eine Spätfolge von Tschernobyl.
Dabei wurde dem unehelichen Sohn einer bäuerlichen Tagelöhnerin, die heute, 80jährig, in der Nachbarschaft bei einem älteren Halbbruder Erwins lebt, "die Politik net in d''Wieg''n g''legt". Huber: "I bin praktisch der erste Übeltäter der Familie, der aus einem anständigen Leben aussteigt in die Politik."
Seine ersten öffentlichen Auftritte hatte der Aussteiger als Ministrant in der St.-Michaels-Kirche zu Reisbach. "Ministrant, Oberministrant, Abgeordneter", ironisiert Huber den Beginn seiner Laufbahn, "eine typische bayrische Karriere". Dabei hat der junge Meßdiener hinter den Kirchenkulissen, in der Sakristei, durchaus "gelegentlich g''rauft oder an Schluck Meßwein trunka".
Pfarrer Alois Eberl nahm''s dem Raufbold nicht weiter übel und übergab ihm die Führung einer Jung-Kolping-Gruppe, später die Kolpingfamilie Reisbach. Huber war "mit Leib und Seele dabei", denn "da muß sich der Mensch bewähren" in, so reiht er auf, "Religion, Beruf, Familie und als Staatsbürger".
Das politische Schlüsselerlebnis aber hatte der Kolpingbruder - wie konnte es in Niederbayern anders ein - bei einer Maß Bier und Blasmusik in einem Bierzelt in Ruhstorf. Dort sprach Franz Josef Strauß, und der "Eindruck war nachhaltig". Huber drängelte nach vorn und holte sich gleich zwei Autogramme, die er noch heute wie Reliquien in einem Photoalbum aufbewahrt.
Von da an war es um den frommen Knaben endgültig geschehen. Er trat der Jungen Union bei und erlebte bald die Schlingerbewegungen einer großen Partei. 1966 setzte er sich vehement für die althergebrachte Konfessionsschule ein - und wurde später vom CSU-Volksbegehren für eine Gemeinschaftsschule links überholt. Und weil er für ein Kindergartenprojekt allzu leichtfertig auch eine Gewerbesteuererhöhung in Kauf nehmen wollte, wurde er von den Honoratioren der Partei sogar mit einem Parteiausschlußverfahren überzogen.
Der Orthodoxe aus dem Vilstal, der "an den Studentenunruhen von 1968 weder mittelbar noch unmittelbar beteiligt" war, sondern in jenem Jahr lieber (als Bester Bayerns) die Steuerinspektorenprüfung ablegte, hat auch überraschend unorthodoxe Seiten: Er verabscheut die Blasmusik in Bierzelten, "weil oam da die Ohrwaschl davonfliag''n", er raucht nicht und trinkt mit Vorliebe Mineralwasser und alkoholfreies Bier. Nur in politischen Notlagesituationen läßt er sich auf ein richtiges Bier ein, wenn auch "nia über a Maß naus".
In der Politik aber hielt sich der Abstinenzler ebenso ran wie im Beruflichen. Als Steuerinspektor, der nebenher das
Abendgymnasium besucht und dann Volkswirtschaft studiert hatte, ging Huber 1969 nach München, wechselte vom Finanzamt für Körperschaften ins Finanzministerium zur Pressestelle. Acht Jahre lang, unter den Ministern Konrad Pöhner, Otto Schedl, Ludwig Huber und Max Streibl, konnte er lernen, wie man eigene Affären beschönigt und politische Gegner einschüchtert.
Als Huber 1978 über die Liste in den Landtag kam, galt er dort bald als der "größte Scharfmacher und Wadlbeißer". Dies habe, so der im persönlichen Umgang konziliante Niederbayer, nur "ein politischer Gegner verbreitet". Jedenfalls seien solche Attribute "kein Kriterium für einen CSU-Generalsekretär".
Und wenn sie es wären, so hat Huber seine Lektionen längst richtig gelernt. Für Kostproben gab ihm der in Personalfragen oft zögerliche Parteivorsitzende mehr als ein Jahr Zeit - Huber nutzte sie. Die SPD, so verlautbarte er, habe "außer geifernder Kritik nichts anzubieten", die Grünen betrieben eine "Verdummung der Öffentlichkeit" und somit das "Geschäft Moskaus", und die Schwesterpartei CDU habe sich beim Verkauf der Steuerreform als "ideen-, saft- und kraftlos" erwiesen.
Den WAA-Protest wertet er als "Gipfel einer gemeinen und die Menschenrechte verletzenden Rücksichtslosigkeit und Hysterie", die Hamburger Hafenstraße als "Kapitulation des Rechtsstaats vor den Chaoten" und die Quotenregelung als "Armutszeugnis für die Männer und eine Beleidigung für die Frauen".
Der neue Generalsekretär liebt eben "Klarheit und Deutlichkeit" und "durchaus amoi an kräftigen Pinselstrich". Doch trotz der vertrauten Tonlagen unterscheidet sich der erste Niederbayer in diesem Amt deutlich von seinen Vorgängern: dem griesgrämigen Sudetendeutschen Gerold Tandler, der am liebsten die Presse abschaffen möchte, dem Oberbayern Edmund Stoiber, der nach dem Tod seiner Mutter ungerührt eine Aschermittwochsrede in Passau fortsetzte, dem trinkfreudigen Otto Wiesheu, der mit mehr als einer Maß Bier auf der Autobahn einen Mann totfuhr - von Fritz Zimmermann, der ("so wahr mir Gott helfe") sogar in einen schwerwiegenden Meineidsverdacht geraten war, und dem seit fast einem halben Jahrhundert affärengebeutelten Franz Josef Strauß ganz zu schweigen.
Sogar Fehler und Fehlschläge vermag der neuernannte Herr im Dachgeschoß der CSU-Landesleitung (noch) einzugestehen. Als Huber, der "wegen der militärischen Überlegenheit des Warschauer Pakts" gerne die Bundesmarine in Ärmelkanal und Mittelmeer stationieren möchte, das Bündnis der Roten und Grünen bei der Oberbürgermeister-Wahl in Nürnberg als "Volksfrontbewegung" zu torpedieren versuchte, hielt er sich nach der Niederlage des CSU-Kandidaten kleinlaut an ein Motto von Boris Becker: "Die anderen können auch Tennis spielen."
Als er in den letzen Wochen 80 000 Kilometer durch den Flächenstaat Bayern fuhr und drei Viertel aller Kreisverbände heimsuchte, hörte er fast überall auch "durchwachsene Auffassungen": Die Leute an der Basis, so sein Eindruck, könnten sich unter den Entlastungen der Steuerreform von 40 Milliarden Mark einfach nichts vorstellen. Huber: "Die reden alle nur von den 17 000 Mark, die der Bundeskanzler einspart."
Bei der Parteijugend stieß Huber auf "sehr lebhafte Diskussionen" und auf "a paar junge ungeduldige Leute", mancherorts sogar auf "eine Anfälligkeit für grüne Parolen". Den Nachwuchs will der Generalsekretär bald wieder auf den rechten Weg bringen - vor allem dadurch, daß er ihn an den 30 000 Mandaten, die nach der Kommunalwahl im März 1990 zu vergeben sind, stärker beteiligt.
Weil Huber allzu forsch die vom Vorsitzenden gewünschte Steuerbefreiung für Flugbenzin verfocht und dabei auch das erneute Aufschnüren des ganzen Steuerpakets zur Debatte stellte, geriet er sogar mit dem Bonner CSU-Landesgruppenchef Theo Waigel aneinander. Der altgediente Waigel teilte dem Neuling am Telephon kurz angebunden mit: "Das hätte ich nicht gemacht."
Möglicherweise deshalb wurden dem neuen Generalsekretär von vornherein die Flügel ein wenig gestutzt. Für Bonner Angelegenheiten ist künftig Waigel zuständig, und Tandler, der als Staatsgast in der Türkei bei einem Attentatsversuch auf den Premier Özal seine höheren kosmopolitischen Weihen empfing, ist "außenpolitischer Bevollmächtigter" (Strauß) der Partei geworden.
"Ich werde da meinen Gesichtskreis erweitern", verspricht der Niederbayer Huber, der demnächst den Parteitag der US-Republikaner in New Orleans und im Oktober den der britischen Konservativen in Brighton besuchen will. Dabei werden ihm die Englischkenntnisse nützlich sein, die er auf der Tassilo-Realschule in Dingolfing erwarb - und ein dort gelernter Wahlspruch: "Good, better, best - let us never rest till our good is better and our better best."
Mit Ehrgeiz versuchte der Einser-Schüler und Streber aus Reisbach auch andere Dellen in seiner Ausbildung nachzubessern. Den Zweier in Musik etwa bekämpfte er lange, aber vergebens mit einer selbstgekauften Flöte: "I bin unmusikalisch wie unser Vorsitzender." Auch aus Konzertsälen, wie vorletzten Sonntag nach der 7. Symphonie von Beethoven in Salzburg, kehrt er gern wieder in die heimischen Bierzelte zurück. Gar wegen der die Ohrwaschl strapazierenden Blasmusik? Huber: "Naa, weil mei Bua so gern Schweinswürstl ißt."
Sohn Philipp, 4, Tochter Verena, 7, und Ehefrau Helma sind die wahre Basis des Niederbayern, der dort nach Ausflügen in die große weite Welt einfach sein kann, was er wirklich ist: der Huaber Erwin: "Ich bin meiner niederbayrischen Heimat immer treu geblieben."
Politisch allerdings liegen in der Familie nicht alle auf Linie. So hat sich Huber mit seinem Schwiegervater "no nia guad" verstanden, vor allem, als er ihm im Kreistag von Dingolfing-Landau gegenübersaß. Denn Opa ist SPD-Bürgermeister im nahen Frontenhausen. Doch einer Eskalation hat die Frauen-Power im Hause Huber - Quote: 50 zu 50 - strikt abgeholfen, indem das "Politisieren im Familienkreis" einfach verboten wurde. Keine Politik ist auch eine.
Den eigenen Nachwuchs hat Huber, anders als in der Partei, noch fest im Griff. Wenn der kleine Philipp dem wochentags abwesenden Vater erschreckt berichtet, daß "wieder Tiefflieger drüber san", dann klärt ihn der CSU-General liebevoll auf, daß "dös also notwendig is, damit mia in Freiheit leben können".
Der Bua bedankt sich mit vielen Bussis - die freilich drückt er neuerdings häufiger auf die Mattscheibe als auf Vaters Wangen. _(Mit Ehefrau Helma, Tocher Verena, Sohn ) _(Philipp. )
Mit Ehefrau Helma, Tocher Verena, Sohn Philipp.
Von Höfl, Heinz

DER SPIEGEL 32/1988
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