25.04.1988

FILMMord in der Passage

„Der gläserne Himmel“. Spielfilm von Nina Grosse. Deutschland 1987. Farbe; 87 Minuten. *
Im Innern eines riesigen Aquariums tummeln sich wie Fabelwesen aussehende Fische, die mit langen, schwertförmigen Auswüchsen über den weitgeöffneten Mäulern kampflustig das bläulich schimmernde Wasser zerteilen. Vor der überdimensionalen Vorderfront windet sich im Halbdunkel ein nur mühsam zu identifizierendes Knäuel - zwei kopulierende Menschen.
Die ganz in Schwarz gekleidete Frau schlägt, während sie wollüstig die Augen verdreht, mit der Rückseite ihrer Hand an die Scheibe. Plötzlich packt sie ihr Partner am Hals und würgt sie, bis das orgiastische Stöhnen in ein keuchendes Todesröcheln übergeht. Die Hand rutscht kraftlos das Glas entlang - der Mörder wendet sich ab.
"Der gläserne Himmel", das Kino-Debüt der 29jährigen Münchner Regisseuse Nina Grosse, nimmt nicht nur den Schauspielern den Atem, sondern auch dem Publikum. Wo andere die Kamera aus dem Verkehr ziehen, läßt sie besonders gern hinschauen. Diese voyeuristische Neigung brachte ihr 1987 den Bayrischen Filmpreis und vor wenigen Tagen eine Nominierung für den Bundesfilmpreis ein.
Auf den Filmfestivals in Hof und Saarbrücken von der Jury übersehen, wurde sie von der Presse mit Lob überhäuft: Die "Süddeutsche Zeitung" pries sie als "großes Talent", das Fachblatt "epd Film" rückte sie gar in die Nähe von Schlöndorff und Wenders.
In guter Gesellschaft befindet sich die Absolventin der Münchner Filmhochschule auch beim Lieferanten der Handlung. Julio Cortazar, auf dessen Erzählung "El Otro Cielo" der Film basiert, gehört neben Garcia Marquez zu den renommiertesten südamerikanischen Autoren. Mehrere Storys des Argentiniers wurden bisher verfilmt, zwei Adaptionen, Antonionis "Blow Up" und Godards "Weekend", sind mittlerweile Kino-Klassiker.
Julien (Helmut Berger), ein innerlich schon angegrauter Büroangestellter, lebt gemeinsam mit seiner Mutter (Agnes Fink) und einer Geliebten (Maria Hartmann) in einer Pariser Altbauwohnung. Beide Frauen liegen gern im Bett - die eine aufgrund ihres hohen Alters, die andere aufgrund ihrer niederen Triebe.
Julien erträgt die Marotten des Matratzengeschwaders mit routinierter Gelassenheit und scheint mehr oder minder selbstzufrieden der Alterssenilität entgegenzudämmern. Abwechslung erfährt er nur durch seinen noch langweiligeren Kollegen Antoine, mit dem er die tägliche U-Bahn-Fahrt zur Arbeit und den Mittagstisch teilt.
Durch eine Serie von Gewaltverbrechen, die gerade Pariser Tagesgespräch sind, inspiriert, träumt Julien von dem Mord eines zottelmähnigen Würgers an einer schwarzgekleideten Frau. Der _(Mit Sylvie Orcier und Tobias Engel. )
Traum nimmt mehr und mehr Besitz von seiner Phantasie. Auf einer U-Bahn-Fahrt glaubt er das Opfer zu erkennen und verfolgt die Frau seiner Träume durch das Labyrinth einer Metro-Station, um sie in den glasüberdachten Pariser Ladenpassagen aus den Augen zu verlieren.
Er erliegt der Faszination des geheimnisvollen Ortes und sucht ihn immer öfter auf. Dort lernt er auch die Prostituierte Bichette (Sylvie Orcier) kennen, die ihm Zugang zu der obskuren Welt des dunklen Geschäftsviertels verschafft. Julien trifft kauzige Händler, freundet sich mit undurchsichtigen Kneipenbesitzern an, beobachtet Streuner und quartiert sich sogar in einem billigen Hotel ein.
Auf einem nächtlichen Streifzug begegnet ihm der zwielichtige Cortez, in dem er den Mörder aus seinem Traum erkennt. Eines Nachts wacht er auf und vermißt Bichette, die er anschließend in den Passagen sucht. Er findet sie in den Armen von Cortez: Aus sicherer Entfernung beobachtet er, wie sie ermordet wird - sein Traum hat sich erfüllt, das Spiel ist aus.
Walter Benjamin bezeichnete die Pariser Ladenpassagen als einen der letzten magischen Orte. Nina Grosse, die selbst einige Jahre in Paris lebte, gelang es, den Zauber dieses Viertels in ihren Film einzubinden.
Zwischen Tag und Traum angesiedelt, werden Kunstfiguren in das diffuse Halbdunkel einer hermetischen Kunstwelt eingeführt und in der ihnen adäquaten Umwelt zum Leben erweckt: Die Prostituierte Bichette ist weder eine Edelnutte noch Straßenhure, sondern eine Art Ersatz-Punk aus dem Quelle-Katalog, der Mörder Cortez eine schräge Mixtur aus Märchengnom und Großstadtmüll. Nur die Figur des Julien ist stärker realistisch angelegt, steigt aber Schritt für Schritt in die Unterwelt, um dort ebenfalls zur Kunstfigur zu werden.
Dank einer raffiniert komponierten Bildsprache spielt die Regie mit der Imagination der Zuschauer, sensibilisiert sie und treibt sie in jede gewünschte Richtung. Irgendwo zwischen Postkartenklischees von Paris, Hitchcock-Adaptionen, Film-Noire-Romantik und Blue-Velvet-Dekadenz entsteht eine Atmosphäre bedrohlicher und zugleich anziehender Nähe zu einer Halbwelt aus Fiktion und Realität. Das Resultat ist ein Stück modernes Erzählkino.
Das Festivalpublikum in Hof reagierte unterschiedlich - enthusiastisch oder verschreckt. Handwerkliches Können mußten auch die Kritiker attestieren, schwer taten sich viele mit dem für sie anstößigen Inhalt: Die nicht nur assoziative, sondern auch praktische Verquickung von Tod und Orgasmus kratzte an Tabus und erhitzte die Gemüter der abgebrühten Cineasten. Hauptsächlich Männer entdeckten im Wirken von Nina Grosse "viel Frauenfeindliches" und philosophierten während des Ophüls-Festivals in Saarbrücken über den "Niedergang der Moral".
Die Regisseuse scheint sich bei ihrem vorgeblichen Abstieg recht wohl zu fühlen und konterte selbstbewußt: "Mich interessiert das Beklemmende eines Abgrundes mehr als das Versöhnliche der Oberfläche. Typisch deutsche Beziehungsfilme haben keine Zukunft."
Willy Theobald
Mit Sylvie Orcier und Tobias Engel.
Von Willy Theobald

DER SPIEGEL 17/1988
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