29.02.1988

„Wir Kennen die Dunkelmänner alle“

Das organisierte Verbrechen in Deutschland: Die Macht der Syndikate Eine deutsche Mafia macht Milliardenumsätze: Vom Autoklau bis zum Aktienschwindel ist das kriminelle Geschäft weitgehend in den Händen professionell geführter Gangsterunternehmen. Mafiosi aus Italien und lateinamerikanische Drogensyndikate haben längst Filialen überall in Westdeutschland eingerichtet. Bundesweit rüstet sich die Polizei gegen die Organisierte Kriminalität ("OK") - wie einst gegen den Terrorismus. *
Ein paar Jahre lang schien das Verbrechen auf dem Hamburger Kiez sehr übersichtlich organisiert. Es ließ sich in rechts und links unterscheiden.
Links von der Reeperbahn, rund um den Hans-Albers-Platz, regierte eine Clique von Kneipiers und Zuhältern das legale und illegale Nachtleben bis runter zur Elbe. Die Bordelle hatten sie untereinander aufgeteilt, den Handel mit Kokain und Mädchen ebenso. Bei Reinhard ("Ringo") Klemm, dem Wirt des Eiscafes "Chikago", trafen sie sich zu geschäftlichen Besprechungen.
So festgefügt war der Chikago-Kreis, daß die Kripo, die hin und wieder einen unter Mordverdacht hatte oder wegen illegalen Glücksspiels ermittelte, die ganze Bande mit dem Dienstkürzel "HAP" versah - für "Hans-Albers-Platz".
Rechts von der Reeperbahn, um die Große Freiheit herum, regierte die "Rechte Seite", ein loser Zusammenschluß von Bordelliers. Anwälte etwa, die Mandanten der "Rechten Seite" vertraten, konnten nicht zugleich für die linke Seite tätig sein. Und Nutten, die von der rechten zur linken Seite überliefen, mußten damit rechnen, zusammengeschlagen zu werden.
Der St.-Pauli-Mörder Werner Pinzner, der gestand, fünf Bordelliers umgebracht zu haben, schoß - vermutlich - im Auftrag der linken auf Wortführer der rechten Seite. So einfach war alles.
Doch seit dem 29. Juli 1986 müssen sich die Ermittler neu orientieren. An diesem Tag wurde der Hamburger Staatsanwalt Wolfgang Bistry im Polizeipräsidium erschossen.
Der Schütze war Pinzner. Organisiert wurde die Tat auf dem Kiez. Doch der Auftrag kam nicht von der rechten Seite und nicht von der linken. Die Ermittler vermuten: Der kam von oben.
Seit Unterwelt-Bosse mitten im Sicherheitstrakt des Polizeizentrums, als sei es in Palermo, einen Staatsanwalt hinrichten ließen, suchen Beamte des Bundeskriminalamtes (BKA) den Hintermann ein paar Etagen über dem Rotlicht-Milieu. Sie suchen, erstmals in Deutschland, einen Paten.
Es sind verschwiegene Ermittlungen. Während in der Hansestadt als Mittäterin die Pinzner-Anwältin Isolde Oechsle-Misfeld angeklagt ist und demnächst gegen den HAP-Boß Ringo Klemm als mutmaßlichen Anstifter verhandelt werden soll, steigen Fahnder des BKA ganz ohne Aufsehen durch Büroetagen der Hamburger Geschäftswelt.
Dort werden, vermuten sie, Verbrechen organisiert, und nicht nur auf dem Kiez. Die BKA-Leute glauben, den Täter zu kennen, der an der Elbe nicht nur einen Staatsanwalt hinrichten, sondern auch Konkurrenten beseitigen ließ, die sein Kokain-Geschäft störten und seine Bordellinvestitionen behinderten.
Die Kripo-Leute müssen damit rechnen, daß sie die Hintergründe des Bistry-Mordes _(Bergung des Ölfasses mit der Leiche des ) _(Gastwirts Lienau im November 1984. )
niemals werden beweisen können. Auch das gehört zum Kiez-Alltag. Seit dem 29. Juli 1986 ist klar: Es gibt auch in Deutschland eine Mafia.
Gewaltakte, "die wir bisher nur von mafiosen Organisationen kannten", hat Hamburgs Kripochef Wolfgang Sielaff ausgemacht. "Palermo läßt grüßen", tönte der Präsident des bayrischen Landeskriminalamtes (LKA), Helmut Trometer, als er vor dem Landtag in München über die unglaublichen Ereignisse an der fernen Elbe berichtete.
Palermo scheint auf einmal überall. Das Land sei in Gefahr, zum "Tummelplatz für Organisierte Kriminalität zu werden", warnte vor wenigen Wochen erst Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann (CSU).
Fachmännischer klingt da das Urteil einer noch unveröffentlichten Studie des Bundeskriminalamtes: Westdeutschland sei zum "Operationsgebiet" von "Connections" geworden, deren Verbindungen häufig auch in das westeuropäische Ausland reichen. BKA-Chef Heinrich Boge registriert "eine ständig fortschreitende Organisierung" des Verbrechens: "Praktisch alle Deliktsbereiche sind betroffen."
Dabei schien noch vor wenigen Jahren die Sache halb so schlimm. Bis 1980 konnten die BKA-Experten "keine Anzeichen" für Mafia-Aktivitäten im Lande finden: "Dafür", hieß es in einer offiziellen Stellungnahme, "fehlt hierzulande der Boden." Und der Münchner LKA-Chef Trometer befand: "Organisierte Kriminalität gibt es in Bayern und nach unserer Kenntnis auch im übrigen Bundesgebiet nicht."
Nun sind es konservative Polizeipolitiker wie Trometer, die am lautesten schreien: "Eine Hydra", so der LKA-Chef, habe sich über das Land gelegt.
Nicht mehr der Terrorismus, sondern die Organisierte Kriminalität (Fachwort: "OK") ist es nun, die, "gefährlicher als der Terrorismus" (Bayerns CSU-Innenstaatssekretär Peter Gauweiler), zur Staatsgefahr Nummer eins erklärt wird: Seit den Schüssen im Hamburger Polizeipräsidium, sagt Gauweiler, sei "im OK-Bereich nichts mehr unmöglich". Das mafiose Management, warnt schon Stuttgarts Landespolizeipräsident Alfred Stümper, könne den "Staat im Lauf der Zeit volkswirtschaftlich, moralisch und politisch kaputtmachen".
Der Staat rüstet sich. Nicht mehr der Terrorismus, OK ist nun das Stichwort, mit dem Unionspolitiker und scharfe Polizeipraktiker nach mehr Männern, mehr Macht und schärferen Gesetzen verlangen.
In einem Thesenpapier des BKA werden drastische Maßnahmen gegen die neue deutsche Mafia vorgeschlagen: ein flächendeckendes Bekämpfungssystem mit dem gezielten Einsatz von verdeckten Ermittlern, Oberservationen, Telephonüberwachungen und - alles schon dagewesen - Isolierung von Mafiosi in der Haft.
Schwarze Listen mit mutmaßlichen Paten sollen die Ermittler anlegen - und "Scheinfirmen" gründen, um die organisierten _(Oben: im Juli 1979 von einem ) _(Mordkommando hingerichteter Mafia-Pate ) _(Carmine Galante; ) _(unten rechts: im Februar in ) _(Frankfurt sichergestellte Kokainlösung ) _(in Zierfischbehältern. )
Wirtschaftskriminellen in die Falle zu locken. Eine Organisation "ähnlich dem Verfassungsschutz", schlug schon der ehemalige BKA-Chef Horst Herold vor, solle gegen das kriminelle Geflecht aufgebaut werden.
Nun, da man im Lande so offen über die Mafia redet, zögert auch Bonns Sicherheitschef Zimmermann nicht, das neu entdeckte Phänomen für seine Visionen vom wilhelminischen Ordnungsstaat auszuschlachten: Die Flut von Massendelikten erklärt er mit "organisiertem Verbrechen" wie mit "anarchistischen Gewalttätern, Hausbesetzern, Alkohol- und Drogenabhängigen".
Und Zimmermann lieferte gleich die Erklärung, womit alles zusammenhängt: Der "Wertewandel" sei es, der die Kriminalität so ansteigen lasse, die "Ablehnung jeglicher überkommener Autorität von den Elten über die Lehrer bis zur Kirche und dem Staat generell".
Doch so unsinnig wie die alte Behauptung, es gebe keine Mafia, scheint nun auch die Suche nach Gemeinsamkeiten mit Hausbesetzern und Terroristen. Die Forderung nach einer geistig-moralischen Wende wird den Verbrechersyndikaten nichts anhaben können.
Mit den unionspolitischen Vorstellungen von verlorengegangenen Werten werden deutsche Mafiosi nicht zu fassen sein. Denn die Drahtzieher sehen nicht anders aus und arbeiten auch nicht anders als die ehrenwerten Herren in den Chefetagen der Wirtschaft.
Diese Erkenntnis hat das BKA dem Innenminister in einer neuen Studie aufgeschrieben: Eine "Organisierte Kriminalität eigenen Zuschnitts" gebe es im Lande, "deren Gefährlichkeit gerade darin begründet liegt, daß sie ähnlich vielgestaltig und flexibel ist wie die Wirtschaft unseres Landes".
Die "neue Form der Organisierten Kriminalität", sagt der Berliner Leitende Kriminaldirektor Dieter Schenk, seit Januar Vize beim Berliner Verfassungsschutz, habe in Deutschland auch einen "neuen Tätertypus" geschaffen: den "seriösen Geschäftsmann". Für den, so Schenk, ist "die Kriminalität lediglich die Fortsetzung seiner Arbeit mit anderen Mitteln".
Entsprechend sind die Methoden. "Modernste Funkgeräte, Autotelephon, Telex und alle anderen denkbaren modernen Kommunikationsmittel, die auch das normale Geschäftsleben kennt, kommen zum Einsatz", heißt es in einem Erfahrungsbericht der "Arbeitsgemeinschaft Kripo", eines Zusammenschlusses der Kripochefs aus Bund und Ländern.
Die Kriminellen, so die Fachleute in ihrem Bericht, verfügten mittlerweile über eine Infrastruktur, "die den technischen Mitteln der Polizei in keiner Weise nachsteht, sondern sie sogar häufig übertrifft". Machtlos stehen die Ermittler vor einem Netzwerk krimineller Unternehmungen, deren Umsatz der Stuttgarter OK-Experte Stümper auf 164 Milliarden Mark pro Jahr schätzt - fast ein Zehntel des Bruttosozialprodukts. Und die Kriminalstatistik belegt das Wachstum der kriminellen Monopole: Immer weniger Täter sind für immer mehr Straftaten verantwortlich.
Das immense Geschäftsergebnis wird nach dem "Warenhausprinzip" (Ermittler-Fachwort) erzielt - die Masse macht''s: *___Das Sex-Geschäft wird von wenigen Großzuhältern ____organisiert; Liebesmädchen werden von weltweit ____arbeitenden Menschenhändlern importiert und bundesweit ____verteilt. *___Rund 14 000 Luxusautos werden jährlich von ____Autoknackerringen auf westdeutschen Straßen und ____Parkplätzen abgeholt, umfrisiert und von kriminellen ____Speditionsunternehmen in alle Welt verfrachtet. *___Restaurants in den Vergnügungs- und Szene-Vierteln der ____Großstädte sind nach klassischem Mafia-Muster in der ____Hand von Schutzgeld-Erpresserringen. *___Die massiv steigende Zahl von Wohnungseinbrüchen (1986 ____fast 150 000) geht zum größten Teil auf das Konto ____bundesweit operierender OK-Gruppen. Die Beute, nur vom ____Feinsten, landet bei einer Handvoll Großhehlern. *___Der Kokainhandel wird "intensiver als jeder andere ____Drogenhandel" (so der Frankfurter Rauschgiftfahnder ____Klaus Krumb) organisiert. Kapitalstarke Organisationen ____verschieben und verteilen im Jahr schätzungsweise 50 ____Tonnen harte Drogen im Lande.
Das sind Unterweltdelikte. Doch die Gewinne sind mit denen der Wirtschaft vergleichbar. _(Oben: im Dezember 1986 am ) _(Hans-Albers-Platz; )
Auf der untersten Ebene des mafiosen Managements, am Straßenstrich der Ingolstädter Straße in München, werden an manchen Tagen bis zu einer Million Mark umgesetzt - so viel wie in Karstadts Glitzerkaufhaus an der Hamburger Mönckebergstraße.
Längst nimmt eine "Verzahnung der organisierten Formen der Kriminalität mit unserem Wirtschafts- und Sozialsystem", wie sie das BKA-Dossier prognostiziert, deutlich Konturen an.
In keiner Stadt ist bislang die kriminelle Verquickung von Unterwelt und Oberwelt so konsequent aufgedeckt worden wie in Berlin. Die Bezeichnung "Filz", unter der in Berlin die Korruptionsaffäre um den Baustadtrat Wolfgang Antes abgehandelt wird, vertuscht nur, daß es dabei auch um organisiertes Verbrechen ging.
In den Sog der Ermittler geriet eine ehrenwerte Gesellschaft von Lokalpolitikern, Firmenjongleuren und Baulöwen, die Amt und Mandat mißbrauchten, betrogen, Schmiergeld anboten oder annahmen. Es ging um erschwindelte Subventionen und Bauaufträge ebenso wie um Brandstiftung, Erpressung, Großschmuggel oder Anstiftung zum Mord. "Wir sind auf so ziemlich alles gestoßen, was das Strafgesetzbuch hergibt", sagt ein Ermittler, "außer der Vorbereitung eines Angriffskrieges."
Am Berliner Modell sehen Praktiker eindrucksvolle Beweise für die enge Verflechtung zwischen Wirtschaftskriminalität und Berufsverbrechertum.
Beispielhaft zeige sich, so der Berliner Sumpf-Ermittler Schenk, wie betuchte Ganoven aus der "Machtbasis der Bordelle" Geld und Erpressungspotential ziehen, "Freiräume durch private Macht" errichten und "in mehreren Ebenen die gesellschaftliche Infrastruktur durchdringen". Der erfahrene Fahnder: "Man leistet sich exzellente Steuerberater und Rechtsanwälte. Eine Bank brauchen die nicht mehr zu überfallen."
In Berlin "wurde gearbeitet wie bei der klassischen sizilianischen Mafia", urteilt der OK-Experte und Journalist Dagobert Lindlau. Der Fernsehmann hat in Berlin recherchiert - und auf Sizilien. Sein Buch "Der Mob" steht derzeit auf den Bestseller-Listen _(Dagobert Lindlau: "Der Mob. Recherchen ) _(zum organisierten Verbrechen". Hoffmann ) _(und Campe Verlag, Hamburg; 344 Seiten; ) _(36 Mark. ) .
Der Vergleich mit der italienischen Mafia gilt nicht nur für Berlin. Ganze Wirtschaftszweige fallen - wie in Italien - unter die Räuber. Kriminelle Organisationen haben begonnen, das Baugewerbe in den Griff zu nehmen.
Und in Großstädten gibt es schon Hinweise auf breit organisierte Bau-Korruption: In Frankfurt ließ die Staatsanwaltschaft mehr als 20 Bauverwalter und Bauunternehmer verhaften, die mit Korruption die öffentliche Auftragsvergabe in der Main-Metropole zu ihrem Nutzen kontrolliert haben sollen.
Eine Sonderkommission in Hamburg ermittelt gegen mehrere hundert Verdächtige, die bei Bauaufträgen für Bundeswehrgebäude, Schulen und Krankenhäuser kräftig abgesahnt haben sollen. Über hundert Behördenbedienstete sind im Visier der Ermittler. Zwei Beamte fielen auf, weil sie Teilhaber am Lübecker Bordell "Sudfaß" waren - zusammen mit St.-Pauli-Größen.
Nicht anders geht es auf weiten Teilen des Arbeitsmarktes zu. Von bundesweit operierenden Unternehmen werden illegal eingeschleuste Ausländer illegal für Drecksarbeit vermietet. Zwischen 5 und 15 Milliarden Mark im Jahr, so schätzen Experten, werden auf diese Weise von kriminellen Arbeitgebern verdient: alles hinterzogene Steuern und Sozialversicherungsbeiträge.
Kriminelle Klubs entdecken ständig "neue Marktbereiche" (BKA-Studie), zuerst war es der betrügerische Warenterminhandel, der Millionengewinne über Scheinfirmen und halbseidene Rechtsanwaltsbüros in die Kassen der Wirtschaftsverbrecher leitete.
Neu ist das Geschäft mit nahezu wertlosen Aktien. Gegen mehr als hundert Beschuldigte im In- und Ausland ermittelte jetzt die Staatsanwaltschaft in Köln. Die Geschäftsleute verkauften an rund 15 000 Opfer amerikanische Aktien per Telephon-Akquisition. Die Ermittler glauben, "daß es sich um wertlose Aktien handelt, für die kein Markt besteht und deren Kurse willkürlich manipuliert wurden". Geschätzte Einnahmen der Aktien-Mafia: sechs Millionen.
In manchen Branchen hat der kriminelle Umsatz den legalen schon erreicht. Das Massengeschäft mit bespielten Video-Kassetten teilen sich die Film- und Video-Verleiher 50 zu 50 mit der Mafia der Raubkopierer. Eine halbe Milliarde Mark pro Jahr, so behauptet jedenfalls der legale Teil der Filmwirtschaft, gehe ihr im Jahr durch die illegale Konkurrenz verloren.
Die kriminellen Gewinne werden rund um den Erdball verschoben, nur um die Herkunft zu verschleiern. Schweizer Banken sind dabei ebenso nützlich _(unten: bei einer Vorführung von ) _(schußsicherem Panzerglas. )
wie Briefkastenfirmen in Finanzoasen wie der Karibik-Inselgruppe Cayman Islands, wo nach Erkenntnissen amerikanischer OK-Ermittler Schwarzgeld der Mafia und der kolumbianischen Drogenkartelle ebenso eintrifft wie der kleine Erlös aus dem norddeutschen Puffmilieu.
Holdings mit Phantasienamen werden von Rechtsanwälten in Hamburg wie in Luxemburg gegründet, um Millionenüberweisungen dubioser Mandanten entgegenzunehmen. Die Geldgeschäfte laufen unter anwaltlicher Schweigepflicht.
Zwar gilt das große Vermögen als "Achillesferse des organisierten Verbrechens" (BKA-Ermittler), weil es schwierig ist, Scheine unauffällig zu verschieben, zu waschen und zu investieren. Doch das kriminelle Management hat vorgesorgt. Um die Geldwäsche kümmern sich Profis.
In Baden-Württemberg, so ermittelte das Stuttgarter Landeskriminalamt, läßt sogar die amerikanische Cosa Nostra waschen. Schon 1984 verhafteten die Schwaben einen Konstanzer Geschäftsmann, der mit Hilfe einer Züricher Bank für die amerikanischen Freunde 100 Millionen Dollar so lange hin und her bewegt hatte, bis das Geld saubergewaschen war und in die Neue Welt zurückgeschickt werden konnte. Der Finanzjongleur unterhielt ein ganzes Firmenimperium, Immobilienbüros und einen Diamantenhandel ausschließlich zu dem Zweck, die Zahlen mit den vielen Nullen auf seinen Kontoauszügen erklären zu können.
Nach den Erfahrungen des Hamburger Kripomannes Sielaff gibt es in der Bundesrepublik keine hierarchisch gesteuerten Kriminellen-Konzerne, sondern - wie auf der legalen Seite der Wirtschaft - eine Vielzahl großer und kleiner Konkurrenzunternehmen. Einige sind Ableger ausländischer Konzernzentralen, andere Knackerbanden mit bodenständiger deutscher Tradition. "Die Idee von einer großen Krake", sagt Sielaff, "muß man aufgeben."
Es gibt viele Kraken. "Wandelbare, bewegliche Haufen", nennen sie Kriminalisten wie Peter Walter, OK-Spezialist im Frankfurter Polizeipräsidium. Die lateinische Ausdrucksweise dafür, "mobile vulgus", hat den amerikanischen Fachbegriff "Mob" geprägt.
Wie beweglich solche Haufen sind, zeigen Ermittlungen, die 1984 bei der Koblenzer Kripo gegen ein paar Zuhälter am Orte begannen. Mit geschickt inszenierten Immobilienkäufen legten die Bordelliers eine Reihe der besten Bankhäuser herein.
Eine "Kameradschaft, die durch nichts zu trüben" war (ein Ermittler), verband die Mobster mit einer Bande aus der Kölner Umgebung, die nach Erkenntnissen der Kripo auf das Stehlen von Booten der US-Firma "Sea-Ray" spezialisiert war und nebenbei hochwertige Autos verschob und Bankrott-Betrügereien beging.
Wesentlich übersichtlicher scheint den Ermittlern ein Syndikat organisiert, das im vergangenen Sommer in Hannover aufflog. Die Kripo machte knapp hundert Verdächtige namhaft, die Diebstähle, Versicherungsbetrügereien und Einbrüche organisiert haben sollen.
Die Firma war professionell ausgerüstet. Sie unterhielt, wie die Staatsanwaltschaft behauptet, eigene Hehler, eine Schlüsselmaschine, eine Maschine zum Fälschen auf Ausweisen, Funksprechgeräte und Autotelephon. Auf Stadtplänen waren die Standorte von Bankautomaten eingezeichnet, die systematisch ausgeplündert wurden.
Der Mob organisiert sich arbeitsteilig. "Es gibt spezielle Gruppen", so der Münchner LKA-Ermittler Josef Geißdörfer, "die sind nur für das Ausspionieren lukrativer Objekte da." Für besondere Tätigkeiten, berichtet der Berliner Kriminologieprofessor Eugen Weschke, "wie Kontrolle, ''Strafen'', Beschaffung, Lagerung, Absatz" werden "Gruppierungen oder auch Einzeltäter beauftragt, die, wenn es ihrer Interessenlage entspricht, ihren ''Arbeitsanteil'' durchführen, ohne deshalb unmittelbar zu einer ''Organisation'' zu gehören".
Auch die Waffenbeschaffung wird von Spezialkommandos erledigt. Mehr als 700 ausgemusterte Walther-PPK-Pistolen aus Polizeibeständen besorgte sich eine organisierte Gang. Halbwelt-Waffenhändler kauften die Pistolen auf und verscherbelten sie an OK-Zulieferer weiter.
Die Arbeitsteilung funktioniert. Eine BKA-Forschungsgruppe, die beauftragt war, die Strukturen der deutschen Mafia bloßzulegen, beschrieb zwei nebeneinander bestehende Organisationsformen: *___"häufiger anzutreffende Straftäterverflechtungen ____(Beziehungsgeflechte), die insbesondere in ____Ballungsgebieten bestehen", und *___"die selteneren eigenständigen Gruppierungen mit ____mehr oder weniger fester personeller Struktur".
Die beiden Varianten entsprechen zwei Gangster-Traditionen, die in Deutschland mittlerweile ganz gut zusammenwirken: den deutschen Räuberbanden einerseits, der italo-amerikanischen Mafia andererseits.
"Netzstruktur-Kriminalität" heißt das Fachwort, das der Berliner Kriminologe Weschke für das moderne westdeutsche Banditentum geprägt hat. Das Sagen in solchen kriminellen Verflechtungen hat der Mann, der viel Geld für größere Projekte schnell vorstrecken kann - ihm steht hinterher auch das Recht zu, abzukassieren. "Geld ist Macht", berichtet der BKA-Experte Erich Rebscher aus der Szene, "kapitalkräftige Auftraggeber und Finanziers werden mit einer gewissen Selbstverständlichkeit als dominierende Person beziehungsweise Führungspersonen anerkannt."
Die andere Art der Zusammenarbeit erlebten Kriminalisten 1980 in Wuppertal: Da explodierte am 13. April eine Sprengladung Ekrasit an der Mauer der Haftanstalt Bendahl. Eine schwere Gefängnistür flog 15 Meter weit durch die Luft. Durchs Loch in die Freiheit spazierte Arcangelo Maglio, Wortführer einer italienischen Gang, die in Wuppertal wegen Mord, Schutzgelderpressung und Raubüberfällen angeklagt war. Ein Fluchtfahrzeug, ein blauer Alfa Romeo, stand für Maglio bereit. Er verschwand über die Grenze nach Italien.
Bis dahin war die verrufene Gang um Maglio der Polizei nur als "Wuppertaler Mafia" geläufig. Die Detonation am Gefängnistor machte den Ermittlern schlagartig klar: Das war nicht die Wuppertaler Mafia, das war die richtige, die aus Italien.
Unübersehbar sind die Spuren, die das mafiose Verbrechertum aus Italien und den USA seit Beginn den achtziger Jahre auch in Deutschland hinterläßt. Mafia und Camorra, Cosa Nostra und ''Ndrangheta haben ihre Filialen in Wuppertal wie in Stuttgart.
Mit der Professionalität dieser Verbrecherorganisation wurde eine andere, härtere Variante des organisierten Verbrechens importiert.
Die Organisationsstrukturen sind in Jahrhunderten gewachsen. Es gibt ein Fußvolk für die Drecksarbeit, "Soldati", es gibt "Mechanics", das sind die Spezialisten, auch solche, die mit der abgesägten Schrotflinte unter dem Mantel umherlaufen oder Sprengstoff einsetzen.
Zur Führungsschicht gehören die "Lieutenants", die meist ein ganz legales Leben führen, die Familienchefs, die Paten. Die US-Cosa-Nostra schließlich hat ganz oben die "Commissione", den großen Rat, die Kardinäle des Verbrechens.
Ebenso "straff und professionell" (die Frankfurter OK-Staatsanwältin Adelheid Werner) sind die Mafia- oder Camorra-Gruppen organisiert, die im Auftrag der Chefs in Palermo oder Neapel ihre Arbeit in Deutschland verrichten. Wie einst italienische Gastarbeiter, so schicken auch die Mafiosi in der Fremde brav ihre Einnahmen zur Familie daheim im Süden.
Postanweisungen über 1,3 Millionen Mark stellten Dortmunder Ermittler bei einem angesehenen Unternehmer italienischen Namens sicher. Der Empfänger: die Camorra in Neapel.
Der Boß hatte, vermuten die Staatsanwälte, die Gelder überwiesen, die eine wohlorganisierte Gang durch Raub, Erpressung, Hehlerei im Dortmunder Raum erarbeitet hatte. Mehr als 600 Täterakten werden mittlerweile bei der Staatsanwaltschaft deshalb geführt.
Der Laden war gut organisiert. Um den Boß gab es nach Ansicht der Ermittler eine Führungsebene von etwa 20 Personen, die untereinander verwandt sind. Unterhalb der Chefetage arbeiteten mehrere Gruppen in Teams zu jeweils fünf Personen, "Mechanics", die auf einzelne Straftaten spezialisiert waren - "insbesondere auch zu Strafmaßnahmen gegen aussagebereite Zeugen".
So geschah es, daß im März vergangenen Jahres, als im Saal 100 des Dortmunder Amtsgerichts gegen einen kleinen Soldaten der Gang verhandelt wurde, das Gerichtsgebäude einer Festung glich. Polizisten mit Schnellfeuerwaffen bewachten den Justizbau. Zivilfahnder mit Funkgeräten kontrollierten die Umgebung. Denn drinnen saß als Kronzeuge gegen den kleinen Ganoven ein Neapolitaner, der bereit war, ihn zu verpfeifen, alles zu erzählen. Vorab aber dies: "Ich bin zum Tode verurteilt worden."
Ein Kronzeuge fehlt den Ermittlern in Stuttgart noch immer. Im Daimler-Land hat sich nach Erkenntnissen des Landeskriminalamtes die Mafia auf das Abholen und Exportieren von Luxus-Gefährten spezialisiert. "Bei uns", erklärt ein LKA-Mann den Markt, "stehen diese Dinger halt zu Dutzenden auf der Straße rum."
Eine weitere Mafia-Spezialität im Südwesten sind Herstellung und Vertrieb von Falschgeld, vor allem Dollar-Noten und Hundertmarkscheinen, die als Zahlungsmittel besonders beliebt sind. Da sich große Falschgeld-Werkstätten in Mailand, Jugoslawien und Rumänien befinden, bietet sich Baden-Württembergdie erste Station nach der Grenze - als Umschlagplatz für die Blüten an.
Wie weit die Mafia in Bayern Fuß gefaßt hat, läßt seit einigen Monaten der
Innenstaatssekretär Gauweiler von einer speziellen OK-Abteilung im Münchner LKA recherchieren. "Wenn innerhalb eines halben Jahres in München acht italienische Restaurants brennen", hat sich der CSU-Sicherheitspolitiker überlegt, "kann das ja kein Zufall sein."
Zufall ist gar nichts: "Die Mafia findet hier eine komplette Logistik vor", sagt Gauweilers OK-Ermittler Geißdörfer beim LKA in München: Landsleute, italienische Firmen, Geld. Zudem ist der Verfolgungsdruck in Italien mittlerweile zu stark geworden, die Mafiosi kommen über die Alpen.
Zunehmend geraten den Fahndern aber auch Crime Trusts wie die US-Cosa-Nostra oder organisierte Gruppen wie eine Jugoslawen-Mafia oder die chinesischen Triaden ins Visier. Auch türkische Gangs bemühen sich um "vielfach noch unbesetzte kriminelle Märkte" (BKA).
In Hamburg haben sich Polen-Gruppen organisiert, die sich vor allem aus polnischen Asylbewerbern rekrutieren. Auftrag: "Alles wird beschafft, was auf dem gigantischen polnischen Schwarzmarkt Wert hat", sagt der Hamburger OK-Ermittler Sielaff. Ein Händlernetz besorgt den Transport über die Ostsee in die Stettiner Bucht.
Zweckmäßigkeitsbündnisse unter ethnischen Gruppen, die sonst wenig miteinander zu tun haben, beobachtete Helmut Brandt, Chef des LKA in Düsseldorf. Zweckmäßig sind solche Bündnisse überall dort, wo krimineller Profit aus weltumspannendem Handel gezogen werden kann.
Wie beim Mädchenhandel. So flog vor Monaten in einem Nachtlokal im bayrischen Gaimersheim ein multinationaler Zuhältertrust auf, der Frauen aus der Dominikanischen Republik in die weißblaue Provinz geschleust hatte. Einheimische Beauftragte hatten in der Dominikanischen Republik die Schönheiten angeworben. Der versprochene Job: Folkloretanzen in Griechenland.
Aber nur einen Sommer. Die Griechen avisierten den Opfern Anstellungen als Tänzerinnen in der Bundesrepublik, denn die Griechenland-Visa waren abgelaufen. Griechische Mitarbeiter verfrachteten die Frauen dann nach Bayern.
Zwei deutsche "Betreuer" entpuppten sich schnell als brutale Zuhälter, die ihre Tänzerinnen vor die Alternative stellten, entweder mitzumachen oder eingesperrt zu werden.
Völkerübergreifende Zusammenarbeit erfordert das Big Business der Organisierten Kriminalität, der Drogenhandel, ebenso wie das - oft mit dem Drogenhandel einhergehende - Falschgeldgeschäft.
"Wie Waschpulver", sagt der Frankfurter Staatsanwalt Horst Kraushaar, werfen die Drogenbarone in Kolumbien und in Florida die weiße Ware auf den deutschen Markt. Einen Zentner Kokain, aufgelöst im Wasser von Zierfischbehältern, ließen Drogenfahnder am 5. Februar in Frankfurt hochgehen. Handelswert: fast 15 Millionen Mark.
Ein Kolumbianer wurde verhaftet. Der Südamerikaner ist nach Vermutungen der Ermittler zuständig für die Organisation der europäischen Verteilerzentrale des Kokainkartells in der kolumbianischen Stadt Medellin.
Drei Zentner Heroinbase sammelten in den letzten Wochen bayrische Grenzwächter bei Rauschgiftkurieren ein, die für eine türkisch-holländische Connection arbeiteten.
Ende 1985 wurden bei einer Polizeirazzia in Fälscherwerkstätten in Mailand, Rom und anderen Orten Italiens so viele falsche DM-Noten sichergestellt, daß man sie gar nicht zählen konnte. Die italienischen Falschgeldfahnder beschränkten sich darauf, die Geldpakete zu wiegen. Die Waage zeigte sieben Millionen Deutsche Mark.
"Die Ermittlungen bestätigen", so heißt es in einem Bericht der Fachzeitschrift "Kriminalistik", "daß die Täter entweder den kriminellen Vereinigungen Mafia, Camorra und ''Ndrangheta angehörten oder daß doch vielfältige Verflechtungen zu den großen sizilianischen, kalabresischen und apulischen Organisationen bestehen."
Genauer weiß die Polizei es nicht. Und die Fälscherringe haben noch genügend Vorräte: 60 000 falsche Hundertmarkscheine wurden allein 1987 sichergestellt. Das Geschäft geht weiter: "An die Hintermänner kommen wir nicht ran", sagt BKA-Chef Boge.
Die Zusammenarbeit zwischen internationalen und deutschen Gruppen klappt auch im Kleinen. Das BKA, heißt es in einem Erfahrungsbericht der AG Kripo über "Organisierte Kriminalität in Europa", Organisierte Kriminalität in Europa", beobachte internationale Banden, die sich von deutschen Abteilungen Banken und Juwelierläden ausspionieren lassen.
Danach, so das Dossier, reisen andere Bandenmitglieder aus dem Ausland ein, um die Überfälle zu begehen. Unmittelbar nach dem Überfall übergeben sie die Beute an die ortsansässigen Mitglieder oder an Transporteure und verlassen sofort mit dem Flugzeug das Land.
Die Flugtickets für solche Unternehmungen werden nicht im Reisebüro gekauft, sondern stammen meist aus einer
dem Konzern verbundenen Fälscherwerkstatt. Deutsche wie international organisierte Gruppen arbeiten alle nach gleichen Regeln, die von Kriminalisten für die goldenen Regeln des organisierten Verbrechens gehalten werden:
Die Gruppen verbreiten Angst nach innen und nach außen. Sie arbeiten konspirativ. Und sie arbeiten fast immer mit Korruption.
Angst ist ein "unverzichtbares Gleitmittel, das den reibungslosen Ablauf von Transaktionen sichert, schriftliche Verträge überflüssig macht". So beschreibt "Mob"-Autor Lindlau das Geschäftsprinzip der ehrenwerten Gesellschaft, und er zitiert den später von der Mafia ermordeten Carabinieri-General Dalla Chiesa: "Wenn alle sich entschließen könnten, keine Angst mehr zu haben - das wäre das Ende der Mafia."
Der Entschluß fällt nicht leicht, wenn es zugeht wie in Hamburg. In keiner bundesdeutschen Stadt sind bislang so viele Menschen dem organisierten Verbrechen zum Opfer gefallen.
So zog die Polizei im Jahr 1984 einen Toten aus dem Osterbekkanal, der in einem Ölfaß steckte. Der zusammengekrümmte Körper war in ein zehn Meter langes Automatenhandtuch eingewickelt und mit einem Hanfseil verschnürt.
Der Mann stammte nicht aus Palermo, sondern aus Pinneberg. Karl-Heinrich Lienau, Teilhaber einer Diskothek, wollte sein Geschäft ausweiten, ein Bordell eröffnen - und war damit offenbar zu weit gegangen.
Gezielte Hinrichtungen von Konkurrenten und Verrätern waren es auch, mit denen der St.-Pauli-Killer Werner Pinzner sein Geld verdiente: Fünf Geschäftsleute vom Kiez allein mußten sterben, vermutlich weil sie mit ihren Kokain-Oberen Streit bekommen hatten.
So etwas nutzt der ganzen Firma. Gehorsam, Verschwiegenheit und Disziplin unter westdeutschen Mafiosi werden mit Todesdrohungen erzwungen.
"Lupara bianca" heißt in Sizilien eine besonders wirksame Methode, die "weiße Flinte". Sie bedeutet, daß das Opfer einfach verschwindet oder unter unerklärlichen Umständen stirbt.
Wie viele Vermißte einer deutschen Lupara bianca zum Opfer fielen, kann niemand wissen. Aber wenn einer, wie im vergangenen Jahr in Hamburg der Pinzner-Zeuge Bernd Wünsch, sich unter unerklärlichen Umständen selbst erschießt und sich dazu ausgerechnet auf einen Misthaufen legt, werden die Ermittler mißtrauisch.
Angst haben müssen, nach den Ereignissen in Hamburg, die Ermittler selbst. "Wegen des hohen Gefährdungsgrades in bezug auf Einwirkungen der OK-Szene", heißt es umständlich in einer Empfehlung, die BKA-Experten erarbeitet haben, "sind die OK-Dienststellen von dem übrigen Polizeiapparat räumlich abzuschotten."
Man muß Beamte nicht einschüchtern, man kann sie auch kaufen. "Es gibt im Lande kein größeres Verfahren im Bereich OK, in dem nicht ein Beamter - meist ein Polizist - als Helfer involviert ist", sagt der Düsseldorfer LKA-Chef Brandt. Dreifach, so das Bundeskriminalamt in seiner OK-Studie, müßten sich die Ermittler gegen "direkte Einwirkungen" der "Organisierten" wappnen: gegen "Maßnahmen zur Verunsicherung der Polizei", gegen "die direkte Ausforschung des Polizeiapparates", schließlich gegen "die Gewinnung von Informanten in der Polizei".
Wieviel der Mob mit Verschwörern und Geheimbünden gemeinsam hat, zeigt auch eine Liste von "konspirativen Regeln", die ein "Ad-hoc-Ausschuß" gegen Organisierte Kriminalität bei der Westdeutschen Innenministerkonferenz schon 1983 zusammengestellt hat: _____" Sorgfältige Absc hottung nach innen und außen. " _____" Treffpunkte sind Lokale und Wohnungen von Mitgliedern " _____" oder absolut zuverlässigen Personen. " _____" Den Ausführenden werden häufig die Auftraggeber und " _____" Hintermänner nicht bekannt. " _____" Sorgfältige Abklärung bei dem Absatz der " _____" Taterzeugnisse. " _____" Zeugen werden durch Terror, Drohungen und andere " _____" Einwirkungen zur Zeugnisverweigerung veranlaßt. " _____" Heiße Ware wird oft in geheimen Depots aufbewahrt. " _____" Vertrauenskäufe werden durch entsprechende Maßnahmen " _____" erschwert und vereitelt. "
Daß das Konzept gut ist, bestätigt Heinz Walch, OK-Ermittler beim Stuttgarter Landeskriminalamt: "Wie bei einem Tintenfisch", hat er bemerkt, könne man bei so einer Organisation "immer nur einen Arm erwischen" - aber nie den Kopf. Denn: "Wer an der Spitze sitzt, wissen die Gefaßten selbst nicht."
Wer an der Spitze sitzt, wissen die Ermittler oft genau. Die Namen von Paten, wie einer als Hintermann des Bistry-Mordes vermutet wird, "pfeifen", so der Hamburger Kripo-Chef Sielaff, "die Spatzen von den Dächern". Nur beweisen läßt sich nichts.
"Wir kennen die Dunkelmänner alle", droht der Münsteraner OK-Staatsanwalt Wolfram Scherner - "aber wir kriegen sie nicht." Beim LKA, so weiß er, "liegen über einige Drahtzieher Dossiers von der Dicke eines Großstadttelephonbuches". Doch Strafbares findet sich, die Dunkelmänner wird''s freuen, nicht darin - "außer vielleicht Fischwilderei".
Die Klagen sind so alt wie die organisierte Kriminalität. Einer der Erfinder, der Chicagoer Gangsterboß Al Capone, der sicher mehr als hundert Menschen umgebracht hat, kontrollierte zur Zeit der Prohibition in den zwanziger Jahren nicht nur den Alkoholhandel, sondern auch Teile des Nachtlebens im Lande. Verurteilt wurde er schließlich wegen Steuerhinterziehung.
Am Abend des 27. April 1926 wurde in Chicago der Staatsanwalt McSwiggin _(Beim Angeln auf seiner Yacht 1930. )
auf offener Straße erschossen. Bis heute bezweifelt niemand, daß Al Capone den Mordauftrag gab - vermutlich aus dem gleichen Grunde, aus dem 1986 wohl auch Staatsanwalt Bistry sterben mußte: weil er zuviel wußte.
Der Gangsterboß mit den neapolitanischen Vorfahren soll, berichten Chronisten, gelacht haben, als ihn die Ermittler mit dem Mordvorwurf konfrontierten. Schließlich, begründete Al Capone seine Unschuld, habe er McSwiggin gekauft - warum hätte er ihn da erschießen sollen? Der Mörder wurde nie überführt.
Erfolge der amerikanischen Mafia-Bekämpfer waren jedenfalls im letzten Jahr zu sehen, als 17 führende Mafiosi in New York abgeurteilt wurden. Einige Herren der Cosa Nostra müssen sich auf lebenslange Haft einrichten.
Jetzt häufen sich die Dienstreisen von westdeutschen OK-Verfolgern zu den Mafia-Bekämpfern in die USA. Denn die deutschen Kriminalisten stehen der Mafia im eigenen Land völlig unerfahren gegenüber.
Zu lange jagten westdeutsche Ermittler Leuten vom Schlage Schinderhannes oder Terroristen hinterher, während die Cosa Nostra sich bereits ihre Stützpunkte schuf.
So gibt es bereits seit 1973 Unterlagen bei der Hamburger Kripo, die eindeutige Hinweise enthalten, daß sich Kiez-Größen wie der ehemalige Chef des Cafe Cherie, Wilfrid ("Frieda") Schulz, regelmäßig mit Deutschlandreisenden der Cosa Nostra trafen. Mächtige aus dem engsten Umfeld des ehemaligen Cosa-Nostra-Finanzberaters Meyer Lansky nächtigten im Hotel Atlantic, um mit St.-Pauli-Bossen über die Verwaltung des Glücksspiels zu verhandeln.
Bis in die achtziger Jahre verfolgte die Kripo mit Telephonüberwachungen die mafiosen Aktivitäten der hamburger Cosa-Nostra-Mitarbeiter Bill Davis und Ursula Hayn, die sich von der Elbe aus in mehrere europäische Spielkasinos einkaufen sollten.
Doch Davis, kurzzeitig verhaftet, wurde schnell wieder freigelassen. Wilfrid Schulz, angeklagt als Mittelsmann der Glücksspiel-Mafia auf dem Kiez, wurde verurteilt wegen - na, was wohl? - Steuerhinterziehung.
Sitzen wegen illegalen Glücksspiels mußte nur ein kleiner Wasserträger, der später bei der Polizei auch deshalb auffiel, weil er Vertrauter eines Mannes war, der nun als möglicher Hintermann des Bistry-Mordes gilt.
Gegen die Organisierte Kriminalität will die Polizei jetzt mit einem ganz neuen Konzept antreten. Das Zauberwort heißt "täterbezogene Ermittlungen". Statt Autoeinbrüche einzeln, tatbezogen aufzuklären, sollen künftig die Hintermänner der Einbrecher gesucht werden. Die OK-Arbeitsgruppe beim Bundeskriminalamt stellt sich das in einem Vorschlag über "neue Methoden der Bekämpfung" so vor: _____" Die Bekämpfung sollte sich in erster Linie gegen die " _____" aus den Beziehungsgeflechten der OK herausragenden " _____" Führungspersonen, die zumindest im örtlichen Milieu auch " _____" der Polizei weitgehend bekannt sind, richten. Die " _____" Aufstellung einer periodisch " _(Generalstaatsanwalt Gaetano Costa am 1. ) _(August 1980. ) _____" zu aktualisierenden Liste der wichtigsten " _____" Zielpersonen erscheint wichtig. "
Solche schwarzen Listen sind allerdings mit dem geltenden Recht ebenso schwer vereinbar wie der in Bonn diskutierte Einsatz nachrichtendienstlicher Mittel gegen Mafiosi.
Auf Bedenken stößt bei Strafjuristen auch das Zeugenschutz-Konzept, das seit Jahren bereits in Hamburg angewendet wird, um das Mafia-Prinzip der Angst zu durchbrechen.
Wie gefährdete Kronzeugen in den USA zum Schutz vor der Mafia, so werden auch im Hamburger Prozeß um die Auftraggeber des Killers Pinzner viele, die bereit waren auszupacken, polizeilich weggesteckt. Sie bekommen eine neue Wohnung, neue Namen, neue Papiere und Geld, um sich in einer neuen Umgebung einrichten zu können.
Doch spätestens vor Gericht müssen solche Zeugen sagen, wer sie sind. Denn Belastungszeugen, deren Identität verschleiert wird, sind von minderem Wert. "Es ist nicht sicher", fürchtet ein Staatsanwalt aus NRW, "ob Verfahren mit verdeckten Zeugen nicht von der nächsten Instanz wieder aufgehoben werden."
Aber selbst mit Spitzeln und Kronzeugen, das ist schon jetzt vielen OK-Experten klar, werden sie die Macht der kriminellen Unternehmen nicht brechen können. "Was nützt es uns", fragt Sicherheitspolitiker Gauweiler, "wenn wir die Leute kriegen, aber nicht ihr Geld?"
Und das Geld kriegen sie nicht. Radikale Vorschläge, wie sie jetzt unter Polizeirechtsexperten diskutiert werden, sehen zwar vor, mit den Tätern auch gleich ihr Vermögen zu kassieren. Doch solche Gewinnabschöpfung hat keine realistische Chance.
Denn die Schmuddelgelder, gehortet und gewaschen, sind meist längst investiert in ganz legale Geschäfte. "Pure Augenwischerei", so ein BKA-Mann, "ist der Versuch, da dranzukommen."
In "effizienter Art und Weise", weiß der BKA-Ermittler und OK-Fachmann Erich Rebscher, "werden legale und illegale Geschäfte miteinander gekoppelt: Illegal erzielte Gewinne werden vorwiegend in Immobilien im In- und Ausland angelegt oder in legal betriebene Geschäfte (Handel, Dienstleistungsgewerbe) investiert".
Ein legales zweites Standbein, so Rebscher, sei das A und O des organisierten Verbrechens. Er hat beobachtet, daß OK "erst durch die Ausnutzung legaler Wirtschaftszweige und Finanzschienen voll gedeiht".
Das Prinzip der Schrottdiebe, die vom Schrottplatz stehlen, was sie dem Schrotthändler dann wieder verkaufen, hat die ehrenwerte Gesellschaft zum Milliardengeschäft gemacht.
Multi-Milliarden-Summen, von der Unterwelt zusammengestohlen in allen Etagen der Volkswirtschaft, werden über feine Bankhäuser wieder zurückgereicht - Jahr für Jahr.
"Irgendwann", schwant einem BKA-Mann, "gehört so die Oberwelt der Unterwelt."
Im nächsten Heft
Schutzgelderpressung, das perfekte Verbrechen - Blumengrüße von der Mafia - Wie Chinas Tiraden foltern - Die Macht der Jugo-Gangs - Und immer zahlen die Wirte _(Mordanschlag am Valentinstag 1929. )
Bergung des Ölfasses mit der Leiche des Gastwirts Lienau im November 1984. Oben: im Juli 1979 von einem Mordkommando hingerichteter Mafia-Pate Carmine Galante; unten rechts: im Februar in Frankfurt sichergestellte Kokainlösung in Zierfischbehältern. Oben: im Dezember 1986 am Hans-Albers-Platz; Dagobert Lindlau: "Der Mob. Recherchen zum organisierten Verbrechen". Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg; 344 Seiten; 36 Mark. unten: bei einer Vorführung von schußsicherem Panzerglas. Beim Angeln auf seiner Yacht 1930. Generalstaatsanwalt Gaetano Costa am 1. August 1980. Mordanschlag am Valentinstag 1929.

DER SPIEGEL 9/1988
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