12.09.1988

DDRVierter Mann

Der Tod des Politbüro-Mitglieds Werner Felfe zwingt SED-Generalsekretär Erich Honecker zur Entscheidung über die eigene Nachfolge. *
Das DDR-Fernsehen vermeldete den Tod des Genossen, als sei der Landesvater verblichen: Ein Sprecher und eine Sprecherin rezitierten zum Auftakt der Nachrichtensendung "Aktuelle Kamera" fast zehn Minuten lang im Wechsel Nachrufe der gesamten Staats- und Parteiführung, untermalt mit Bildern aus dem Leben des Toten.
Feierlich verlasen sie ein ärztliches Bulletin, wonach Werner Felfe, Mitglied im Politbüro der SED und in der Parteispitze zuständig für die ostdeutsche Landwirtschaft, am Mittwoch letzter Woche "einem akuten Herztod" erlegen sei. Seit Jahren, so notifizierten die behandelnden Ärzte, habe ihr Patient an chronischer Durchblutungsstörung des Herzens, an Bluthochdruck und Herzrhythmusstörugnen gelitten.
Der 60jährige Spitzenfunktionär, der "immer unter Dampf stand" (ein SED-Mann), starb am Streß. Während seine Kollegen aus dem Politbüro sich dem Sommerurlaub hingaben, hetzte Felfe seit Wochen pflichtbewußt durch die ländlichen Bezirke der Ostrepublik, um LPG-Bauern und Landarbeiter vor Ort zu Höchstleistungen bei der Ernte anzuspornen.
"Es ist schwer begreifbar", schrieb SED-Chef Erich Honecker in seinem Kondolenz-Brief an die Witwe, "daß unser Genosse Werner Felfe, unser Kampfgefährte im Kollektiv der Parteiführung, nicht mehr unter uns weilt."
Der plötzliche Tod ihres Mitregenten trifft den 76jährigen SED-Generalsekretär und seine Altersgefährten im Politbüro, Ministerpräsident Willi Stoph, 74, und Volkskammerpräsident Horst Sindermann, 73, im denkbar ungünstigsten Moment. Werner Felfe war einer der Anwärter auf ihr Erbe und ihre Posten. Sein Tod zwingt den Altkommunisten in der SED-Spitze auf, was sie derzeit - Perestroika und Glasnost im Nacken - unbedingt vermeiden wollen: Weichenstellungen für die eigene Ablösung.
Felfes Amt als Sekretär des Zentralkomitees für Landwirtschaft ist zu wichtig, um es zeitweise unbesetzt oder linker Hand von einem anderen Sekretär mitverwalten zu lassen. Der dynamische Genosse hatte den Job, den er 1981 übernahm, zielstrebig zu einer gewichtigen Machtposition ausgebaut - gegen seinen für die gesamte DDR-Wirtschaft zuständigen Kollegen Günter Mittag, der die Agrarpolitik seinem Ressort gern als Unterabteilung einverleibt hätte.
Felfe ließ sich nicht nur ein "Gewächshausprogramm" einfallen, um die schwankende Versorgung der Bevölkerung mit Obst und Gemüse zu verbessern. Er verfügte auch eine Richtungsänderung in der Agrarpolitik. Er setzte, statt auf getrennte industriegemäße Tier- und Pflanzenproduktion und riesige Anbauschläge mit verheerenden Schäden für die Ackerböden, wieder mehr auf vollbäuerliche Produktionsweisen und förderte zudem individuelle "Hauswirtschaften" der LPG-Bauern und Landarbeiter.
Die Nachfolge Felfes wird vor allem Aufschluß geben, wie stark Erich Honecker noch ist. Und sie könnte bereits eine Vorentscheidung für dessen eigene Nachfolge bedeuten. Daß der Felfe-Posten möglichst mit einem schwachen Funktionär besetzt wird, daran sind außer Mittag vor allem die Politbürokraten Egon Krenz und Günter Schabowski interessiert, die sich selbst gute Chancen ausrechnen, zum Generalsekretär aufzurücken (SPIEGEL 32/1988).
Erich Honecker, so glauben SED-Leute, hat anderes im Sinn. Er wolle, kolportieren sie, die Gelegenheit nutzen, den bislang vierten Mann im Kandidatenquartett, den Karl-Marx-Städter Genossen Siegfried Lorenz, aufzuwerten. Lorenz gehört zwar seit zwei Jahren dem Politbüro an, doch hat er als SED-Statthalter weit hinten in der Provinz im zentralen Parteiapparat bislang keinen Rückhalt. Die Beförderung würde Lorenz in eine Reihe mit Krenz und Schabowski hieven, die beide ZK-Sekretäre sind. Daß er von Landwirtschaft nicht allzuviel versteht, ist für einen Spitzenmann der Partei ohne Belang. Auch Felfe war kein Agrarspezialist.
Ob Honecker sich durchsetzen kann, darüber geben Genossen derzeit keine Prognosen ab. Durcheinanderbringen könnte die Überlegungen des Generalsekretärs etwa der Russe Michail Gorbatschow. SED-Funktionäre gehen davon aus, daß der ehemalige sowjetische ZK-Sekretär für Landwirtschaft seinen Gast auf die Personalie ansprechen wird, wenn der SED-Chef Ende des Monats nach Moskau kommt. Und sie schließen nicht aus, daß er dem ostdeutschen Einheitssozialisten als Felfe-Nachfolger
wärmstens einen Mann empfiehlt, den die Sowjets sich seit längerem durchaus als nächsten SED-Generalsekretär vorstellen können - den Dresdner Bezirksparteichef Hans Modrow.
Der Diplom-Wirtschaftler und Dr. rer. oec. hat zwar Ahnung von Landwirtschaft, doch sein Einzug ins Politbüro zum jetzigen Zeitpunkt wäre eine Niederlage Honeckers. Der verweigert dem ungeliebten Satrapen seit Jahren den Aufstieg ins Spitzenmanagement der Partei.
Das in Landwirtschaftsfragen sachkundigste Mitglied in der SED-Führung hat dagegen so gut wie keine Chance, den Felfe-Posten zu übernehmen. Die 57jährige Margarete Müller ist nicht nur gelernte Traktoristin, sondern auch studierte Agronomin - und die einzige in der SED-Spitze, die ihren Lebensunterhalt als Werktätige verdient: Sie leitet seit 1976 die riesige Agrar-Industrie-Vereinigung Friedland im Bezirk Neubrandenburg.
Doch die Genossin hat das falsche Geschlecht: Sie ist seit nunmehr 25 Jahren bloß Kandidatin des Politbüros. Die Vollmitgliedschaft im innersten SED-Zirkel blieb ihr wie ihrer Kollegin Inge Lange verwehrt.
Von Quotenregelung nach sozialdemokratischem Muster halten die Einheitssozis nichts.

DER SPIEGEL 37/1988
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