25.04.1988

POPKULTURDie Hummel brummt

Herber Verlust für Münchens Kultur: Die Alabama-Halle macht dicht. *
Die Alabama-Halle war immer für ungewöhnliche kulturelle Veranstaltungen gut. Und sollte es nach dem Willen ihrer Betreiber auch bleiben. Am vorletzten Freitag fand die ungewöhnlichste Alabama-Session statt, ein junger zukünftiger Architekt bekam einen Preis
für das couragierte Konzept zur Rettung der Halle. Anschließend machte eben jene Kulturinstitution im Münchner Industrienorden dicht.
Zu gleichen Zeit warb BMW in einer Anzeige mit dem Slogan "BMW Forschung: Nachbar von tausend Premieren". BMW ist Eigner des Geländes, auf dem die Halle steht, gleichzeitig aber auch, neben der Stadt München, Partner des Vereins "Spielmotor", des Programmveranstalters der Alabama-Halle. Sie muß nun einem BMW-Ingenieurzentrum weichen. Die Forschung bleibt also, die Premieren verschwinden. Ein Selbstrauswurf? Kultur-Ball paradox? Oh, Moon of Alabama!
Es war nicht Brecht, der dem herben Gebäude den Namen gab, sondern die U. S. Army. Die requirierte nach dem Krieg das 1935 entstandene Heereszeuglager der Wehrmacht, benannte jedes einzelne Gebäude nach einem US-Bundesstaat und lagerte in der dreischiffigen Halle namens Alabama zunächst Care-Pakete, später Unterwäsche und Socken. 1975 wurden die US-Fußlappen abgezogen. Alabama und das Gelände rings herum lagen brach.
1978 erwarb BMW eine Kaufoption für das Areal, um dort in nicht definierter Zukunft ein Forschungs- und Ingenieurzentrum mit 6000 Arbeitsplätzen zu errichten. Zur selben Zeit war BMW via "Spielmotor" beim Münchner Theaterfestival beteiligt, das saftige Defizite machte.
Das Publikum, so folgerte das Kulturreferat, habe die Theaterzelte mit ihrem akustischen Kuddelmuddel und ihrer Wetteranfälligkeit satt. Halle war angesagt. Dies wurde die Geburtsstunde des Alabama-Konzepts, das bundesweit eine Reihe von Nachahmern fand.
Mit Wilfried Albrecht erkor sich der Veranstalter "Spielmotor" einen liebenswerten Dickschädel zum Hallenboß, der sich einzig den Finanzrahmen - 800 000 Mark pro Jahr - vorschreiben ließ. Er gestaltete von Anfang an ein Programm jenseits der Frackgrenze, auf das Müslis und Motorradrocker, Punks und Pop-Freaks tierisch abfuhren.
Die finstere Lage des Alabama zwischen Sozialbrachland und Industriepark erwies sich als Vorteil. Wer hier raus kam, der wußte, warum. Wegen Tina Turner zum Beispiel, die hier ihr Comeback einröhrte. Die Furien von "Spiderwomen" heizten mit ihrem Stück "Lysistrata Numbah" den Machos ein, und Philip Glass versetzte die Halle mit seiner Minimal Music in ekstatische Konzentration.
Montags war Fernsehtag. "Live aus dem Alabama", von Giovanni di Lorenzo und der anfänglich noch schüchternen Amelie Fried moderiert, hob sich derart aufmüpfig vom anstaltsüblichen Hofschranzentum einer Carolin Reiber oder Petra Schürmann ab, daß Stoiber und Tandler ihre Protestnoten schon in Kettenbriefform versenden mußten - eine Ehrung, die die Sendung ebenso schmückte wie der Adolf-Grimme-Preis.
Von Tschernobyl bis Filmnachwuchs, von "Glauben heute" bis Arbeitslosigkeit reichte die Themenplatte, auf der ein brauner Fleck fehlt: Als der Bayerische Rundfunk letztes Jahr nach dem Tod von Rudolf Heß unter dem Titel "Der Tote von Spandau mobilisiert die Szene" über den Neofaschismus diskutieren lassen wollte, sperrte der erboste Wilfried Albrecht die Halle einfach zu. Die Sendung fiel aus.
In den letzten Jahren hatte Albrecht sein Programm konsequent um Theater-, Modern-Dance- und Performance-Veranstaltungen erweitert. Gastspiele von Mauricio Kagel, der Royal Shakespeare Company mit Bonds "Lear", des Warschauer "Teatr Wielki" oder der Merce Cunningham Dance Company rückten das Alabama fast schon in die Nähe der heiligen Hallen rund um die Maximilianstraße. Albrecht päsentierte Kultur klassen-, schranken- und respektlos.
"Immer eine Nase voraus zu sein entspricht auch dem Selbstverständnis von BMW." Dr. Horst Avenarius, Historiker und Leiter der Öffentlichkeitsarbeit des Automobilkonzerns, weiß sehr geschickt kulturelles Mäzenatentum und firmeneigene Imagepflege miteinander zu verbinden. "Wie auf der Automobilseite wollen wir auch auf der Kulturseite Pioniere sein. Allerdings sind wir keine Theaterhallen-Bauer." Der Seitenhieb gilt den Kulturbürokraten der Stadt München, die seit Bekanntwerden der BMW-Pläne vor zwei Jahren noch keine praktikable Alternative für die Alabama-Halle gefunden haben.
Das ist sicher nicht leicht in einer Stadt, die kaum über eine Industrievergangenheit und damit kaum über entsprechende obsolet gewordene Bauten verfügt. Die raren Ausweichmöglichkeiten scheiterten bisher an persönlichen Eifersüchteleien oder an der Tatsache, daß in einer in Frage kommenden Halle der Tennisklub der Stadtwerke das Racket schwingt.
Vielleicht wird Münchens neuer Kulturreferent, der im Sommer sein Amt antritt, fündig. Albrecht ist skeptisch: "Der Mann heißt Hummel, laut Meyers Lexikon ein plumpes Tier, das beim Fliegen stark brummt. Mal sehen, ob aus dem eine Biene Maja wird oder eine konstruktive Hornisse."

DER SPIEGEL 17/1988
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