Die Vorgabe war eindeutig: "Für die Kleinabnehmer sind die Tarife tunlichst absatzwerbend zu gestalten." Die deutsche Elektrizitätswirtschaft folgte, man schrieb das Jahr 1933, der von Gutachtern ausgesprochenen Empfehlung. Sie entwarf einen Tarif, der einen Grundpreis und einen Arbeitspreis enthält. Er führt damit, wie es 1933 hieß, "zielgemäß auch zu einer Steigerung des Stromabsatzes".
Noch heute, über ein halbes Jahrhundert später, regelt ein Tarifwerk, das nach ebendieser Anweisung gefertigt wurde, die Strompreise. So viel auch über Energiesparen geredet wird, für die Stromkunden gilt noch immer: Je mehr Strom sie für den Betrieb von Heizgeräten, Maschinen oder Beleuchtung abnehmen, desto billiger wird die Kilowattstunde.
Das soll demnächst anders werden. Die großen Stromkonzerne, die Wirtschaftsminister der Länder und viele Stadtwerke basteln an neuen Tarifen. In Modellversuchen testen sie, wie Strom anders zu verkaufen ist.
Das Ziel der anstehenden Tarifreform ist klar. Die Strompreise müßten so gestaltet werden, beschlossen die Wirtschaftsminister im Oktober vorigen Jahres, daß Energiesparen lohnt, daß die Preise kostengerecht sind und daß die Verbraucher die Tarife verstehen. Doch wie das geht, darüber sind die Experten uneins.
Der Streit hat es in sich. Es geht nicht allein darum, ob mit dem Energiesparen endlich Ernst gemacht wird. Es geht auch um die Grundsätze der Energiepolitik.
Die neuen Stromtarife könnten das Ende einer Epoche einläuten, in der die Elektrizitätsversorgungsunternehmen (EVU) ihre Aufgabe darin sahen, möglichst viel Strom zu produzieren und zu verkaufen. Neue Stromtarife, die den sparsamen Umgang mit der aufwendig und umweltbelastend herzustellenden Ware Strom belohnen, zwängen die EVU-Manager zu einem neuen Selbstverständnis.
Bisher denken die Stromfabrikanten genauso wie alle anderen Unternehmer: Erfolgreich ist, wer viel verkauft. Die Stromkunden werden deshalb mit Großabnehmer-Rabatten ermuntert, möglichst viel Saft aus der Steckdose abzuzapfen.
Unabhängig vom Verbrauch zahlen die Kunden einen fixen Grundpreis, der immerhin 30 bis 40 Prozent der Gesamtrechnung ausmacht. Dazu kommt dann der sogenannte Arbeitspreis für jede verbrauchte Kilowattstunde. Mit dieser Koppelung zweier Berechnungsarten wird der Endpreis jeder Kilowattstunde um so billiger, je mehr Strom jemand verbraucht.
Heute begründen die Elektrizitätswerke die degressiven Tarife nicht mehr, wie vor 50 Jahren, mit der erwünschten Verbrauchssteigerung. Sie führen ihre Kostenrechnung an: Die steigende Stromabnahme führe zu einer besseren Auslastung ihrer Kraftwerke und Leitungen und ermögliche so niedrigere Durchschnittspreise.
Diese Lehrbuch-Rechnung gilt zweifellos für ein einzelnes, vorhandenes Kraftwerk. Wenn zusätzlicher Stromverbrauch jedoch den Bau neuer Kraftwerke oder die Einschaltung eines teuren Spitzenlast-Kraftwerks erzwingt, dann wird die Produktion der Kilowattstunden nicht billiger, sondern letztlich teurer.
Diese Kosten werden in der Bundesrepublik sehr ungleich an die Kunden weitergegeben. Ein Haushalt mit geringem jährlichem Stromverbrauch zahlt über 40 Pfennig pro Kilowattstunde, der durchschnittliche Verbraucher jedoch nur 23 Pfennig.
So ergibt sich eine ansehnliche Subventionskette: Die Haushalte mit niedrigem Stromverbrauch zahlen drauf für die Vielverbraucher unter den Privatkunden. Alle Haushalte zusammen wiederum subventionieren die industriellen Großkunden. Denen räumen die Stromverkäufer billige Sondertarife ein, die zum Teil nicht einmal die Herstellkosten decken.
Die Vorstände der Stromkonzerne und ihre Vertreter im Branchenverband, der Vereinigung Deutscher Elektrizitätswerke (VDEW), wissen, daß eine neue Zeit heraufzieht, in die das alte Tarifwerk nicht mehr paßt. Nur zu mauern, so die Selbsterkenntnis, hilft da nicht.
Und so präsentierten die Männer vom Strom, kaum, daß die Reformdiskussion in Gang gekommen war, ein eigenes Tarifwerk, den "Hundert-Stunden-Tarif". Er ist gestrickt nach der Devise: So wenig Änderung wie möglich.
Der Tarifvorschlag behält den Grundpreis bei, der unabhängig vom Verbrauch zu entrichten ist. Doch diese Bereitstellungsgebühr soll zukünftig nicht mehr nach der Wohnungsgröße oder, bei Bauern, nach Größe der landwirtschaftlichen Nutzfläche errechnet werden.
Ein Spezialzähler, fast schon ein kleiner Computer, mißt während des ganzen Jahres die Spitzenwerte des Stromverbrauchs. An diesen Werten orientiert sich der neue Bereitstellungspreis.
Damit nicht zufällig kurze Verbrauchsspitzen von nur wenigen Minuten ein falsches Bild ergeben, errechnet der Computer den Verbrauchsdurchschnitt, der jeweils während 100 Stunden nachgefragt wurde. Wer dabei einen hohen Wert erreicht, muß einen hohen Grundpreis zahlen. Verteilt sich der Strombezug hingegen gleichmäßig, dann darf sich der Kunde über einen niedrigen Grundpreis freuen.
Mit der Abschaffung des bisherigen, nicht elektrizitätsbezogenen Grundpreises reagieren die Strommanager auf die Forderung, einen Mehrverbrauch stärker im Strompreis widerzuspiegeln. Sie öffnen sich mit ihrem Tarif auch der Erkenntnis, daß ein intensiver Stromverbrauch dazu zwingt, den Kraftwerkspark kostspielig zu erweitern.
Doch letztlich wird das Tarifmodell der EVU-Manager nicht der Forderung gerecht, mit Elektrizität so sparsam wie möglich umzugehen. Ihr Vorschlag hält an der grundsätzlichen Spaltung des Tarifs in Grundpreis und Arbeitspreis fest. Käme dieser Berechnungsmodus durch, dann würden sich Strompreise auch weiterhin degressiv entwickeln; die zusätzliche Kilowattstunde kostete letztlich weniger als die vorhergehende, weil der Fixbetrag auf immer mehr Kilowattstunden umgelegt wird.
Der Hundert-Stunden-Tarif berücksichtigt zudem nicht, wann ein Verbraucher den Strom bezieht: in Spitzenlastzeiten, also in den Morgen- oder Abendstunden, oder in Schwachlastzeiten, also tagsüber oder nachts. Die tages- und jahreszeitlichen Schwankungen der Stromerzeugungskosten, die davon abhängen, wie viele und welche Kraftwerke eingeschaltet werden, spürt der Stromkunde nicht.
"Nur eine kosmetische Maßnahme", so urteilt deshalb die Bundestagsfraktion der Grünen, sei der VDEW-Vorschlag. Der Entwurf der VDEW solle die breite Kritik an der derzeit gültigen Tarifordnung auffangen und den EVU, wie bisher, zu einem Mehrabsatz verhelfen.
Ein Modellversuch der Stadtwerke Saarbrücken scheint besser geeignet, den Strompreis an den wirklichen Kosten zu orientieren. Seit Oktober testen die Saarländer in 1500 Haushalten einen "linearen zeitvariablen Tarif".
Dieser neue Tarif verzichtet völlig auf den fixen Grundpreis, so daß die Stromrechnung allein von der Zahl der wirklich verbrauchten Kilowattstunden abhängt. Das macht Stromsparen rentabel; es lohnt sich, energiesparende Geräte zu kaufen, weil jede gesparte Kilowattstunde die Stromrechnung spürbar entlastet.
Der Strompreis ist zudem "zeitvariabel", er richtet sich nach der Tageszeit. Ein neuartiger Stromzähler namens "Sesam" (System für Energie-Spar-Management) informiert über die unterschiedlichen Bezugspreise.
Zur Zeit der größten Stromnachfrage, zwischen 9 und 13 Uhr, ist es am kostspieligsten, elektrische Geräte zu nutzen. Dann sind die teuersten Kraftwerke am Netz - nämlich jene, die allein für den Spitzenbedarf gebaut wurden und mit Öl und Gas befeuert werden. Wer warten kann und seine Wasch- oder Spülmaschine erst zwischen 13 und 20 Uhr laufen läßt, spart 25 Prozent. Am wenigsten, nämlich nur die Hälfte des Spitzenlastpreises, kostet der Strom zwischen 20 Uhr und 6 Uhr morgens.
Der Chef der Saarbrücker Stadtwerke, Willy Leonhardt, sieht in dem neuen Tarifmodell viele Vorteile für sein Unternehmen. "Wenn wir Belastungsspitzen abbauen, brauchen wir weniger Kraftwerkskapazitäten bereitzuhalten", erläutert der Ingenieur. Und: "Je weniger Kraftwerke wir unterhalten müssen, desto billiger können wir Strom anbieten." Zudem würden durch den rückläufigen Stromverbrauch Rohstoffreserven geschont und die Umwelt entlastet.
Leonhardts Kollegen von der VDEW sehen das ganz anders. Zweifellos, so heißt es, fördere der Tarif der Saarländer das Stromsparen der Bürger. Aber die finanzielle Begünstigung der Wenigverbraucher sei sachlich nicht gerechtfertigt, da ihr Verhalten nicht zu einer Kostensenkung beim Versorgungsunternehmen beitrage.
Die Stromerzeuger, so zeigt sich, sehen das Tarifproblem nur von ihrer, der Anbieterseite aus. Wer weniger Strom verbraucht, dem wollen die EVU nur die vermiedenen
Brennstoffkosten erstatten. Bau und Unterhalt der Kraftwerke sollen die Kunden über den Bereitstellungspreis auf jeden Fall finanzieren - egal, ob das Kraftwerk wirklich gebraucht wird oder ob es nur die Überkapazitäten vergrößert.
Sind die Kraftwerke aber erst mal da, das belegt die gängige Praxis, dann sind die Unternehmen auch interessiert, deren Existenzberechtigung nachzuweisen. Sie wollen für eine hohe Auslastung sorgen und bemühen sich, über niedrige Arbeitspreise den Stromkonsum anzukurbeln. Das Wachstum des Stromverbrauchs wird dann als Fortschritt gefeiert.
Diesen "elektrischen Teufelskreis" (Leonhardt) von steigendem Stromverbrauch, Kraftwerksneubauten und Überkapazitäten, die nach Verbrauchsförderung verlangen, wollen die Saarbrücker mit ihrem Tarifmodell durchbrechen. Dahinter steckt ein neues Selbstverständnis der Stromproduzenten, die nun endlich auf die veränderte Energiewelt reagieren.
Die Manager des kommunalen Unternehmens wollen nicht mehr, wie private Kaufleute, möglichst viel verkaufen, um den Umsatz zu steigern; sie verstehen sich als Geschäftsführer eines Energiedienstleistungsunternehmens. Sie wollen ihren Kunden preisgünstigen Strom anbieten, der in möglichst geringen Mengen produziert wird, weil jede Energieerzeugung eine Umweltbelastung darstellt.
Die neue Denkweise findet bei anderen Stromerzeugern Anhänger. Weitere Modellversuche mit sparorientierten Tarifen laufen derzeit in Freiburg, Würzburg, Nürnberg, Saarlouis und München.
Die großen Elektrizitätserzeuger, die acht überregionalen Verbundunternehmen und der Branchenverband VDEW halten wenig von dieser Experimentierfreude. Sie plädieren vehement dafür, den in Grund- und Arbeitspreis gespaltenen Stromtarif beizubehalten, die Industrietarife weiterhin künstlich zu verbilligen und Lasttäler aufzufüllen, statt Verbrauchsspitzen abzubauen.
Daß es, ohne den stets beschworenen Untergang der industriellen Zivilisation, auch anders geht, läßt sich im Ausland studieren. In 43 von 50 Staaten der USA haben die Preisaufsichtsbehörden lineare Stromtarife genehmigt. Die Japaner muten nicht nur den Haushalten, sondern auch ihren exportorientierten Unternehmen progressiv steigende Strompreise zu: Wer mehr verbraucht, zahlt immer mehr für die Kilowattstunde. Japans Firmen haben mit dieser Belastung nichts von ihrer Wettbewerbsfähigkeit eingebüßt.
In Europa praktiziert Italien einen progressiven, Griechenland eine Mischung von linearem und progressivem Tarif. Luxemburg erprobt den linearen Tarif, Frankreich einen leistungsorientierten Grundpreis. Selbst in jenen EG-Ländern, die ähnliche Tarifsysteme haben wie die Bundesrepublik, fällt die Preisdegression für Vielverbraucher deutlich geringer aus als hierzulande.
"Deutschland", urteilt Dieter Seifried vom Freiburger Öko-Institut, "ist nach wie vor das Paradies der Stromverschwender."
Daß es bis heute so ist, daß trotz jahrelanger Umwelt-Debatten die Änderung so langsam vorankommt, hat viel mit Uninformiertheit zu tun. Den meisten Bürgern ist bislang gar nicht bekannt, daß sie mit ihrer Stromrechnung nicht nur ihren eigenen Elektrizitätsverbrauch, sondern auch den verbilligten Industriestrom und die Überkapazitäten der EVU bezahlen.
"Das wichtigste Kennzeichen der gegenwärtigen Tarifstruktur", stellte die Monopolkommission schon 1976 fest, "ist ihre Undurchsichtigkeit."
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STROMFRESSER BEGÜNSTIGT Staffelung der Strompreise in der Bundesrepublik Kilowattstunde Preis in Pfennig Jahresverbrauch in Kilowattstunden Quelle: Seifried, Gute Argumente - Energie Beispiel: Freiburger Energie- und Wasserversorgung, Tarif 1985 So wird der Strompreis berechnet Stromverbrauch (Kilowattstunden) Grundpreis Zählergebühr (Mark) Bereitstellungspreis (Mark) Arbeitspreis(Mark/Kilo-(wattstunde) Arbeitspreis x Bezugsmenge (Mark) Strom-Kosten (Mark) Durchschnittspreis pro Kilowattstunde (Mark)
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DER SPIEGEL 29/1988
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