29.02.1988

GROMYKO

Tausend Rätsel

In seinen Erinnerungen charakterisiert der sowjetische Ex-Außenminister seine ehemaligen Gesprächspartner. Einige kommen nicht gut weg. *

Elvis Presley fand er "begabt". Kapitalistische Geschäftemacher, beklagt er, hätten das "Talent" ausgebeutet und seien mit schuld an Sucht und Tod des Rockstars - wie das eben so ist im unerbittlich kapitalistischen Amerika.

George Gershwins Musik, einer Mischung aus "Blues und Spirituals", lauschte er mit "Vergnügen". In Filmen mit Marilyn Monroe verspürte er die "besondere und unwiderstehliche Attraktivität" der Schauspielerin.

Pablo Picasso, dessen Werke in der Sowjet-Union kaum bekannt sind, verehrte er tief und war froh über die Gelegenheit, mit diesem "Giganten der Malerei" während eines Besuchs im Pariser Louvre zu reden. In seiner Wohnung, so berichtet er, hänge der Abdruck Nr. 32 von Picassos Friedenstaube, ein Geschenk der französischen Regierung.

Mit Boris Pasternak, dem lange Verfemten, saß er in der Küche in dessen Datscha in Peredelkino und sprach über sowjetische Kunst und amerikanische Kultur. Pasternaks Hauptwerk "Dr. Schiwago" fand er nicht besonders, doch der Versuch der Moskauer Kulturbürokraten Ende der fünfziger Jahre, diesen "großen Künstler des Wortes vom Kollektiv der sowjetischen Schriftsteller auszugrenzen", sei "völlig ungerechtfertigt" gewesen. Ob er den Freund, der seiner Frau Lidija ein Gedicht widmete, in Schutz genommen hat, bleibt unklar. Nur das: Die Lage damals "konnte man nicht normal nennen".

Ein Kenner von Presley, Picasso und Pasternak - so recht hat ihm dies niemand zugetraut, dem Andrej Andrejewitsch Gromyko, Moskaus Botschafter in Washington und London, danach 28 Jahre verkniffener Außenminister der Sowjet-Union, Politbüromitglied und nun Vorsitzender des Präsidiums des Obersten Sowjet.

In seinen Memoiren ("Denkwürdiges"), die er jetzt in Moskau veröffentlichte, präsentiert sich der 78jährige diplomatische Haudegen, der wegen seiner stets heruntergezogenen Mundwinkel in Amerika den Spitznamen "Grim Grom" erhielt und der sich nach Meinung seines früheren Chefs Nikita Chruschtschow auf Befehl widerspruchslos auch auf einen Eisblock gesetzt hätte, als feinfühliger, kulturbegeisterter Politiker, der es genoß, Künstler in seinem Freundeskreis zu haben.

In Verona 1970 fühlte er unter dem Balkon der Julia den "mächtigen Einfluß des Genies Shakespeare", in Japan war er angetan von der Tee-Zeremonie, und in Amerika wandelte er in Museen und Galerien, bedrückt über die wenigen einheimischen Besucher.

In zwei Bänden, auf insgesamt 900 Seiten, mit einer für sowjetische Verhältnisse bescheidenen Auflage von 200 000 Exemplaren erinnert sich der "Kommunist vom Scheitel bis zur Sohle" (Gromyko über Gromyko) an Jugend und Karriere unter sechs Parteichefs.

Selbstkritisches kommt da nicht zu Tage, auch ist der Belorusse nicht von Zweifeln geplagt. Große Geheimnisse enthüllt er nicht, doch für Sowjetbürger, die es trotz "Glasnost" noch immer

nicht gewohnt sind, daß ihre Oberen ein wenig aus dem Nähkästchen plaudern und sogar ein Stückchen Privatsphäre preisgeben, dürften die beiden braunen Bände (Preis zusammen rund drei Stundenlöhne) eine spannende Lektüre sein.

Sie erfahren zum Beispiel, daß Gromyko Jäger ist und Bücher liebt. In seinen Regalen stehen viereinhalbtausend Bände - zum Leidwesen seiner rundlichen Frau Lidija, gelernte Bibliothekarin, die, wenn ihr Mann wieder neue Lektüre anschleppt, stets klagt: "Die Bücher fressen uns bald auf."

In seiner Jugendzeit dichtete er (das Ergebnis verbrannte er), noch immer schreibt er gern (mit Blaustift), und mit 25 wollte er eigentlich Pilot werden. Doch für die Flugschule war er ein paar Monate zu alt.

Einige politische Enthüllungen sind in den Memoiren gleichwohl enthalten. Bei einem Geheimbesuch in Peking 1958, während der Krise um die Inseln von Quemoy und Matsu, habe ihm Mao Tsetung den Plan vorgetragen, die Amerikaner bei einer bewaffneten Auseinandersetzung ins Landesinnere des riesigen chinesischen Reiches zu locken. Die Sowjets sollten dann, so Mao, die Amerikaner mit Atombomben vernichten. Die Antwort Gromykos: "Das von Ihnen beschriebene Kriegsszenario kann keine positive Antwort erhalten. Das kann ich mit Sicherheit sagen."

Mit Mao hatten die Sowjets, neben den politischen Differenzen, ohnehin menschliche Schwierigkeiten. Bei einem Essen in Peking habe der Chinese zum Gast Nikita Chruschtschow "nicht mehr als ein Dutzend Protokoll-Worte" gesprochen. Und unbehaglich erinnert sich Gromyko, wie er verzweifelt versuchte, die beiden Kommunistenführer Stalin und Mao während eines Diners im Moskauer Hotel Metropol 1950 ins Gespräch zu bringen. "Ich versuchte zu helfen, eine Unterhaltung in Gang zu setzen, doch besonderen Erfolg hatte ich nicht."

An seinen damaligen Chef Josef Stalin denkt Gromyko - wie viele Russen - mit zwiespältigen Gefühlen zurück. Der "gebildete" Mann, dessen "scharfer Blick ... tausend Rätsel" enthielt, war laut Gromyko ein ausgezeichneter Unterhändler, ausgestattet mit einem Gedächtnis "wie ein Computer". "Stalins Humor wurde von allen als Vergnügen empfunden", er habe Musik und Maupassant geliebt. Aber: Stalin habe "eine Menge sowjetischer Menschen ins Verderben geführt", um ein Ziel zu erreichen. "Das Land und das Volk", so Gromyko, "kann ihm natürlich niemals diese ungesetzliche Massenvernichtung von unschuldigen Kommunisten und Parteilosen ... verzeihen."

Beeindruckt zeigt sich der Ex-Außenminister auch von Politikern, mit denen er eigentlich wenig im Sinn haben sollte. Papst Johannes Paul II., der ungeliebte Pole, habe beim Gespräch im Vatikan in durchaus "taktvoller Art" seine Sorge über die Lage der Katholiken in der Sowjet-Union ausgedrückt - und "ruhig unsere Erklärungen angehört".

Den verstorbenen Schah von Persien nennt er "gebildet", der ehemalige afghanische König Sahir Schah bekommt gar die Note: "Ziemlich interessant, intellektuell und wissend."

Schlechter kommt Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt weg, dem Gromyko die Nachrüstungsinitiative als Antwort auf die sowjetischen SS-20-Raketen noch immer übelnimmt. Schmidt habe nie die "Lebensphilosophie eines Offiziers der Deutschen Wehrmacht abgestreift" und im Unterschied zu seinem "vielkantigen" Vorgänger Willy Brandt die Folgen seiner Entscheidungen unterschätzt. Immerhin: "Etwas" habe Schmidt für die deutsch-sowjetischen Wirtschaftsbeziehungen getan.

Am noch amtierenden US-Außenminister Shultz läßt der Memoirenschreiber kein gutes Haar. Mit Genugtuung erinnert sich Gromyko daran, daß er Shultz 1983 in Madrid wegen des Vorwurfs, die Sowjets hätten einen südkoreanischen Jumbo willkürlich abgeschossen, eine Standpauke hielt: "Mein Gesprächspartner konnte auf alle meine Fragen nicht antworten." Das sei, memoriert Gromyko, das "schärfste Gespräch" mit einem amerikanischen Amtskollegen gewesen - insgesamt hat er 14 erlebt und zählt stolz ihre Namen auf.

Shultz habe, so bei einem Treffen in New York, zwar immer über die Bedrohung der USA durch die Sowjet-Union lamentiert, jedoch nie Beweise erbracht: "Manchmal ... schien es, als ob Shultz beginne, in seinem Aktenordner zu blättern, der bei ihm auf den Knien oder ... auf dem Tisch lag, auf der Suche nach irgendwelchen Informationen. Nun, denke ich, jetzt kommen wir endlich zu Fakten und Ziffern. Aber gefehlt. Alles lief auf ausgetretenen Pfaden."

Den US-Präsidenten Reagan übergeht er - nur einen "festen Händedruck" und "Bewegungsdrang" konstatiert er. Frau Nancy erhält die Note "energisch und von sich selbst überzeugt".

Ein wenig lupft Gromyko auch den Vorhang zu Vorgängen im Kreml. Er beschreibt den nierenkranken Generalsekretär Jurij Andropow, der vor seinem Tod 1984 so hinfällig gewesen sei, daß er kaum sein Bett verlassen konnte: Stets beobachtete Andropow "wachsam" die Reaktion der Genossen auf seinen Zustand, Mitgefühl und Besserungswünsche nahm er laut Gromyko schweigend hin.

Nachfolger Tschernenko, ebenfalls schwerkrank, habe Gromyko drei Tage vor seinem Tod angerufen und gefragt, ob er nicht zurücktreten solle. Gromykos hintergründige Antwort: "Zur Eile besteht kein Grund, das wäre nicht gerechtfertigt." Tschernenko legte "ziemlich zufrieden" auf.

Den neuen Generalsekretär, der nun eine viel geschmeidigere Außenpolitik als er selbst betreibt, lobt der alte Diplomat in höchsten Tönen: vom Talent und Geschick des ZK unter Michail Gorbatschow sei er ganz "entzückt".


DER SPIEGEL 9/1988
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