12.09.1988

FESTIVALSAugen zu

Mit 100 000 Menschen hatten die Veranstalter von „Werner“ Brösels Motorradparty gerechnet; als doppelt so viele Gäste kamen, brach beinahe die Zivilisation zusammen. *
Die "goilste Paadie seit Ben Hur" sollte abgehen, wenn Comic-Held Werner Brösel, der Bierselige, mit einem aufgemotzten Horex-Motorrad seinen Freund "Holgi" im roten Porsche "abledert". Doch als sich Cartoonist Rötger Feldmann, 38, alias Brösel, und seine Fans nach dem Rennen am vorletzten Wochenende von den Wiesen zwischen Bad Bramstedt und Segeberg trollten, sah es aus, als wäre Attila mit seinen Hunnen durch das holsteinische Dorf Hartenholm gebrettert.
Was sich da in nordischer Weite über Koppeln und Äckern verteilte, hatte mit dem üblichen Schmutzbild nach Großveranstaltungen nicht mehr viel gemein. Wo an drei Festtagen 200 000 Besucher aus dem ganzen Bundesgebiet 600 000 Würstchen und 450 000 Liter "Bölkstoff" (Bier) verdrückt hatten, deckte ein dichter Teppich aus Plastikbechern, Autoreifen, Blechdosen und blauen Müllsäcken das Weidegras zu - 1500 Kubikmeter Dreck, genug, um 24 Güterwagen vollzumüllen.
Die schwarzbunten Kühe tappten am Morgen danach zwischen Kronkorken und Matratzenresten umher. Pferde in die zersplitterten Flaschen zum Grasen zu schicken war den Bauern zu gefährlich. In den Wäldern verglühten Feuerstellen neben verbogenen Campingstühlen und Fahrradwracks; Pfähle von Viehzäunen und Pferdegatter mußten frierenden "Werner"-Fans als Feuerholz herhalten.
Leere Plastikbehälter und schwarze Lachen blieben nach Ölwechseln ohne Auffangwanne zurück. Wo sonst Stiefmütterchen und Koniferen zierlich den Rasen säumen, sah es aus wie auf einem Rastplatz ohne Klo: Die Vorgärten rund um den Wettkampfplatz waren "total dichtgekotet", sagt Anwohnerin Felicitas Schinkinger.
"So''n Scheiß", befand schließlich Gastgeber Feldmann, dürfe beim Revancherennen "echt nicht passieren". Denn daß es eine Wiederholung der Superfete geben muß, war dem Pubikum klar, als Zuschauerliebling Brösel mit seiner Monstermaschine hinter "Holgi" (Holger) Henzes Porsche, Baujahr 1967, überraschend nur Platz zwei belegte (siehe Interview).
"Deinen Salzstreuer verblasen wir doch allemal", hatte Werner zuvor geprahlt. "Ihr mit euerm Vorkriegsschrott", höhnte Holgi zurück. Vor drei
Jahren hielt Feldmann im Cartoon fest, was bei einer echten Wette in Henzes Kieler Kneipe beschlossen wurde: ein "Vertrach" über "das Rennen" zwischen Horex und Porsche.
Von den dreieinhalb Millionen Käufern, die diese und andere Episoden von Werner kennen, nahmen so viele die Schnapsidee ernst, daß der Kieler "Semmel-Verlach", der alle fünf Brösel-Bücher herausbrachte, das Rennen in die Wirklichkeit verlegte.
Für 280 000 Mark rüstete die Feldmann-Entourage das Zweirad zum viermotorigen 152-PS-Feger um, Spezi Henze tunte seinen Alt-Flitzer auf 215 PS.
Mis dem Düsseldorfer Großfeten-Veranstalter Hermann Joha zogen die Brösel-Verleger ein Woodstock von Werner-Format ab: Für 55 Mark pro Karte erlebten die Fans außer dem 20-Sekunden-Rennspektakel Rockstars wie die Kölner Gruppen "BAP" oder "Schroeder _(Beim Sprung über 27 Motorräder. )
Roadshow" und Altrocker Roger Chapman.
Die Flensburger Brauerei, die ihren Bier-Absatz um 75 Prozent gesteigert hat, seit Cartoonist Feldmann seinen Werner ihr "Flens" schlucken läßt, schickte einen Laster zu waghalsigen Stuntvorführungen. Kostenlose Werbung in der Zeitschrift "Motorrad" mobilisierte Kradfahrer und Rockerklubs aus dem ganzen Bundesgebiet. Knapp 100 000 Besucher hatten die Veranstalter erwartet; als doppelt so viele kamen, brach die Organisation zusammen.
Während die Stimmung rund ums Rennen feucht, aber friedlich stieg, stauten sich weiter anreisende Bröselaner schon auf der Autobahn mehr stop als go zum Bier-Festival vor. Auf der Bundesstraße 206, der einzigen Zufahrt, brach der Verkehr dann endgültig zusammen.
Entnervte Gäste, für die es weder Wasser noch genügend Toiletten gab, campierten in Straßengräben und auf dem Asphalt. Enttäuschte Jugendliche, die gar nicht erst bis zum Festplatz kamen, randalierten auf Tankstellen und Grundstücken herum. Die Polizei, berichteten Hartenholmer Augenzeugen, schob Betrunkene, die aus dem Auto kippten, einfach hinters Steuer zurück. "Wenn die Beamten nicht alle Augen zugedrückt hätten", meint Felicitas Schinkinger, "wäre hier eine unkontrollierbare Massenschlägerei losgebrochen." Auch Rötger "Werner" Feldmann lobt die Polizei: "Die dürfen wiederkommen."
Von den mindestens fünf Millionen Mark Einnahmen - nach offiziellen Angaben wurden nur 90 000 Karten verkauft - wollten die Veranstalter der Umweltorganisation Greenpeace 25 000 Mark spendieren. Doch die Umweltschützer verzichten. Mit dem Rennen, "das die Natur erheblich belastet", will Greenpeace nichts zu tun haben.
Die Schäden, die das Mammutfest hinterlassen hat, wollen die Gastgeber immerhin zügig und bar begleichen. Feldmann, der rund um sein Zelt "sogar Kippen mit genagelten Stöcken aufgespießt" hat, will seine holsteinischen Nachbarn "echt gut drauf" zurücklassen. Sein Werner hat noch "so viel Schönes" vor, was Feldmann gern mit weiteren Großfeten feiern würde.
Am liebsten, meint Brösel, wolle die Spatennase mit den vier Haaren auf der Glatze zur ausreichenden Selbstversorgung einen eigenen Bierverlag gründen. Dann sei die Revanche "wohl noch nich vom Tisch", und wenn Holgi "denn im Staub steht", möchte Werner "König von Deutschland" werden.
Beim Sprung über 27 Motorräder.

DER SPIEGEL 37/1988
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