12.09.1988

„Spät ans Leben gewöhnt“

Interview mit Rötger „Werner“ Feldmann über sein Motorradrennen *
SPIEGEL: 200 000 Menschen haben bei Ihrem Rennen zugesehen, und Sie verlieren mit Ihrem "Red Killer"-Motorrad, weil Sie im zweiten, statt im ersten Gang starten. Wie, fragt man sich im Lande, kann so was passieren?
FELDMANN: Weiß nich. Es war eine Fehlreaktion, ein Blackout, das kennt man ja von unserem Bundeskanzler - es kann die Besten treffen.
SPIEGEL: Haben Sie vorher nicht geübt?
FELDMANN: Ich bin mit dem Ding zweimal gefahren, und jedesmal hatten wir wenig Zeit auf der Strecke. Dann waren da Journalisten dabei, und ich mußte extra langsam fahren, damit die das gut sehen, weil die das knipsen wollten, und wenn die Kiste langsam fährt, zerlegt sie sich! Knarz, Farz, Bröckel.
SPIEGEL: Warum sind Sie mit dem Rennen auf den Flugplatz in Hartenholm gegangen?
FELDMANN: Weil wir kein geeignetes Stück Autobahn in diesem unseren Lande gefunden ham.
SPIEGEL: Gab es im Training Schwierigkeiten mit der Maschine?
FELDMANN: Ja, Ölfuß ...
SPIEGEL: ... wer bitte?
FELDMANN: Das ist ein Freund von mir, Wolfgang Ußleber, der mit seinem Team drei Jahre an der Horex gearbeitet hat. Ölfuß hatte Schwierigkeiten, die Ketten der vier Motoren zusammenzubinden. Die haben sich am Anfang gegenseitig zerhackt und zerrissen. Ölfuß hat sieben Generationen von Kettenspannern gebaut. Aber er hats in Griff gekricht. Ölfuß is der Größte!!
SPIEGEL: Warum mußte es denn diese komplizierte Maschine sein?
FELDMANN: Weil ich das im Comic gezeichnet hab. Siessu denn nich, dassas ein Kunstwerk is?
SPIEGEL: Also ging es gar nicht darum, den Porsche abzuhängen?
FELDMANN: Ach, der Porsche. Wir haben mal einen 1100-Kubik-Suzuki-Motor mit 140 PS und als Gewicht vorne ein Wasserfaß in das Killerfahrwerk reingehängt. Ma kuckn, wie das Fahrwerk funktioniert. Das ging tierisch ab. Wir hatten da einen Porsche dabei, der hat überhaupt keinen Stich gesehen. Die Horex im Rennen hatte sogar noch mehr drauf. Wenn ich den ersten Gang reingekriegt hätte ...
SPIEGEL: Ist das denn so schwierig?
FELDMANN: Normal nich!
SPIEGEL: Liegen der erste und zweite Gang bei Ihrer Sondermaschine besonders dicht nebeneinander?
FELDMANN: Nö, der erste Gang wird hochgezogen, und die anderen - da trittste nur noch drauf.
SPIEGEL: Das klingt ja, als hätten Sie einfach zuviel Flens ...
FELDMANN: Nee, das ist ja wahrscheinlich das Problem. Ich hatte überhaupt nichts getrunken, auch den Tag vorher nur Mineralwasser und Cola. Ich wollte doch für das Rennen fit sein. Ich war einfach zu aufgeregt und hab dann ja noch auf der halben Strecke immer den vierten Gang gesucht!
SPIEGEL: Wieso das?
FELDMANN: Na ja, ich hab ja nicht gemerkt, daß ich im zweiten Gang angefahren bin. Ich hab'' gedacht, erster, zweiter, dritter, und jetzt muß der vierte kommen. Deswegen hab ich immer ausgekuppelt und den vierten Gang gesucht, dabei bin ich schon im vierten gefahren und der Killer is die halbe Strecke neben dem Opfer hergerollt. Ich hab mich vielleicht geärgert!
SPIEGEL: Haben Sie jetzt das Gefühl, stellvertretend für alle Motorradfreaks der Bundesrepublik eine blöde Niederlage eingesteckt zu haben?
FELDMANN: Nö, die haben ja trotzdem Spaß gehabt. Blöd ist nur, daß die Leute nicht mitgekriegt haben, was eigentlich passiert ist.
SPIEGEL: Warum haben Sie Ihren Freund Holgi nicht zu einem zweiten Durchgang überredet?
FELDMANN: Wetten werden nich wiederholt!
SPIEGEL: In Serie, scheint uns, kann Ihre Konstruktion nicht gehen.
FELDMANN: Wir hatten nur drei Jahre Zeit, etwas Unvernünftiges zu entwickeln. Porsche hatte 60 Jahre Zeit dazu!
SPIEGEL: Am Ziel war ein Haufen Pappkartons aufgetürmt, in den Sie offenbar
reinfahren sollten. Warum haben Sie das nicht getan, sondern sind vorher abgesprungen?
FELDMANN: Ich war völlig fertig und hatte keinen Bock mehr. Ich bin kein Stuntman und schmeiß mich da mit 150 Klamotten rein. Wenn ich gewonnen hätte, wär ich da vor Begeisterung voll durchgesemmelt.
SPIEGEL: Vorher war davon die Rede, daß der Verlierer maschinell mit Katzenscheiße beworfen werden sollte.
FELDMANN: Das Kieler Innenministerium hat gesagt, es ist unwürdig, Menschen mit Katzenscheiße zu bewerfen. Darum kam da bloß Wasser raus.
SPIEGEL: Haben Sie eine Erklärung dafür, daß eine Figur wie "Werner" 200 000 Leute auf die Beine bringt?
FELDMANN: Nich richtich. Die Leute wollen ''ne gute Paadie feiern. "Werner" ist ein ganz vernünftiger Mensch, der sich nur dagegen auflehnt, daß ihm das Leben beschnitten wird.
SPIEGEL: Wie alt sind Ihre Fans und Leser?
FELDMANN: Das fängt mit zwölf Jahren an, und dann lesen die Eltern die Bücher und finden sie gut.
SPIEGEL: Sind Sie mit Ihren 38 Jahren für Ihre Helden nicht ein bißchen zu alt und inzwischen auch ein bißchen zu reich?
FELDMANN: Ich hab mich ziemlich spät ans Leben gewöhnt. Ich bin so alt, wie ich mich fühl und schmeiß mein Geld zum Fenster raus! Herr SPIEGEL, ich danke Ihnen für unser Gespräch! _(Mitglieder der Rockergruppe "The Bones" ) _(als Ordner in Hartenholm. )
Mitglieder der Rockergruppe "The Bones" als Ordner in Hartenholm.

DER SPIEGEL 37/1988
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