03.10.1988

WIRTSCHAFT

Die Schnapsidee des Alfred Herrhausen

Schuldenerleichterungen für die Staaten der Süd-Welt - dies war das beherrschende Thema der Berliner IWF-Tagung, dies bleibt ein heißer Konfliktstoff unter bundesdeutschen Bankern. In aller Öffentlichkeit streiten sich die Spitzen der größten Geldhäuser darüber, ob den Schuldnern aus der Dritten Welt Erlaß gewährt werden soll. *

Wolfgang Röller, der Chef der Dresdner Bank, war alarmiert. Vor dem IWF-Jahrestreffen mußte er in der Zeitung lesen, wie sich sein Kollege Alfred Herrhausen, der Sprecher der Deutschen Bank, die Lösung der weltweiten Schuldenkrise vorstellt.

Herrhausen hatte auf der Bilderberg-Konferenz, einem ebenso einflußreichen wie elitären Zirkel von Politikern und Wirtschaftsführern aus aller Welt, wahrhaft Ketzerisches vorgetragen: Der Banker empfahl, über einen Schuldennachlaß für die Dritte Welt nachzudenken.

Für Röller, nebenher Präsident des Bundesverbands deutscher Banken, kam der Vorstoß Herrhausens völlig überraschend. Sicher, der Kollege von der Deutschen Bank hatte auf der Tagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) vergangenes Jahr in Washington schon einmal ähnliches geäußert; doch nach Protesten aus dem Kollegenkreis hatte Herrhausen damals widerrufen. Seither schienen die Reihen der deutschen Banker wieder fest geschlossen.

Der Schein hat, wie sich nun herausstellte, getrogen. In seiner Ratlosigkeit suchte Röller Hilfe beim Kollegen Walter Seipp, dem Chef der Commerzbank. Telephonisch, von Bank-Hochhaus zu Bank-Hochhaus in Frankfurt, fragte Röller, wie der neuerlichen Herausforderung durch Herrhausen am besten begegnet werden könne.

Seipp, kein Mann diplomatischer Tändeleien, empfahl, den Deutsche-Bank-Sprecher "zu stellen". Er jedenfalls, so der Commerz-Banker, werden in Berlin öffentlich gegenhalten. Das Thema müsse jetzt "ein für allemal geklärt" werden.

Nichts wurde geklärt. Deutschlands Banker führten vor dem Publikum auf der Jahrestagung von Währungsfonds und Weltbank einen munteren Streit über die richtige Strategie gegenüber ihren mittellosen Schuldnern aus der Dritten Welt. Als sie wieder aus Berlin abreisten, war die bundesdeutsche Banker-Society noch zerstrittener als vorher.

Das Thema, das die Geldmanager so nachhaltig beschäftigte, war der alles beherrschende Stoff des großen IWF-Spektakels. Sechs Jahre lang schwelt die globale Schuldenkrise nun, und ein Ende ist nicht in Sicht.

Im Gegenteil: Die Beträge, die Staaten und Unternehmen in der südlichen Erdhälfte den Banken und den öffentlichen Institutionen der Industriewelt schulden, werden von Jahr zu Jahr höher.

Dafür sorgt schon die Hartnäckigkeit der Gläubiger. Sie bestehen darauf, daß zumindest Zinsen auf die Kredite bezahlt werden.

Da den Schuldnern oft die Dollar selbst für diese Überweisungen fehlen, müssen sie sich frisches Geld leihen - bei ihren alten Gläubigern.

So wandert das Geld vom Norden in den Süden und dann gleich wieder zurück in den Norden, ein perverser Kreislauf.

Alfred Herrhausen würde ihn gern unterbrechen. Und weil er in diesem Zusammenhang das Wort von "Schuldenerleichterungen" auszusprechen wagt, hat er nun die Kollegenschar gegen sich. Und wie.

Die Vorstellung, mit einem Forderungsverzicht könne den hochverschuldeten Ländern geholfen werden, sei "eine Schnapsidee", polterte Commerzbank-Seipp kurz vor Beginn des Kongresses, als seine Bank IWF-Gäste auf einer Dampferfahrt bewirtete. "Scheinbar einfache und deswegen populäre Vorschläge" zur Lösung der Schuldenkrise wie ein Forderungsverzicht führten "in eine Sackgasse".

Herrhausen, seit seiner Ernennung zum alleinigen Sprecher der Deutschen Bank noch selbstbewußter geworden, _(Auf der IWF-Tagung. )

zeigte sich von der Kollegen-Schelte unbeeindruckt. Am Montag mittag vergangener Woche, im Dachgartenrestaurant des Berliner Interconti, fand die Abrechnung mit den Widersachern statt.

Den von Seipp erhobenen Vorwurf, sich unsolidarisch verhalten zu haben, wies Herrhausen erst mal zurück. Die Deutsche Bank brauche "keine Nachhilfe in Solidarität". Solidarisches Verhalten könne ja wohl nicht bedeuten, "das Denken einzustellen".

Und damit in Zukunft jeder begreift, wo es langgehen muß, breitete Herrhausen, nun ganz der Oberlehrer des deutschen Bankgewerbes, sieben "Einsichten" aus. Die lassen nach seiner Meinung eine Schuldenerleichterung zwingend geboten erscheinen.

Für Herrhausen, der sich mit seinen Gedanken nur zu gern über die Niederungen des profanen Geldgeschäfts erhebt, "steht viel mehr auf dem Spiel als Geld und Zinsen".

Die Schuldenkrise bedrohe den Frieden und die ökonomische Wohlfahrt der gesamten Menschheit. Der Mann von der Deutschen hält es für ausgeschlossen, daß die Wirtschafts-Welt noch lange mit der Krise leben kann.

Anders auch als die meisten seiner Kollegen hält Herrhausen die angewandten Methoden der Krisen-Bewältigung für ungeeignet: "Die bisherigen Ansätze haben uns immer noch nicht der Lösung der Krise nähergebracht."

Bei deren Schuldendebakel, so Herrhausens Diagnose, handele es sich um ein andauerndes Solvenzproblem, also um eine andauernde Zahlungsunfähigkeit.

Noch nie aber sei ein Solvenzproblem in der Wirtschaft dadurch gelöst worden, daß die Schulden erhöht wurden.

Herrhausen zeichnet das Dilemma der Drittwelt-Staaten auf: Wenn die Schuldnerstaaten ihre Pflicht erfüllen, also Zinsen und Tilgungsraten zahlen, müssen sie knappe Mittel in den Schuldendienst stecken, statt sie produktiv zu investieren. Wollen sie investieren und stärker wachsen, müssen sie mit ihren Zahlungen in Rückstand kommen.

In Lateinamerika und anderswo, so klagt denn auch der Weltökonom Herrhausen, liege "ein großes Wachstumspotential brach", auf das nicht nur diese Staaten, sondern auch die Industrieländer auf Dauer nicht verzichten könnten.

Ebenso klar wie die Diagnose ist Herrhausens Therapie. Der Bankier schlägt vor, mit den Schuldnerländern einen Vergleich zu schließen wie mit einem zahlungsunfähigen Unternehmen, also auf einen Teil der Forderungen zu verzichten.

Ein solcher Vergleich, widersprechen Seipp und Röller, würde die Kreditwürdigkeit der Schuldnerländer nachhaltig beeinträchtigen. Dem kann Herrhausen "nicht folgen". Schließlich sei die Kreditwürdigkeit, so der Geldmanager, ja schon "jetzt zerstört". Wenn ein Vergleich und die dabei freiwerdenden Mittel zu mehr Wachstum und zu neuen Investitionen führten, kehre auch das Vertrauen der Banken in diese Länder zurück.

Daß ein Schuldennachlaß die Zahlungsmoral von Kreditnehmern beeinflussen könnte, darin ist sich Herrhausen mit Seipp und Röller einig. "Im Lichte weltwirtschaftlicher und weltpolitischer Entwicklungen" erscheinen diese Gefahren dem Chef der Deutschen Bank allerdings geringer als die Gefahren, die Frieden und Wohlfahrt in der Welt drohten, wenn die Schuldenlast nicht verringert wird.

So allein, wie es den Anschein hat, steht Herrhausen mit seiner Ansicht allerdings nicht. Mancher Banker denkt genauso wie der Sprecher der Deutschen Bank, hat jedoch nicht den Mut, dies öffentlich zu bekennen.

Und selbst die, die den Chef der Deutschen Bank in so schrillen Tönen tadeln, haben längst die Hoffnug aufgegeben, alles ausgeliehene Geld wiederzusehen: Im Secondhandshop für Schulden, dem sogenannten Sekundärmarkt, werden die Forderungen an die hochverschuldeten Länder mit Abschlägen von im Schnitt mehr als 50 Prozent gehandelt.

Längst praktizieren die Banker somit - wenngleich versteckt und noch in bescheidenem Umfang - das, was Herrhausen jetzt offen und geradeheraus fordert. So enthalten beispielsweise die sogenannten Debt-equity-swaps, bei denen die Banken Schulden mit einem gewissen Abschlag gegen Beteiligungskapital an Unternehmen in den Schuldnerländern tauschen, Elemente von Schuldenerlaß.

Ihre Unschuld haben die Banker mit solchen Konzessionen längst verloren. Es erscheint daher nur noch eine Frage der Zeit, bis sie sich den "Einsichten" des Alfred Herrhausen öffnen.

Außerhalb ihrer Branche, bei Politikern, Notenbankern oder Wirtschaftsprofessoren, werden die Stimmen, die einen Schuldennachlaß fordern, immer zahlreicher. "Die Belege für die Notwendigkeit eines Schuldenerlasses", so urteilte längst etwa der bekannte Harvard-Professor Jeffrey Sachs in einer Studie für die Weltbank, seien inzwischen "überwältigend".

Die Entwicklungsorganisation der Vereinten Nationen forderte unlängst die Industrieländer auf, den Schuldnerländern 30 Prozent ihrer Schulden zu erlassen. Und in einem internen Vorbereitungs-Papier zur IWF-Tagung in Berlin trat die Deutsche Bundesbank für "Elemente von Schuldenerlaß" ein.

Banker Herrhausen ist sich gewiß, daß mit ihm die neue Zeit zieht. Entsprechend locker erschien er denn auch am Dienstag vergangener Woche zu der Pressekonferenz des deutschen Bankenverbands in Berlin.

Als Präsident Röller gerade damit beginnen wollte, ein vorbereitetes Positionspapier zu verlesen, holte sich Herrhausen erst mal mit aufreizender Gelassenheit einen Kaffee von der Bar.

Unbeirrt wie einer, der sich seiner Sache ganz sicher sein kann, verteidigte er

anschließend gegenüber den neben ihm sitzenden Kollegen Röller und Seipp seinen Standpunkt.

Den ohnedies nur halbherzig getragenen Versuch Röllers, eine gemeinsame Sprachregelung für die deutschen Großbanken zu finden, parierte Herrhausen kühl: Unter Solidarität verstehe er nicht gleiches Denken, sondern gleiches Handeln.

Und dann zitierte der Mann aus Deutschlands größtem Geldhaus aus der Rede von IWF-Direktor Michel Camdessus, die dieser am Vormittag, bei der Eröffnung der Berliner Tagung, gehalten hatte: Auch private Kreditinstitute, so hatte der Franzose erläutert, müßten "vermehrt Elemente der Schuldenreduzierung in ihre Umschuldungspakete aufnehmen".

Genüßlich zitierte Herrhausen den IWF-Chef weiter mit der Aussage, er, Camdessus, habe "mit großem Interesse verfolgt, daß mehr und mehr Vertreter der Bankenwelt Verständnis für diese Argumentation zeigten".

Während Verbandspräsident Röller fortan kaum noch etwas sagte, schoß Commerzbank-Chef Seipp vor Wut das Blut in den Kopf. "Mit solchen Reden", so polterte Seitp, würden "falscse Hoffgegen wurde immer kesser. "Nur dem Hoffenden", so zitierte Herrhausen zur Entgegnung diesmal Goethe, "blüht das Unverhoffte." Da hatte der Commerzbank-Chef genug. "Das reicht jetzt", zischte er zu dem Diskussionsleiter gewandt, "machen wir Schluß."

Auf der IWF-Tagung.

DER SPIEGEL 40/1988
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