03.10.1988

Japan: Totenwache für einen Gott

SPIEGEL-Redakteur Tiziano Terzani über das lange Sterben des Kaisers Hirohito *
Die Menschenmenge harrt schweigend im Regen aus. Nur leise gemurmelte Gebete durchbrechen die Stille, dazu gelegentlich ein rhythmisches Händeklatschen, mit dem jemand unter tiefer Verbeugung den Göttern seine Anwesenheit kundtun will.
Vor dem Kaiserpalast, einer mittelalterlichen Festung im Zentrum des modernen Tokio, versammelten sich jeden Tag Tausende von Japanern, um für ihren todkranken Tenno zu beten. Der wochenlange Dauerregen schien ebenso endlos wie die Agonie des Kaisers.
Seit dem 19. September, als sich der Gesundheitszustand des 87jährigen Monarchen dramatisch zu verschlechtern begann, wurde Japan von einem einzigartigen Gefühl nationalen Zusammenhalts ergriffen. Nur wenige Japaner haben je Vergleichbares erlebt - die letzte Totenwache für einen Kaiser war 1926.
Regierungsmitglieder sagten geplante Auslandsreisen ab. Besuche ausländischer Staatsgäste wurden auf unbestimmte Zeit verschoben. Volksfeste und andere Lustbarkeiten im ganzen Land wurden vertagt.
Jede Stunde, Tag und Nacht, unterbrach der halbstaatliche Fernsehsender NHK sein Programm für eine Meldung über das "ehrenwerte Befinden Seiner Majestät des Tenno". Notfalls werde man ein Jahr lang damit fortfahren, sagte ein NHK-Sprecher. So wurde Millionen von TV-Zuschauern, die die Olympischen Spiele verfolgen wollten, die Botschaft ins Unterbewußtsein eingeflüstert: Ein Gott stirbt.
Japanern gilt Konformität als eine der höchsten Tugenden, und ganz Japan schloß sich in pietätvollem Respekt zusammen:
An Schulen wurden die Lautsprecher leiser gestellt; im Schulsport durften keine Startpistolen mehr abgefeuert werden. Viele Hochzeiten wurden verschoden. Der Sumo-Star Chiyonofuji, der gerade ein Turnier um den "Kaiserpokal" gewonnen hatte, weigerte sich, an der traditionellen Siegesparade teilzunehmen.
Der Autobauer Nissan zog seine TV-Werbespots zurück, die verkündeten: "Es steht alles zum besten in der Welt." Toyota beendete eine Plakatkampagne mit dem Slogan "Die Freude am Leben". Auflagenstarke Illustrierte erschienen ohne die üblichen Tieelbilder halbnackter Mädchen.
"Es ist eine massive Propagandakampagne in Gang, die der Bevölkerung das Kaisertum wieder ins Bewußtsein einpflanzen soll", meint Naoki Kobayashi, emeritierter Verfassungsrechtler der Universität Tokio. "Sie ist gefährlich, weil sie nationalistische und expansionistische Tendenzen fördert."
Zweifellos wurde Hirohitos lange Agonie dafür genutzt, den Japanern, besonders jenen 60 Prozent der Bevölkerung, die nach dem Zweiten Weltkrieg geboren wurden, die Idee des Kaisertums näherzubringen und die Nation in einem "kollektiven, mystischen Versuch der Selbstdefinition" (so ein westlicher Psychologe) zu vereinen.
Das Zentrum dieser Kampagne ist das kaiserliche Hofamt: eine geheimnistuerische Regierungsbehörde mit ein paar Dutzend erzkonservativen Beamten, die zumeist aus dem Innenministerium oder der Polizeiführung des Landes kommen.
Jahrzehntelang hatte das Hofamt jedes Wort und jede Geste des Kaisers in der Öffentlichkeit kontrolliert. Jetzt lenkte und beeinflußte es jede Meldung über Hirohitos Befinden. Hinter dem kaiserlichen Hofamt stehen die konservativsten politischen Kräfte der Regierungspartei LDP und die Ideologen der rechten Gruppen, die den Tenno wieder als göttliches Wesen verehrt und Japan von den Fesseln befreit sehen möchten, die dem Land von den USA nach 1945 aufgezwungen wurden.
Hirohitos Sterben hat die Frage nach der Göttlichkeit des Tenno wieder zu einem wichtigen Thema für viele Japaner gemacht.
Die Vorstellung, daß der Tenno ("Erhabener des Himmels") gottgleich sei, ist tief in der japanischen Kultur verwurzelt. Sie bekam aber erst zu Ende des vergangenen Jahrhunderts politische Bedeutung. Japan suchte damals einen Herrscher, der das Land aus mittelalterlicher Erstarrung durch Nachahmung des Westens in die Moderne zwingen konnte - und der dabei doch ein Fixpunkt nationaler Identität blieb.
Zu diesem Zweck wurde der altjapanische Schamanenkult Shinto zur Staatsreligion erhoben, und der Gottkaiser - angeblich ein direkter Nachkomme der Sonnengöttin Amaterasu - zur Quelle jeglicher Staatsautorität.
Auf den Gottkaiser berief sich auch, in den dreißiger Jahren, die faschistische Theorie von der Überlegenheit der japanischen Rasse und ihrer göttlichen Mission, andere Völker zu beherrschen.
Nach der Niederlage 1945 - die Siegermächte UdSSR und Australien forderten vergebens, den Kaiser als Kriegsverbrecher zu verurteilen und hinzurichten - erkannte der amerikanische Prokonsul in Tokio, General MacArthur, wie wichtig und nützlich Hirohito war, um ein neues Japan nach US-Vorstellungen zu formen. Doch dazu mußte der Tenno seiner Göttlichkeit entsagen: Am 1. Januar 1946 erklärte sich Hirohito über den Rundfunk, in kaum verständlichem höfischen Japanisch, zum "Menschenwesen". Er tat es gern.
Aber allein die Tatsache, daß er Kaiser blieb und daß er länger als je ein Tenno zuvor auf dem Chrysanthemen-Thron saß (fast 62 Jahre), bestätigte der alten Generation den Mythos von seiner Göttlichkeit.
Nach dem Ende der amerikanischen Besatzungszeit 1952 setzte im konservativen Japan eine stille Restauration ein: Das Sonnenbanner der Vorkriegszeit wurde wieder Nationalfahne; die alte Kaiserhymne ("Möge deine Friedensherrschaft zehntausend Jahre währen") wurde wieder zur Nationalhymne; der
Tenno wurde wieder offen als Staatsoberhaupt betrachtet - was er nach der Verfassung von 1947 nicht ist, nicht sein darf.
Der Tenno, heißt es in der Verfassung, ist lediglich ein "Symbol des Staates und der Einheit der Nation". Für die meisten Japaner aber ist er viel mehr.
Seit 1921, als er an seines Vaters Statt Regent wurde, blieb der kleine Mann im Palast für Millionen von Japanern der einzige stabile Bezugspunkt in der dramatischsten Periode ihrer Geschichte: Von dem großen Erdbeben 1923 bis zu den Siegen und Niederlagen im Pazifischen Krieg, von den Atombomben auf Hiroschima und Nagasaki über die erste Besetzung durch eine fremde Macht, die Japan je erlebte - stets war da der Tenno, der mit seiner scheinbaren Unsterblichkeit jeden Japaner von der Unsterblichkeit der Nation überzeugte.
Hirohito verkörperte die Kontinuität und war der Leitstern der Nation. "Wir sind nicht gewohnt, uns ohne ihn vorzustellen", sagt ein 50jähriger Journalist, "nach ihm kann es nur Leere geben."
Doch es entsteht kein Vakuum. Sein ältester Sohn, Akihito, 54, folgt Hirohito auf den Thron - er wird, glaubt man den Mythen, der 125. Kaiser von Japan in ununterbrochener Reihenfolge sein.
Der Shintoismus schreibt dem neuen Kaiser über 70 Zeremonien vor, an deren Ende der Tenno selbst eine Gottheit wird: Bei dem sogenannten Daijiosai-Ritus verbringt der Kaiser eine Nacht allein auf der heiligen Bettstatt in simuliertem Geschlechtsverkehr mit den Göttern. Lebensspender für die Reis-Saat wird er damit nach shintoistischem Glauben.
Die Riten werden stattfinden; die Frage ist nur, ob die japanische Regierung sie offiziell unterstützen und fördern wird. Wahrscheinlich wird sie es tun - und damit der Wiedereinsetzung des Shinto-Kults als Staatsreligion einen deutlichen Schritt näherkommen.
Die Herrschaftszeit Hirohitos trug den Namen "Showa" ("Erleuchteter Frieden"); die Ära seines Sohnes wird einen anderen Namen tragen. Mit der Inthronisierung eines Tenno beginnt in Japan jeweils wieder das Jahr eins einer geschichtlichen Epoche.
Dieses "gengo" genannte Zählsystem ist nicht nur Tradition und Gewohnheit (dabei auch Japanern oft genug lästig, weil unübersichtlich) - es ist ein politischer Wert. "Ein System, in dem die Jahre nach der Lebenszeit eines Kaisers gezählt werden, hat eine tiefgreifende psychologische Wirkung", meint der Religionshistoriker Shigeyoshi Murakami von der Keio-Universität. "Es ist das alte Konzept, daß der Kaiser der Souverän über Raum und Zeit ist."
Murakami meint, es sei die ständige Politik aller Regierungen in Tokio seit dem Krieg gewesen, das shintoistische Tenno-System zu stärken. Einen wichtigen Schritt in diese Richtung sieht er etwa in dem Besuch eines Ministerpräsidenten im Yasukuni-Schrein für fefallene Soldaten. Dazu gehört auch, daß Japans Oberstes Gericht es für rechtmäßig erklärt hat, die Seelen toter Soldaten im Yasukuni-Schrein aufzunehmen, selbst wenn sie Christen waren. "Die Implikation ist", sagt Murakami, "Shinto ist eine Staatsreligion."
"Das Regime will das Kaisersystem stärken und damit ein geistiges Fundament für die eigene Macht legen", meint auch der Historiker Saburo Iegnaga. "So wird ein Gefühl zwangsläufigen Gehorsams bei den Massen geweckt."
Eine Ära geht zu Ende - doch eine Diskussion über Japans Vergangenheit und die Verantwortung, die Kaiser Hirohito in ihr hatte, will und soll wohl auch nicht aufkommen. Wie sind die fast 62 Jahre des Showa-Tenno zu bewerten?
Etwa so: "In die Weltgeschichte wird unsere Zeit unter diesem Kaiser eingehen als die größte Periode des Friedens, die es je gab", schrieb der Kolumnist Morse Saito in der "Mainichi". Überschrift des Artikels: "Der Kaiser des Friedens". 20 Millionen Chinesen, Hunderttausende von Koreanern, drei Millionen Japaner sind in dem Krieg gestorben, der im Namen dieses Kaisers geführt wurde.
Aber "die Propaganda hat eine allgemeine Einschüchterung bewirkt, niemand traut sich, an dieses Tabu zu rühren", sagt Professor Murakami.
Japan hat sich nie offen seiner Vergangenheit gestellt. Und der Tod des Tenno, der ein so wichtiger Teil dieser Vergangenheit war, ist nicht Anlaß für eine ehrliche Rückschau, im Gegenteil.
Heute stehen die Rechten und Ultranationalisten im Rampenlicht. Sie behaupten, der Konflikt 1941 sei ein "gerechter Krieg" gewesen, "den Japan gegen die christliche Bedrohung der japanischen Kultur und Gesellschaft ausfocht". So sagte es Hideaki Kase, ein Ideologe der Neuen Rechten und Berater des früheren Ministerpräsidenten Yasuhiro Nakasone. Kase steht nicht allein: "Jedes Mitglied der gegenwärtigen Regierung denkt genauso", versichert er.
Dieser Weltsicht kommt sogar der Tod des Souveräns gelegen. "Mit dem Tod des Kaisers wird unsere nationale Psyche befreit von der Schande der Niederlage", tönt Kase, "und endlich wird Japan eine wirklich freie und unabhängige Nation sein können."
Abweichende Stimmen sind öffentlich kaum zu hören. Die Nation ist nach außen vereint in der Trauer über das Ende der Showa-Ära - und zeigt es auch: Tuchhändler meldeten Rekordumsätze an Nationalfahnen. Etlichen Japanern mag zwar der Tenno-Kult zu weit gehen, aber der Zwang zur Konformität bewirkt, daß sie ihn mittragen.
"Mir ist der Tenno egal", sagt ein Student, "aber wenn ich später in eine Firma eintrete, muß ich so tun, als respektierte ich ihn, um meine Position in der Gesellschaft zu schützen."
Von Tiziano Terzani

DER SPIEGEL 40/1988
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 40/1988
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Japan: Totenwache für einen Gott

  • Unterwasservideo: Krabbe kämpft gegen Kamera
  • Shutdown im Weißen Haus: Trump muss Fast Food servieren
  • Die wichtigsten Zahlen zum Brexit: Ohne Abkommen kaum Gemüse
  • Flugzeug-Simulation: Im Notfall machen wir alles falsch