27.06.1988

SOWJET-UNIONRuf nach Wunder

Uno-Mitgliedschaft für Lettland, Wirtschaftsautonomie für Estland - die Balten fordern Unabhängigkeit von Moskau. *
Nur das eine ist sicher", meditierte einmal Marx-Freund Friedrich Engels: "Das siegreiche Proletariat kann keinem fremden Volk irgendwelche Beglückung aufzwingen, ohne damit seinen eigenen Sieg zu untergraben."
Nach seinem Pakt mit Hitler zwang Stalin drei kleinen Völkern an der Ostsee sein System auf: den Esten, Letten und Litauern (mit zusammen heute acht Millionen Sowjetbürgern). Nach fast einem halben Jahrhundert Zwangsmitgliedschaft in der UdSSR erlaubt jetzt Glasnost den Beglückten, sich zu empören - und damit womöglich den Sieg der Kommunisten im ganzen Vielvölkerstaat UdSSR zu untergraben.
Seit Monaten fordern Demonstranten in den drei baltischen Sowjetrepubliken die Veröffentlichung jenes geheimen Ribbentrop/Molotow-Protokolls von 1939, dessen Existenz die Partei bislang schlicht leugnete - eine "sozialistische Revolution" habe 1940 die bis dahin selbständigen Staaten sowjetisiert.
Das Verlangen wurde erfüllt. An den beiden ersten Juni-Tagen versammelten sich im Rigaer "Haus der politischen Bildung" der Vorstand des lettischen Schriftstellerverbandes und Abgesandte anderer Künstlerverbände: Architekten,
Designer, Regisseure, Komponisten, Schauspieler, Journalisten. Sie formulierten einhellig einen Brief an die Parteikonferenz der KPdSU, die diese Woche in Moskau zusammentrittmit 88 verwegenen Thesen zur Reform Lettlands, das als "souveräner Staat" Uno-Mitglied werden und eine eigene Olympia-Mannschaft haben soll.
Plötzlich trat Altkommunist Mavriks Vulfsons, 71, ans Pult. "Wir müssen lernen, der Wahrheit ins Auge zu sehen, mag sie auch manchmal schwer oder unerträglich sein", gestand der Dozent an der Kunstakademie und "Verdiente Kulturschaffende der Sozialistischen Sowjetrepublik Lettland". Dann las er den ersten Artikel des Geheimabkommens vor: "Für den Fall einer territorial-politischen Umgestaltung" sollten die drei baltischen Staaten in die "Interessensphäre" der UdSSR fallen, die ihre Interessen "mit eigenen Vorhaben" verwirklicht.
Vulfsons, der 1940 als Parteibeauftragter für die lettische Armee dabei gewesen war, schilderte die "Okkupation" - nach einem Moskauer Ultimatum von siebeneinhalb Stunden marschierte die Rote Armee ein. Eine neue Regierung in Riga bildete flugs der Blutanwalt Stalins, Andrej Wyschinski, der "mitverantwortlich ist für die Vernichtung eines bedeutenden Teils der Garde Lenins", so Vulfsons, dessen Rede die lettische Lehrerzeitung abdruckte.
Was nach dem Anschluß geschah, berichtete das estnische KP-Blatt "Hammer und Sichel": Eine Woche vor dem deutschen Angriff auf die Sowjet-Union, am 14. Juni 1941, wurden 10 000 Esten, 15 000 Letten und 34 000 Litauer in Viehwagen nach Sibirien deportiert, wo die meisten starben. Unter den "antisowjetischen Elementen" waren 3000 Kinder. "Rechtswidrig" nannte vorige Woche der lettische Vizepremier Leonard Bartkevic den Vorgang: "Tausende von Familien wurden aufgrund der von Beamten aufgestellten Listen verbannt."
Die Partei genehmigte dieses Jahr zum 14. Juni Kundgebungen in Riga, Tallinn und Wilna. Schlagzeile des estnischen Parteiorgans: "Man gedachte der Opfer des Stalinismus." Truppen standen vor den Städten bereit, für alle Fälle.
In Tallinn zeigten die Demonstranten die blau-schwarz-weiße Fahne des selbständigen Estland vor 1940 - ein Vergehen, das sonst mit zwei Jahren Haft geahndet wird. Die Polizei griff auch nicht ein, als sich drei Tage darauf 100 000 Esten auf dem Sängerplatz in Tallinn versammelten. Hohe Parteifunktionäre nahmen an der Kundgebung teil.
Auf dem Podium stand eine Pauke, auf die bei Applaus kräftig geschlagen wurde. Die Redner riefen nach "Ime", was auf Deutsch auch "Wunder" heißt, aber für "Isemanjandav Eesti" steht: wirtschaftlich selbständiges Estland.
Das Sowjet-Bundesland mit dem höchsten Pro-Kopf-Einkommen der Union vergleicht seinen Lebensstandard mit dem Finnlands (dessen Fernsehen in Estland empfangen wird): Bis 1940 waren beide Staaten "etwa gleich gut entwickelt", stand im estnischen Parteijugend-Organ, "jetzt wird geschrieben, daß wir ungefähr 20 Jahre hinter den Finnen herhinken. Wie kann man binnen 40 Jahren so weit zurückbleiben?"
90 Prozent aller baltischen Wirtschaftsbetriebe sind den Behörden in Moskau unterstellt. Die liefern meist zu jeder Investition gleich die Arbeitskräfte mit - Russen und Ukrainer, die ein Drittel der Einwohner Estlands stellen (in Riga sind die Letten schon in der Minderheit). Amtssprache ist Russisch.
Vier Experten haben deshalb vorgeschlagen, Estland zur marktorientierten "Wirtschaftlichen Sonderzone" zu erklären, mit einer Zollgrenze zur übrigen UdSSR. Im Fernsehen wünschte sich Kommentator Juchkan Aare seine Landsleute als "bevollmächtigte Herren über den Reichtum, der auf ihrem Territorium produziert wird".
Sie möchten überhaupt Herren im Haus sein. Die estnischen Parteikonferenz-Delegierten fuhren mit dem Auftrag nach Moskau, bis 1991 die wirtschaftliche Autonomie zu erreichen, dazu eine estnische Staatsangehörigkeit und Staatssprache. Stalins Deportationen sollen als "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" verurteilt werden.
Hinter diesem Programm steht "das ganze Volk", erklärte der neue estnische Parteichef Vaino Väljas (vorher Sowjetbotschafter in Nicaragua). Daran habe auch jene "Volksfront in Estland" mitgearbeitet, deren Gründeung die Partei im April genehmigt hatte, um den Volkszorn zu kanalisieren und kaukasischen Zuständen vorzubeugen.
Das KP-Organ am Ort druckte das Volksfront-Manifest: für Gorbatschows Reformkurs, gegen "stalinistische, konservative Standpunkte", für Estlands politische und wirtschaftliche Unabhängigkeit. Der Vereinigung haben sich bereits 40 000 Esten angeschlossen.
Ihre Organisatoren möchten neue Gesetze vorschlagen, für Volksabstimmungen werben und bei Kommunal- und Landeswahlen eigene Kandidaten aufstellen - ganz wie eine Partei. Zur Gründung solcher Volksfronten überall in der UdSSR als Massenbasis der Perestroika gegen die Bürokratie hatten zwei russische Reform-Protagonisten aufgerufen, die kein Delegierten-Mandat für die Moskauer Parteikonferenz erhalten haben: die Soziologin Tatjana Saslawskaja und der Politologe Fjodor Burlazki.
Lokale Volksfrontorganisationen gibt es, noch ohne Lizenz, auch schon in Moskau, Leningrad, Jaroslawl, Kiew und Riga. Das mächtige Karabach-Komitee "Kranich" in Armenien wurde verboten, arbeitet aber weiter.
Die nichtrussischen Nationalitäten haben Lenin auf ihrer Seite. "Eine Festlegung der Staatsgrenzen gegen den Willen der Bevölkerung" sei eine "Verletzung der Selbstbestimmung der Nationen", schrieb 1916 der Revolutionär. Das könne man nicht mißachten.

DER SPIEGEL 26/1988
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 26/1988
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SOWJET-UNION:
Ruf nach Wunder

  • Buzzer-Beater in der NBA: Sensationswurf in letzter Sekunde
  • Amateurvideo von der "Viking Sky": Als der Sturm zuschlägt
  • Bizarre Formation: Pfannkucheneis auf dem Lake Michigan
  • Flughafen Bali: Orang-Utan-Junges vor russischem Touristen gerettet